Steine sammeln



„Die Frauen fingen an zu weinen, und wir Kinder weinten mit."
Dies ist eine der ersten Erinnerungen der damals zehnjährigen
Sonja Gruber an die Ankunft im Lager Buchberg am 7. April 1946.
So strapaziös wie die Flucht aus dem Städtchen Graslitz,
so mühsam ist auch der Neuanfang in der neuen Heimat Geretsried.

Als der Zug mit den 554 Vertriebenen am Ostersonntag endgültig anhält,
sind alle Insassen erleichtert. Nach der anstrengenden tagelangen Fahrt wartet man sehnsüchtig auf Bewegung in frischer Luft und hofft darauf,
mit der Familie irgendwo eine neue Bleibe zu finden.

Sehr bald  wird den Flüchtlingen aber klar, dass die Unterkunft
für die nächste Zeit das Barackenlager Buchberg sein wird -
so auch für Sonja Gruber, geborene Wilfert, und ihre Familie.
Sie haben schon eine Woche Sammellager in einer Fabrikhalle
in Graslitz hinter sich, wo sich die Zehnjährige mit ihren Geschwistern
(5 und 15 Jahre) ganz fest an Mutter und Großmutter klammert -
„um nicht verloren zu gehen".

Der Vater war aus dem Krieg nicht zurückgekehrt. Im Lager Buchberg
sind 14 Personen aus drei Familien in einem Raum untergebracht;
es gibt keine Kochgelegenheit, nur ein paar „Ami-Betten".
Zuerst wird von der Lagerküche aus die Versorgung organisiert.

„Dann haben wir Kinder draußen Steine gesucht und eine Feuerstelle aufgebaut, so dass Mutter oder Großmutter mit den wenigen Töpfen,
die wir mitgebracht hatten, etwas kochen konnten",
erinnert sich Sonja Gruber. Gehungert habe sie „nicht direkt".

Die Mutter habe auf den Bauerhöfen in der Umgebung immer wieder
etwas „gehamstert" - auch, wenn der Empfang dort ab und an
nicht sehr freundlich war: Es kamen eben ständig
„welche aus dem Lager zum Betteln".

„Wir Kinder", so erzählt die heute (1996) 60-Jährige weiter,
„sind nach der Ernte auch auf die Felder von Gut Schwaigwall
zum Nachklauben von Kartoffeln und Getreide gegangen".
Letzteres wird in der Kaffeemühle gemahlen und in einer mit Bienenwachs
ausgewischten Pfanne zu Kornkücheln heraus gebacken
- „eben echte Natur- und Vollwertkost."

Einige Wochen geht Sonja Gruber nach Gelting in die Schule,
danach drei Jahre in die Volksschule nach Wolfratshausen
und zuletzt ein Jahr in die Klosterschule (neben der Pfarrkirche).
Lebendig ist die Erinnerung an Rektor Karl Kugler, der mit seiner Familie
im Herbst 1946 nach Geretsried kommt.

Der Vollblutmusiker nimmt sich der Kinder an, singt mit ihnen und studiert
kleine Krippen- und Theaterstücke ein. Er hat eine Engelsgeduld.
Sonja Gruber: „Wir waren natürlich nicht gerade Musterkinder.
Wenn wir schwätzten und kicherten, unterbrach Herr Kugler
das Singen und forderte uns auf, uns erst einmal auszulachen."
Aus diesen ersten Anfängen entstehen 1951 die Chorvereinigung
und die Egerländer Gmoi.

Auf die Frage nach besonderen Erlebnissen im Lager
fällt Gruber sofort der Lagerbrand im Sommer 1948 ein:
„Ich warf in Panik alles zum Fenster hinaus und dachte nicht daran,
wie leicht unsere wenigen Habseligkeiten hätten Feuer fangen können."

Gelegentlich gibt es auch ein Hochwasser. Der Schwaigwaller Bach
tritt über die Ufer, das Wasser steht bis zu den Eingangsstufen.
„Wir hatten schulfrei und freuten uns, als unser Nachbar Paulus einen
Kahn zusammenbaute und wir vor den Baracken Schifferl fahren konnten."

In guter Erinnerung sind auch die Care-Pakete aus Amerika, die
von der Lagerleitung verteilt werden. Sie enthalten Gebrauchtkleidung,
gelegentlich Kekse oder eine Tafel Schokolade.

Eine arge Plage sind die Wanzen: „Sie waren in allen  Ritzen der Wände
und zwischen Segeltuchbespannung und Holzgestell der Betten.
Wir wachten morgens auf und waren total zerbissen. Von Zeit zu Zeit
wurde Gas in die Baracken gesprüht. Wenn wir abends wieder
hinein durften, hat es immer noch arg gerochen. Wenn ich so nachdenke, was wir damals eingeatmet haben . . ."

Mit 14 verdient sich Sonja in der Nähstube im Lager ihr erstes Geld
(„Für ein Hemd bekamen wir 50 Pfennige"), später findet sie Arbeit
in der Schokoladenfabrik Kneisl. Inzwischen ist die Familie
in einen der ersten Wohnblöcke am Kirchplatz eingezogen -
vier Jahre nach der Ankunft im Lager beginnt sich
das Leben zu normalisieren.

Wolftrud Nahr



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