Die Schneckenpost



Der Landkreis Wolfratshausen mit seinem für die Flüchtlingsbetreuung
geschaffenen „Referat X" schafft ab Frühjahr 1946 mit großem Weitblick
die planerischen Voraussetzungen für die heutige Stadt Geretsried.
Die dadurch gebotenen Möglichkeiten nutzen müssen
die Heimatvertriebenen selbst:

Mit großem Engagement bauen sie eine umfassende Infrastruktur auf,
mit Schule, Geschäften und allem, was zu einem Gemeinwesen gehört.
Vorrangig für die etwa 350 Kinder der Flüchtlingsfamilien,
die im Lager Buchberg und im heutigen Rathaus leben,
ist natürlich die schulische Bildung.

Werner Sebb erinnert sich: „Mit Schulbeginn Anfang September traf
uns die Schulpflicht mit voller Wucht; damit ging für nicht wenige Kinder
eine zum Teil eineinhalb]ährige Absenz zu Ende."
Die Lagerkinder müssen in die Volksschule im 5,5 Kilometer entfernten
Wolfratshausen. Der Weg ist weit, Schulbusse sind noch völlig unbekannt,
aber die Kinder dürfen die ehemalige Werksbahn mitbenutzen.

Die Züge auf dem heutigen Industriegleis verkehren noch
bis in die 60-er Jahre zur Personenbeförderung zwischen Wolfratshausen
und Geretsried, Ein Problem allerdings: Die Unterrichtszeiten
und der Zugfahrplan passen nicht zusammen.

Also haben die Kinder insbesondere bei Stundenplan-Änderungen
vier Möglichkeiten, nach Hause zu kommen: Entweder sie warten
auf den Zug oder sie gehen zu Fuß oder sie versuchen per Anhalter
von einem der wenigen Privatwagen mitgenommen zu werden.
Oder - und das ist am beliebtesten - sie fahren mit der „Schneckenpost", einem ehemaligen Wehrmachtsfahrzeug, das Arbeitskräfte zwischen Wolfratshausen und den einstigen Munitionsfabriken hin- und herfährt.

Aber die Entfernung ist nicht das größte Problem der Kinder,
gravierender ist die Raumnot in der Wolfratshauser Schule.
Das ehemalige Gästehaus der Deutschen Sprengchemie
(heute Altenheim St. Hedwig) wird schließlich nach den Plänen
von Architekt Fritz Noppes für den Unterricht umgebaut
und zum Jahreswechsel 1947/48 in Betrieb genommen.

Noch einmal Werner Sebb: „Ich erinnere mich noch gut
an die unglaublichen Verhältnisse während der ersten Wochen.
Nicht nur, dass wir anstelle von Schulmöbeln mit Wirtshaustischen und -bänken vorlieb nehmen mussten, Im Laufe der Zeit normalisiert sich
das Leben der Heimatvertriebenen in Geretsried.
Erst im Lager Buchberg, später in den ehemaligen Bunker-Gebäuden
werden Geschäfte eröffnet.

Wichtig für die Menschen im Lager ist aber auch die Verbesserung
der Versorgungslage. Ehemalige Geschäftsleute aus dem Sudetenland
machen sich in ihrer neuen Heimat wieder selbständig:
Noch im Jahr 1946 entstehen eine Brot- und Milchausgabestelle,
aus der später ein Lebensmittelladen wird (Josef Low),
ein Eisen- und Haushaltswarengeschäft (Josef Deimer) wird gegründet.

Der Metzger und spätere Gastwirt Karl Tschannnerl verkauft Fleisch,
und in den Seitentrakt des künftigen Rathauses (heute Ratsstuben)
kommen ein weiterer Lebensmittelladen (Felix Schwab) und
ein Gemüsegeschäft (Franz Tobisch). In der ehemaligen
Küchenbaracke des Lagers wiederum richtet sich der Gastwirt Bruno Böhm ein - bald der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens.




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