Schulkampf

Streit um Bekenntnis-Unterricht


Heute bringt die Frage „Schulkreuze - ja oder nein?" die Volksseele
zum Kochen. Vor 49 Jahren gab es noch ganz andere Streitthemen.
Sie hatten freilich eine ähnliche Dimension.

Im seinem „Bericht über den Stand des Volksschulwesens im Landkreis Wolfratshausen" fürchtet der Schulamtsleiter gar einen „Schulkampf"
wegen des Streits um die Einrichtung evangelischer Bekenntnisschulen. Widerstandslos will sich die katholische Mehrheit im Landkreis
ihr „Schul-Monopol" offenbar nicht nehmen lassen.

Noch zur Jahreswende 1947/48 sind sämtliche Volksschulen
des Landkreises katholische Bekenntnisschulen.
An ihnen dürfen auch nur katholische Pädagogen unterrichten.
„Es sind aber auch acht evangelische Lehrer angestellt,
die ausgetauscht werden sollten oder sollen" - was zur Folge hätte,
dass es auch keinen evangelischen Religionsunterricht mehr gäbe.

Der evangelische Pfarrer Weber protestiert dagegen und stellt
im Sommer 1947 den Antrag auf Einrichtung evangelischer Klassen.
Die Regierung stimmt zu, da zieht Weber seinen Antrag wieder zurück
- im Vertrauen darauf, daß die evangelischen Lehrer doch nicht entlassen werden. Darauf hofft auch das Schulamt, dass andernfalls
„eine Verschlechterung der Schulverhältnisse für die evangelischen Kinder, Beunruhigung der Eltern, unter Umständen Aufflackern eines allgemeinen Schulkampfes" befürchtet.

Übrigens sind im Januar 1948 von 5312 Schulkindern im Landkreis
4531 katholisch (85 Prozent), 734 evangelisch und 47 haben
einen anderen Glauben. 1860 Kinder sind sogenannte „Nichtbayern".

Damit stellt sich den Verantwortlichen ein zweites Problem,
das das Schulamt in seinem Bericht aufgreift:
der „Überfremdung des Lehrkörpers".

Von den 100 Lehrern an 62 Schulen stammen 47 nicht aus Bayern.
Dass der Anteil einheimischer Lehrer so gering ist, liegt vor allem daran,
dass sämtliche Pädagogen, die ein Parteibuch hatten,
nach 1945 aus dem Schuldienst entlassen wurden.

„Der letzte diesbezügliche Reinigungsprozess", so schreibt das Schulamt,
fand im August 1947 statt und kostete sieben Lehrer die Stelle.
„Wir wissen heute noch nicht, wie die entnazifizierten, bayerischen Lehrer noch unterzubringen sind", so der Schulamtsleiter.

Eine „kleine Lockerung" sei nur dadurch zu erwarten,
dass die verheirateten Lehrerinnen, deren Männer arbeiten,
im Laufe des Jahres 1948 aus dem Schuldienst ausscheiden müssen
und einige ältere Lehrer in Pension gehen.




Raumnot und fehlende Bücher

In den 1990er Jahren investierte der Landkreis in die Bildung
des Nachwuchses runde 100 Millionen Mark - für neue Schulen.
Direkt nach dem Krieg werden jedoch noch viel kleinere Brötchen gebacken. Viele Schulen sind mit Flüchtlingen belegt, die Unterrichtsräume sind unerträglich klein, das Inventar und die Lehrmaterialien meist unbrauchbar.
Für Neubauten haben die Gemeinden freilich kein Geld,
auch wenn das Schulamt immer wieder Verbesserungen anmahnt,
so wie in der Kreistagssitzung am 30 Januar 1948.

Vorausschauend im Sinne des Schulamts handelt 1947
einzig die Gemeinde Holzhausen. Sie errichtet einen neuen Schulsaal.
Am 19. Januar 1948, elf Tage vor der Kreistagssitzung,
hat auch die Schulnot für die Kinder des Flüchtlingslagers Buchberg
(auf der heutigen Böhmwiese in Geretsried) ein Ende:
Im späteren Altenheim St. Hedwig werden Schulsäle eingerichtet.

Erst 1950 baut die nun schon selbständige Gemeinde Geretsried ihr erstes Schulhaus in einem ehemaligen Bunker an der Adalbert-Stifter-Straße,
in dem heute Jugendzentrum und Bücherei untergebracht sind.

Zurück zu 1948: Wie das Schulamt schreibt, gehören zu einer guten Schule „nicht nur gute Lehrer, sondern auch günstige äußere Schulverhältnisse". Diesen Anforderungen genügen die meisten Gemeinden nicht,
in 25 der 63 Schulen muss wegen beengter Platzverhältnisse Schichtunterricht gegeben werden: „Das bedeutet eine Verkürzung
der Unterrichtszeit, eine stärkere Abnutzung und Verschmutzung,
damit auch eine gesundheitliche Gefährdung."

Nicht einmal für die nötigsten Reparaturen haben die Gemeinden Geld. Immerhin kann das Schulamt Baumaterial beschaffen:
Das Abbruchmaterial der Rüstungsfabriken.

Selbst in der Pflicht steht der Landkreis bei der landwirtschaftlichen Berufsschule, über die es 1947/48 keine Klagen gibt,
und bei der Berufsschule Wolfratshausen, die im September 1947
ohne behördliche Genehmigung den Betrieb aufgenommen hat:
Im Januar 1948 werden 138 Jugendliche unterrichtet in vier Sparten: Metallgewerbe, Holzgewerbe, kaufmännische - und Bekleidungsabteilung.

In seiner „Schlussbetrachtung" vertritt der Schulamtsleiter Werte,
die auch heute noch aktuell erscheinen: „Die Schule ist eine Einrichtung
im Staate, welche viele Kosten verursacht, aber keine unmittelbaren,
in klingender Münze erfassbaren Werte hervorbringt.
Das hat schon immer dazu geführt, über die hohen Schulausgaben
zu klagen und die Mittel für schulische Zwecke zu beschneiden.

Und doch ist nirgends Sparsamkeit so wenig angebracht
wie bei den Ausgaben für Erziehung und Unterricht.
Ihre Verzinsung wird sich zeigen in einer leistungsfähigen,
dem öffentlichen Leben aufgeschlossenen,
für alles Gute, Wahre und Schöne eintretenden Generation."

Der Schulamtschef wendet sich ebenfalls gegen zu strenge Lehrer: „Körperliche Strafen wegen Faulheit und geringer Leistungen
sind nicht mehr statthaft. Die Lehrerschaft sieht sich deshalb veranlasst, durch positive Erziehungsmittel den Stand der Leistungen zu heben."

Erste Maßnahme ist im Sommer 1947 ein Schülerwettbewerb,
bei dem die besten Leistungen prämiert wurden.
Zu den Stiftern von Sachspenden und Geld gehört neben dem Landrat,
dem Kreisjugendamt, den Bürgermeistern und der Kreissparkasse
übrigens auch die amerikanische Militärregierung.






Seitenanfang





Nächstes Kapitel


Voriges Kapitel