Kartoffelkäfer

Wassersuppe und Gemüse für die Arbeiter



Die Not der Nachkriegsjahre ist kaum vorstellbar.
Während es heute Nahrungsmittel im Überfluss gibt,
waren 1946/47 selbst in einem so landwirtschaftlich geprägten Landkreis
wie Wolfratshausen Grundnahrungsmittel Mangelware.
Beispiel Kartoffeln: Sie wurden zwar überall im Land-kreis angebaut,
infolge der Zwangsbewirtschaftung waren sie aber kaum verfügbar.

In einem Bericht vor dem Kreistag am 2. Juli 1947
beklagt der Leiter des Wirtschafts- und Ernährungsamtes die Mängel
in der Kartoffelversorgung. „Sie bildet den größten Engpass.
Die Belieferung der Gaststätten und Heime und der noch nicht eingelösten Kartoffel¬marken ist unmöglich."

Auch mehrmalige Vorsprachen beim Kartoffelwirtschaftsverband
haben nichts gebracht, so der Beamte. „Die Mittags- und Abendverpflegung des Arbeiters besteht nur aus einem Teller Wassersuppe
und ein paar Löffeln Gemüse. Die Erschöpfungserscheinungen
nehmen deshalb von Tag zu Tag zu."
Einzige Hoffnung sei die neue Ernte im Herbst.

Aber auch die ist in Gefahr. Laut eines Berichts von Landrat Willy Thieme
ist „die Kartoffelkäfergefahr im Zunehmen begriffen".
Vor allem in Schäftlarn, Ascholding und Straßlach seien bereits größere „Befallstellen" mit mehreren hundert Käfern und ihren Larven festgestellt worden. In den Gemeinden Oberbiberg, Deining, Osterhofen und Egling
ist der Kartoffelschädling ebenfalls schon entdeckt worden.

Für Thieme ist all dies all dies auf ein Versagen des Suchsdiensts
zurückzuführen, für den Arbeitslose und komplette Schulklassen
zwangsverpflichtet werden. „Er funktioniert in keiner Weise.
Weite Bevölkerungskreise sind uninteressiert." Behördliche Anordnungen würden nicht beachtet, klagt der Landrat: „Die Gefahrenlage,
die durch das Anwachsen der Kartoffelkäfer gegeben ist,
wird völlig verkannt und zum Teil auch bösartig nicht beachtet."

Der Landrat appelliert an die Bürgermeister,
„auf die Durchführung des Suchdiensts größeren Nachdruck zugeben". Gegen Verweigerer soll „mit den im Gesetz vorgeschriebenen Strafen vorgegangen" werden. Die Bekämpfung des Schädlings ist
zwar einfach, aber mühsam. Die Käfer müssen von den Kartoffelpflanzen abgesammelt und dann zwischen zwei Fingern zerdrückt werden.



Ernteausfälle drohen


Die katastrophale Ernährungssituation im Landkreis Wolfratshausen
ist am 15. November 1947 Thema einer Sondersitzung des Kreistags
im Wolfratshauser Kino. Nach mahnenden und kritischen Worten
des amerikanischen Befehlshabers, Captain Bird,  veranschaulichen Berichterstatter der Ernährungsämter die Situation. Den Anfang macht
der ehrenamtliche Leiter des Ernährungsamts A.

„Panikstimmung" sei nicht angebracht, versucht Roth die Kreisräte
zu beruhigen. Seine Zahlen strafen ihn indes Lüge. So sollen die Bauern
bei einer Gesamtanbaufläche von 880 Hektar im Landkreis im Jahr 1947, gemäß staatlicher Verordnung, 5580 Tonnen Lebensmittel
zur behördlichen Verteilung abliefern, nach 3000 Tonnen im Vorjahr.
„Dieses Soll ist einfach unerfüllbar" stellt Roth fest.

Bei Überprüfungen der Bauernhöfe wurden gerade einmal
zusätzlich 400 Tonnen Lebensmittel erfasst, eine weitere Nachkontrolle
sei geplant. „Jeder überzählige Zentner muss erfasst werden.
Lediglich Saatgut und Selbstversorgerbedarf haben am Hof zu verbleiben."

Immerhin ist die Kartoffelversorgung für den Landkreis
im Winter 1947/48 zu 90 Prozent gesichert.
Kritisch ist die Lage nicht zuletzt durch Ernteausfälle im Sommer 1947.
Allein bei Gemüse werden sie auf 40 bis 50 Prozent geschätzt.
Trotzdem kann die Wintereinlagerung für Krankenhäuser,
Alters- und Kinderheime „restlos durchgeführt werden".

Pro Kopf und Woche stehen 1000 Gramm Gemüse zur Verfügung.
Den Gaststätten werden 250 Gramm pro Essensportion zugewiesen.
An Obst werden dem Landkreis 505 Zentner geliefert,
teils von minderer Qualität, außerdem werden 3055 Flaschen Apfelsaft verteilt - bei einer Einwohnerzahl von knapp 40 000 Menschen.

Abwärts geht es auch mit der Milchwirtschaft: Wurden im Kriegsjahr 1944
im Landkreis noch 27 Millionen Liter abgeliefert,
so sind es zwei Jahre später nur noch 20 Millionen Liter
- bei durch Flüchtlinge stark gestiegener Bevölkerungszahl.
Allein in den ersten drei Monaten 1947 beträgt der Rückgang
nochmals 30 Prozent, bedingt auch, so Roth,
„durch erhöhten Milchverbrauch bei den Bauern".

Zudem fehlen landwirtschaftliche Geräte. Schlachtvieh darf
nur innerhalb des Landkreises verbraucht werden.
Durch Viehseuchen und andere Krankheiten ist allerdings
die Zahl der Notschlachtungen von üblichen 35 Prozent auf 85 Prozent angestiegen. Da hier unkorrektes Handeln der Bauern vermutet wird,
hat Roth die Regelung erlassen, dass sie nur in Ausnahmefällen
aufs Ablieferungssoll angerechnet wird.




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