Die neue Gemeinde



Am 24. Juni 1950 wird für die über 2000 Vertriebenen auf dem Gelände
der ehemaligen Munitionsfabriken DAG und DSC ein Traum wahr:
Mit einer großen Feier begehen sie die Gründung ihrer Gemeinde.
92 Prozent der bis dahin von Gelting und Königsdorf mitverwalteten
Neubürger hatten sich bei einer Volksabstimmung für ein eigenes Gemeinwesen ausgesprochen. Damit wurde Geretsried vier Jahre
nach Ankunft der ersten Flüchtlinge am 8. April 1946 selbständige.

„Die Gründung einer Flüchtlingsgemeinde ist ein freudiges Ereignis,
an dem das ganze Land teilnimmt. Ist es doch ein bemerkenswertes
Zeichen der fortschreitenden Einwurzelung und Beheimatung
der Flüchtlinge in unserem bayerischen Gemeinden heranwachsen."

Diese Sätze schreibt der bayerische Ministerpräsident Dr. Hans Erhard
den Geretsriedern im Juni 1950 in ihr Stammbuch und demonstriert
das Wohlwollen, mit dem die Staatsregierung die Autonomiepläne
der Gartenberger Heimatvertriebenen bis dahin schon begleitet hat.

Treibende Kraft für die Gründung der Gemeinde ist Karl Lederer.
Der gebürtige Graslitzer, der nach der Entlassung
aus der Kriegsgefangenschaft seiner Familie ins Lager Buchberg folgt,
wird 1947 in den Geltinger Gemeinderat gewählt und zum Stellvertreter
von Bürgermeister Graf ernannt. Er macht sich schon in diesen
Anfangsjahren sehr um die Integration von Alt- und Neubürgern verdient.

Erstmals schreibt Landrat Willy Thieme am 28. April 1948
in einer internen Anweisung, dass „die Ansiedlung von Firmen
und Privatpersonen in den Voralpenwerken einen Umfang erreicht hat,
der es nötig macht, an die Gründung einer selbständigen Gemeinde
zu gehen". Im Februar 1949 legen Lederer und seine Mitstreiter
der Regierung von Oberbayem und anderen staatlichen Stellen
eine künftige Ortsplanung von Geretsried vor.

Ein gutes Jahr später, am 29. April 1950, erläßt das Innenministerium
eine Entschließung zur Gründung der Flüchtlingsgemeinde
und setzt sich dabei auch mit einer möglichen Teilung in einen nördlichen
und einen südlichen Bereich auseinander.

Aber: „Die ganze Siedlung hängt ihrer Anlage nach derart zusammen,
dass sie eine in sich geschlossene Einheit darstellt.
Ihre Bewohner stehen wirtschaftlich, sozial und auch wegen der großen Entfernung nur in losen Beziehungen zu den umliegenden Gemeinden."

Die neue Gemeinde Geretsried wird gebildet aus Flächen, die bis dahin
zu Gelting, Königsdorf, Osterhofen und Ergertshausen gehörten.
Mehr als die Hälfte der Fläche war gemeindefreies Gebiet,
das unter der Verwaltung des Forstamts Wolfratshausen stand.

Der Freistaat hält die neue Gemeinde schon allein wegen ihrer Vielzahl
an Gewerbe- und Industriebetrieben für „lebensfähig" und „krisenfest".
Landrat Dr. Karl Reichhold, ebenfalls ein Befürworter der neuen Gemeinde
ernennt Karl Lederer am 3. Mai zum künftigen Bürgermeister, am 18. Juni bestätigen die Geretsrieder Wähler dieses Votum fast einstimmig.

Im ersten Geretsrieder Gemeinderat sitzen folgende Männer:
der Arzt Dr. Fritz Balling, der Fabrikant Dr. Theodor Böhme,
der Fabrikant Alfred Franz, der Landwirt Josef Geiger,
der Elektromeister Karl Meinlschmidt, Ingenieur Johannes Neiweiser,
Zimmerer Karl Schmeissl, Schlosser Ernst Schwägerl,
der Polizist Gustav Weidlich und der Schulleiter Arthur Zimprich.

Der große Feiertag, der 24. Juni 1950, ist ein Samstag:
Hinter dem Eingang des Tor 3 zum Gartenberger Industriegeländes
grüßen Fahnen die Besucher aus dem gesamten Freistaat.
Der Andrang ist enorm: In der eigens für den Festakt umgebauten
Werkhalle der Firma Fahrzeugbau-Alpenland finden viele Gäste
der „Jüngsten Gemeinde Bayerns" (Titel der Festschrift)
nicht einmal mehr einen Stehplatz.

Bundestagsabgeordnete, Mitglieder der Staatsregierung,
hohe Beamte, der Abt von Kloster Schaftlarn, Landräte, Bürgermeister
und ein Vertreter der US-Zivilverwaltung erweisen Geretsried
die erste Ehre.





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