Hilfe für München

Bauern müssen Hauptstadt miternähren



Der Landwirtschaft kam in der Nachkriegszeit eine besondere Bedeutung zu. Nicht nur, dass die Landeshauptstadt München von den umliegenden Landkreisen teilweise mitversorgt werden musste, auch die Ernährung
der eigenen Bevölkerung war Sache der Bauern vor Ort.

Lebensmittel-Transporte über weitere Entfernung waren schon
wegen des Benzinmangels kein Thema. Über die Situation vor Ort
berichtete Regierungs-Veterinärrat Dr. Ebersberger am 24. Januar 1947
dem Kreistag Wolfratshausen.

Laut Ebersberger sind die Stallungen 1946 gut gefüllt.
Zwar müssen die Bauern immer wieder Kühe und Bullen abliefern,
sie züchten aber mit allen verfügbaren Kräften nach.
Probleme dabei bereiten jedoch verschiedene Tierseuchen.

Die Maul- und Klauenseuche tritt zwar nicht auf,
dafür aber die Bang- und die Trichomonadenseuche,
vielfach wird auch über Unfruchtbarkeit der Kühe geklagt.
Ursache sind nach Meinung des Veterinärmediziners vor allem
der Mangel an Kunstdünger und an Kraftfutter.

Die Böden der Wiesen sind ausgelaugt,
es fehlt dem Futter an Vitaminen und Metallsalzen.
Die Schweinezucht spielt auch nach dem Krieg keine Rolle,
Schafe werden in größeren Herden vor allem in Baierbrunn
und in Straßlach gehalten.

Hausschafe werden nur für den eigenen Bedarf an Wolle gezüchtet.
Die Geflügelzucht ist dagegen Sache der Bäuerinnen.
Einige Geflügelfarmen versorgen die Bauernhöfe
im Landkreis Wolfratshausen mit Kücken.

Pferde sind 1946 ganz groß im Kommen.
Ebersberger: „Wohl noch nie sind im Bezirk so viele Pferde gehalten
und zur Zucht verwendet worden." Zum Decken der Stuten
dienen zehn Hengste eines Landwirts in Grafing (Landkreis Ebersberg).
Außerdem gibt es drei Trabergestüte in Icking, Straßlach und Otterfing
sowie eine Haflingerzucht in Mooseurach.

Milchsammelstellen und Molkereien sind über den gesamten Landkreis verteilt, allerdings lassen diese Betriebe, laut Veterinäramt,
„im Gegensatz zu den Metzgereien hygienisch viel zu wünschen übrig".
Die Maschinen sind veraltet und die baulichen Anlagen
in einem schlechten Zustand.

Ebersberger berichtet außerdem:
„Die Ausübung des tierärztlichen Berufs wurde
durch Mangel an Treibstoff und Fehlen der einfachsten Arzneimittel
und der Impfstoffe ganz erheblich erschwert, zeitweise unmöglich gemacht. Wenn es zur Zeit auch etwas besser geworden ist,
so ist doch noch lange nicht der Friedensstand erreicht.





Ein paar Schuhe für jeden dritten Bürger


Rückständige Provinz, technologiefeindliches Bergland?
Beileibe nicht, auch 1946 ernährte sich zwar noch ein Großteil der Bürger
im damaligen Landkreis Wolfratshausen von der Landwirtschaft.
Weniger modern als die Münchner waren die Menschen hier allerdings nicht, wie ein 1946 oder 1947 erstellter Vergleich des Landratsamts
über die Zuteilung wichtiger Verbrauchsgüter zeigt.

Bittere Not litten die Menschen in Wolfratshausen ebenso wie in München.
Besonders Kleidungsstücke wie Schuhe waren ebenso knapp wie kostbar. Laut Statistik bekamen die 39 500 Einwohner des Landkreises
12 750 Paar Schuhe zugeteilt. Anders ausgedrückt:
Zwei von drei Landkreisbürgern mussten mit dem Schuhwerk auskommen, das sie hatten. In München (772 000 Einwohner) bekam
wenigstens jeder zweite ein Paar neue Schuhe.

