Erster Aufschwung



„Ohne die Flüchtlingsgemeinde Geretsried hätte
die große Gefahr bestanden, dass der Landkreis Wolfratshausen
zu einem ausgesprochenen Elendsgebiet geworden wäre."
Uneingeschränkt positiv ist die Bilanz, die Landrat Dr. Karl Reichhold 1955
in einem Rundfunk-Interview zieht. In der Tat, mit der Ansiedlung
ehemals sudetendeutscher Betriebe bildet Geretsried den Motor
für den Wirtschaftsaufschwung des gesamten Landkreises.

Es ist vor allem ein Verdienst des von 1946 bis 1948 amtierenden Landrats Willy Thieme, dass die Ansiedlung der Chemiefirma Rudolf & Co.
einen Monat später einen wahren Ansturm auf das brachliegende Gelände
der einstigen Munitionsfabriken auslöst.

Auf Rudolf folgen die Mechanischen Werkstätten Golde (16. Juli),
die Lampenfabrik Elektro-Kaiser (29. Juli),
die chemisch-technische Fabrik Zimmermann & Co. (1. August),
Filier & Fiebig, Fabrik für technische Zeichengeräte (12. September),
das Maschinenbau-Unternehmen Dr. Arno Plauert (3. Dezember)
und die Empe- Werke (16. Dezember).

Diese Auflistung macht schon deutlich, worauf es Landrat Thieme ankommt:
auf Vielfalt. Vehement tritt der SPD-Politiker allen Tendenzen,
vor allem der Flüchtlingsverbände, entgegen, das „Werk Wolfratshausen" oder die „Voralpenwerke", wie es später heißt, einer Branche zuzuschlagen.

Der weitblickende Thieme warnt schon damals davor, Monostrukturen
zu bilden, die in Krisenzeiten enorm anfällig wären. So kann der Landrat
auch verhindern, dass das riesige Gelände, wie es angedacht wird,
von einem großen Waschmittelhersteller oder auch von der Filmindustrie
(„Klein-Babelsberg") belegt wird.

Die beinahe idealen Voraussetzungen, die die ehemaligen Muna-Werke
mit ihrer ausgezeichneten Infrastruktur (Gebäude, 70 Kilometer Straßen, Bahnanschluß, Kanäle) bieten, sprechen sich schnell herum.
Aber noch bremsen die Amerikaner: Bis 1947, bis zum Beginn
des Kalten Krieges, haben die Besatzer das Ziel, den Wiederaufbau
der deutschen Industrie zu blockieren.

Im ehemaligen DAG-Werk, dem heutigen Gartenberg, wird noch bis 1948 gesprengt. Für die Bewohner des Lagers Buchberg auf der heutigen
Böhmwiese hat die Demontage auch ihr Gutes: Viele der mittellosen Flüchtlinge finden bei der Sprengfirma Best eine Arbeit,
so zum Beispiel der Werkzeugmachermeister Anton Kahlert.

Er berichtet 1955 in einem Radiobeitrag, wie er und seine Kollegen
entgegen des eigentlichen Auftrags etliche Bunker für eine zivile Nutzung retteten: „Ich kann mich noch an ein besonders schönes Gebäude erinnern, es war eine Art Kantine. Da habe ich gehört, wie ein Amerikaner
gesagt hat, wenn bis morgen früh die Sache enttarnt ist,
wenn die Erde und die Bäume herunter sind, und um den Bunker
im Umkreis von 20 Meter die Bäume niedergesägt sind,
bleibt das Gebäude erhalten."

Gesagt, getan: Die Neu-Geretsrieder helfen alle zusammen und entfernen
in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Tarnung um den Bunker.
Allerdings fordern die Amerikaner auch, dass das wiedergenutzte Gebäude
komplett umzäunt wird. Zäune aber sind Mangelware, und so schneiden
die Flüchtlinge von entlegenen Bereichen der Fabrik Zäune weg,
um sie um die neuen Fabrikgebäude wieder zu errichten.





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