Gute Zusammenarbeit

Captain Bird zieht eine Bilanz


Wenn der Wolfratshauser US-Statthalter Captain Bird spricht,
dann herrscht Ruhe, dann gibt es keine Widerworte.
Aus heutiger Sicht etwas seltsam muten die Machtstrukturen im Landkreis
Wolfratshausen anno 1947/48 an.

Das Wort des Landrats Willy Thieme gilt wenig, jedenfalls dann,
wenn Bird etwas sagt. Und dieser äußert sich vorzugsweise
vor dem Kreistag, um den Kommunalpolitikern Demokratie beizubringen.

Wie sich Landrat Thieme und Captain Bird tatsächlich vertragen haben,
das geht aus den Kreistagsprotokollen von 1947/48 nicht hervor.
Thieme jedenfalls behandelt den US-Offizier mit ausgesuchtem Respekt.
Am 30. Januar 1948, zwei Monate, nachdem Bird die Kreisräte ob ihrer Klagen über den drohenden Hunger abgewatscht hatte,
rühmt der Landrat vor dem Kreistag die Be-satzungsmacht.
Sie sei „im verflossenen Jahr mit großem Interesse und Hilfsbe-reitschaft unserer Arbeit entgegengekommen".

Captain Bird bekommt ein Sonderlob Thiemes:
„Aus all seinen Empfehlungen, die er unserem Amte gibt,
ist eine aufrichtige Herzlichkeit für unser Streben
und eine menschliche Anteilnahme an unserem Geschick spürbar."
Bird habe weit mehr geleistet, „als er nach seinem Reglement
vielleicht verpflichtet gewesen ist".

Dabei gibt es immer wieder Reibungen zwischen der Militärregierung
und den deutschen Behörden, vor allem wegen des Lagers Föhrenwald (heute Waldram, d. Red.), in dem die UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA heimatlose Juden vor ihrem Weitertransport nach Palästina unterbringt.
„Die Beziehungen zur UNRRA waren auch im vergangenen Jahr sehr gut", berichtet Thieme dem Kreistag. Und: „Es hat sich zwischen der Lagerverwaltung Föhrenwald und dem Landratsamt immer ein gangbarer Weg zur Lösung schwieriger Fragen gefunden."

(In Wirklichkeit spricht Thieme von „Problemen", verbessert das Wort aber handschriftlich in „Fragen", um den Militärs nicht auf die Füße zu treten.)

So handsam verhält sich Bird nicht. Er geht in seiner Ansprache
mit einigen Kreisräten hart ins Gericht.



Gerechtigkeit für Flüchtlinge

Die Hinführung der Deutschen zur Demokratie ist eine der Hauptaufgaben, die sich die Besatzungsmächte nach dem Zusammenbruch
des Dritten Reichs selbst auferlegt hat. Manche Besatzungsoffiziere
widmen sich diesem Thema stärker, andere weniger.
Captain Bird nimmt die politische Erziehung sehr ernst.
Er spricht am 30. Januar 1948 zum Kreistag.

„Meine Herren, heute morgen möchte ich Ihnen erst einmal
ein paar Ratschläge erteilen", so leitet Captain Bird seine Ansprache ein - und alle sind aufmerksam. Seine Ratschläge betreffen den Umgang
mit den Neubürgern im Landkreis, den Ausgewiesenen und Flüchtlingen
- zwei Begriffe, die Bird „nicht liebt", denn „diese Leute sind Deutsche,
wie sie alle hier auch".

Der Direktor der Militärregierung lobt die Eingliederungspolitik
von Landrat Willy Thieme und dessen Mitarbeitern. Der Landkreis
habe gezeigt, „dass er den Problemen in der heutigen Zeit
verständnisvoller gegenüber steht, als der Rest des durchschnittlichen Bayerns". Aber: „Ich muss leider sagen, dass es einige Leute im Kreis gibt, und zwar Leute, die in leitenden Positionen stehen,
die diese Einsicht nicht haben. Glücklicherweise bilden diese Leute
eine Minderheit in der Bevölkerung."

Streitpunkt ist die künftige Nutzung der einstigen Rüstungswerke
der Dynamit AG (DAG, heute Gartenberg) und
der Deutschen Spreng-Chemie (DSC, heute Geretsried-Süd).
Ausgerechnet in Gegenwart des US-Offiziers hat ein namentlich nicht genannter Bürgermeister die Frage gestellt: „Warum sollen wir so viel Geld,
in die DAG und DSC stecken, wenn vielleicht in ein paar Jahren
diese Leute sowieso wieder in ihre Heimat zurückgehen?"

Bird ist über diese Äußerung stinksauer: „Wo ist denn deren Zuhause?
Meine Herren, deren Zuhause ist hier im Landkreis.
Und je eher sich dieser betreffende Bürgermeister das vor Augen hält
und das versteht, umso besser wird es seiner Gemeinde gehen."

Das Geld für die Flüchtlinge sei „bestimmt nicht weggeworfen".
Kritiker der Programme für DAG und DSC sollten sich vor Augen führen, warum die Flüchtlinge zu Flüchtlingen wurden: „Deshalb,
weil sie nicht so leben wollten, wie die anderen Leute, wie die,
die sie aus ihrer Heimat vertrieben haben."

Wolfratshausen habe durch die Vertriebenen nur Vorteile, so Bird:
„Diese Leute waren nämlich die Klardenkendsten, die regsamsten
und fleißigsten Personen in ihrer Heimat." Mit ihrem Wissen
würden sie den Landkreis Wolfratshausen weiter voranbringen.
„Durch die Anstrengungen dieser Leute wird sich der Industriewert
des Landkreises Wolfratshausen um einige Male vergrößern und auch Ihre Bauernhöfe werden durch die Gedanken dieser Leute Nutzen ziehen."

Nach Hause gehen könne keiner der Ausgewiesenen, sagt der Offizier,
„denn sie sind ja jetzt zuhause". Sein Appell:
„Nehmen Sie sie auf als Gleichberechtigte."
Immerhin haben auch die Neubürger Wahlrecht,
„und die Stimme dieser Leute wird in jeder Gemeinde zu hören sein".

Captain Bird gibt den Kreisräten auch zu bedenken,
dass schon bald die Zahl der Flüchtlinge,
die der sogenannten Einheimischen übertreffen werde.
„Dies ist ein Problem, das weiß ich, dass nur von intelligenten Männern
gelöst werden kann, denn es verlangt rücksichtsvolles, vorsichtiges
und bedachtsames Vorgehen. Danke, meine Herren,
das ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe."





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