Alles rationiert

Kaum Autos in Privatbesitz

Seitenweise Gebrauchtwagen-Angebote in der Tageszeitung,
nach dem verlorenen Krieg ist dies in Deutschland undenkbar.
Der Handel mit Kraftfahrzeugen ist streng reglementiert.
Handel ist ohnehin zu viel gesagt: Autos in Privatbesitz gibt es kaum,
die Kraftfahrzeuge sind entweder beschädigt oder beschlagnahmt.
Genaue Zahlen liefert in der Kreistagssitzung am 30. Januar 1948
Ludwig Kollmeier, der Chef des Straßenverkehrsamts.

..Erfreulich" nennt Kollmeier die rückläufige Zahl an Beschlagnahmungen
von Pnvatautos. Wurden 1946 noch 91 Kraftfahrzeuge enteignet
und an die Polizei, die Spruchkammer oder das Flüchtlingskommissariat übergeben, so gab es im Jahr darauf nur noch drei Fälle.
Sie waren, so der Beamte, „mehr Recht als Härte".

Eine weitere Beschlagnahmeaktion war im Juli 1947 von den zuständigen Staatsbehörden geplant gewesen (20 Motorräder, zwei Autos).
Landrat Willy Thieme konnte sie aber in letzter Minute noch verhindern.
Für 1948 sind Beschlagnahmungen gänzlich unmöglich geworden:
Laut Gesetz dürfen selbst stillgelegte Fahrzeuge von den Behörden
nur noch gemietet und nicht enteignet werden.

Weniger Zwangsmaßnahmen, mehr freier Handel: 116 Fahrzeuge
im Landkreis wechseln 1947 den Besitzer. Kollmeier:
„Die Genehmigung wird vorläufig noch davon abhängig gemacht,
dass der Käufer betankt wird, um einer Kfz-Hortung und Geldanlage vorzubeugen." Alles dies dreht sich indes um Gebrauchtwagen.

Neufahrzeuge gibt es fast nicht: Insgesamt 74 Anträge zum Kauf
eines Kraftfahrzeugs sind beim Straßenverkehrsamt 1947 eingegangen,
mehr als die Hälfte davon (46) betreffen Lastwagen, die anderen Pkw (13) und Motorräder (10). Durch die Regierung von Oberbayern wurden
gerade einmal drei Lastwagen zugeteilt. „Bis heute kam noch
kein einziger Pkw in den Landkreis, und für 1948 sind nur
ein oder zwei Stück in Aussicht gestellt."

Wie gering 1947 die Zahl der Kraftfahrzeuge ist, zeigt eine andere Zahl:
Benzinzuteilungen gibt's nur für 200 Personenwagen, 450 Motorräder,
210 Lastwagen sowie 340 Zugmaschinen.

Gemeinsam mit der Polizei führte das Straßenverkehrsamt 1947
über 50 Verkehrskontrollen durch. In 63 Fällen wird Strafanzeige erstattet, sieben Mal der Führerschein entzogen und weitere 16 Mal das Auto
für vier Wochen zwangsweise stillgelegt. Die Vergehen:
missbräuchliche Benutzung, mangelhafte Führung des Fahrtenbuchs, Vergessen der Papiere und Fahren während der Sperrzeit.

Auch der öffentliche Busverkehr ist infolge des Kraftstoffmangels
nur auf vier Linien möglich. Für Bad Tölz-Wolfratshausen,
Dietramszell-München, Arget-Schönegg-Wolfratshausen
und Ascholding-München stehen 3,5 Tonnen Diesel-Kraftstoff
monatlich zur Verfügung. Im Jahr 1948 gibt es eine Postomnibus-Route
zwischen Starnberg und Sauerlach. Ein weiterer Bus verkehrt auf der Linie
Lager Föhrenwald-München. Er gehört der UN-Flüchtlingsorganisation
IRO (vormals UNRRA) und dürfte weitgehend für die Bewohner des Lagers
reserviert gewesen sein.



Für Zigaretten gibt's alles

Marlboro, Lucky Strike sind nach dem Krieg die heimliche Währung,
der Ersatz für die wertlose Reichsmark. Wer Zigaretten hat, bekommt alles, was er will, sogar die überall knappen Lebensmittel.

Für eine Schachtel Zigaretten sind auf dem so genannten „Judenmarkt"
(vor dem Lager Föhrenwald) 80 Reichsmark zu bezahlen,
für eine Tafel Schokolade nur 30. Wer einen kleinen Garten hat,
hilft sich selber: „Sondermischung Nr. 4" heißt schon zu Kriegszeiten
der Tabak aus Wolfratshauser Produktion.

