Nichts vergessen



„Es tut heute noch weh", sagt Wilma Vesper. Wenn sich die Geretsriederin
an ihre Vertreibung aus der Tschechoslowakei vor 50 Jahren erinnert,
hat sie noch immer Mühe, ihrer Gefühle Herr zu werden.
Die Sehnsucht nach ihrer egerländischen Heimat ist ihr
über die Jahre hinweg geblieben: „Ich liebe das Land über alles."

Dabei sind die letzten Erinnerungen an das Leben im Kreis Eger
alles andere als positiv. Nach dem Krieg werden die Deutschstämmigen
von tschechischer Seite regelrecht schikaniert. Und dann kommt
der 28. April 1946: Ganz kurzfristig erhalten die Deutschen
die Mitteilung, dass sie das Land zu verlassen haben.

„Zwei, drei Stunden - mehr Zeit blieb uns nicht, um unsere Sachen zusammenzupacken - vor der Abreise werden die maximal erlaubten
50 Kilogramm Gepäck noch einmal einer strengen Prüfung
durch tschechische Kommissare unterzogen. „Alles, was denen gefallen hat, haben sie beschlagnahmt."

Ihren schönen Muff, in dem sie einige Kettchen versteckt hält,
kann die damals 17-Jährige nicht rausschmuggeln.
Dann geht es mit dem Lkw ins 25 Kilometer entfernte Eger,
von dort aus werden die Vertriebenen in Viehwaggons
nach Süddeutschland gebracht. Keine angenehme Reise für Wilma Vesper: „Die Türen der Waggons ließen sich nicht richtig schließen.
Und da waren so viele alte Leute - da habe ich als junges Mädchen
eben direkt an der Tür schlafen müssen."

Im Landkreis Wolfratshausen hat man Mühe, für diesen Transport
noch Unterkünfte zu finden: Das Lager Buchberg ist voll belegt.
So werden die Egerländer auf die Dörfer verteilt. Wilma Vesper
und ihre Mutter verschlägt es nach Münsing. „Da standen wir
vor dem Gasthaus ,Altwirt', mit unseren wenigen Habseligkeiten,
und die Leute kamen und haben uns bestaunt."

Wie auf einem Viehmarkt sei sie sich vorgekommen, als ein Bauer sagte:
„Ich nehm' die beiden Weiber, die machen einen guten Eindruck."
Trotz aller Beschwerlichkeiten - es geht aufwärts.

Schon bald findet Wilma Vesper eine Anstellung
bei einem Wolfratshauser Verlag und lernt ihren späteren Ehemann
Erhard kennen, einen Schlesier, den es nach der Kriegsgefangenschaft
nach Münsing verschlagen hat. Mit ihm zusammen zieht sie Silvester 1949
in einen der ersten Wohnblocks in Geretsried.
1952 baut sich das Ehepaar am Martin-Luther- Weg sein eigenes Haus.

Andreas Steppan





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