Musik, Tanz, Flieger



Es ist die Generation der heute (1996) 70-Jährigen,
die durch den Zweiten Weltkrieg ihrer Jugend beraubt wurde.
Anstatt in die Schule müssen die jungen Burschen an die Front;
zurück aus Krieg und Gefangenschaft werden viele mit ihren Familien
aus der angestammten Heimat vertrieben. Ein solches Schicksal erlitt auch der inzwischen im Ruhestand lebende Diplom-Physiker Karl Kugler,
der im Sommer 1946 mit einem der ersten Züge nach Geretsried kam.

Als 17-Jähriger wird Kugler zur Flak geholt, mit 18 darf der Gymnasiast
das „Kriegsabitur" machen, mit 19 wird er aus der Kriegsgefangenschaft
entlassen. Kurz darauf, im Oktober 1945, flüchtet er mit Mutter und Geschwistern aus dem egerländischen Tachau nach Westen
- um der Zwangsarbeit im Kohlebergwerk zu entgehen.

Im Westen winkt die Freiheit, aber die Probleme sind groß:
Als der Vater nachkommt, ist in Amberg kein Zuzug mehr möglich.
Von Landsleuten erfahren die Kuglers, dass nahe Wolfratshausen,
auf dem Gelände einer Rüstungsfabrik, die Tachauer Holzindustrie
wieder aufleben soll.

Die fünfköpfige Familie übersiedelt ins Isartal. Im Verwaltungsgebäude (heutiges Rathaus) wird ihnen ein „Loch" (Kugler) von 10 Quadratmeter
zugewiesen. „Es war so eng, dass immer eine Person zur Nachbarfamilie
Effenberger schlafen ging. Und im Sommer schlief ich auf dem Dachboden."

Bei einer Dorfener Holzwarenerzeugung bekommt Kugler einen Job, Heimarbeit. Nach Mustern, die Julius Schmidt, der spätere Dirigent
der Chorvereinigung, entworfen hat, bemalt er Holzteller und -dosen
mit Temperafarben. Die Nachfrage ist groß: „Ich habe massenhaft
gemalt, selbst als ich einmal im Krankenhaus lag."

Vater Karl Kugler sen., Sonderschullehrer aus Tachau,
trommelt alle zusammen, „die musizieren können",
schreibt Notensätze und geht mit der Theatergruppe aus Föhrenwald
auf Tournee - bis nach Norddeutschland.

Der Pädagoge ist ein „Glücksfall" für das Lager, initiiert er doch
mit bewundernswerter Tatkraft von Anfang an kulturelles Leben.
Mit den Erwachsenen wird musiziert, mit den Kindern gesungen und getanzt.

Sohn Karl organisiert indes für die Lagerjugend eine Modellbaugruppe;
sie wird auch vom Flüchtlingsamt unterstützt. Erste Flugzeugmodelle
entstehen im Keller des Verwaltungsgebäudes. „Die Buben lernten
anhand der Pläne technische Zeichnungen lesen."

Selbstgemalt sind die Plakate für das „1. Vergleichsfliegen für Segelflugmodelle" in Osterhofen. Aus heutiger Sicht zum Lachen
ist ein Konflikt mit der amerikanischen Militärregierung.
Sie leitet gegen Karl Kugler und Erwin Rosnitschek
ein Verfahren wegen „militaristischer Betätigung" ein.
Verhöre finden statt, zuletzt aber werden die Ermittlungen eingestellt.

Für die Mädchen im Lager gibt es eine Nähstube: Neben Flickarbeiten werden dort die ersten Trachtenhosen genäht für die Tanzgruppe.
Im Jahr 1947 bekommt Karl Kugler jun. vom Vater die Anregung, Osterratschen anzufertigen, „um an den Ostertagen etwas
auf die Beine zu stellen".

Aus Munitionskisten werden die Rahmen gefertigt, die Rillen für die Walzen ganz grob mit dem Stemmeisen von Hand gemacht. Sofort gibt es
Nachahmer aus den Reihen der Tachauer Holzfachleute.
Und so können die „Ratsch'nboum" nach heimatlichem Brauch
erstmals mit Getöse rund ums Verwaltungsgebäude ziehen.

60 Jahre danach wünscht sich Karl Kugler, der seit vielen Jahren
mit anderen Idealisten das im Rathaus sehr beengt untergebrachte Heimatmuseum betreut, dass die schon lange vorliegenden
Museumspläne endlich realisiert werden - damit die Erinnerungen
an Vertreibung und Neubeginn für die späteren Generationen
nicht verloren gehen.

Wolftrud Nahr




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