Tore bleiben zu



„In den Fenstern,
die im Finstem lagen,
zwinkert wieder Licht.
Freilich nicht in allen Häusern,
nein, in allen wirklich nicht ...
Tausend Jahre sind vergangen
samt der Schnurrbart-Majestät.
Und nun heißt's:
Von vorn anfangen!
Vorwärts marsch!
Sonst wird's zu spät!"

Erich Kästner veröffentlicht diese Verse zur selben Zeit,
als im Lager Buchberg, auf der heutigen Böhmwiese,
die ersten Vertriebenen aus Graslitz eintreffen.
Willkommen, nein willkommen sind die Flüchtlinge nicht.

Allein die Rüstungsfabriken im Wolfratshauser Forst
brachten schon seit Mitte der 30er Jahre mehrere tausend Fremde
in den ehemals beschaulichen Landkreis.
Landrat Hans Thiemo, den die Militärregierung auf Wunsch
des Wolfratshauser Bürgermeisters Hans Winibald eingesetzt hat, erkennt
die. Zeichen der Zeit als einer der ersten.

Er ernennt den Leiter des Wolfratshauser Wirtschaftsamts,
Hermann Maria Kassian, per Sonderdekret zum Flüchtlingsbeauftragten.
Kassian bekommt alle Vollmachten, um sudetendeutsche Flüchtlinge
und deren frühere Betriebe in der Fabrik Wolfratshausen anzusiedeln.

Wichtigster Ansprechpartner für Kassian ist neben der Staatsregierung
und der US-Verwaltung die Münchner „Hilfsstelle für Flüchtlinge
aus den Sudetengebieten". Ende des Jahres 1945 veröffentlicht
die Organisation eine 30seitige „Denkschrift", in der konkrete Vorschläge
zur Eingliederung der Flüchtlinge in den „Sozial- und Wirtschaftsorganismus
Bayern" gemacht werden:

„So schwer es für die deutschen Flüchtlinge aus der Tschecheslowakei ist,
für ihre deutsche Volkszugehörigkeit ausnahmslos und einheitlich
durch den Verlust von Heimat, Arbeitsplatz und Besitz bestraft zu werden, ebenso schwierig ist es zweifelsohne für die bayerische Landesverwaltung,
der damit zusammenhängenden großen Probleme Herr zu werden."

Die „Hilfsstelle" schlägt deshalb vor, die einzelnen Industriezweige
gesammelt in den verschiedenen Regionen anzusiedeln.
Der Standort Wolfratshausen ist in der mehrseitigen Auflistung allerdings
nicht einmal erwähnt. Im Januar 1946 ist Kassian in seinen Gesprächen
mit der Militärregierung noch nicht zu einer Lösung gekommen:

Über das Ausmaß der Demontage und der Sprengung der einstigen
„Fabrik Wolfratshausen" lassen die Amerikaner nicht mit sich reden.
Das ändert sich erst im Frühjahr 1946: Landrat Thiemo war inzwischen abgesetzt, sein Nachfolger Willy Thieme sieht die Integration der zu erwartenden Flüchtlinge als eines der Hauptprobleme an.

„Es gab nur Elend zu verwalten. Wohnungsnot in nie gekanntem Ausmaß, bitterste Armut in Flüchtlingskreisen, die eingesessene Bevölkerung
am Ende ihrer Kraft und Leistungsfähigkeit."

Als am 7. April die ersten Flüchtlinge eintreffen, sind die Werkstore
der ehemaligen Rüstungsfabriken noch immer fest verschlossen.
Lediglich das Barackenlager Buchberg außerhalb der Rüstungsfabrik,
die den Fremdarbeitern als Notunterkünfte dienten,
können den Heimatvertriebenen zugewiesen werden.

Und auch das ehemalige Verwaltungsgebäude - heute ist es das Rathaus -
wird als Unterkunft bereitgestellt. Flüchtling Werner Sebb erinnert sich
an die Ankunft: „Wir sahen entsetzt auf ein völlig verkommenes,
von doppeltem Stacheldraht umgebenes und mit Wachtürmen
bewehrtes Barakkenlager, das unsere neue Heimat sein sollte."



Seitenanfang



Nächstes Kapitel