Was will Thieme?

Pocci stellt Misstrauensantrag im Kreistag


Von Harmonie keine Spur: In der fünften Sitzung des Kreistags
am 2. Juli 1947 gerät Landrat Willy Thieme unter Druck.
Hans-Friedrich Graf Pocci aus Ammerland, der einzige Vertreter der Wiederaufbauvereinigung, stellt im Kreistag einen „Mißtrauensantrag".
Der Kreistag, so sagt er, werde nicht genügend über die Vorgänge
in der ehemaligen (Rüstungs-)Fabrik Wolfratshausen informiert.

Halbjährlich erstattet Landrat Thieme in den Kreistags-Sitzungen
Bericht über die Entwicklung des späteren Geretsrieds,
wo 1946 lediglich das Lager Buchberg auf der Böhmwiese
eine nennenswerte Besiedlung aufweist.

Bis zur Jahresmitte 1947 sind 19 Betriebe in die
so genannten „Voralpenwerke" eingewiesen worden,
die Produktion läuft allerdings nur eingeschränkt,
weil es an Rohstoffen, an Kohle und vor allem an Arbeitskräften mangelt.

Thieme spricht von „unhaltbaren Zuständen": „Es geht nicht an,
dass der Landkreis unter seiner Übervölkerung stöhnt, und ächzt,
auf der anderen Seite aber keine Arbeitskräfte zur Verfügung stehen."

Den Kreisräten genügt Thiemes Bericht allerdings nicht.
Das riesige Areal, umgeben von zwei Meter hohem Stacheldraht,
ist ihnen offensichtlich nicht nur wegen dessen Vergangenheit
als geheime Rüstungsschmiede unheimlich.

Kreisrat Fritz Bauereis, SPD: „Wir wissen von der Fabrik Wolfratshausen nichts. Eine Besichtigung wurde in der Kreisausschuss-Sitzung angeregt. Dazu ist unbedingt sachkundige Führung notwendig."

Für Unmut in der Bevölkerung habe auch das im Landratsamt
eigens für die Überplanung der Rüstungsbetriebe geschaffene Referat X gesorgt. Bauereis: „Aufgaben und Tätigkeiten sind unbekannt,
jedoch wird behauptet, dass die Tätigkeit über die Kompetenzen
des Referats weit hinausgehe, namentlich im Hinblick
auf die Benzinverteilungen."

Graf Pocci, der Bauereis' Kritik unterstützt, formuliert
aus der Diskussion heraus einen „Misstrauensantrag":
„Er richtet sich dahin, dass alles, was da oben geschieht,
sich praktisch für uns hinter Klausur ereignet.
Wir wissen nichts. Wir hören nur, können aber
keine Aus¬kunft erteilen und auch nirgends fragen."

Thieme reagiert verstimmt, ja verärgert auf die Pocci-Vorwürfe:
„Es befremdet mich, dass Sie angeblich nicht unterrichtet sind,
nachdem bereits in der vierten Kreistags- (am 27. Januar 1947, d. Red.)
und in Kreisausschuss-Sitzungen eingehend Bericht erstattet wurde."
Jeder Kreisrat habe jederzeit die Möglichkeit bei ihm, Thieme,
nachzufragen: „Ich fühle mich nicht schuldig, da ich
niemandem eine Auskunft versagt habe, im Gegenteil."

Auch über das Reizthema Benzinzuteilungen sei berichtet worden,
sagt der Landrat. Es handle sich um Sonderzuweisungen an neue Betriebe, die vom Referat X eigenverantwortlich, „nach einem bestimmten Schlüssel" verteilt werden: „Wir haben hier ein Exempel statuiert.
Wir als einziger Landkreis haben ein wirtschaftliches Unternehmen aufgezogen. Die Kompetenz haben wir uns durch unsere Arbeit erkämpft."

Die Besitzverhältnisse der Fabrik Wolfratshausen sind allerdings,
wie Thieme den Kreisräten bestätigt, undurchsichtig.
Verfügungsgewalt über das Gelände hat der „Property Control Officer"
der amerikanischen Militärregierung (auch IG-Farben-Offizier genannt),
auf deutscher Seite wird das Gelände irgendwann vom Landesamt für Vermögensverwaltung übernommen, so Thiemes Kenntnisstand.

Die Firmen treten als Pächter auf, allerdings sind noch keine Verträge geschlossen. Damit sei bis 1952 zu rechnen, so Thieme
(tatsächlich dauert es sogar noch vier Jahre länger, d. Red.).

Dem Kreistag genügen indes auch diese Auskünfte nicht.
Auf Antrag von Fritz Bauereis bildet das Gremium einen
dreiköpfigen Ausschuss, der die Arbeit des Referats X kontrollieren soll.
Pocci zieht darauf seinen „Mißtrauensantrag" zurück.

Landrat Thieme in seinem Schlußwort zu Überfremdungs-Bedenken:
„Der Bau einer Stadt von 12 000 Menschen wird sich auch
für die Firmen der Marktgemeinde nicht ungünstig auswirken.
Soweit sie sich gemeldet haben, sind einheimische Betriebe draußen."




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