In leere Bunker

Friedensindustrie in der Rüstungsfabrik



Eine der zukunftsträchtigsten Aufgaben des Landkreises Wolfratshausen nach dem Krieg ist die Ansiedlung von Friedensindustrien
auf dem Gelände der Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst.
Um die brach liegenden Kapitalwerte von rund 300 Millionen Reichsmark (Schätzung von 1945) möglichst schnell wieder nutzbar zu machen,
wird im Landratsamt das Referat Voralpenwerke, auch Referat X genannt,
ins Leben gerufen. Dessen Leiter, Dr. Rissel,
erstattet dem Kreistag am 30. Januar 1948 Bericht.

Das Referat koordiniert vor allem die Zusammenarbeit mit den Landesbenörden, bei denen die Bewerbungen für Industrieansiedlungen bearbeitet werden. Bis Ende 1947 sind 20 Betriebe im späteren Geretsried ansässig geworden, eine Handvoll kann die Bunker allerdings nicht beziehen, weil die amerikanische Militärregierung noch ihren Daumen drauf hat.

Die meisten Industrien gehören Unternehmern, die aus dem Sudetenland oder anderen ehemals deutschen Gebieten flüchten mussten.
Ihr Fachwissen wenden die Firmenchefs im Sinne ihrer Landsleute an:
Die Firma Empe etwa stellt Fenster und Einrichtungsgegenstände
aus Holz her, die im Rahmen des Flüchtlingsnotprogramms verteilt werden.

„Trotz unermesslicher Schwierigkeiten", so Rissel, hat sich die Entwicklung „zufriedenstellend gestaltet". Rund 30 Prozent der Produktion
einer Beleuchtungskörperfabrik ist im Landkreis verblieben,
ebenso ein Viertel der Produktion an Holz- und Metallwaren
sowie an Waschmitteln. „Erfreulich ist auch der hohe Anteil
dieser Produktion am bayerischen Export sowie die Herstellung von Gütern und Anlagen, die - außer in Wolfratshausen - in ganz Westdeutschland
nicht erzeugt werden."

Zur wirtschaftlichen Erschließung des Geländes durch das Referat X
gehört aber nicht nur die Industrieansiedelung. Rissel vermeldet stolz,
dass auch ein Lebensmittelgeschäft gegründet wurde,
dass die Post im ehemaligen Pförtnerhaus eine Zweigstelle eingerichtet hat und dass im ehemaligen Gästehaus der Deutschen Sprengchemie
(heute St.-Hedwig-Altenheim) Schulunterricht abgehalten wird.

Schwierig sind indes die
Verhandlungen mit der Militärregierung, die weite Teile
der ehemaligen Munitionsfabrik sprengen will.
„Durch eine Eingabe an die Reparationsabteilung
der Militärregierung für Bayern konnte erreicht werden,
dass eine Reihe wertvoller Gebäude von der Sprengung
ausgenommen wurden. Das Referat ,Voralpenwerke' konnte
anhand von Bauplänen und Skizzen nachweisen,
dass die genannten Gebäude durch bloßes Aufstocken
in Wohn- und Fabrikgebäude verwandelt werden können
und kein Kriegspotential mehr verkörpern."

Auf diese Weise hat die Behörde auch die geplante Zerstörung
der Gleisanlagen zwischen Wolfratshausen und Geretsried
(das heutige Industriegleis) verhindern können.

Keine Lösung finden Rissel und seine Mitarbeiter für die paradoxe Situation, dass der Landkreis zwar mit Flüchtlingen übervölkert ist,
es aber nicht genügend Arbeitskräfte gibt.

Eine „Überprüfung" der Bürger bleibt erfolglos. Rissel hofft
auf die Währungsreform, „denn so mancher wird sich
dann gezwungen sehen, seinen Unterhalt wieder
durch ehrliche Arbeit zu verdienen".




Bunker zu Wohnungen

Neben der Ansiedlung von Industriebetrieben auf dem Gelände der ehemaligen Rüstungsfabriken ist eine der Hauptaufgaben
des Referats X („Voralpenwerke") der Wohnungsbau.
Immerhin hat sich die Bevölkerung im Landkreis
durch den Zuzug von Flüchtlingen fast verdoppelt.

Wie Referatsleiter Dr. Rissel dem Kreistag am 30. Januar 1948 berichtet,
ist der vorhandene Wohnraum, mit Ausnahme von Lager Buchberg
(heute Böhmwiese), von den Vereinten Nationen beschlagnahmt:
Sowohl im Lager Föhrenwald wie auch im Lager Stein sind
heimatlose Ausländer und heimatlose Juden untergebracht.
Deshalb können 1947 lediglich durch die Umwidmung von Fabrikgebäuden 100 Kleinwohnungen geschaffen werden, weitere 70 sind für 1948 geplant.

„Diese Maßnahmen bedeuten jedoch nur einen Tropfen
auf dem heißen Stein" - zumal für die geplanten Projekte
nur ein Minimum an Baumaterial zur Verfügung steht.
Mittelfristig wird darum das „Siedlungsvorhaben Voralpenwerke" geplant.
Die Regierung von Oberbayem genehmigt das Projekt 1947,
ebenso das Arbeitsministerium als oberste Baubehörde,
das für 1948 auch die Aufnahme in das bayerische Neubauprogramm beschlossen hat.

Vertreter der Staatsregierung unter Führung von Staatssekretär Jaenicke, der Direktor der örtlichen Militärregierung Captain Bird
und die Fraktionsvorsitzenden des Kreistags besichtigten
am 19. November 1947 das Gelände und bewerteten
das künftige Geretsried als „bestes Bauvorhaben im Land".

Ausschlaggebend für die Unterstützung aus München ist nicht zuletzt
die Tatsache, dass sowohl Straßen und Versorgungseinrichtungen vorhanden sind, wie auch etliche Bunker weiter benutzt werden können.
Der Wert dieser Anlagen wird auf 600 000 Reichsmark taxiert.

Mit dem für Frühjahr 1948 vorgesehenen ersten Spatenstich
sind indes nicht alle Probleme ausgeräumt, wie Rissel im Hinblick auf den Baustoff-Mangel betont. Aber: „Das Siedlungsvorhaben .Voralpen-werke'
wird bald davon Zeugnis geben, dass der Landkreis Wolfratshausen
nicht schläft, sondern bahnbrechend und beispielgebend für andere Landkreise an die Lösung der schweren Gegenwartsprobleme herangeht."

Rissel sollte recht behalten: Aus dem Siedlungsvorhaben wurde
1950 die Gemeinde und 1970 die Stadt Geretsried,
die heute die einwohnerstärkste Kommune im Landkreis ist.






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