Hungersnot droht

Lebensmittel-Mangel immer bedrohlicher



Keine Schuhe, keine Kleidung und auch an Kohle, Tabak und Seife fehlt es. Der größte Mangel aber herrscht im Winter 1947/48 bei den Lebensmitteln, die es, wie alles andere auch, nur gegen Zuteilungskarten gibt,
weshalb Landrat Thieme alle politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen
im Landkreis für 19. November 1947 zur Kreistagssitzung
ins Wolfratshauser Kino eingeladen hat. Am anschaulichsten macht
die Situation ein unbekannter Bürger, der am Tor des Nantweiner Friedhofs ein Schild anbringt: „Eingang zur 100. Kartenperiode".

Auf sieben eng beschriebenen Schreibmaschinenseiten beleuchtet
das Wirtschaftsamt Wolfratshausen die schwierige Versorgungslage.
Die Wirtschaft liegt auch infolge von Rohstoffmangel brach,
für 1948 ist schon erkennbar, daß die Schuhproduktion in Deutschland „aufgrund der anhaltenden Stromsperren und der Kohlennot
wieder ins Absinken gerät".

Eine Verbesserung sei nur zu erwarten, wenn Schuhe auch
aus dem Ausland eingeführt werden dürfen. Der Importanteil betrug
vor dem Krieg bei Rohware bereits 50 Prozent.

Die erwartete Ankurbelung der Produktion durch erhöhte Viehschlachtungen ist laut Bericht nicht eingetreten. Auch der Bedarf an Textilien
zur Schuhherstellung ist nur zu zwölf Prozent gedeckt.
Leidtragende sind vor allem Kinder: „Bei Eintritt des Winters
wird in unserem Landkreis der Engpass in der Fabrikation
der Kinderschuhe zur Katastrophe führen."

Dies seit darauf zurückzuführen, dass gerade Kinder
aus „entlegenen Ortschaften" die Schule nur zu Fuß
und auf schlechten Wegen erreichen können.

Auch die „Lage in Textilien verschlechtert sich von Monat zu Monat".
Problem hierbei ist allerdings, dass Fabrikanten und Großhändler
die Ware horten - bis zur angekündigten Währungsreform.

Die Verteilung an die Bürger erfolgt nach einem Punktesystem.
Drei Punkte stehen jedem einzelnen Bürger im vierten Halbjahr 1947 zu: Damit müsste er auf ein Herrenhemd zwei, auf einen Wintermantel zwölf
und auf ein komplettes Bett 36 Jahre warten. Drei Punkte entsprechen
einem Kopfschützer oder einem Taschentuch. Säuglingswäsche
sowie Bettwasche für Kinder und Erwachsene gibt es überhaupt nicht.

Wie gering auch die Lebensmittelzuteilungen sind, belegt ein Vergleich
des Ernährungsamts. Im Dezember 1945, also gut ein halbes Jahr
nach Kriegsende, bekommt der „Normalverbraucher" 400 Gramm Fett,
800 Gramm Fleisch und 3 1/2 Liter entrahmte Frischmilch zugeteilt.

Zwei Jahre später sind es noch 50 Gramm Fett, 400 Gramm Fleisch
und ein Liter Milch - für einen ganzen Monat wohlgemerkt.
Durften 1945/46 noch drei Zentner Kartoffeln eingelagert werden,
so war es 1947/48 nur noch ein Zentner -
zum Sterben zuviel, zum Leben zu wenig, wie's treffend heißt.



Not gefährdet die junge Demokratie


Wer trägt die Schuld am Hunger, der im Winter 1947/48 stärker
als je zuvor die Menschen im Landkreis Wolfratshausen peinigt?
Die Behörden, die die Lebensmittel nicht gerecht verteilen?
Die Bauern, die ihr Soll nicht erfüllen und stattdessen den Schwarzmarkt bedienen? Oder die Menschen selber, die nicht bereit oder fähig sind,
ihre Probleme zu bewältigen?

Eine passende Antwort darauf finden in der Kreistagssitzung am 15. November 1947 weder Kreisrat Graf Pocci (Wiederaufbauvereinigung)
noch dessen CSU-Kollege Andreas Paul Schmidt.

