Jugend verwahrlost

Kriminalität nimmt stark zu


Jugendkriminalität ist nicht erst ein Thema unserer Zeit.
Schon vor 50 Jahren, als die Menschen im Landkreis noch viel stärker
von christlichen Wertvorstellungen geprägt waren als heute,
gab es viele Klagen über Straftaten junger Leute.

In seinem Tätigkeitsbericht für 1947, vorgetragen in der Kreistagssitzung
am 30. Januar 1948, klagt der Leiter des Kreisjugendamts über eine Anhäufung von „Fällen der Verwahrlosung Jugendlicher, die früher nur
in berüchtigten Vierteln großer Hafenstädte möglich gewesen sind".

Das lässt sich schon an den statistischen Zahlen festmachen:
Musste das Kreisjugendamt 1946 noch 38 „gefährdete Jugendliche" überwachen, so waren es ein Jahr später bereits 48.
Die Zahl der gerichtlich angeordneten „Schutzaufsichten" stieg von 9 auf 21, und das trotz einer Justiz, die hoffnungslos überlastet ist
und sich ohnehin nur der schwereren Fälle annehmen kann .

Der Berichterstatter wörtlich: „Die Steigerung der seelischen und materiellen Not unseres Volkes bleibt nicht ohne Auswirkung auf die Jugendfürsorge."

Insgesamt wurden 110 Jugendliche straffällig - wegen aller möglichen
Delikte. „Allgemeine Verwahrlosung" wurde in 28 Fällen festgestellt.
Häufiger sind auch Diebstahlsdelikte (28), Hehlerei (16),
Sittlichkeitsvergehen (11) und Schwarzhandel (10).

Dazu kommen jeweils sechs Fälle von Übertreten des Jugendschutzgesetzes und Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung, fünf Vergehen
gegen Wirtschaftsgesetze, vier Mal schwerer Einbruch
und zwei Mal Körperverletzung.

Auch bei Ehescheidungen ist das Jugendamt gefragt:
In 54 Fällen sind 1947 Entscheidungen über das Sorgerecht
für die Kinder zu fällen. Nur 55 Prozent der geschiedenen oder ledigen Väter sind bereit, für den Unterhalt ihrer Kinder aufzukommen.
Allein „die Ermittlungen nach geflüchteten Kindsvätern
und die Einziehung der Unterhaltsbeiträge in der russischen Zone
und in Österreich verursachen umfangreichen Schriftwechsel".

Die Zahl der amtlichen Vormundschaften steigt 1947 von 305 auf 485,
„das umfangreichste Gebiet des Jugendamts". Gerade für die Mündel
wird intensiv nach den Unterhaltspflichtigen gefahndet,
„um die öffentliche Fürsorge zu entlasten".

Das Kreisjugendamt ist auf die Politik nicht so besonders gut zu sprechen. „Trotz vieler Reden über die Not unserer Jugend fehlt es
an wirklichen Taten." Es wäre, so heißt es, „ein sehr fruchtbares Aufgabengebiet für unsere Parteien, eine positive Jugendfürsorge
zu betreiben". Der Berichterstatter lädt darum die Kreisräte
zu persönlichen Gesprächen ins Amt ein,
„um die Erfordernisse der Zeit kennenzulernen.




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