DDT gegen Läuse

Berichte zur Lage des Landkreises




Die vierte Kreistagssitzung am 24. Januar 1947 war von besonderer Bedeutung. Alle zehn Referatsleiter im Landratsamt waren aufgefordert, Berichte zur Lage im Landkreis abzugeben: zum Gesundheitswesen
ebenso wie zur Finanzsituation, zu den Versorgungsproblemen oder auch zur Wohnungsfrage.

Wie wichtig Landrat Willy Thieme diese Sitzung nimmt,
wird aus einer schriftlichen Anweisung an alle Referatsleiter deutlich.
Er legt darin nicht nur eine genaue Reihenfolge der Redner fest,
zudem verpflichtet er ausdrücklich zur Pünktlichkeit.

Auf drei Stunden sind die Referate angesetzt. „Es ist deshalb notwendig,
dass keine Zeit zwischen den Berichten vertan wird."
Die Berichterstatter sollen allerdings nicht zu schnell reden:
„Jeder von Ihnen muss das Gefühl haben, dass er seine Materie
in einem Tempo vorträgt, das den Kreistagsmitgliedern gestattet,
dem Bericht gut zu folgen."

Landrat Thieme hat allen Grund, die Sitzung gut vorzubereiten.
Die Arbeit seiner Behörde scheint in der Öffentlichkeit
nicht unumstritten zu sein. Eingangs der Debatte erzählt er den Kreisräten das altbekannte Gleichnis von Vater und vom Sohn, die sich über der Frage, wer auf dem Esel reitet, völlig entzweien, bis sie schließlich verstehen,
es niemals allen recht machen können.

Thieme: „In solcher Lage befindet sich das Landratsamt. Der eine Kritiker möchte manche Dinge so erledigt sehen, der zweite wieder anders."
Einziger Lösungsweg für den Landrat: „Heraus aus dem Chaos
- hin zu Friede, Ordnung und Aufbau".

Alle drei Schlagworte sind 1946 und danach äußerst beliebt. Thieme weiter: „Es liegen arbeitsreiche Monate hinter uns, in denen wir oft kleinliche Kritik über uns ergehen lassen mussten; Kritik, die vielfach ungerechtfertigt war,
weil sie aus dem langen Filmstreifen der Handlung
meist ein Momentbild herausschnitt, das nur im Rahmen
des ganzen Vorganges richtig beurteilt werden konnte."

Darum der Appell an die Kreisräte: „Halten Sie mit dem Tadel nicht zurück, wenn er Ihnen begründet erscheint, spenden Sie unserem Landratsamt
aber auch Lob, wo Sie Erfolge anerkennen."

Dann bekommen die  Fachleute das Wort.




Krankheiten breiten sich aus


Windpocken, Ungezieferbefall, alle möglichen Geschlechtskrankheiten
- die wenigen Ärzte im Landkreis Wolfratshausen hatten 1945 und 1946
viel Arbeit. Die Widerstandskräfte der Bürger waren
infolge der katastrophalen Ernährungslage sehr geschwächt.
Medikamente waren ebenfalls Mangelware.
Amtsarzt Dr. Platiel erstattet dem Kreistag ausführlich Bericht.

Immerhin, so Platiel, „sind keine Epidemien aufgetreten".
Im Herbst 1946 registriert das Gesundheitsamt Wolfratshausen
neun Fälle von Typhus, eine Weiterverbreitung der lebensgefährlichen Infektionskrankheit kann indes vermieden werden.

Zur gleichen Zeit breiten sich in mehreren Gemeinden
Windpocken, Masern, Mumps und Keuchhusten so stark aus,
dass Schulen geschlossen werden. Platiel weiter:
„Die Zahl der Geschlechtskrankheiten hat nicht wesentlich zugenommen.
Die ansteckungsfähigen Personen müssen sich
in Spezialkrankenhäusern behandeln lassen."