Dazu paßt eine Anekdote aus den Stunden vor dem Einmarsch
der Amerikaner am 29. April 1945: Wie ein Lauffeuer verbreitete sich
von Wolfratshausen bis Dorfen die Nachricht, dass ein amtliches Schuhlager von der Wehrmacht nicht mehr bewacht werde.
Von weither kamen damals die Menschen, um zu plündern.
Der Aufforderung der Besatzungsmacht, die Schuhe wieder zurückzugeben, folgte am Tag darauf kaum jemand.

Auch mit Möbeln und Schlafzimmern war München mehr gesegnet
als der Kreis Wolfratshausen: Hierher wurden 2300 Möbelstücke
(auf die Bevölkerung gerechnet: 0,039 Prozent) und 31 Schlafzimmer
(0,0007 Prozent) geliefert, die Landeshauptstadt bekam 72 068 Möbelstücke (0,093 Pozent) und 776 Schlafzimmer (0,001) zugeteilt.

Anders die Situation bei den Kinderwagen: Für Wolf ratshausen gab's 60 - das im Verhältnis der Einwohner Sechsfache von München (200).
Auch bei den Radios schnitt Wolfratshausen besser ab:
21 zu 256 in München.

Selbst mit Fahrrädern waren die Leute auf dem Land mehr gesegnet.
Ihnen wurden 94 Stück geliefert, München mit seinen 772 000 Einwohnern bekam nicht einmal 1000.

Allerdings schlug der Mangel an Reifen da wie dort gleichermaßen durch. Und auch Uhrenwecker, heute ein Drei-Euro-Artikel, waren Mangelware:
Im Landkreis Wolfratshausen konnten sich gerade einmal 93 Menschen morgens wachklingeln lassen.





Naturschützer des Amtes enthoben


Wer hätte das gedacht? Umwelt- und Naturschutz sind keine Erfindung
der 1970er Jahre, als der Freistaat Bayern richtungsweisend
für die ganze Bundesrepublik das erste Umweltministerium gründete.
Schon 1946, als das ganze Land unter dem verlorenen Krieg litt,
beschäftigte sich Dr. Kühn am Landratsamt Wolfratshausen
mit der Ökologie. Einen zugegebenermaßen recht kurzen
und wenig ermutigenden Bericht gab er dem Kreistag am 27. Januar 1947.

Das Gesetz, auf dem die Arbeit der Behörde beruhte,
stammte aus dem Jahr 1936. Während des Krieges
- die wehrfähigen Männer waren an der Front - ruhte die Arbeit
der amtlichen Naturschützer allerdings, wie auch noch nach Kriegsende.

Kühn: „Die Tätigkeit ist neuerdings durch die Ausschaltung
politisch belasteter Personen so gut wie zum Erliegen gekommen."
Das betreffe auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter: „Sowohl der Kreisbeauftragte für Naturschutz (Schulrat B. in Dingharting),
als auch die einzelnen örtlichen Beauftragten (fast ausnahmslos Lehrer) haben deshalb ausscheiden müssen."

Eingesprungen ist dafür die Bergwacht Wolfratshausen
unter der Leitung ihres Vorsitzenden Hartl.
Seit Frühjahr 1946 führt sie während der Blütezeit geschützter Pflanzen „Überwachungsgänge" in den Naturschutzgebieten durch,
insbesondere in der Pupplinger- und in der Ascholdinger Au.
Dr. Kuhns Appell: „Zu begrüßen wäre es, wenn sich recht bald eine
mit dem hiesigen Kreis und seiner Bevölkerung vertraute Persönlichkeit finden würde, welche das mühevolle, aber auch schöne Amt
des Kreisbeauftragten für Naturschutz überneh¬men würde."

Immerhin, der Krieg habe im Landkreis Wolfratshausen kaum gewütet:
„Die schöne Voralpenlandschaft ist so gut wie unbeschädigt geblieben.
Es kommt jetzt darauf an, sie auch in der Zukunft ungeschmälert zu erhalten, nicht nur im Interesse des Fremdenverkehrs, sondern zur Freude
der Einwohnerschaft selbst."




