Arbeitsnotstand

Industrie fehlen die Mitarbeiter



Die Klage ist heute so aktuell wie vor 50 Jahren:
Auf der einen Seite muss der Staat für viele Beschäftigungslose Unterstützung leisten, und auf der anderen Seite gibt es einen Arbeitskräftemangel.

Mit diesem Phänomen musste sich 1947 auch der Wolfratshauser Landrat Willy Thieme herumschlagen und erstattete dem Kreistag am 2. Juli 1947 über seine Bemühungen und die Situation Bericht.

Die Rede ist von „Scheinarbeitsverhältnissen"
und vom „Sinken der Arbeitsmoral". Thieme bittet sogar
den Präsidenten des Landesarbeitsamt Bayern-Süd um Hilfe
wegen des „Arbeitsnotstands".

Gerade für die im Aufbau befindliche Industrie in der Fabrik Wolfratshausen (heute Geretsried, d. Red.) besteht ein großer Bedarf an Arbeitskräften. Thieme läßt eigens die Arbeitskarteiblätter der Gemeinden Königsdorf,
Beuerberg und Gelting (Lager Buchberg gehört dazu, d. Red.) durchsehen, da hier die meisten Vertriebenen untergekommen sind.
Auch die Lebensmittelkarten werden zur Überprüfung der Arbeitsfähigkeit herangezogen. Das Ergebnis ist entmutigend.

Gerade einmal 24 Leute werden aufgestöbert,
die der allgemeinen Aufforderung, zu arbeiten, nicht nachgekommen sind.
Viele andere Flüchtlinge sind hingegen zu alt oder können
aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten.

Ein weiterer Grund: „Erschwerend für den Arbeitseinsatz
von jüngeren Frauen ist, dass nach den Bestimmungen des Arbeitsamts verheiratete Frauen mit eigenem Haushalt, selbst wenn sie
keine Kinder haben, nicht zur Arbeit verpflichtet werden können."

In diese Gruppe fallen gerade jene Frauen, deren Männer
im Kriegseinsatz vermisst werden oder die in Gefangenschaft sind.
In Zusammenarbeit mit Arbeitsamt und Ortskrankenkasse lässt Thieme weitere Unterlagen auswerten. Das Ergebnis:

Von 20 000 registrierten Arbeitskräften stehen 15 000 als Arbeiter, Angestellte oder Beamte in einem Beschäftigungsverhältnis
- zwei Drittel Männer, ein Drittel Frauen. Welchen Anteil daran
Vertriebene haben, macht Thieme an einer anderen Zahl deutlich:
Zwar hat die Bevölkerung  um 62 Prozent zugenommen,
die Zahl der Arbeitskräfte aber nur um 24 Prozent.

Aber das ist nicht allein Grund dafür, warum 1947 die Produktionsleistung nicht einmal halb so hoch ist wie vor dem Krieg: Entscheidender sind die knurrenden Mägen. Thieme: „Die Leistungsfähigkeit der Arbeiter
dürfte sich aus Ernährungsgründen um schätzungsweise 40 Prozent vermindert haben." Weil es ausgerechnet am Grundnahrungsmittel
Kartoffeln mangelt, nimmt der „Normalverbraucher" täglich
nur rund 900 Kalorien (wie 150 Gramm Schokolade, d. Red.) zu sich.




Menschen sind zu erschöpft


Um den desolaten Zustand des Arbeitsmarktes näher zu beschreiben,
bringt der Landrat in seinem Bericht ein Beispiel:
Den Bau einer neuen Brücke über den Loisachkanal bei Gelting
(die alte war von der SS vor dem Einmarsch der Amerikaner gesprengt worden, d. Red.). Weil die Arbeiter nicht in der Lage waren,
eine ganze Schicht durchzuhalten, konnte der Neubau
nicht zum vorgesehenen Zeit¬punkt abgeschlossen werden.

Von 60 dafür eingeteilten Arbeitskräften waren überhaupt nur 20
in der Lage, zu arbeiten, und diese mussten spätestens um 14 Uhr
erschöpft aufhören. Weite Wege etwa vom Lager Buchberg
zur Arbeitsstelle in Gelting sorgten dafür, dass die hungrigen Männer
schon erschöpft waren, wenn sie erst mit dem Arbeiten anfingen.

Zudem fehlt es an Werkzeug sowie an Kleidung und Schuhen.
Thieme berichtet: „Die übermäßige Belastung der Bäuerinnen
schon in der Kriegszeit wirkt sich in vorzeitigen Verbrauchserscheinungen aus." Die Bauern hingegen sind dadurch behindert, dass sie mangels Ersatzteilen auch mit kaputten Maschinen weiterarbeiten müssen.

Den Fleischern fehlen Scheuerlappen und Messer,
den Sattlern das Flickleder, den Schmieden die Schmiedekohle,
den Schreinern der Leim und den Friseuren die Kämme.
Die Folge: Es wird gestohlen, was das Zeug hält - nicht nur zum eigenen Bedarf, sondern auch zum Tausch gegen Nahrungsmittel. Thieme:
„Die sittliche Verwilderung in allen Ständen hat heute weite Verbreitung."

Der Landrat äußert dafür aber auch ein wenig Verständnis. Denn:
„Die Verschlechterung der Wirtschaftslage macht die Bevölkerung hoffnungslos." Die Löhne seien nicht mehr ausreichend,
um Familien zu ernähren. Schuld daran sei auch
das „anfängliche Versagen" der Bezugskarten-Wirtschaft.
„Dadurch wird der illegale Handel zu einem nicht mehr zu übersehenden Faktor im wirtschaftlichen Leben."

Besonders stark abgelehnt wird die Arbeit auf den Bauernhöfen.
Aber gerade dort ist der Mangel an Arbeitskräften groß.
Thieme: „Die Landarbeit ist bei den arbeitssuchenden Kräften
wegen der Freizeitbeschränkung wenig beliebt."

Besonders die Landjugend drückt sich nach Thiemes Erkenntnissen
vor der Stall- und Feldarbeit, in der Befürchtung, sich damit den Zugang
zu einem gewerblichen Beruf zu verbauen und als Hilfsarbeiter zu enden.
Der Landrat fordert darum, Mittel und Wege zur Umschulung von Landarbeitern. „Eine solche Planung wäre die beste Werbung."

Gerade auf den Bauernhöfen wirkt sich der Arbeitskräftemangel aber besonders negativ aus. Wenn die Ernte nicht eingefahren werden kann,
kann auch die Stadtbevölkerung nicht mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Andererseits: Wer dort arbeitet, lässt sich mit Getreide, Eiern,
Fleisch und Fett bezahlen und nicht mit Geld. „Die Lebensmittel,
die dadurch der Allgemeinheit entzogen werden, sind beträchtlich."

Zudem wird auch direkt auf den Äckern „organisiert"
- vor allem im Umfeld des Lagers Buchberg, wo vielfach die Saatkartoffeln vorzeitig ausgegraben werden. Thieme zur Flüchtlingsproblematik:
„Die Zusammenballung von zur Entwurzelung gebrachten Menschen
in größerem Umfang, ohne sie vorläufig in ein normales Wirtschaftsleben einzubauen, ist so eine ständige Gefahr der weiteren Demoralisierung
und Verärgerung weiter Bevölkerungskreise."





Seitenanfang




Nächstes Kapitel


Voriges Kapitel