Der Chef des Ernährungs- und Wirtschaftsamts Wolfratshausen, Max Roth, widmet dem Thema Zigaretten in seinem Jahresbericht einen ganzen Absatz.
Er berichtet am 30. Januar 1948 dem Kreistag: „Die Tabakversorgung brachte auch im verflossenen Jahr die Schlange
vor den Einzelhandelsgeschäften nicht weg." Der Grund:
Zwar steht jedem Bürger laut Kontingentierung eine bestimmte (geringe) Menge Tabak zu, selbst so wenig aber ist überhaupt nicht lieferbar.
Vor allem Arbeitnehmer kommen dadurch zu kurz.
Roth: „Es kommt vor allem derjenige zu seinen Rauchwaren,
der über die entsprechende Freizeit (Nichtstuer usw.) verfügt."

Erst im Dezember kann das Wirtschaftsamt durch eine Sonderration wenigstens den laufenden Bedarf decken. Für das Jahr 1948,
so sieht der Amtschef voraus, könne es nur eine Verbesserung geben, wenn die Einfuhren entsprechend erhöht werden.
„Eine Deckung aus deutschem Tabak", so bilanziert Roth, „ist unmöglich."

Viel gravierender für die Menschen ist im Winter 1947/48 allerdings
die Brennstoff-Knappheit. 5300 Tonnen Steinkohlenkoks, Briketts
und oberbayerische Kohle sowie 2900 Tonnen Großweiler Braunkohle
und 1050 Tonnen Briketts für den Hausbrand stehen dem Landkreis rechnerisch zu. Bei den Briketts werden die Lieferzusagen
gerade einmal zu gut 50 Prozent erfüllt: Die Menschen
müssen eng zusammenrücken, um nicht zu frieren.

Die Zuteilungen bekommen, so berichtet Roth, die „lebensnotwendigen Betriebe" sowie Behörden und Schulen. Eine Sonderration (50 Kilogramm) erhalten Rentner über 70 Jahre und Schwerstbehinderte.
„An die Haushaltungen können 1 Zentner Briketts
sowie 4 Zentner Großweiler Braunkohle verteilt werden,
was als kleine Zubusse zu der an und für sich geringen Holzzuteilung angesprochen werden kann."

Größeren Firmen, vor allem die neu angesiedelte Industrie
in der früheren Rüstungsfabrik, wird „nur für Notstände" Kohle zugewiesen.
Die Schmieden im Landkreis profitieren von einem Waggon
reiner Schmiedekohle, der unberechtigt aus der englischen Besatzungszone kam und vom Wirtschaftsamt beschlagnahmt wurde.

Die Brennholz-Umlage beträgt fürs ganze Jahr 1947 28 000 Ster,
2 bis 3 Ster pro Haushalt. 80 Prozent davon werden tatsächlich geliefert
- gegen den Widerstand vieler Waldbauern, die durch Beschlagnahmung gezwungen werden, Holz einzuschlagen.
„Eines der schwierigsten Kapitel", wie Roth sagt.

Der im Landkreis in den Mooren abgebaute Torf (als Brennstoff)
muss fast komplett nach München abgegeben werden,
„ein Fehlschlag", wie der Beamte sagt. „Es konnte jedoch dem Landkreis
Torf aus dem Preßtorfwerk Quarzbichl im Umfang von 2000 Zentnern zugeführt werden." Für 1948 soll der Abbau weiter verstärkt
und ein zusätzliches Torfwerk eingerichtet werden.

50 Jahre später beklagen die Naturschützer  die Zerstörung von
über 90 Prozent der Moorflächen im Landkreis.



1948 fehlt es an allem

Ein Paar Schuhe oder gar keine Schuhe?
Aus heutiger Sicht nicht vorstellbar ist der Mangel
an gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen in den Jahren 1946 bis 1948
im Landkreis Wolfratshausen. Der Mangel wurde indes verwaltet,
vom Ernährungs- und Wirtschaftsamt Wolfratshausen.
Behördenchef Max Roth erstattet dem Kreistag am 30. Januar 1948 Bericht.

Rund 30 000 Einwohner hat der Landkreis 1947/48,
knapp die Hälfte davon sind Flüchtlinge aus ehemals deutschen Ostgebieten. An sie können 12 750 Paar Schuhe, „von Kleinkinder- bis Arbeitsschuhen", ausgegeben werden. Etliche Leute müssen sich mit Holzschuhen behelfen. Zudem organisiert das Wirtschaftsamt aus Wehrmachtsbeständen
70 Paar „zum Teil sehr gut erhaltene Militärstiefel",
die an die Betriebe verteilt werden.

Aber die Menge der Schuhe ist nicht das alleinige Problem,
Beschwerden gibt es wegen der Qualität:
„Der Fabrikschuh, allen voran der Arbeitsschuh, lässt in der Ausführung
sehr zu wünschen übrig. Es werden ständig Klagen laut,
dass der gekaufte Schuh erstens nicht dem Preis
und zweitens nicht dem Materialwert entspricht."

