Start mit Rudolf



Die Amerikaner wollen alles in die Luft sprengen,
die deutschen Behörden wollen auf den ehemaligen Rüstungsfabriken
im Wolfratshauser Forst Wohnungen und Friedensindustrie errichten.
Völlig verfahren ist die Situation nach Kriegsende. Fieberhaft bemüht sich
der Landkreis Wolfratshausen, um Unterkünfte
für die erwarteten Heimatvertriebenen.

Die größte Gefahr für Geretsried droht bereits im November 1945:
Ein Captain der US-Armee kommt mit etwa 50 Leuten einer Ingenieurtruppe
ins Werk und kündigt die sofortige Sprengung an. 50 ehemalige SS-Leute,
die im Lager Buchberg interniert sind, sollen dabei helfen.

Treuhänder Eugen Herlitz wird zur Geheimhaltung verdonnert.
Der Deutsche hält sich aber nicht daran und kann über US-Stellen
die Sprengung in letzter Sekunde verhindern.

Das Landratsamt will das reichseigene Gelände als Ganzes übernehmen
und schlägt im März 1946 die Gründung einer „Industrie-Gesellschaft" vor,
die die Flächen kaufen und später privatisieren soll. Dazu kommt es
jedoch nicht. Erst acht Jahre später übernimmt die Landesanstalt für Aufbaufinanzierung (LfA) diese Aufgabe:
Bis 1955 verhandelt sie mit der bundeseigenen Industrieverwertungsgesellschaft (IVG) über den Kauf von Geretsried.

Wohin aber mit den Vertriebenen: Das Barackenlager Buchberg kann,
und das weiß Landrat Willy Thieme ebenso wie die anderen Behörden,
nur eine Lösung auf Zeit sein. Die Münchner „Hilfsstelle für Flüchtlinge
aus den Sudetengebieten" drängt auf den Bau von Häusern
anstelle der Baracken.

Hans Tattermusch aus München, Gründer der Hilfsstelle und selbst Sudetendeutscher, bittet den Architekten Fritz Noppes, sich in Geretsried
umzusehen. Noppes Entwürfe für Ein- und Zweifamilienhäuser,
die sogenannten „Sudeten-Siedlungs-Häuschen" werden
an die zuständigen Ministerien weitergeleitet. Außerdem wird die Gründung
einer gemeinnützigen Baugenossenschaft angeregt -
beides aber hat keinen Erfolg.

Noppes Baupläne rufen in Anbetracht der heutigen Siedlungsstruktur
ein Lächeln hervor: Einstöckige Gebäude, mit flachem Dach und unterkellertem Schuppen. Im Wohnraum ist ein „Rauchtisch" vorgesehen
und ein Klubsessel. Bad gibt es keines. Noppes gestaltet
verschiedene Typen für Familiengrößen von vier bis acht Personen.

Angesichts der Weigerung der Amerikaner, die Besiedelung
der ehemaligen Munitionsfabriken zuzulassen, verschwinden
die Skizzen aber bald wieder in der Schublade.

Und so beginnt die eigentliche Besiedelung von Geretsried
auch nicht im Ortsteil Gartenberg, sondern im Süden:
Die Chemiefabrik Rudolf & Co. wird am 8. Mai 1946, also einen Monat
nach der Ankunft des ersten Trecks auf der Böhmwiese,
auf das DSC-Gelände an der heutigen Altvaterstraße eingewiesen.

Firmenchef Ernst Schumann erinnert sich in einem Rundfunk-Interview
zehn Jahre später: „Eingezogen sind wir in die Bunker,
gewohnt haben wir zuerst im Hotel und dann haben wir
die sogenannten Wohlfahrtsgebäude umgebaut.
Der Betrieb ist von den Amis mit Stacheldraht umgeben worden,
weil wir der erste waren."

Zimperlich waren die Besatzer dabei nicht: „Wir mussten die Bäume,
die bis zu den Gebäuden heranreichten, innerhalb 24 Stunden abholzen,
und zwar in einer Breite von 20 Metern, sonst wären die Gebäude mit allem,
was drin und drum ist, in die Luft gesprengt worden."

Der Anfang ist schwer, aber es lohnt sich. Noch einmal Ernst Schumann
anno 1955: „Wir haben uns dann nach und nach entwickelt,
haben uns dann immer erst die Arbeiter herangeholt, teilweise
aus der Ostzone, und beschäftigen heute circa 80 Leute.
Angefangen haben wir mit zwei Mann. Mein Sohn und ich waren die ersten,
die hier gearbeitet haben. Das Risiko war natürlich seinerzeit groß,
wir wurden in Wolfratshausen für verrückt erklärt, dass wir heraus wollten."





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