Sofortige Sprengung



„Besonders einladend wirkten die neuen Behausungen nicht gerade.
Türen und Fenster waren weitgehend zerstört,
elektrische Leitungen herausgerissen, und selbst die Dächer wiesen erhebliche Beschädigungen auf. Soweit Bettgestelle vorhanden waren, fehlten Matratzen, und Strohsäcke und Wasseranschlüsse sowie Toiletten waren ohnehin nie vorhanden gewesen."

Werner Sebb ist noch ein Jugendlicher, als er am 7. April 1946 mit dem ersten Flüchtlingstransport eintrifft. Seine Familie
und die anderen Vertriebenen fangen buchstäblich bei Null an,
als sie sich in Lager Buchberg ein neues Zuhause einrichten.

Der Flüchtlingskommissar des Landkreises, Kraft, hält kurz
nach ihrer Ankunft eine, wie sich Sebb erinnert, „zündende Rede,
in der von Übergangslösung für längstens zwei Wochen
und Unterbringung in festen Wohnungen die Rede war."

Kraft redet Unsinn: Erst nach dem verheerenden Lagerbrand
am 3. April 1949, als zwei Baracken abbrennen und über zwei Dutzend
Familien obdachlos werden, wird ernsthaft mit dem Bau
von Wohnungen begonnen.

Ein weiteres brennendes Thema sind die Arbeitsplätze:
Viele Flüchtlinge finden Anstellung bei den neugegründeten Betrieben, andere bei der Demontage der Rüstungswerke.

Auch die Amerikaner benötigen zivile Hilfskräfte:
Die Neu-Geretsrieder werden morgens mit Lastwagen abgeholt
und zur Arbeit in die Flint-Kaserne, die ursprüngliche SS-Junkerschule,
nach Bad Tölz gebracht. Abends kehren sie „mit gefüllten Taschen
und Konserveneimern" wieder heim, wie sich Werner Sebb erinnert.

Wieder andere finden eine Anstellung bei den jüdischen Displaced Persons, die von den Vereinten Nationen im Lager Föhrenwald,
dem heutigen Waldram, untergebracht sind:
Die Männer verdingen sich dort mit Holzhacken und Gartenarbeit,
während die Frauen Wäsche waschen oder nähen.

Die parallel dazu einsetzende zügige Industrialisierung
der „Voralpenwerke" stößt aber bei vielen alteingesessenen Bürgern
auf Widerstand. Selbst im Kreistag werden Proteste laut:
Eine Reihe von Kommunalpolitikern fordert unter dem Vorwand,
die Wälder erhalten zu wollen, die sofortige komplette Sprengung
der "Fabrik", um sich auf diese Weise der Flüchtlinge zu entledigen.

Aber selbst die Amerikaner, die bis zum Beginn des Kalten Krieges
wenig Interesse an der Sicherung des Industriestandorts zeigen,
ziehen da nicht mit. Der Chef der örtlichen Militärregierung,
Captain Bird, sagt vor dem Kreistag, dass er hoffe,
„dass auch die wenigen Gegner des weitschauend angelegten Siedlungsvorhabens in der Fabrik Wolfratshausen sich
von der Notwendigkeit dieser Aufgabe überzeugen lassen".

Eine Reaktion auf diesen Appell hält Landrat Willy Thieme (SPD)
kurz nach jener Kreistags-Sitzung in Händen. Er wird in einem
Brief bezichtigt, als „Korsettstange des Chefs der Militärregierung"
zu dienen.

Weiter heißt es in dem Schreiben: „Was das Alpenwerk anbelangt,
dessen Weiterentwicklung nach wie vor sehr umstritten ist,
muss ich aufrichtig bedauern, dass Sie aus Überschwang,
jugendlicher Begeisterungsfähigkeit und aus Ehrgeiz
zu weit gegangen sind, um ihr Ziel zu erreichen."

Thieme habe „einen viel zu großen Kreis der Interessenten
auf das Werk gestoßen", mit der Folge, dass „nun das eigene Zimmer
des ,Wohnhauses Kreis' übereignet wurde und der Kreis
nun praktisch nicht einmal mehr den Schlüssel
zu diesem Zimmer hat".

Im Juni 1948 wird Thieme vom Kreistag abgewählt.
Neuer Landrat ist Dr. Karl Reichhold, CSU.



Seitenanfang




Nächstes Kapitel


Voriges Kapitel