Kein Wunder, dass die Schuster Hochkonjunktur haben, oder,
wie es Max Roth formuliert, „dass der arbeitsfreudige Handwerker
einen größeren Kundenkreis besitzt".

Sehr kompliziert ist auch die Rationierung bei der Bekleidung.
Jeder Bürger bekommt Punktekarten,
jedes Kleidungsstück hat einen bestimmten Punktwert:
Ein Anzug etwa kostet 115 Punkte, ein Sommerkleid 25 Punkte
und ein Hemd 22 Punkte. Wurden im gesamten Landkreis 1946
noch 260 000 Textilpunkte verteilt (rund 90 pro Kopf), so waren es 1947 schon 850 000 die Situation entspannt sich also.

Nicht mehr ganz so dramatisch ist 1948 auch das Seifenproblem:
Unmittelbar nach dem Krieg hatte es hier akuten Mangel gegeben.
1947 werden immerhin schon 12 700 Einheitsseifen
(für jeden dritten Bürger eine), 60 000 Kilo Waschmittel
und 11 000 Kilo Rasierseife verteilt - mittels „Seifenkarte" übrigens.

Verschlechtert hat sich aber das Angebot an Fahrrädschläuchen.
Gegenüber 1946 hat sich deren Zahl im folgenden Jahr
um 30 Prozent auf 2000 reduziert.

Auch Heizöfen sind nurmehr 200 verfügbar (1946: 920).
Ähnlich ist die die Situation bei Prozellan, allerdings, so Max Roth,
„aus eigener Initiative des Wirtschaftsamtes konnten 2000 Bauerntassen durch eine Herstellerfirma aus dem Landkreis verteilt werden".



Preise werden überwacht

Soziale Marktwirtschaft, dieses Schlagwort für das deutsche Wirtschaftswunder wird erst in den 1950er Jahren geprägt.
Vor der Währungsreform 1948 gibt es in Deutschland Planwirtschaft: Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs sind
nur rationiert erhältlich, und die Preise werden behördlich festgelegt
und überwacht, mit erheblichem bürokratischen Aufwand.
Chef der Preisbehörde im Wolfratshauser Landratsamt ist Dr. Robert Kühn. Er erstattete dem Kreistag am 30. Januar 1948 über seine Arbeit Bericht.
 
Die Planwirtschaft ist keine Erfindung der amerikanischen Besatzer,
schon während des Krieges wurde der Mangel vom Staat verwaltet.
Kein Wunder, dass Kühn und seine beiden Mitarbeiter über
ausreichend Erfahrungen verfügen:

„Die Preisbehörde war auch im Jahr 1947 bemüht,
das vorgeschriebene Preisniveau, vor allem für die auf die Markenzuteilung angewiesene Bevölkerung, aufrecht zu erhalten
und ein weiteres Ansteigen der Mietzinshöhe zu verhindern."

Keine leichte Aufgabe: Durch die knapper werdenden Lebensmittel wird
vor allem der Schwarzmarkt gestärkt und damit natürlich
das stattliche Preisdiktat ausgehebelt. 63 Ordnungsstrafen werden
wegen illegalen Handels verhängt, im Durchschnitt 200 Mark Geldbuße.
Mit der Preisbindung gekoppelt sind auch Qualitätsprüfungen,
zum Beispiel für Wurstwaren.

Ein Ausschuss, verstärkt durch Sachverständige
der "chemischen Untersuchungsanstalt, der Veterinärpolizei
und des Metzgerhandwerks, tagt monatlich und prüft die Lebensmittel.
Das Resultat des Gremiums: „Die Versorgung der Bevölkerung mit Wurstwaren ist der Qualität nach besser als in München."

Mit der steigenden Zahl der Flüchtlinge im Landkreis werden
auch vermehrt Anträge auf Mieterhöhungen gestellt,
überwiegend aus den dicht bevölkerten Orten entlang der Bahn
und am Ufer des Starnberger Sees. Laut Kühn wurden
90 Prozent der Anträge einvernehmlich entschieden.

Schwieriger ist hingegen die Beschaffung
von dringend benötigten Baugrundstücken, da die meisten Eigentümer
vor der angekündigten Währungsreform nichts verkaufen wollen.
Die Verpachtung hingegen sieht die Preisbehörde
„nicht als geeignete Grundlage für die Bebauung" an, wie es heißt.

Einen Ausweg aus dem Dilemma sieht Kühn nur darin, Verkäufe auch dann zu genehmigen, wenn der Kaufpreis bei Abschluss des Vertrags
noch offen bleibt und eine Einigung darüber erst später,
nach der Währungsreform, erfolgt.

Der Grundstücksverkehr in der Landwirtschaft ist im Übrigen
durch eigene Gesetze geregelt: Über Verpachtung, Erbfolge
und ähnliche Probleme entscheidet ein am Wolfratshauser Amtsgericht angesiedeltes Bauerngericht in der Besetzung ein Richter, zwei Schöffen.




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