Beträchtliche Probleme bereitet allerdings die stark angestiegene Zahl
von Eiterungen, die nur sehr schwer abheilen.
Eine Ursache dafür ist neben den geringen Lebensmittel-Zuteilungen
die beengte Wohnsituation und die daraus resultierenden hygienischen Notstände, die durch einen Mangel an Waschmitteln noch verstärkt werden.

Die Krätze breitet sich im Landkreis aus, und auch Läuse sind eine allgegenwärtige Plage. Sie werden, laut Platiel, übrigens mit DDT-Pulver
„gut bekämpft". Das Pflanzenschutzmittel DDT ist krebserregend und erbgutschädigend - davon aber war in den 40er Jahren nichts bekannt.

Schwierigkeiten bereitet auch der Mangel an Benzin. Das Rote Kreuz
kann nur die dringenden Krankentransporte erledigen.
Auch die niedergelassenen Ärzte beklagen zu geringe Benzin-Zuteilungen. Das Gesundheitsamt versucht mit Impfungen gegen Pocken, Diphterie
und Typhus die Infektionskrankheiten einzudämmen.
Auch gegen die Vitaminmangel-Krankheit Rachitis geht man vor.

Allerdings, so beklagt Platiel, werde von vielen Bürgern die Bedeutung der Schutzimpfung nicht anerkannt. Gerade bei der Diphterie lässt sich
die Wirksamkeit nachweisen: 43 Erkrankungen werden registriert,
darunter sind lediglich noch drei Todesfälle.

Die starke Flüchtlingszustrom - bis Januar 1947 etwa 9500 Menschen -
wirkt sich auch auf die sanitären Verhältnisse aus, vor allem in den Lagern. Zwar ist die Qualität des Trinkwasser durchwegs einwandfrei,
aber die Abwasserbeseitigung ist den Anforderungen
überhaupt nicht gewachsen.

Platiel: „Im Lager Buchberg war bei der sehr kalten Witterung im Dezember
das Wohnen besonders für Kinder absolut gesundheitsschädlich."

Die Säuglingssterblichkeit ist hoch.
Auch die Tuberkulose ist auf dem Vormarsch.
Das Gesundheitsamt hält eigene Lungen-Sprechtage ab.
Die Unterernährung der Schulkinder bezeichnet Platiel als „beträchtlich".
Nur in Wolfratshausen, wo es Schulspeisung gibt,
ist die Situation günstiger.




Flüchtlinge in der Schule


Die Wohnungsnot macht 1945/46 auch vor den Schulen nicht halt.

Alle öffentlichen Gebäude mussten mit Flüchtlingen besetzt werden,
da es nicht ausreichend privaten Wohnraum gab.
Wie schwierig die Situation war, legte Bezirksschulrat Sponsel
in der Sitzung vom 24. Januar 1947 vor dem Kreistag dar.

Das Flüchtlingsproblem trifft die Lehrkräfte gleich doppelt.
Zum einen werden Klasenzimmer als Unterkünfte genutzt,
zum anderen steigt die Zahl der Schüler.
Zu Sponsels Amtsantritt im April 1946 zählte der Kreis Wolfratshausen
4234 Schulkinder und 62 Lehrer,
am Jahresende sind es schon 5182 Schüler und 90 Lehrkräfte.

Der Unterricht findet in 31 Schulen statt.
Für die 90 Klassen stehen allerdings nur 63 Schulräume zur Verfügung,
so dass 27 Klassenzimmer doppelt belegt sind,
ergo 54 Klassen „keinen voll ausgebauten Unterricht erhalten" (Sponsel).

Vordringliche Aufgabe der Schulbehörde ist darum,
neue Schulräume zu beschaffen. Angesichts der Raumnot
wird sogar erwogen, in Wirtshäuser auszuweichen.
Der Schulrat: „Eine solche Lösung kann aber nur als Zwischenlösung angesehen werden, da sie meist mit Unzuträglichkeiten verbunden ist."

