Adolf überall:"... der verleugnet sein Vaterland"


Viel geplant, wenig geschafft

Februar 1936, Heinrich Jost ist nun also der Statthalter der NSDAP in Wolfratshausen. Der Vater von zwei Kindern hat im Jahr Vier des 1000-jährigen Reichs vor allem den wirtschaftlichen Aufschwung im Blick.
Denn die Situation des Marktes Wolfratshausen ist äußerst schwierig:
Keine Industrie, wenig Gewerbe - dafür aber viel Armut.



                              Bürgermeister Heinrich Jost, 1935


Noch vor Josts Amtsbeginn erklärt der Gemeinderat Wolfratshausen
offiziell zur "Notstandsgemeinde". Man sei, so heißt es in der
Entschließung, "außerordentlich mit Fürsorgeleistungen belastet
und der Zuzug von Hilfsbedürftigen nimmt dauernd zu."

Zur offiziellen Nazi-Propaganda jener Zeit passt das ganz und gar nicht.
Denn im "Wolfratshauser Tagblatt" war just einen Tag vor dieser
Resolution zu lesen gewesen: "Der Bezirk Wolfratshausen ist tatsächlich arbeitslosenfrei." Von zwei Jahre zuvor 564 Arbeitslosen seien lediglich
noch  25 übrig.

Wo sind die anderen 539? Hat sich die Arbeit seit 1933 wundersam vermehrt? Sie hat tatsächlich, denn die Nazis führen "Pflichtarbeit" ein.
Mit dem Begriff "Arbeitsschlacht" bezeichnen sie die Maßnahmen
gegen die Arbeitslosigkeit. Viele der vom Staat finanzierten Arbeitsbeschaffungs-Projekte (heute sagt man ABM, d. Autor) dienen
indes schon der Vorbereitung auf kommende Eroberungskriege.

So entstehen schon im März 1934 im Osten des Bezirks Wolfratshausen,
bei Sauerlach, durch den Bau der Reichsautobahn München-Salzburg tausende neuer Arbeitsplätze. Dass der Staat seine Gigantomanie
nur durch Kredite finanzieren kann, weiß keiner von den Leuten, die nun wieder Arbeit und Broterwerb haben - und Hitler dafür verehren.

Zur Eröffnung des ersten Teilstücks der Autobahn bis Sauerlach, erscheint Adolf Hitler persönlich. Das "Wolfratshauser Tagblatt" berichtet am 30. Juni 1935: "Als nun der Führer, stehend im offenen Wagen, mit erhobener Hand nach allen Seiten grüßend, erschien, flogen die Hände zum Gruße in die Höhe und tausendfach pflanzte sich das 'Heil' fort. Unvergesslich wird der überwältigende Vorgang in den Herzen sein und bleiben."


Zum Sieg in der Arbeitsschlacht

Nicht allein zum Autobahnbau werden die Arbeitslosen dienstverpflichtet:
200 Männer sind fünf Monate lang für den Hochwasserschutz mit der (Hochwasser-) Regulierung der Loisach bei Achmühle beschäftigt. Uferbefestigungs-Arbeiten werden an der Isar durchgeführt (12.000 Arbeitstage) und auch die Begradigung und der Ausbau der
unfallträchtigen "Natzikurve" in Weidach (2000 Arbeitstage) an der Reichsstraße 11 dient der Verbesserung der örtlichen Infrastruktur.



                                ABM à la Hitler: Ein Bild vom Ausbau
                               der "Natzikurve" der Reichsstraße 11.



Weitere projektierte Maßnahmen sind die Erweiterung der Straße zwischen Straßlach und Bad Tölz (heute Staatsstraße 2072), die Regulierung des Mühlbachs bei Königsdorf und die Trockenlegung von Moorflächen bei Herrnhausen, Gelting und Farchach.

In einem von NSDAP-Kreisleiter v. Transehe unterzeichneten Schreiben
vom 23. März 1934 wird auf die "für den neuen verstärkten Kampf gegen
die Arbeitslosigkeit herausgegebenen strengen Richtlinien" hingewiesen.



