Beamte angegriffen

Landrat stellt sich vor Mitarbeiter



Schwarzhandel, Bestechung, eine überforderte Justiz,
eine heftig kritisierte Verwaltung - manches in den Berichten
aus der Sitzung des Wolfratshauser Kreistags am 15. November 1947 erinnert an Zustände in einer Bananenrepublik.

Landrat Willy Thieme stellt sich allerdings ausdrücklich vor seine Mitarbeiter und findet die Schuldigen für die Misere auf anderer, auf höherer Ebene.
Die Mitarbeiter der Kreisbehörde „werden beleidigt, bedroht
und sogar tätlich angegriffen", klagt Thieme.
„Dieser Zustand kann nicht weiter geduldet werden."

Mehr als andere Berufsgruppen erfülle der Öffentliche Dienst
die „harte Pflicht mit bescheidener Besoldung". In vielen Handwerkssparten, so der Landrat, „wird nur noch gearbeitet, wenn zum Lohn
zusätzliche Vergünstigungen in Lebensmitteln, Zigaretten
und anderen Dingen des täglichen Bedarfs gewährt werden.
Dieses Verlangen wird schon fast für in Ord¬nung befunden".

Solche Extravaganzen hätten die Mitarbeiter des Landratsamts
und der Gemeinden nicht zu erwarten, im Gegenteil:
Sie seien gehalten, sie als Bestechungsversuch zu melden.
„Es trifft sie deshalb der leichtfertige Vorwurf des überreizten Publikums doppelt zu Unrecht, wenn sie nicht wie Weihnachtsmänner
die Wünsche der Antragsteller befriedigen können
und dadurch unberechtigte Kritik heraufbeschwören."
So werde sich bald niemand mehr finden,
der in der Öffentlichen Verwaltung tätig sein will.

An die Kreisräte appelliert Thieme, die Bevölkerung
über die schwierige Arbeit der Behörden aufzuklären:
„Wir werden in Zukunft alle diejenigen, die so vorschnell
mit einem abfälligen Urteil zur Hand sind, etwas genauer unter die Lupe nehmen, und ich getraue mir schon jetzt zu sagen, dass es Menschen sind, die heute mit dem Schlagwort Demokratie operieren, während ihnen
von gestern her noch der Arm vom zackigen Deutschen Gruß schmerzt."

Thieme liefert im selben Vortrag auch noch ein Beispiel für das Versagen
der staatlichen Stellen: „Alle unsere Bemühungen im Landkreis,
das Räderwerk der Gutgesinnten in Bewegung zu halten, müssen scheitern, wenn an höchster Stelle das unsoziale Verhalten weiter Bevölkerungskreise nur debattiert und gegeißelt wird, aber ein entscheidendes Gesetz
gegen die totengräberischen Manieren der Schwarzhändler, Großschieber
und zersetzenden Kräfte nicht geschaffen wird."

Zur Verantwortung gezogen würden nur „kleine arme Sünder".
Für die Verfolgung der großen Fälle fehle es an Personal und Zeit.
Und wenn dann mal jemand gefasst wird, dann versagt die Justiz,
so Thieme, der ein Beispiel aus Wolfratshausen anführt:

Eine fünfköpfige Familie bezog ein Jahr lang zu Unrecht
doppelte Lebensmittelkarten in Wolfratshausen und in der britischen Zone. Das Gericht erkannte auf vier Wochen Gefängnis, der Angeklagte erhob Einspruch: „Das Urteil liegt nun schon sechs Monate zurück,
noch immer läuft der Sünder ungestraft herum, ja versteht es,
weiterhin mit dreister Stirn Ungesetzmäßigkeiten zu begehen."





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