Banken ohne Geld

Finanzmarkt nach Kriegsende völlig kollabiert



Der Zusammenbruch Deutschlands nach dem Krieg ist vollkommen.
Die Menschen leiden Not. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen.
Keine leichte Aufgabe hat in dieser Zeit die Sparkasse Wolfratshausen,
die den Unternehmen beim friedlichen Neubeginn mit Kapital
(damals noch Reichsmark) und Fachkenntnissen zur Seite stehen soll.
Am 27. Januar 1947 erstattet Sparkassendirektor Dr. Josef Schwarzenbeck dem Wolfratshauser Kreistag erstmals Bericht.

In „wirtschaftlich geordneten Zeiten'', so der Leiter des kreiseigenen Geldinstituts, hätten Banken und Sparkassen ihre Aufgabe
„in der Pflege des kurzfristigen und langfristigen Kreditgeschäfts
und in der Verwaltung der anvertrauten Vermögensteile".

Nach dem Krieg ist alles anders: Die rechtlichen Bestimmungen
sind undurchsichtig. Viele Unternehmen, gerade jene,
deren Inhaber Parteimitglied war, stehen unter treuhänderischer Verwaltung. Das heißt, ein Beauftragter der Militärregierung führt die Firma,
bis die Entnazifizierung durchgeführt ist.
Viele Treuhänder wirtschafteten nebenbei in die eigene Tasche.

Schwarzenbeck spricht von einer „Blockierung" der Unternehmen
und sieht die Aufgabe der Sparkasse darin, treuhänderischen Missbrauch
zu verhindern („die Voraussetzungen zu schaffen, dass Treu und Glauben gewahrt bleiben"). Nicht zuletzt dient dies auch dem eigenen Interesse
des Geldinstituts, um die Rückzahlung bestehender Kredite
zu sichern und nicht auf den Rückständen sitzen zu bleiben.

Schwarzenbeck: „Es war eine selbstverständliche Folge,
dass manche blockierte Person nunmehr begann,
das Geld zu horten und nicht mehr zu seiner Bank brachte.
Dies hatte wiederum zur Folge, dass vorhandene Sollstände
keine Bewegung mehr erfuhren."

Die juristisch undurchsichtige Lage aber macht es den Banken schwierig, Zins- und Tilgungszahlungen durchzusetzen. Gerade bei Unternehmen,
die treuhänderisch verwaltet werden, erlaubt die Militärregierung
in der Regel keine Zwangsmaßnahmen.

Bereits seit Kriegsbeginn 1939 gewährte die Sparkasse selten langfristige Kredite, auch die private Bautätigkeit war fast zum Erliegen gekommen. Schwarzenbeck: „Andererseits brachte die planlose Geldwirtschaft
des vergangenen Regimes eine ungesunde Kapitalanhäufung mit sich.
Somit war eine Überkapitalbildung vorhanden
und die Nachfrage nach Darlehen wurden zur Seltenheit."

Weniger Kreditvergaben bedeuteten für die Sparkasse Wolfratshausen,
dass sie ihr Geld anderweitig anlegen musste.
Das Dritte Reich nahm das Geld als Reichsanleihen,
finanzierte also mit Privatvermögen Aufrüstung und Krieg.
Die Reichsanleihen boten „eine verlockend höhere Verzinsung",
den Versprechen habe man, so Schwarzenbeck. „leider geglaubt".

Im Januar 1947, das neue Staatsgebilde Bundesrepublik Deutschland
ist noch nicht einmal konkret angedacht, sieht der Bankchef
allerdings große Schwierigkeiten, das Geld wiederzurückzubekommen. „Zinseingänge aus diesen Wertpapieren sind seit Kriegsende ausgeblieben."

Angesichts solcher Probleme fordert Schwarzenbeck Gesetze,
die es dem Staat unmöglich machen, „Zugriff auf Privatkapital zu nehmen". Denn: „Das Volksvermögen wäre, wenn die letzten beiden Kriege nicht Milliarden verschlungen hätten, für jeden Einzelnen so groß,
dass wir eines der reichsten Länder des Kontinentes wären."





Hoffen auf die Währungsreform


Wer mag da heute von Schulden reden?
700 Milliarden Reichsmark Miese hinterlässt das Dritte Reich den Deutschen. Dem entgegen stehen zahllose zerstörte Städte und ein Geld-Umlaufvermögen von gerade einmal 5,5 Milliarden Reichsmark -
weniger als 1914, vor dem Ersten Weltkrieg.

„Die Bankrotteure von gestern hinterließen uns ein vollkommen zerrüttetes Geld- und Wirtschaftsleben", berichtet Dr. Josef Schwarzenbeck,
Direktor der Kreissparkasse Wolfratshausen, ein Jahr später,
am 30. Januar 1948 dem Kreistag.

Die von Schwarzenbeck eröffnete Rechnung ist düster,
obwohl die Reparationszahlungen an die Siegermächte nicht einmal eingerechnet sind. Dabei wirken sie sich stark auf die Wirtschaftslage im Landkreis Wolfratshausen aus: Sämtliche funktionsfähigen Maschinen,
vor allem die Energieversorgung der ehemaligen Fabrik Wolfratshausen,
sind von den Alliierten abtransportiert oder gesprengt worden,
was den Neuaufbau einer „Friedensindustrie"  deutlich erschwert.

Geld ist gleichwohl nicht das Problem der Bürger.
„Das einzige, woran wir keinen Mangel haben, sind Geld
und in Geld umsetzbare Forderungen", so der Sparkassen-Chef.
Nur: Das Geld ist beinahe wertlos, weil es keinen Gegenwert hat.

Zudem ist 1947/48 noch unklar, wie die Schatzanweisungen
des Dritten Reichs zu behandeln sind, wer für die Kredite der Bürger
an den Staat gerade steht. Darum „ist es auch nicht möglich,
den Sparern eine verzinsliche Anlage ihrer Gelder zu gewährleisten", berichtet Schwarzenbeck.

So ist es auch kein Wunder, dass die Menschen im Landkreis
zwar kaum etwas zu essen haben, aber viel Geld auf der hohen Kante:
Zum Jahresende 1947 liegen auf den Sparbüchern der Sparkasse
13 Millionen Reichsmark.

Die Einlagen im Kontokorrentverkehr betragen 10,2 Millionen Reichsmark. Allerdings, so der Banker, „ist jener Teil der Bevölkerung,
der von seiner Hände Arbeit lebt, kaum mehr in der Lage, zu sparen".

Die andere Aufgabe der Wolfratshauser Kreissparkasse,
nämlich die Vergabe von Krediten, verleitet ebenfalls nicht zu Optimismus. Schwarzenbeck: „Das Lahmliegen unserer Wirtschaft hat zur Folge,
dass das Kreditbedürfnis im Vergleich zu früher
auf ein Minimum gesunken ist." Die Sparkasse Wolfratshausen
profitiert allerdings von ihrer Provinzlage und davon,
dass sie nur im Landkreis aktiv ist.

„Die Verluste einzelner kreditgebender Banken sind in Großstädten
zum Teil sehr erheblich, da ein Großteil der Pfandobjekte
durch Bombenschäden zerstört worden ist."

Schwarzenbeck hofft auf die in Aussicht gestellte Währungsreform,
„die eine Gesundung unseres Wirtschaftslebens zur Folge haben wird". Erwartet wird dadurch auch ein „hohes Kreditbedürfnis" der Wirtschaft.





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