Kreisleiter von Transehe


Da heißt es: "Jeder Bürgermeister und jedes Mitglied des Gemeinderats
muss persönlich in jedem Haus und in jedem Hof feststellen, wo noch irgendeine Möglichkeit besteht, einen arbeitslosen Volksgenossen unterzubringen. Hand in Hand mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze muss gehen das Suchen nach Arbeitsaufträgen. Jede neue Arbeitsmöglichkeit,
und mag sie noch so gering sein, trägt bei zum Siege in dieser Arbeitsschlacht."


Der Wirtschaftsplan Jost

Langfristig wirksam ist die nationalsozialistische "Arbeitsschlacht" nicht.
Bürgermeister Jost will darum aktive Wirtschaftsförderung betreiben
und stellt dafür ein eigenes Konzept auf. Er nennt es den "Wirtschaftsplan Jost". Die Ziele: Förderung des Fremdenverkehrs, der Wohnungsbau,
ein neues Schulhauses, die Errichtung einer kleinen Militär-Garnison.

Das "Wolfratshauser Tagblatt" lobt: "Eine neuartige Gemeinschaftspolitik entwickelte der Bürgermeister in seiner Idee, in zwanglosen Abständen die Bevölkerung zusammenzurufen, um Rechenschaft über seine Arbeit und seine Erfolge abzulegen." Geradezu demokratisch gibt sich Jost (Foto).
Nur - von einer Einladung zu einer solchen Bürgerversammlung ist
nie wieder zu lesen.

Wenig erfolgreich ist Jost auch in seinem Bemühen um mehr Fremdenverkehr. Auch das 1934 eröffnete Hochlandlager, ein Ausbildungslager der Hitlerjugend, an der Rothmühle zwischen

Königsdorf und Bad Tölz bringt der Marktgemeinde keine Vorteile.

Die Verbesserung des Fahrplans und des Tarifs der Isartalbahn nach München bleiben ebenfalls ohne die erhoffte touristische Bedeutung,
auch als die Bahnlinie 1938 verstaatlicht wird. Ein von Jost
vorgeschlagener Radwanderweg wird nicht verwirklicht.

Das einzige nennenswerte Ergebnis von Josts Wirtschaftspolitik hat inzwischen über 22.000 Einwohner: Ohne die Initiative des
Bürgermeisters hätte es die beiden gigantischen Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst, das heutige Geretsried, wohl nie gegeben.

Jost ist nur eine Marionette der Münchner Gauleitung mit dem gefürchteten  Adolf Wagner an der Spitze. Der Gemeinderat, ein Gremium
von "Ja-Sagern", segnet die Beschlüsse des Bürgermeisters jedes Mal kommentarlos ab, wenn er denn überhaupt gefragt wird. Ratssitzungen
finden jedenfalls nur mehr sporadisch statt.

Zwei weitere wichtige Entscheidungen Josts fallen erst kurz vor Kriegsende: Bei einer Versammlung am 12. Dezember 1944 erhalten die in Wolfratshausen stationierten Landesschützen den Auftrag,
Luftschutzbunker und -stollen für jeweils 140 Menschen zu bauen.
Der Luftkrieg hat längst auch Wolfratshausen erreicht.

Am 5. März 1945, gut sechs Wochen vor dem amerikanischen Einmarsch, beschließt Jost den Bau neuer Wohnungen und Behelfsheimen -
seine letzte Amtshandlung.


Von Sklavennaturen umbenannt

So schnell wie Heinrich Jost, so schnell verschwinden nach Kriegsende auch andere Insignien der Nazi-Herrschaft. Die Straßennamen etwa. Eine der ersten Entscheidungen des nationalsozialistischen Wolfratshauser Gemeinderats betraf im Frühjahr 1933 die Umbennung von Straßen.

Ober- und Untermarkt heißen fortan Adolf-Hitler-Straße, die Bahnhof-
wird zur Hindenburgstraße. Der Paradiesweg heißt Adolf-Wagner-Allee,
der Floßkanal Hermann-Göring-Straße, die Alpen- Wilhelm-Gustloff-Straße, die Gebhart- Bismarckstraße und aus der Schießstätt- wird die Dietrich-Eckert-Straße (von dem Hitlerfreund und Journalist wird hier
noch die Rede sein).

