Flüchtlingsleiden

Klage über Rattenschwanz von Verwandten



Die Worte von Captain Bird hatten Eindruck gemacht.
Zur Rede des Chefs der amerikanischen Militärregierung in Wolfratshausen, der die Kreisräte in der Sitzung am 30. Januar 1948 wegen ihres Umgangs
mit Flüchtlingen gemaßregelt hatte, gab es einige Diskussionsbeiträge.

Alois Reiser aus Münsing von der CSU drückt vor allem die Wohnungsnot:
In den Häusern der Einheimischen leben gleich zu Dutzenden Flüchtlinge, manche Familien haben nur noch einen einzigen Raum für sich.
Reiser: „Ich begrüße die intensiven Bemühungen des Landrats,
neue Arbeits- und Wohnräume zu schaffen, um endlich
eine Erleichterung in der Belegung der Bauernhäuser zu erreichen."

Zweifelsohne gebe es unter den Flüchtlingen sehr fleißige Menschen,
sie passten aber einfach nicht in die bäuerliche Umgebung.
Reisers Dietramszeller Fraktionskollege Schießl hat im Zusammenhang
mit dem Flüchtlingsproblem ganz andere Sorgen.

„Wir sehen es gerne, dass der eine oder andere, der früher
einen eigenen Betrieb besessen hat, sich selbständig macht.
Wir können aber nicht mehr länger zusehen, dass sich heute jeder
selbständig macht." Schießl sieht eine „enorme Übersetzung der Gewerbe" kommen. Darum sollten gerade jüngere Arbeitskräfte
erst einmal  bei einem „alten Meister" arbeiten müssen,
bevor sie sich selbständig machen dürfen.

Diese Schwierigkeiten sieht Landrat Willy Thieme nicht: Das Gewerbereferat lege strenge Maßstäbe bei Neuzulassungen an. Selbständige müssen
bei der Anmeldung Gesellen- oder Meisterprüfung nachweisen.

Als „Missstand" empfindet Kreisrat Graf Pocci (Ammerland)
vom Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE),
dass Neubürger und Flüchtlinge „immer einen ganzen Rattenschwanz
von mehr oder weniger verwandten oder verschwägerten Angehörigen mitziehen". Er fragt nach Maßnahmen dagegen.

Dr. v. Hoffmann, Leiter des Flüchtlingsamtes, verweist auf
die gesetzlichen Vorschriften, wonach Zuzug nur aus Gründen
der Familienzusammenführung, und da nur bei Eheleuten
und minderjährigen Kindern, sowie für Facharbeiter zulässig sei.
„Illegale Grenzgänger" erhielten weder Lebensmittelkarten
noch Zuzugsgenehmigungen. Sie würden zudem
dem Auffang-Lager Allach gemeldet.

Nach Meinung des Weidacher Bürgermeisters Fritz Bauereis (SPD)
greifen diese Regelungen nicht. Die Illegalen kämen nach Allach
und von dort würden sie wieder den Gemeinden zugewiesen,
wenn sich dort Verwandte oder Bekannte aufhalten, mit dem Hinweis,
sie nähmen keinen zusätzlichen Wohnraum in Anspruch:
„Die Praxis beweist jedoch, dass diese Leute nach kurzer Zeit
mit Wohnraumansprüchen an die Gemeinde kommen,
und die Verhältnisse vielfach ja auch tatsächlich so liegen,
dass ein längeres Zusammenleben der Leute unmöglich ist."



Suche nach Ausländern

Einige tausend Ausländer in den Munitionsfabriken,
dazu etliche Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter auf den Bauernhöfen.
Der Krieg verwandelte auch den Landkreis Wolfratshausen
in eine „multikulturelle Gesellschaft". Nach dem 30. April 1945,
dem Tag, als im Landkreis die Amerikaner einrückten,
verschwanden viele der Fremden aus dem Landkreis,
um in ihre Heimat zurückzukehren. Andere blieben jedoch hier,
neue kamen und lebten in den Lagern, etwa in Föhrenwald.
Zustandig für sie war die Ausländersuchstelle am Landratsamt.

Drei Mitarbeiter sind in der im Februar 1947 eingerichteten Suchstelle
beschäftigt: ein Leiter, ein Ermittler und eine Schreibkraft.
Auf Anordnung der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen,
UNRRA, müssen alle Quellen, die näheren Aufschluss über das Schicksal
von Ausländern geben können, erschlossen werden.

