Der Bezirksamtmann

Landrat ist ein Titel der Nazis



Bezirksamtmann - so würde Manfred Naglers Amtstitel heute lauten,
wenn das Bayerische Innenministerium 1947 an seinen Plänen
zur Novellierung der Landkreisordnung festgehalten hätte.
Noch etliche andere Umbenennungen und Neuerungen waren geplant.
 Was Landrat Willy Thieme dem Kreistag am 2. Juli 1947 berichtet,
ist alles noch nicht offiziell:

Zum 1. April 1948 soll eine neue Bezirksordnung in Kraft treten,
die die nach Kriegsende mit heißer Nadel gestrickte vorläufige Landkreisordnung ersetzt. Einige wichtige Neuerungen seien
,,mit Sicherheit" zu erwarten. Dazu gehört, daß das Landratsamt
den Namen Bezirksamt erhält und der Landrat den Titel Bezirksamtmann.

Beide Umbenennungen wurzeln in dem Willen mit den Überbleibseln
der Nazi-Diktatur zu brechen: Die Bezeichnung Landratsamt und Landrat waren von den Nationalsozialisten eingeführt worden.
Natürlich war der Landrat - in Wolfrats¬hausen Adolf v. Liederscron -
auch nicht demokratisch gewählt, sondern von der Partei ins Amt berufen.

Wie Thieme aus dem Innenministerium erfahren hat,
sollen mit Inkrafttreten der neuen Bezirksordnung die Wahlen
nur noch alle sechs Jahre stattfinden, zudem soll der Landkreis
die Zuständigkeit für den Straßenbau bekommen, also:
,,nicht nur zahlen, sondern auch anschaffen".

Landrat Thieme selbst beteiligt sich auch mit Vorschlägen
an der neuen Verordnung. Er stellt ans Innenministerium einen Antrag,
„dass die Pflege des geistigen, sittlichen, und wirtschaftlichen Wohles
der Einwohner und deren Erziehung zur Gemeinschaft des ganzen Volkes Aufgabe der Bezirke ist". Thieme muß allerdings vor dem Kreistag
bekennen, dass „die Einführung dieses Satzes sehr umstritten" sei.

Immerhin hat der Landtag den Antrag „genauestens erwägt"
und ihm dann zugestimmt. Ein Sieg der Demokratie
und der kommunalen Selbstbestimmung: Immerhin habe die Arbeit
auch des Wolfratshauser Kreistags gezeigt, dass die
„gewählten Mitglieder" nicht nur mit Pflichtaufgaben befasst,
sondern auch gestalterisch tätig sein wollen.

Um ihnen dafür auch das nötige Rüstzeug an die Hand zu geben,
plant Thieme für den Herbst 1947 eine Vortragsreihe
über Kommunal- und Staatspolitik und Parlamentarismus.
„Ich zähle schon heute auf eine rege Teilnahme. Wie schon öfter erklärt,
hat die Demokratie einen viel komplizierteren Mechanismus
als die Diktatur, und es ist unerlässlich, dass wir uns
in der Handhabung dieses Mechanismus schulen."

Nachtrag: Die neue Landkreisordnung tritt tatsächlich
am 1. April 1948 in Kraft. Auf die Umbenennungen
in Bezirksamt und Bezirksamtmann wird jedoch verzichtet.
Stattdessen wird später eine kommunale Struktur geschaffen.

Die althergebrachte (staatliche) Regierung von Oberbayern
mit dem vom Freistaat benannten Regierungspräsidenten
bekommt eine zweite kommunale Ebene, den Bezirkstag.
Dessen Mitglieder werden vom Volk gewählt.

Landrat Willy Thieme wird übrigens ein „Opfer" der neuen Verordnung.
Bei der Landratswahl am 25. April 1948
- der ersten überhaupt, bei das Kreisoberhaupt vom Volk gewählt wird -
muss der SPD-Politiker seinen Sessel
dem Ickinger Herausforderer Dr. Karl Reichhold (CSU) räumen.




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