Dieser Spuk ist mit Kriegsende vorbei: Die amerikanische Militärregierung macht am 6. Juli 1945, zehn Wochen nach dem Einmarsch, alle Namensänderungen wieder rückgängig. In einer Bekanntmachung des
von der US-Armee eingesetzten Landrats Hans Thiemo heißt es unter dem Betreff "Austilgung des Nazitums": "Im Jahre 1933 wurde von willfährigen, überschwänglichen Sklavennaturen - nicht von Männern - die alten
Straßen- und Wegnamen nach Nazi-'Größen' und 'Reichserneuerern' umbenannt."

Auf eine Liste der neuen-alten Straßennamen folgt die eindeutige
Anweisung Thiemos: "Der Gebrauch der bisherigen Nazinamen
in Wort und Bild ist bei Strafe verboten. Was an sie erinnern kann,
ist zu vernichten."


Die Hand zum Hitlergruß

Nicht allein die Straßennamen sind es, mit denen die Nationalsozialisten
ihre Macht demonstrieren. Allgegenwärtiges Symbol zu Hause und
auf der Straße ist das Hakenkreuz. Mit Hakenkreuzfahnen beflaggt
sind die zentralen Plätze der Marktgemeinde.

Wer immer an einer solchen Fahne vorbeigeht, hat, so bestimmt es das  Reichsflaggengesetz, die Hand zum Hitlergruß zu heben. Das
"Wolfratshauser Tagblatt" : "Wer die Fahnen der Bewegung
auf offener Straße nicht grüßt, der verleugnet sein Vaterland
und gehört nicht zu unserer Volksgemeinschaft."

Zu jenen, die gegen dieses Gesetz laufend verstoßen, gehört der
katholische Ortspfarrer Mathias Kern. Bürgermeister Jost erstattet
gegen ihn deshalb am 9. November 1937 Anzeige bei Landrat
Adolf von Liederscron. Ob der Gesetzesverstoß Folgen hatte,
geht aus den wenigen erhalten gebliebenen Akten nicht hervor.

Ein Tag von besonderer Bedeutung für die NSDAP in Wolfratshausen
ist der Dienstag, 17. September 1935: Die neugeweihte Fahne wird
mit dem Postauto direkt vom "Reichsparteitag der Freiheit" in Nürnberg angeliefert. Die dazugehörige Zeremonie macht deutlich, welchen  Kult die Nazis um ihre Symbole betreiben. Das "Tagblatt" berichtet: "Eine Fahnenabordnung, bestehend aus politischen Leitern sowie der BDM
(Bund Deutscher Mädel, d. Autor) hatten sich zum Empfang eingefunden,
und unter dem Gesang froher Marschlieder ging es dann zum
Standquartier der Ortsgruppenfahne."


Das Zeichen des Sieges leuchtet

Noch absurder erscheint die Illustration des Kreistags der NSDAP
vom 10. bis 14. Mai 1939. Das "Tagblatt" verkündet stolz: "Das Zeichen
des Sieges leuchtet ins Tal." Was war geschehen? Auf Anordnung des Bürgermeisters war am Bergwald, auf dem so genannten
Fahnensattlerberg, ein großes Hakenkreuz aufgestellt worden.

Es wird nachts rot angestrahlt "und auch in Zukunft bei festlichen Gelegenheiten gute Dienste leisten" (Tagblatt). Allerdings scheint der Parteitag die einzige Gelegenheit gewesen zu sein, dieses
überdimensionale Symbol aufzustellen. An die Existenz dieses
Hakenkreuzes erinnert sich in Wolfratshausen heute niemand mehr.

Krasser noch treiben es die braunen Machthaber in Bad Tölz und
Umgebung. Dort werden bereits im April 1934 ganze Berge umbenannt.
Der Heiglkopf und die Wackersberger Höhe (beide nahe beim Blomberg) heißen von da an Hitlerberg und Hindenburghöhe. Auf dem Heiglkopf
alias Hitlerberg wird zudem ein zehn Meter hohes, 1200 Kilogramm
schweres Hakenkreuz aufgestellt, das nachts von Fackeln beleuchtet wird.


