Große Neugierde



Als Hans Herbrik mit 16 Jahren sein Elternhaus in der Slowakei verlässt,
um in Deutschland sein Glück zu suchen, ahnt er nicht, dass sein Lebenslauf
einmal aufs engste mit der Entstehungsgeschichte einer Stadt
im bayerischen Oberland verknüpft sein wird. Heute (1996) kann sich
der 73-Jährige „einen Geretsrieder der ersten Stunde" nennen.

Vom Aufbau der Rüstungsbetriebe über die Ankunft der ersten Heimatvertriebenen bis hin zum Aufbau der neuen Gemeinde
hat er alles hautnah miterlebt. Es beginnt damit, dass der junge Herbrik
im März 1941 als Arbeiter bei einer Firma für Blitzschutzanlagen
immer wieder auf die Baustelle der Fabrik Wolfratshausen beordert wird.

„Im Januar 1944 bin ich dann endgültig hier hängengeblieben."
Nachdem Herbrik eine Zeitlang in Wolfratshausen Unterkunft findet,
richtet er sich nach Kriegsende im Wolfratshauser Forst
so gut es geht eine leerstehende Baracke als Zuhause ein.

Arbeit bietet sich ihm auf der heutigen Böhmwiese: Zuerst werden die dortigen Baracken eines Lagers für ehemalige KZ-Häftlinge abgebaut,
dann sollen sie auf Geheiß der Amerikaner wieder hergerichtet werden
- zur Unterbringung deutscher Kriegsgefangener. „Wir bekamen damals
vom Landratsamt auch ein warmes Mittagessen, das war uns
das Wichtigste", so Herbrik.

Auch die Kriegsgefangenen verschwinden wieder, doch andere Fremde sollen schon bald ankommen. An den 7. April 1946 erinnert sich Herbrik
ganz genau. Die Ankunft der ersten Heimatvertriebenen aus dem
egerländischen Graslitz verfolgt er voller Neugier. Schließlich kann er sich
als „Auslandsdeutscher" besonders gut in deren Lage versetzen.

„Man ist zu den Wagen hingegangen und hat sich die Neuankömmlinge angeschaut. Aber Kontakt hat man zu den Leuten keinen aufgenommen,
man wusste ja nicht, ob sie überhaupt länger hier bleiben."

Sie bleiben, und schon bald schließt man erste Bekanntschaften.
Ort der Begegnung ist das Lebensmittelgeschäft der Familie Low.
Die ersten Freundschaften verdankt Hans Herbrik allerdings
einem Unglücksfall. „Es war an einem Sonntag im Sommer 1949.
Plötzlich habe ich aus dem Lager Rauch aufsteigen sehen.
Mein Bruder und ich sind natürlich sofort losgerannt,
um beim Löschen zu helfen."

Der Brand im Lager Buchberg ist die Geburtsstunde
der Geretsrieder Feuerwehr. 20 Jahre lang ist Herbrik Zweiter -,
fünf Jahre Erster Kommandant.

Andreas Steppan




Seitenanfang



Nächstes Kapitel


Voriges Kapitel