Thieme muss weg

Mit Abwahl startet die die Ära der CSU


Am 31. Mai 1948 endet die Amtszeit des ersten demokratisch gewählten
Wolfratshauser Kreistags nach dem Zweiten Weltkrieg.
In der ersten Sitzung des zweiten Kreistags am 12. Juni 1948 beginnt
eine neue Ära, die bis heute andauert: Die Herrschaft der CSU.

Aufgrund der völlig veränderten Mehrheitsverhältnisse im Kreistag
hat Landrat Willy Thieme (SPD), keine Chance auf Wiederwahl
- obwohl ihm alle Fraktionen hervorragende Arbeit bescheinigen.

Zur Kreistagswahl 1945 waren, unter dem starken Einfluss der amerikanischen Besatzer, nur zwei Parteien in Wolfratshausen angetreten: Die CSU und die SPD; ein Randgruppendasein fristete
der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE),
der einen Kreisrat stellte.

Letzterer ist im Kreistag 1948/52 gar nicht mehr vertreten:
Für die Interessen der Flüchtlinge und Vertriebenen steht nun
eine parteiunabhängige Gruppierung namens „Gemeinschaft".
Sie ist der große Gewinner der Kreistagswahlen - was nicht verwundert,
da der Anteil der Flüchtlinge an der Bevölkerung bei fast 50 Prozent liegt.

Mit 24,1 Prozent Stimmenanteil und neun Sitzen wird die „Gemeinschaft" -
Listenführer ist Dr. Paul Wüllner, Icking, ein späterer Landtagsabgeordneter -
auf Anhieb zweitstärkste Fraktion im Kreistag Wolfratshausen.
Die Vorherrschaft der CSU (28,9 Prozent/12 Sitze), bei der
der spätere Bundestagsabgeordnete Dr. Franz Gleißner auf Platz 2 steht, wird nicht gebrochen, obwohl die Partei im Vergleich zu 1945
mehr als die Hälfte der Stimmenanteile verliert.

Verluste von 35 Prozent muss auch die SPD hinnehmen.
Mit 16,4 Prozent (6 Sitze) ist sie nur noch viertstärkste Fraktion -
und sieht sich einem starken rechts-konservativen Bündnis gegenüber.

Denn auch die kurz vorher gegründete Bayernpartei gehört
zu den Wahlsiegern. Unter Führung von Martin Eichner aus Lochen
holt sie sieben Sitze (17,4 Prozent). Die Wählervereinigung
von Wolfratshausens Bürgermeister Hans Winibald kommt auf 5,8 Prozent
(2 Sitze) und die FDP auf 5,1 Prozent (2 Sitze).

Den Einzug in den Kreistag verpassen indes die Kommunisten:
Die KPD erhält nur 2,2 Prozent der Stimmen.

Zu Beginn der Sitzung, die Bayernpartei spricht von einer „heiligen Stunde", steht eine Erklärung der „Gemeinschaft".
Dr. Paul Wüllner appelliert an die Solidarität der Alteingesessenen:
„Dass wir die Heimat, dass wir allen Besitz preisgeben mussten,
ist eine Folge des verlorenen Krieges.
Als Besiegte stehen Alt- und Neubürger gleichberechtigt nebeneinander."

Noch immer müssten sich die Neuankömmlinge im Landkreis aber
„als Menschen zweiter Güte, als Menschen minderen Rechts" betrachten.
Die Flüchtlinge - Wüllner spricht von „Ausgewiesenen" - erwarteten
daher auch „von den Mitbesiegten Mithilfe"
und zwar „ohne Hinterhalt und ohne Vorbehalt".

Der wichtigste Tagesordnungspunkt ist die Wahl des neuen Landrats.
Die CSU nominiert den Ickinger Dr. Karl Reichhold,
der bis dahin Landrat des Landkreises Hilpoltstein war
und nach eigener Aussage dort, „falls er hier nicht gewählt werden sollte,
am kommenden Montag mit überwiegender Mehrheit gewählt würde".

Die Sorge ist unbegründet: Mit 29 Stimmen setzt sich Reichhold
klar gegen Amtsinhaber Thieme (9 Stimmen) durch,
obwohl der SPD-Politiker auch die erklärte Unterstützung
der „Gemeinschaft" haben soll.

Das Ergebnis macht deutlich, dass Thieme wohl nicht einmal mehr
den uneingeschränkten Rückhalt in der SPD hat,
sonst hätte er mindestens 15 Stimmen gutgeschrieben bekommen.

Für Thieme ist der Abschied aus der Kreispolitik nicht endgültig:
Nach Jahren als Land- und Bundestagsabgeordneter kehrt er 1966
für zwölf Jahre als Bürgermeister nach Wolfratshausen zurück.

Besonders erstaunt kann Reichhold über seine Wahl zum Landrat
nicht gewesen sein. Eine vorbereitete Rede beginnt mit dem Satz:
„Sie haben mich eben mit einer wenn auch nicht sehr bedeutenden Mehrheit zum Landrat Ihres Landkreises gewählt." Das „wenn auch nicht sehr bedeutenden" hat Reichhold dann nachträglich geändert,
in ein „nicht überraschenden".

Zu Reichholds Stellvertreter wird der spätere Bundestagsabgeordnete
Martin Eichner von der Bayernpartei gewählt.







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