 
        






                                 Das Hakenkreuz auf dem Heiglkopf

(aus: "Die NS-Zeit im Altlandkreis Bad Tölz"
von Christoph Schnitzer)


[Die Bezeichnung Hitlerberg statt Heiglkopf hat in amerikanischen Archiven bis heute Bestand, wie eine entsprechende Ortsbezeichnung in der Internet-Software "Google Earth" belegt. Anfang März berichtete darüber
die Nachrichtenagentur ddp. Der Artikel schlug bundesweit Wellen. Google sagte daraufhin zu, die Bezeichnung "Hitler-Berg" zu streichen, d. Autor 2007]


         

Karikatur von Hans Reiser,  Tölzer Kurier vom 10. März 2007          



Der Blomberg darf im Übrigen seinen Namen behalten, eines Zufalls,
einer Namensgleichheit wegen: Werner von Blomberg ist bis 1938 Reichskriegsminister. Noch vor dem Einmarsch der Amerikaner,
in der Nacht zum 29. April 1945, wird das Hakenkreuz auf dem Blomberg
von einigen Wackersberger Bürgern umgelegt.

Das Hakenkreuz begeistert aber nicht nur die Amtsträger der NSDAP.
Ein Bürger der Gemeinde Schönrain (heute ein Ortsteil von Königsdorf)
will im April 1934 das mit hellen Ziegeln gedeckte Dach eines neu erbauten Stadels mit dunklen Ziegeln in der Form eines vier mal vier Meter großen Hakenkreuzes decken. Bezirksbaumeister S. in einem Schreiben ans Bezirksamt: "Derartig bemusterte Dachflächen sind im Interesse
einer guten Bauweise nicht erwünscht."

Das Hakenkreuz wird tatsächlich  schnell beseitigt, obwohl SA-Sturmführer Mitterpleiniger handschriftlich vermerkt: "Mir ist das Schreiben des Herrn S. wirklich sehr unverständlich. Stört das Hakenkreuz wirklich das Landschaftsbild oder die Bauweise?"


Den Juden Spatz gegrüßt - Anzeige

Gar mancher Wolfratshauser nutzt die Machtverhältnisse auch um sich persönliche Vorteile zu verschaffen. Schriftlich überliefert ist ein sehr bezeichnender Vorfall, der sich schon 1934, im Fasching, ereignete.

Da nämlich zeigt der Posthelfer Josef B. die beiden nationalsozialistischen Gemeinderäte Hans G. und Franz K. bei Ortsgruppenleiter
Kaspar Obermaier an - wegen eines nach B.s Meinung "abstoßendem Verhaltens". Der Posthelfer gibt zu Protokoll:

"Am Fastnachtsonntag, 11. Februar 1934, fand durch den Markt Wolfratshausens seitens des Faschingskomitees ein Umzug statt (...).
Nach Beendigung des Umzugs ist ein Teil der Beteiligten in das
Gasthaus zum Humplbräu gegangen, in dessen Gaststube unter anderem
der jüdische Viehhändler Hermann Spatz (er wohnte in dem Hotel, d. Autor) anwesend war. Nach Eintritt in die Gaststube begab sich G. an den
Tisch des Spatz - den G. angesprochen hat mit den Worten:
Ja, der Hermann ist auch da - und hat ihn dann förmlich umarmt. (...)

Die Gaststube war bei dieser Affäre voll besetzt. Ich habe für meine Person an dem Auftreten des G. und K. Anstoß genommen, zu dem sich diese
als Nationalsozialisten bekennen wollen und dem Marktgemeinderat
als Mitglieder angehörten. Unterzeichneter hat dann den Faschingszug
nicht mehr mitmachen wollen, weil ihn dies Verhalten der beiden Genannten abgestoßen hat."

Die Anzeige hat Folgen: Am 18. Mai 1934 befasst sich das Kreisgericht
der NSDAP mit der Angelegenheit. G. und K. wird für ein Jahr
"die Fähigkeit zur Bekleidung eines Parteiamts" aberkannt.