In den Archiven von Gemeinden und den Unterlagen von Unternehmen,
die Kriegsgefangene beschäftigten, wird geforscht.
Ergebnisse dieser Suche werden im UNRRA-Büro in Ansbach gesammelt
und von einem halben Dutzend weiterer Behörden ausgewertet.

Elf Formblätter je Vorgang erfordern genaue Recherchen.
Erste Ergebnisse der Arbeit teilte der Leiter der Suchstelle, Hans Graziadei, am 30. Januar 1948 dem Kreistag mit. Der gesamte Bereich der Rüstungsfabriken im Wolfratshauser Forst ist zu diesem Zeitpunkt
noch nicht durchgearbeitet.

Erfasst werden 42 Arbeitskommandos mit 950 Kriegsge-fangenen,
davon 600 Franzosen, 250 Russen, 13 Polen und 88 Serben,
vier Arbeitskommandos für Zwangsarbeiter aus Rußland und Polen (insgesamt 92 Menschen) sowie 5000 bis 7000 weitere Ausländer.

Auch über die Opfer des Todesmarschs vom KZ Dachau
durch den Landkreis gibt der Bericht Auskunft.
64 KZ-Häftlinge wurden in sieben Gräbern außerhalb der gemeindlichen Friedhöfe beerdigt, davon 40 in Degerndorf (Wald bei Bolzwang),
21 in Beuerberg, zwei in Königsdorf und einer in Manhartshofen.
Die Gräber in Königsdorf befanden sich nahe des Torfwerks.
Sie wurden, wie Graziadei berichtet, „von der Gemeinde in einen der Toten würdigen Zustand gebracht und mit einem Birkenkreuz versehen."

Weitere 93 KZ-Häftlinge wurden auf Gemeinde-Friedhöfen bestattet,
dazu 81 ausländische Fremdarbeiter, 23 Kinder und 34 abgestürzte Piloten alliierter Flugzeuge. Acht dieser Luftwaffen-Soldaten, deren Maschine
bei Puppling explodiert war, wurden 1947 von einer Militärkommission exhumiert und nach Amerika überführt.



Aufschwung durch Flüchtlinge

„Ich habe vor einem Jahr die Hoffnung geäußert,
dass es einmal heißen möge, dass der Landkreis Wolfratshausen
sich tapfer gegen das Chaos, das uns das Naziregime hinterlassen hat,
zur Wehr gesetzt hat. Das Jahr 1947 hat diese Hoffnung erfüllt."

Mit Zuversicht blickte Landrat Willy Thieme in der Kreistagssitzung
am 30. Januar 1948 in die Zukunft. Und in der Tat, die Berichte
der Referatsleiter vermittelten durchaus auch Lichtblicke
zwischen all den Schatten.

Der Leiter des Wohlfahrts-Referats Ottho (heute würde man von Sozialamt sprechen) gehört zu jenen, die Positives zu berichten wissen.
„Trotz der noch immer steigenden allgemeinen Not" muss der Landkreis immer weniger Fürsorge bezahlen. „Jeder Monat bringt jetzt
eine Reihe von Fällen, wo die Unterstützungszahlung eingestellt oder zumindest entsprechend gekürzt werden kann."

Das hängt auch damit zusammen, dass die Landesversicherungsanstalt,
die erst kurz zuvor ihre Arbeit aufgenommen hat, Renten bezahlt,
wo bis dahin noch der Kreis das Überleben der Menschen sichern musste.
Von 3240 Menschen im Landkreis (rund zehn Prozent der Bevölkerung),
die im Dezember 1947 auf Unterstützung angewiesen waren,
sind drei Viertel Flüchtlinge. Aber die Neubürger aus dem Egerland,
aus Schlesien und anderen Oststaaten sind auch am
wirtschaftlichen Aufschwung stark beteiligt.

Laut Gewerbeamt gehören 175 von 1000 Unternehm im Landkreis  Flüchtlingsfamilien. Sie haben vor allem Industrieunternehmen gegründet, von denen es 30 im Landkreis gibt. Dazu kommen 650 Handwerksbetriebe, 213 Einzelhandelsgeschäfte und 129 Gastwirtschaften
zwischen Baierbrunn und Königsdorf, Höhenrain und Sauerlach.

Stärkste Handwerksbranche sind übrigens die Schneider mit 139 Betrieben, 26 davon gehören Flüchtlingen. Diese Zahlen täuschen indes nicht
darüber hinweg, daß der Wirtschaftsaufschwung auf sich warten läßt. „Dahinschleppende Produktionen, Mangellage aller Güter, versteckter und offener Schwarzhandel und Hoffnungslosigkeit weiter Bevölkerungskreise:
Die Geschäftsmoral scheint immer weiter abzusinken."

