Aufschwung Bonn



Sechs Jahre ist Geretsried nun schon selbständig,
aber etwas ganz wichtiges fehlt der Gemeinde:
der Besitz von Grund und Boden.
Das entscheidende Datum ist der 9. Mai 1956.

An jenem Tag verkauft die bundeseigene IVG endlich
das Gelände der einstigen Rüstungswerke
an die (bayerische) Landesanstalt für Aufbaufinanzierung (LfA).
Damit wird der Weg frei für Privatbesitz in der Gemeinde.

„Es war auch so eine Art Geburtsstunde für Geretsried",
erinnert sich Fritz Kraatz 40 Jahre später an den  9. Mai 1946,
an jenen Tag, als er nach beinahe fünfjährigen harten Verhandlungen
von LfA-Präsident Endres persönlich über den Abschluss
eines Kaufvertrags mit der Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG)
in Bad Godesberg bei Bonn informiert wird.

Kraatz: „Wir waren alle unendlich erleichtert und glücklich."
In einer Chronik schreibt der ehemalige Unternehmer:
„Es war wohl der wichtigste Zeitpunkt, von dem an die Entwicklung
der Industrie, aber auch gleichzeitig der Stadt Geretsried,
ungehindert beginnen konnte."

Um das zu verstehen, muss man auf den Ursprung Geretsrieds
zurückschauen. Mitte der 30er Jahre kaufte die reichseigene Gesellschaft
Montan die für die Rüstungsfabriken benötigten Flächen
im Wolfratshauser Forst auf.

Die Firmen Dynamit AG (DAG) und Deutsche Sprengchemie (DSC)
wurden Pächter der Montan. Nach Kriegsende blieb das Gelände im Staatsbesitz und ging schließlich an den Montan-Nachfolger IVG.

Für die Industriebetriebe, die ab 1946 in Geretsried angesiedelt werden, bringt dies enorme Nachteile: Sie können ihre Produktion nur
in gemieteten Gebäuden aufbauen. Bankkredite sind nur schwer,
vielfach auch überhaupt nicht, zu bekommen, da es keinen Grundbesitz
als Sicherheit gibt.

So ist der weitere Aufschwung der Geretsrieder Industrie
sehr in Frage gestellt, als die Vorstände der Industriegemeinschaft,
Fritz Kraatz und Dr. Theodor Böhme,  im Oktober 1951 die eigens für
solche Vorhaben gegründete LfA für einen Kauf des Geländes
interessieren wollen.

Vorbild ist Waldkraiburg: Die Verhandlungen der LfA über diesen Ort
waren 1951 schon so gut wie abgeschlossen.
Fritz Kraatz: „Der Bürgermeister Rösler war mehr in Bad Godesberg
als zu Hause in Waldkraiburg." Das zahlte  sich aus: Die LfA bezahlte
nur 8,3 Millionen Mark.

Bei einer Besprechung im April 1952 äußert die IVG,
dass sie kein weiteres Interesse an Geretsried habe und bereit sei,
im Herbst in Verhandlungen mit der LfA zu gehen.
Der Termin wird nicht gehalten.

Im März 1953 teilt Staatssekretär Guthsmuths der Industriegemeinschaft
mit, es dauere wohl bis Sommer, „bis Waldkraiburg verdaut ist".
Im Oktober schließlich erhöht  die IVG unerwartet die Bodenpreise,
wieder stagnieren die Verhandlungen.

Daraufhin schaltet sich der Landtagsabgeordnete Dr. Paul Wüllner
vom Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) ein.
Die Sache kommt vor den Landtag - ohne Erfolg:
Die LfA bietet 15 Millionen Mark,
die lVG will 19 Millionen nur für die Gebäude.

Für die Unternehmen wird die Situation langsam kritisch.
Zum weiteren Aufbau fehlen Kredite. Die IVG wollte, so erinnert sich Kraatz, ihre Preisvorstellungen durch ein Spiel mit der Zeit durchbringen.

In den Jahren 1954 und 55 spitzt sich die Situation weiter zu.
Bürgermeister Karl Lederer tritt offiziell zurück, um auf die Probleme bundesweit aufmerksam zu machen. Vertreter der Industriegemeinschaft
fahren immer wieder nach Bad Godesberg, in Geretsried gehen
einige hundert Menschen zu einer Protestkundgebung auf die Straße.

Eine Resolution geht nach Bonn, der Tenor: „Wir haben kein Verständnis dafür, dass die IVG unsere Millionen Schweißtropfen in Millionen von DM
zu ihren Gunsten umwandeln will."

Die IVG bleibt unbeeindruckt, sie setzt dem Streit sogar noch die Krone
auf, als sie zum 1. Dezember 1955 die Pachten kurzfristig verdoppelt.
MdL Wüllner schreibt an Bundespräsident Heuss, an Ministerpräsident
Högner und weitere maßgebliche Politiker.

Jetzt kommen die Verhandlungen doch wieder in Gang.
Am 9. Mai 1956 sind die Verträge endlich unterschriftsreif.
Der Verkaufspreis beträgt 15 Millionen Mark, wie von der LfA
drei Jahre zuvor schon geboten.

Von da an veräußert die LfA Geretsried scheibchenweise Grundstücke
an die bisherigen Pächter. Unternehmer aber auch viele Bürger
können endlich Eigentum bilden und selber bauen.

Der damalige Grundstückspreis ist aus heutiger Sicht unfassbar niedrig: Verlangt werden durchschnittlich 1 Mark je Quadratmeter.



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