Thieme: Dirigent des (Amts-)Orchester


Das Schlusswort gebührte dem Landrat. Am Ende der Mammutsitzung
des ersten vom Volk gewählten Kreistags am 27. Januar 1947 standen
ein paar grundsätzliche Anmerkungen von Landrat Willy Thieme,
in denen er auch den Übergang zur Demokratie beleuchtete.
Auszüge aus Thiemes Ansprache:

Mit dem „Führerprinzip'', das Deutschland ab 1933 in die Katastrophe
geführt hatte, will Landrat Thieme nichts zu tun haben.
Er macht dies auch an kleinen Dingen deutlich.
Mussten Briefe an die Kreisbehörde bis 1945 den Adressat
„Der Landrat" tragen, so verlangt Thieme nur noch die Bezeichnung „Landrats-amt".

Sein Verhältnis zur Behörde vergleicht der SPD-Politiker
mit dem eines Dirigenten zum Orchester: Die Gesetze sind das Thema, Ausführungsbestimmungen die Noten, die Sachbearbei¬ter die Solisten,
die die ersten Geigen spielen, und der Landrat der Dirigent,
die die Einsätze vorgibt, das Tempo bestimmt
„und so das ganze Orchester zum Klingen bringt".

Nach knapp einjähriger Arbeit sieht Thieme auch das Verhältnis
zur amerikanischen Militärregierung in „gutem Einvernehmen".
Selbst die konfliktträchtigen Beziehungen zur UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA, die 6000 heimatlose, vorwiegend jüdische Ausländer
im Landkreis betreut, beschreibt der Landrat als „zufriedenstellend":
„Die UNRRA milderte manch harte Anforderung an uns
nach freundschaftlicher Aussprache".

Was nichts daran ändert, dass das Flüchtlingsproblem 1947
die härtesten Anforderungen stellt: „Die größte Bürde,
die dem Landkreis auferlegt wurde und die er willig auf sich nahm,
war die Einweisung der Evakuierten und heimatlos gewordenen, ausgewiesenen Deutschen aus dem Ostraum."

Zwischen 1939 und 1946 verzeichnete der Landkreis
einen Bevölkerungszuwachs um 62 Prozent und steht damit
an zweiter Stelle in Bayern. Der Durchschnitt in Oberbayern
wird um das Dreieinhalbfache überschritten.
„In der Prozentzahl sind nicht eingerechnet, die 6000 Verschleppten,
die große Wohngebiete in Anspruch nehmen, die früher von unserer heimischen Bevölkerung bewohnt wurden (etwa Lager Föhrenwald, das heutige Waldram, d. Red.)."

Für sie alle muss Wohnraum bereitgestellt werden, weshalb Thieme auch
ein Ende der Zuweisungen fordert: „Es erscheint mir nicht
als eine ablehnende Haltung gegenüber den jetzt noch Unterkunft Suchenden, wenn ich im Namen des Landkreises erkläre,
dass für den Augenblick Schluss gemacht wird."

Der örtliche Flüchtlingskomissar und das ihm unterstellte Kreiswohnungsamt seien „vollkommen desorganisiert" und hätten kein klares Bild mehr,
ob Wohnungen zur Verfügung stehen und „wie viele Unterkunftsbedürftige
ein menschenunwürdiges Quartier gegen ein besseres tauschen müssen".

Pessimistisch sieht Landrat Thieme auch die wirtschaftliche Situation
im bis dahin landwirtschaftlich geprägten Landkreis:
„Mit der starken Bevölkerungszunahme
wird eine gebieterische Änderung erforderlich."
Die Landwirtschaft könne das Erforderliche ohne staatliche Hilfe
auch nicht leisten, da es an Maschinen, Werkzeug, Hilfskräften, Arbeitskleidung und Kunstdünger fehle.

„Das Kapital der Bauern, sein Waldbestand, ist auf das Schwerste
durch die angeordneten Zwangseinschläge gefährdet."
Zwar gebe es Hoffnungen, durch Friedensindustrien in der einstigen (Rüstungs-)Fabrik Wolfratshausen verstärkt Arbeitsplätze zu schaffen.
Dafür sei allerdings auch die Mitarbeit der Besatzungsbehörden notwendig. Thiemes Fazit: „Die Existenzaussichten für das nächste Dezenium
sind unerfreulich."




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