Pocci, ein Kreisrat, der sich häufig zu Wort meldet,
sieht die Schuld im System: „Wenn man in eine Maschine
oben nichts rein gibt, kann unten nichts herauslaufen."
Der Kreisrat aus Ammerland, Mitglied des Bunds der Heimatvertriebenen
und Entrechteten (BHE), äußert sogar Verständnis für die Bauern, die,
statt ihre Produkte an die staatlichen Stellen abzuliefern,
lieber den illegalen Markt bedienen.

Dorthin auszuweichen müsse der Bauer schon,
um die „abnormal hohen Steuern bezahlen zu können".
Außerdem: „Man darf den kolossalen Preisunterschied
zwischen einem Liter Milch und einem Liter Bier nicht vergessen."

Die katastrophale Lage kann nach Poccis Meinung sogar
zu einer Gefahr für die „junge Demokratie" werden:
„Es ist ihr nicht zuträglich, wenn immer nur Versprechungen
von allen Seiten gemacht werden, die nicht eingehalten werden."
Dasselbe Verfahren habe es ab 1933 auch in der Diktatur gegeben.
Pocci pathetisch: „Es geht nicht nur um unseren Kreis,
es geht um unser ganzes Land Bayern, um unser Vaterland."

CSU-Vertreter Schmidt appelliert an die Versammlung,
sich „dem Ernst der Lage nicht zu verschließen":
„Möchte ein gütiges Geschick geben, dass wir diesen vor uns stehenden,
wohl schrecklichsten Winter überstehen und unser Leben
und unsere Familie durchbringen."

Schmidt beschreibt auch die Machtlosigkeit des Kreistags,
die Ernährungslage zu ändern: „Zur Zeit bekommt ein Normalverbraucher
(Schwerarbeiter, Kranke und so weiter erhielten „Zuschläge", d. Red.)
in vier Wochen nur einen Liter Magermilch. Was uns fehlt, das wissen wir. Aber wir können nichts tun, weil uns Mittel und Wege fehlen."

Schmidt nimmt in seiner Rede die Bauern in Schutz und weist daraufhin,
dass die meiste Butter, die auf dem Schwarzmarkt erhältlich ist,
„in Papier der Molkereien eingewickelt ist". Er fordert eine Resolution,
um „dem Schiebertum und dem Schwarzhandel ordentlich
an die Gurgel zu gehen".

Mit seiner nächsten Äußerung handelt sich Schmidt allerdings
einigen Ärger ein: „Wir wissen, dass wir hier nicht weit von Wolfratshausen entfernt große Siedlungen und Lager haben und dass da vieles, vieles verbraucht oder auch verschoben wird, und wir haben es nicht in der Hand und unsere Polizei ist nicht in der Lage, dagegen einzuschreiten."
Schmidt spricht vom Lager Föhrenwald, in dem die UNRRA,
die UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA bis zu 6000 heimatlose Juden untergebracht hat.

Landrat Willy Thieme versucht die umstrittenen Äußerungen
ins Lot zu rücken. Laut Polizei sei an den Schwarzmarktgeschäften
„nur ein gewisser Prozentsatz Ausländer beteiligt",
auch „in unseren Reihen finden sich sehr viele zweifelhafte Elemente".
Der Schwarzmarkt funktioniere nur, wenn mindestens einer der beiden Partner Deutscher sei. Fünf Tage später entschuldigt sich
Andreas Paul Schmidt für die Äußerungen,
„durch die sich andere vielleicht betroffen fühlen könnten".




Kesseltreiben gegen den Bauernstand


Rund 400 Landkreis-Bürger diskutieren in der Kreistagssitzung
am 15. November 1947 über Auswege aus der drohenden Hungersnot.
Zu den entscheidenden Personen gehören die Bauern als Lebensmittelproduzenten. Der Vorsitzende der Bezirksbauernkammer und spätere Bundestagsabgeordnete Josef Eichner, Jasberg,
verliest eine Resolution, die mehrfach von Beifall unterbrochen und schließlich an das Landwirtschaftsministenum weitergereicht wird.

Besonderes Augenmerk findet Absatz B der Erklärung:
„Ausmerzung von Nutznießern im eigenen Stand."
Man nehme, so heißt es dort, „keinen Bauernbetrieb irgendwie in Schutz,
der sich bei der Ablieferung von Kartoffeln, Getreide, Milch
und anderen Produkten in deutlich nachweisbarem Rückstand befindet".

