Captain Birds Appell

Besatzungsmacht leistet Hilfe zur Selbsthilfe



„Sie können sich selbst helfen. Sie müssen sich auch selbst helfen."
Mit diesen Worten beendete der Chef der amerikanischen Militärregierung
in Wolfratshausen, Captain Bird, am 15. November 1947
seine Ansprache vor dem Kreistag.

Landrat Willy Thieme hatte zu dieser außerordentlichen Sitzung
im Kino in der Bahnhofstraße auch Behördenvertreter, Lehrer sowie die Leiter der Arbeiter-, Handwerks- und Gewerbeverbände einberufen:
Die katastrophale Ernährungslage ließ für den bevorstehenden Winter
das Schlimmste befürchten.

Die Rede von Captain Bird verdient es, in Auszügen zitiert zu werden. Ungeschminkt, ohne Pathos beleuchtet er die Situation in Deutschland
und im Landkreis Wolfratshausen und stellt die Probleme
in einen globalen Zusammenhang: „Es ist mir kein Geheimnis,
dass Deutschland sehr sehr knapp an Lebensmitteln ist.
Jede Besatzungsmacht steht diesem Problem gegenüber.

Und dieses Problem ist mehr das Ihre als das unsere.
Ich würde aber gerne wissen, ob Sie sich alle bewusst sind,
dass nicht nur Deutschland heute hungert. Wissen Sie,
dass jedes Land auf der Welt heute an einer Lebensmittelknappheit leidet. Deshalb wollen wir jetzt aufhören, immer nur uns selbst zu bemitleiden
und lieber etwas beginnen."

Bird zählt Länder auf, denen es 1947 noch schlechter geht als Deutschland: Japan, Korea, Indien, Vorderasien oder auch China,
wo seit 20 Jahren Krieg herrscht. „Wie würde Ihnen das gefallen?"
Lediglich die USA und Kanada, so der Offizier, verfügten noch über Nahrungs-Reserven. „Nicht nur Deutschland fragt nach Lebensmitteln
und erhält Lebensmittel, sondern die ganze Welt.
Meine Herren, es gibt eine Grenze."

Die liegt zu diesem Zeitpunkt bei 20 Prozent: So hoch nämlich
ist der Anteil der amerikanischen Hilfslieferungen
am deutschen Verbrauch von Nahrungsmitteln.

Zwei Monate ist Captain Bird zum Zeitpunkt seiner Ansprache
in Wolfratshausen stationiert, „ich fange beinahe an,
mich als Einheimischer zu fühlen". Als solcher hat Bird
auch die Probleme vor Ort kennengelernt:
„Das Verhalten des durchschnittlichen Deutschen ist,
dass er sich über den Schwarzmarkt beklagt. Und jeder von Ihnen weiß,
dass beträchtliche Mengen von Lebensmitteln in den Schwarzmarkt gehen, die eigentlich normal an das Ernährungsamt abgeliefert werden sollten.

Aber alles, was Sie tun ist, dass sie über die schlechten Zeiten klagen
und da verfluchen Sie den Schwarzmarkt zwischen sich und unter sich,
und beklagen sich, dass Sie Schwarzmarkt treiben müssen, um zu leben.
Auf der einen Seite beklagen Sie den Schwarzmarkt,
auf der anderen Seite unterstützen Sie ihn. Das kann nicht so weitergehen."

Die eigentlichen Feinde sind nach Ansicht des US-Offiziers die Bauern,
die Kaufleute und die Industriebesitzer, die trotz der Notzeit
nicht alles abliefern, was sie eigentlich abliefern müssen.
Bird zitiert einen Ausspruch des amerikanischen Generals Clay,
„der sehr gut hierher passt".

Clay sagte: „Ein Staat muss immer stark sein,
um zu sehen, dass die eigenen Gesetze durchgeführt werden.
Sie haben sehr strenge Gesetze gegen den Schwarzmarkt,
und auf Schwarzmarkt stehen sehr strenge Strafen, aber diese Gesetze
sind nichts wert, wenn Sie diese Gesetze nicht erzwingen."

Eine Kette sei immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied.
Bird: „Überlegen Sie sich einmal: Sind Sie, jeder einzelne von Ihnen,
vielleicht das schwächste Glied?"



Absage ans Selbstmitleid

Stark erschüttert'' sei er von den Worten des Chefs der Militärregierung, sagte Kreisrat Graf Pocci (Ammerland) nach dessen Rede.
Aber: „Es ist uns vom Jahre 1933 an alles mögliche versprochen
und nichts gehalten worden, und es erweckt den Anschein,
als ginge es in derselben Weise weiter."

Resigniert klangen die Worte Poccis. Die Appelle zur Selbsthilfe in der Rede von Captain Bird weckten bei den Zuhörern keine neuen Hoffnungen.
„Fahren Sie immer fort, sich selbst zu bemitleiden?"
Captain Bird stellt den Kreisräten immer wieder dieselbe Frage.

Er provoziert und fordert die Kommunalpolitiker heraus:
„Keiner von Ihnen sieht eigentlich aus, als ob er hungern müsste.
Wenn ich die Hand ausstrecke, dann zeigt jeder Finger
auf einen Mann, der bestimmt mehr wiegt als ich,
und das ist eine Tatsache, meine Herren. Sie müssen anfangen,
sich nun selber zu helfen. Sie können nicht erwarten,
dass Sie immer weiter gefüttert werden."

Bird vergisst nicht zu erwähnen, dass es im Sommer 1947
eine große Trockenheit in Deutschland gegeben hatte,
die „einen großen Teil der Ernte vernichtete". Davon aber seien auch
andere Länder betroffen gewesen: In den USA sei fast
die gesamte Maisernte vertrocknet. Bird: „Ich bin nicht hier
und rede aus Stolz für mein Land, sondern ich bin hier,
um Ihnen Tatsachen zu sa¬gen."

Ein genauer Ablieferungsplan für Lebensmittel sei von der Militärregierung
festgesetzt und durch den Kreistag bestätigt worden:
„40 Prozent des Ablieferungssolls für Brotgetreide hätte Ende Oktober
erfüllt sein sollen und 60 Prozent des Kartoffel-Ablieferungssolls
sollte eigentlich Ende Oktober erfüllt sein."

Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, um die Bauern zu zwingen, die Abgabemengen einzuhalten, stehe den Bürgermeistern
das Kontrollratsgesetz Nr. 45 zur Verfügung. Es werde nicht genutzt,
stattdessen floriere der Schwarzmarkt, beklagt Bird.

„Ich werde jeden Bürgermeister auffordern, mir einen Bericht zu erstatten.
Ihr erster Bericht sollte eigentlich heute (Samstag, d. Red.) bei mir einlaufen, ich gebe Ihnen aber Zeit bis Mittwoch." Der Offizier fordert
präzise Informationen über die landwirtschaftlichen Erzeugnisse,
die zur Verteilung an die Bevölke¬rung abgeliefert wurden,
über Weizen, Roggen, Hafer, Gerste und natürlich Kartoffeln.

Selbst Landrat Thieme ist von der Rede Birds beeindruckt.
„Diesen ungeschminkten Ausführungen ist nichts hinzuzufügen."
Wegen des Klagens und Jammern in der Bevölkerung,
weist Thieme darauf hin, „dass eben die tragische Seite des Lebens
leicht anzuerziehen ist. während Beschwingtheit und Heiterkeit
dem Menschen in die Wiege gegeben sein muß". Thieme weiter:
„Wir haben schwere und harte Zeiten hinter uns und vor uns,
so dass es entschuldbar ist, das tägliche Leid immer wieder zu berühren."




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