Särge zum Einstieg

Voller Hoffnung, aber ohne Besitz kommen die Vertriebenen
im April 1946 in Geretsried an. Der Landkreis
mit seiner landwirtschaftlich geprägten Struktur hat für die Menschen,
die überwiegend aus Industriegebieten kommen, keine Arbeitsplätze.

Doch schon am 8. Mai 1946 bekommt Ernst Schumann die Erlaubnis,
im Geretsrieder Süden die Chemiefabrik Rudolf & Co wiederzugründen.
Zwei, die im Norden aus dem Nichts einen Betrieb aufbauen,
sind  Heinz Lorenz und dessen Partner Franz Fleißner.

Heinz Lorenz, der aus dem nordböhmischen Leitmeritz stammt,
arbeitet schon seit Kriegsbeginn als Konstrukteur bei BMW in München.
Mittlerweile nach Berg am Starnberger See versetzt, lernt .der 29jährige
im August 1945 Franz Fleißner aus Tachau kennen, der
bei der Firma Schwarz Holzpropeller baut. Beide entschließen sich,
eine Holzverarbeitungsfirma zu gründen.

Im April 1946 pachten die Jungunternehmer, die Schreinerei Schelle
am Wolfratshauser Wasen. „Wir haben damit begonnen,
Särge zu bauen", sagt Heinz Lorenz. „Holz, konnte man damals
nur auf Schein kaufen und für Särge bekam man es ohne Probleme."

Clever weiten sie ihr Sortiment aus:„Wir machten die Särge
einfach ein bisschen dünner und hatten dann Holz übrig
für Lampenfüße oder Teller." Zehn Arbeiter hat der Betrieb,
und in der Schreinerei wird es bald zu eng. Die beiden Geschäftsführer machen sich auf die Suche nach neuen Räumen.

Auf dem Gelände der ehemaligen Munitionsfabriken in Geretsried
werden sie fündig. „Die Finanzierung war nicht einfach",
erinnert sich Heinz Lorenz. „Ohne Sicherheiten waren die Banken
nur schwer zu überzeugen."

Doch dank seiner Beziehungen zum Wirtschaftsministerium
kommt er schließlich an amerikanisch verbürgte Kredite.
Am 1. Oktober 1950 fällt in Geretsried der Startschuss.

Das sogenannte Wohlfahrtsgebäude, eine Art Kantine
der ehemaligen Rüstungsfabriken, wird das Hauptverwaltungsgebäude
der Lorenz GmbH. Ingenieur Heinz Lorenz baut die Maschinen
für die Holzverarbeitung, sein Partner  Franz Fleißner
kennt aus der Heimat die Fachleute, die diese bedienen können.

Es gelingt Zuzugsgenehmigungen für 35 Tachauer Familien
bei der amerikanischen Militärregierung zu bekommen.
Wie er das geschafft hat? „Beziehungen", sagt der heute
80-jährige Heinz Lorenz und grinst: „Ich kannte da ein paar Sekretärinnen. Auch ich war mal jung.. .".

Die Tachauer ziehen ins Rathaus ein, für 16 Arbeiter-Familien kauft Lorenz zwei Baracken am Isar-Loisach-Kanal. „Doch so einfach, wie es sich anhört, ging das nicht. Man musste schmieren." Bestochen wird mit Lampenfüßen
und Holzschachteln - Sachwerte, die Lorenz und sein Partner produzieren.

Der neue Betrieb läuft gut, das Sortiment ändert sich abermals:
Auf den selbstkonstruierten Maschinen wie Würfelpressen
und Drehautomaten wird vor allem Holzspielzeug produziert.
Heinz Lorenz fährt auf Spielwarenmessen. 1949 stellt er noch
auf einem kleinen, eineinhalb Meter langen Tisch seine Produkte aus.
„Im nächsten Jahr hatte ich mich schon um 100 Prozent gesteigert
- ich hatte dann einen drei Meter langen Tisch."

Lorenz entdeckt bald das Ausland als Exportmarkt, seine erste Reise
führt ihn Anfang der 50-er Jahre nach Holland.
Doch deutsche Geschäftsleute sind keine gern gesehenen Besucher:
„Mein Auto wurde zerkratzt, man war noch sehr unbeliebt."

1954/55 baut die Firma Lorenz für ihre Arbeiter-Familien
eine Häusersiedlung rund um den Geltinger Weg.
3000 Mark Eigenkapital müssen die Arbeiter
für die rund 1000 Quadratmeter großen Grundstücke mitbringen.
20 000 bis 25 000 Mark kostet ein Einfamilienhaus.

Andreas Tazl



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