Enge auf dem Hof



Seit der Zeit des 30-jährigen Krieges steht der Hof der Familie Orterer
an der heutigen Bundesstraße 11, die seit etlichen Jahrhunderten
als Nord-Süd-Verbindung in Richtung Italien dient.
Geretsried, diesen Namen trägt der kleine Weiler ebenfalls schon
seit vielen Generationen. Fuchs und Hase sagten sich dort Gute Nacht,
bis es mit dem kleinen Idyll 1939, als der Bau der Rüstungsfabriken
im Wolfratshauser Forst begann, endgültig vorbei war.

Noch einschneidender für die Orterers ist allerdings der 7. April 1946.
Doch davon ahnt der 32-jährige Georg Orterer noch nichts,
als er an dem warmen Frühlingstag die Ankunft
der ersten Heimatvertriebenen aus dem egerländischen Graslitz beobachtet.

Er ist sich noch nicht einmal bewusst, um was für Leute es sich handelt,
die da zu Hunderten in einem langen Güterzug
aus Richtung Wolfratshausen herangeschafft werden. Dennoch hat
die bemerkenswerte Szenerie jenes 7. April vor 50 Jahren
bis heute (1996) einen tiefen Eindruck bei Georg Orterer hinterlassen.

Er erinnert sich: „Ich bin gerade von Wolfratshausen mit dem Radi heimgefahren, als ich den Zug gesehen habe. Er hat dann
am heutigen Rathaus angehalten, und ich bin abgestiegen,
weil mich interessiert hat, was da los ist."

Den folgenden Anblick wird Orterer nie vergessen:
„Nach und nach sind die Menschen aus dem Zug rausgekommen."
Der Landwirt beobachtet, wie sich die Flüchtlinge mit ihrem wenigen
Gepäck zunächst einmal verloren am Straßenrand hinsetzen,
um darauf zu warten, dass ihnen eine Unterkunft zugewiesen wird.

Damit der großen Zahl der Vertriebenen ein Dach über dem Kopf gegeben werden kann, müssen einige auch auf den umliegenden Bauernhöfen
einquartiert werden. Der Orterer-Hof wird für die Familie Scherm
- ein Ehepaar mit einem 10-jährigen Buben und einer 90j-ährigen Oma
- zur vorläufigen Unterkunft. Für sie ist dies nicht die schlechteste Lösung,
denn im Vergleich zu den heruntergekommenen Baracken
im Lager Buchberg wohnen die Scherms nicht schlecht.

Für die Familie Orterer aber heißt es Zusammenrücken.
Denn es wird immer enger auf dem Hof. Als in Geretsried
die ersten Häuser gebaut werden, und die Kinder
an der Adalbert-Stifter-Straße eine Schule bekommen,
müssen Lehrkräfte und Bauarbeiter im näheren Umkreis
untergebracht werden - die Orterers müssen nun noch einmal
sechs Menschen unterbringen.

„Mir, meiner Frau und den beiden Kindern blieb nur noch
ein Schlafzimmer und die Küche - und die mußten wir mit den
anderen teilen", berichtet Georg Orterer.
Doch trotz der schwierigen Situation kommt man gut mit den „Gästen" aus.
Herr Scherm legt als Zimmermann auf dem Hof mit Hand an, u
nd auch seine Frau hilft fleißig im Stall mit. Die Heimatvertriebenen
wiederum - nicht nur die Scherms - können jederzeit mit der Hilfe
des Landwirtes rechnen. Bereitwillig versorgt er sie mit Kartoffeln
und mit Strohsäcken. Sie dienen den Bewohnern
in den Baracken als Lagerstatt.

Das Verhältnis zu den Scherms ist sogar so gut, dass aus dem vorübergehenden Notquartier für die Flüchtlinge ein Zuhause
für 20 Jahre wird: Der Zimmermann hatte solange gespart,
bis er sich auf eigenem Grund und Boden selbst ein Haus bauen
konnte. Ohne die Starthilfe der Familie Orterer wäre ihm
dies kaum möglich gewesen.

Andreas Steppan



Seitenanfang




Nächstes Kapitel



Voriges Kapitel