Interesse an Partei zu gering

Parteimitglied ist nicht gleich Parteimitglied. Die Mitgliedschaft in
der NSDAP verrät nicht automatisch den großdeutschen Antisemiten.
400 Wolfratshauser sind zu Kriegsende Mitglied der NSDAP, aber das Interesse an tatkräftiger Mitarbeit in der Partei ist eher gering.

Darüber klagt am 18. Juli 1940 in einer "Anordnung" Ortsgruppenleiter Heinrich Jost. Unter dem Betreff "Teilnahme Ortsgruppen-Geschäftsstunden Donnerstag abends 18.30 bis 20 Uhr" schreibt der Nazi-Funktionär:

"Eine Reihe Mitarbeiter haben wiederholt unentschuldigt gefehlt.
Ich bitte alle politischen Leiter bei den großen Aufgaben, die wir gemeinschaftlich zu erledigen haben, die einmal übernommenen Pflichten auch wirklich zu erfüllen und durch ihre Mtarbeit ihre Gefolgschaftstreue
zur Volksgememeinschaft der NSDAP unter Beweis zu stellen."


Hitlers "männliche Worte" 

Davon können Politiker in der Demokratie nur (vergeblich) träumen:
Gerade mal neun ungültige Stimmen werden am 29. Mai 1936 bei den Reichstagswahlen gezählt: 1832 Wolfratshauser stimmen -
so heißt es offiziell - für die (alleinige) Liste der NSDAP und damit
"für Ehre, Freiheit und Frieden", wie das "Wolfratshauser Tagblatt" schreibt:

"Woche für Woche hatte die Wahlpropaganda eingesetzt, um dem letzten Volksgenossen die Bedeutung des Wahltages vor Augen zu führen. Es war nicht vergeblich. Das Volk kennt seine Pflicht."

Bereits am Vorabend habe sich die Bevölkerung zu einem "Freudenfest zusammengefunden, um im Gemeinschaftsempfang die Schlussrunde
des Führers mitzuerleben. Uniformen und Festtagskleidung beherrschen
das Straßenbild der Abendstunden. Letzter Aufruf des Kreisleiters
vor der Rundfunk-Übertragung der Rede des Führers. Eine dichte Menschenmenge umsäumt die Turnhalle in Wolfratshausen, um die männlichen Worte Adolf Hitlers zu hören."

Nach der Rede des Führers ziehen die NSDAP-Gliederungen
in Fackelzügen durch Wolfratshausen. Und am Wahltag selber marschiert
der  Bund Deutscher Mädel, BDM, mit Sprechchören durch die Straßen:
"Wir Jungen bitten Euch, wählt Adolf Hitler." Es besteht Wahlpflicht.


Nationalsozialist der ersten Stunde

Unzumutbar sind die schulischen Verhältnisse im Wolfratshausen
der 30er Jahre. Ein neues Schulhaus muss her, diesen Plan verfolgt NS-Bürgermeister Heinrich Jost seit seiner Einsetzung im Februar 1936.

Nach dem ersten Spatenstich im Dezember 1938 in Nachbarschaft der
acht Jahre vorher eingeweihten Turnhalle und nach knapp zwei Jahren Bauzeit, darf am 16. März 1940 gefeiert werden: Im Beisein von
Landrat Adolf v. Liederscron wird die Dietrich-Eckart-Volksschule
(heute: Volksschule am Hammerschmiedweg) eingeweiht.



            1930 wurde von Bürgermeister Winibald der erste Spatenstich
                    für die Wolfratshauser Turnhalle feierlich begangen.



Noch ein erster Spatenstich: Die Dietrich-Eckart-Volksschule
baute Bürgermeister Jost (Vordergrund) 1938.


Der Krieg ist gut ein halbes Jahr alt, das "Wolfratshauser Tagblatt"
schreibt begeistert: "Das neue Schulhaus, ein Wunsch, der
seit Jahrzehnten mit des Marktes Wollen und Streben auf das Engste verbunden war, fand seine Erfüllung. Hochgiebelig ragt es über
die anderen Häuser des Marktes heraus und ist dem Orte eine Zierde
und der Jugend eine Bildungsstätte, die sowohl dem Körper
wie dem Geiste zugute kommt."