Im Gegenteil: Gefordert wird eine harte Bestrafung durch eine Art Sondergericht auf Bezirksebene - nicht um Geldbußen soll es gehen, sondern um die „Aberkennung der Wirtschaftsfähigkeit,
Entzug der Betriebsleitung, Zwangsverpachtung und Bodenwegnahme".

Im Gegenzug fordert die Landwirtschaft allerdings ein Ende des „systematischen und generellen Kesseltreibens (...)
gegen den Bauernstand" und protestiert gegen die „Lügen",
wonach allein die Landwirte „am Schwarzhandel, am Nichtfunktionieren
der Wirtschaft, am Elend der Städte schuld" sei.

Außerdem verlangen Eichner und seine Mitstreiter,
das der „angeschwollene Verwaltungsapparat" der Ernährungsämter abgebaut und die staatliche Bewirtschaftung in Bereichen abgeschafft wird, wo sie überflüssig geworden ist. Laut Bauernkammer gehe in manchen Sparten bis zu 90 Prozent der Produktion in den Schwarzhandel.



Selbst die Kühe leiden Hunger

Drei Monate nach dieser Kreistags-Sitzung, am 30. Januar 1948;
jagt eine Hiobsbotschaft die andere -gleich, um welches Thema es geht.
Zu allem Überfluss haben auch die Bauern zu kämpfen,
mit Missernten und Viehkrankheiten, wie das Veterinäramt berichtet.

Als „Hungerjahr für unsere Tiere" bezeichnet Amtsleiter Ebersberger
das Jahr 1947: „Eine schon im Frühjahr einsetzende Trockenheit,
mit einer nachfolgenden bis in den Herbst anhaltenden Dürre,
ging über das ganze Land und verursachte katastrophale Schäden."

Der Grundwasserspiegel sinkt so tief, dass auf vielen Höfen
das Wasser für den Stall kilometerweit aus stehenden Gewässern,
Weihern und Flüssen in Jauchefässern geholt werden muss.
„Ein Umstand, der auch nicht günstig auf die Gesundheit der Tiere
einwirken konnte", so der Amtsleiter.

Die ungünstige Witterung schadet natürlich auch der Ernte:
Heu und Grummet gibt's wenig, und der karge Ertrag ist
von schlechter Qualität, weitgehend verholzt. „Auch die Herbstweiden,
die das Futter für den Winter sparen sollten, waren völlig ausgetrocknet
und dürr, so dass schon in diesen Wochen der wenige Futtervorrat verwendet werden mußte."

Die Folge: Der Viehbestand muss zu Beginn des Winters verringert werden
- und das in einer Zeit, in der landesweit eine Hungersnot droht.
Die schlechte Futterqualität zeigt sofort Wirkung:
„Milch- und Fettleistung gingen in erschrek-kendem Maße zurück.
Not-und Krankschlachtungen mehrten sich in einem
noch nie dagewesenen Maße." Die Kühe bekamen Tuberkulose
und Wassersucht, zudem wurden bei den notgeschlachteten Tieren Fremdkörper gefunden.

Ebersberger: „Ich führe das auf den Umstand zurück,
dass bei dem Mangel an Futter der Rest am Scheunenboden zusammengekehrt und als Futter den Tieren verabreicht wurde."
Hungernde Tiere verschlucken Rüben und Kartoffeln im ganzen.

Falschgewählte Gegenmaßnahmen taten das Übrige:
„So genannte Sachverständige stießen den Fremdkörper
mit dem Schlundrohr gewaltsam in den Magen, wobei der Schlund durchstoßen und die Notschlachtung veranlasst wurde."

Die Tiere mussten lange leiden. Wegen Überlastung kann der Tierarzt
oft erst nach Tagen auf den Hof kommen. Auch der Gesundheitszustand
der im Landkreis gehaltenen Schweine ist vielfach erbärmlich:
Die Tiere leiden an Spulwürmern, an Rachitis, an Rotlauf und Ferkelgrippe.

Einzige positive Nachricht des Amtstierarztes: „Der Bezirk ist
glücklicherweise frei von anzeigepflichtigen Seuchen geblieben.
Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche hätte eine
unabsehbare Katastrophe herbeigeführt."




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