Quartiersuche



Die neue Heimat: Ein verfallenes Barackenlager.
Keine Fensterscheibe ist ganz, Türen und Öfen zerstört,
die Lichtleitungen herausgerissen. Am 7. April 1946 schlägt
im Lager Buchberg auf der heutigen Böhmwiese
die Geburtsstunde der Stadt Geretsried.
Die Geburt ist schwer, auch für die ortsansässige Bevölkerung,
die gewissermaßen Geburtshilfe zu leisten hat.

Im Lager Buchberg kommen die ersten 554 Neubürger an -
allesamt Vertriebene aus dem böhmischen Graslitz.
Der nächste Transport erreicht Geretsried Mitte Juni:
207 Flüchtlinge aus Tachau, die im Durchgangslager Hanau
Zwischenstation gemacht haben.

Ihr neues Quartier wird das solide gebaute ehemalige Verwaltungsgebäude der Dynamit AG. In jedes Zimmer kommt eine Familie.
Aus den Fenstern ragen die Abgasrohre kleiner Bolleröfen.
Max Brieger, der vom amerikanischen Militär eingesetzte Treuhänder,
holt die Flüchtlinge selbst am Bahnhof ab und weist ihnen Unterkünfte zu.

Unermüdlich aktiv ist Landrat Willy Thieme: Er fährt mit den Flüchtlingen
in die bereits übervölkerten Dörfer der Umgebung, um weitere Quartiere
zu finden. Bei den Gemeindeversammlungen macht Thieme
den Ernst der Lage deutlich: „Die Wunden, die der verlorene Krieg geschlagen hat, sind verschieden. Aber die Wirkung ist
bei allen Bewohnern die gleiche.

Alle sind wir todwund geschlagen. Darüber täuschen der Besitz
eines Anwesens, eines Hofes oder Geschäftes genauso wenig hinweg
wie die roten Backen eines Todkranken. . . . Wer nach Wertbeständigkeit
sucht, trachte nach guter Nachbarschaft und Freundschaft."

Es bleibt nicht bei Worten: Thieme gründet im Juni im Landratsamt
das „Referat X", bei dem alle Aktivitäten in Sachen Flüchtlinge
und Werk Wolfratshausen zusammenlaufen. Die Vorarbeiten dafür
hatten der Sonderbeauftragte Hermann Maria Kassian
und die Treuhänder der Rüstungsfabriken, Max Brieger und Eugen Herlitz, bereits ab Februar 1946 geleistet.

Bei einer Besprechung in München hatten sie sich auch der Mithilfe
des bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner
und des Wirtschaftsministers Ludwig Erhart versichert.
Der Einfluß der Staatsregierung ist freilich gering,
wie Ludwig Erhart die Geretsrieder „Botschafter" aufklärt:
„Wenn Sie sich mit Ihrem (amerikanischen) Control-Officer gut verstehen,
erreichen Sie mehr als durch einen Minister."

Genauso ist es: In einer Aktennotiz vom 8. April 1946 werden
die Schwierigkeiten im Umgang mit den amerikanischen Besatzern deutlich:
„Bei der Vorsprache vom Leiter des Wirtschaftsamts
Wolfratshausen, Kassian, im Büro des Control-Officer LG Farbenindustrie,
Major Cottingham, München, ließ Major Cottingham durch seine Sekretärin,
Fräulein Berg, mitteilen:

Major Cottingham wiederhole seine bereits mündlich erteilte Zusage hinsichtlich Überlassung jener Gebäude der Deutschen Sprengchemie Geretsried (DSC) an die von Kassian zum Zwecke der Ansiedlung
von Industrien und Unterbringung sudetendeutscher Flüchtlinge."

Das dafür in Frage kommende Teilgelände der DSC
mit den entsprechenden Gebäuden wurde bei der Besichtigung
durch Major Cottingham am 10. März 1946 festgelegt.
„Major Cottingham ist damit einverstanden und wünscht,
dass der zur Abgrenzung dieses Teilgeländes erforderliche Zaun
so schnell als möglich errichtet wird."

Eine schriftliche Bestätigung bekommt Kassian ausdrücklich nicht
und auch nicht die erbetene Ermächtigung für eine ähnliche Nutzung
des nördlich gelegenen ehemaligen DAG-Werks.
Dafür bedarf es nochmals wochenlanger Verhandlungen.




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