Gerade Arbeiter und Angestellte, so der Bericht, hätten unter der Situation
zu leiden, weil sie für ihre Arbeitskraft nur wenig Geld erhielten.
„Am schlimmsten aber sind jene Menschen dran, die nicht ihre Arbeitskraft, auch nicht gegen Geld vergeben können, also Kranke, Versehrte
und alte Personen."

Gegen den Schwarzhandel scheint freilich kein Kraut gewachsen:
„Die Polizei ist mit viel zu viel Schreibkram und Kontrollgängen befasst,
so dass sie nicht genügend Zeit hat, zu langwierigen Fahndungs-
und Ermittlungsmaßnahmen." Die Schwarzhändler indes hätten
immer mehr Routine, „und hinter manch biederer Maske verbirgt sich
ein mit allen Wassern gewaschener Schieber".




Zwei Menschen pro Wohnraum

Die aus heutiger Sicht nicht mehr vorstellbare Wohnungsnot
ist eines der gravierendsten Probleme, die der Landkreis Wolfratshausen nach Kriegsende zu bewältigen hat. Im Durchschnitt sind
in jedem Wohnraum zwei Menschen untergebracht. Das Kreiswohnamt
sah unter anderem „moralische Gefahren, vor allem für
die heranwachsende Jugend". Gerade in den „Massenlagern'',
wie etwa Buchberg, seien die Zustände „äußerst dürftig",
wie es am 30. Januar 1948 in den Berichten an den Kreistag heißt.

Zu leiden haben auch alte Menschen. „Die beiden im Landkreis
errichteten Altersheime, das Haus Matuschka in Ammerland
und das Altersheim Schwaigwall, reichen bei weitem nicht aus,
um den Anforderungen gerecht zu werden." Geplant ist
darum in Schwaigwall, wo 53 Menschen leben, der Ausbau eines Stadels. Damit könnten weitere 150 Senioren untergebracht werden.
Aber, so der Bericht: „Die Hauptschwierigkeit liegt in der Beschaffung
der entsprechenden Baumaterialien und von Arbeitskräften."

Ähnlich sieht es auch auf dem Wohnungsmarkt aus.
Zwar ist der Zuzug nicht mehr so stark wie in den Jahren zuvor,
dafür aber häufen sich die Anträge auf „Wohnungsverbesserung".
Dies sei durchaus verständlich, heißt es, weil „einerseits die Flüchtlinge seinerzeit nur provisorisch untergebracht wurden, andererseits
durch das Heranwachsen der Jugend die Wohnverhältnisse
in vielen Fällen untragbar geworden sind".

Zusätzliche Wohnungen aber gibt es kaum, da mangels Baumaterialien
fast nichts neugebaut werden kann. „Es muss daher immer wieder zu Beschlagnahmungen kommen." Besonders betroffen sind die Gemeinden entlang der Bahnstrecke. Diese Orte seien „derart überfüllt,
dass Ansuchen monatelang unberücksichtigt bleiben müssen".

Eine neue Bestandserhebung einer Regierungskommission erfasste
427 leere Räume (keine Wohnungen, d. Red.). Die meisten Eigentümer haben gegen die Beschlagnahmungen jedoch Widerspruch eingelegt.
Die Bearbeitung von 200 Beschwerden verlangt dem Kreiswohnamt
einiges ab: „Viele Inhaber von Wohnungen, die es bisher verstanden haben, ihre Wohnungen zu tarnen oder eine Belegung zu verhindern,
reichten ebenfalls Beschwerden ein, um zumindest eine Verzögerung
zu bewerkstelligen." Das Gesetz, wonach leer stehende Räume
dem Amt gemeldet werden müssen, werde ohnehin nicht beachtet.

Auch die Zusammenarbeit zwischen Landkreis und Gemeinden
ist dadurch gestört. Oftmals vergeben Wohnungseigentümer
ihre Räume auch selber, und das Kreiswohnamt muss dann
„zu Unrecht eingezogene Mieter wieder aus den Wohnungen entfernen" - meist ist dies nur unter Mithilfe der Polizei möglich.

Fazit: „Ohne durchgreifende Belebung des Baumarkts
kann das Wohnungs¬problem nicht gelöst werden.
Eines Tages hört die Beschlagnahmung auf, die Menschenzahl
wird trotzdem größer und wir stehen vor unlösbaren Problemen."







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