Wer aber war Dietrich Eckart, der der Schule (fünf Jahre lang)
ihren Namen gab? Der heute nur Historikern bekannte Dichter
und Journalist, Jahrgang 1868, war ein Nationalsozialist der ersten Stunde. ein Mitbegründer der NSDAP. Der als belesen geltende Schopenhauer-Verehrer war während und nach dem Ersten Weltkrieg
in München eine bekannte Größe und führte als dessen Mentor Adolf Hitler
in die dortige Gesellschaft ein.

Er war einer der ideologischen Väter des früheren Nationalsozialismus, Gründer der 1923 eingestellten Zeitschrift "Auf gut Deutsch" und
von 1921 an einer der Herausgeber und sogar Chefredakteur des
in München erscheinenden "Völkischen Beobachter".

Eckart war fanatischer Anhänger der Rassenlehre und damit
strikter Antisemit. Hitler-Biograph Alan Bullock schreibt über ihn:
"Er drückte sich gut aus (...) und hat zweifellos auf den jüngeren
und noch sehr primitiven Hitler einen großen Einfluss ausgeübt.
Er (...) nahm ihn überall mit hin."

Der morphiumabhängige Autor, als dessen wichtigste Werke der "Lorenzaccio" und eine Nachdichtung des "Peer Gynt" gelten,
lebte auch einige Zeit im Landkreis. In Bichl verbrachte er zwei Jahre
im Landhaus Schmid (1916 bis 1918) - dort wurde 1934 ein großes Eckart-Denkmal enthüllt - und verweilte einige Male in der "Kathis Ruh",
dem früheren Café Panorama in Wolfratshausen.

"Im April 1919 musste er aus München fliehen, nachdem er mit
knapper Not, schon verhaftet, den roten Wachen entkommen war.
Mit Frau und Kindern kam er nach Wolfratshausen in das Haus
des Georg S., wo er sich mit Arbeiten an seiner Zeitschrift
'Auf gut Deutsch' beschäftigte", schreibt das Wolfratshauser Tagblatt anlässlich der Schuleinweihung 1940.  Und weiter: "Im Haderbräu
setzte er sich mitten unter die Bürger, die dem glühenden Kämpfer mit Verwunderung zuhören und mit Eifer seinen Gedankengängen folgen."

Eckart soll auch 1923 noch einmal in Wolfratshausen gewesen sein.
Im Herbst jenen Jahres lädt der Volksgerichtshof in Leipzig ihn
als Staatsfeind vor. Er entzieht sich durch Flucht über Wolfratshausen
zum Obersalzberg. Dort erliegt der verdiente Hitler-Anhänger
am 26. Dezember 1923 einem schweren Herzleiden.

1934 werden in einem Wolfratshauser Verlag Dietrich Eckarts  Aufzeichnungen über ein Gespräch mit Hitler gedruckt; Titel:
"Der Bolschewismus von Moses bis Lenin".



Dietrich Eckart


Gleichschaltung der Presse

Zum 1. Januar 1935 verlor das im Verlag Georg Schwankl erscheinende "Wolfratshauser Wochenblatt", der 1866 gegründete Vorläufer des Isar-Loisachboten seine Eigenständigkeit. Fortan erscheint
das Wochenblatt nur noch im Untertitel des "Wolfratshauser Tagblatts" respektive "Wolfratshauser Beobachters", einer Lokalausgabe des "Völkischen Beobachters". Gedruckt wird die Zeitung in München.

Die Leser werden am 30. Dezember 1934 folgendermaßen informiert:
"Wir hoffen mit dieser Maßnahme, die durch die heutigen Verhältnisse
in mancherlei Hinsicht eine zwingende Notwendigkeit wurde,
bei unseren Lesern Verständnis zu finden und glauben damit
weitgehenden Wünschen nachzukommen. Das Bestehen zweier Zeitungen
im verhältnismäßig kleinen Bezirk Wolfratshausen  war schon immer
eine unzweckmäßige und für viele Kreise kostspielige Einrichtung."



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