Noch dazu sind die Schulen überwiegend in einem schlechten Zustand.
Die Einrichtung und die Lehrmittel sind beschädigt oder zerstört,
die Büchereien existieren nicht mehr, auch die sanitären Anlagen
genügen kaum noch den Anforderungen.

Sponsels Bericht schließt mit den Worten:
„Wie alle Sektoren des öffentlichen Lebens ist auch die Schule
von der allgemeinen Not stark beeinflusst.
Die (materielle) Not bringt es auch mit sich, dass wir wohl auf lange Sicht unseren Kindern einmal nichts weitergeben können,
als eine sorgfältige Erziehung und eine gute Schulbildung."

Weitere Einblicke in die Interna des Schullebens anno 1946
gibt der stellvertretende Leiter der „Oberschule für Jungen und Mädchen
des Zweckverbandes Höhere Unterrichtsanstalt Icking-Wolfratshausen ",
dem heutigen Gymnasium Icking.

Ernst v. Hollberg vermeldet im Januar 1947 stolz:
„Unsere Oberschule im Kreis Wolfratshausen läuft wieder auf vollen Touren." Eine solche Wertung hätte er ein Jahr vorher sicher nicht abgeben können.
Am 22. November 1945 öffnet die Schule nach halbjähriger Unterbrechung mit Genehmigung der Militärregierung wieder, allerdings nur
in vier Klassenzimmern, da die anderen mit Flüchtlingen belegt sind.

Der Unterricht kann an vier Tagen abgehalten werden.
Der bauliche Zustand der Oberschule ist erbärmlich.
Ein großer Teil der Schulbänke war nach Kriegsende verheizt worden,
die verbliebenen sind durchwegs stark beschädigt.

Es gibt keine einzige Glühbirne mehr, die Lehrer führen in der Gemeinde
eine Haussammlung durch. Die Sportgeräte sind gestohlen oder zerstört, ebenso physikalische Geräte und Unterrichts-Chemikalien.
Das Anschauungs- und Kartenmaterial ist unauffindbar
und sämtliche Schulbücher von den Amerikanern verboten.

Gleichwohl absolvieren die Klassen
„dank der aufopferungsvollen Arbeit der Lehrkräfte"
zwei Drittel des vorgeschriebenen Stoffes.
Zum Ende des Schuljahres, im Sommer 1946, findet sogar
erstmals wieder ein Konzert in der Schule statt.

Der Besuch der Oberschule kostet noch 1946/47 Schulgeld.
Die allgemeine Not fordert die Solidarität der Eltern.
Hollberg richtet einen Fond ein, in den besser gestellte Familien
bedürftigen Kindern den Schulbesuch finanziell ermöglichen.

Geändert hat sich im Vergleich zur Kriegszeit auch der Unterricht selber. Wurde von den Nazis das Hauptaugenmerk auf körperliche Ertüchtigung gelegt, so gibt es 1946 nur noch zwei Turnstunden pro Woche.
Für Wandertage ist angesichts des erschwerten Unterrichts
überhaupt keine Zeit.

Die Entnazifizierung hat die Lehrerschaft verkleinert:
Sieben Pädagogen wurden wegen ihrer NS-Vergangenheit entlassen.
Bis Januar 1947 hat sich die Schülerzahl auf 235 erhöht.
Unterrichtet werden sie von immerhin 14 Lehrern.




Der TÜV soll's richten


Die neue Ordnung, die Demokratie, stellt die Mitarbeiter des Landratsamtes  vor mannigfaltige Probleme. Vor allem die systematische Vernichtung

der Akten durch die nationalsozialistischen Statthalter
kurz vor Kriegsende machte einen fast vollständigen Neuaufbau
der Verwaltung notwendig. Hans Schwibbacher, Leiter der Zulassungsstelle im Landratsamt Wolfratshausen, berichtet darüber am 24. Januar 1947
dem Kreistag.

Sämtliche Fahrzeuge erhalten 1946 neue Kennzeichen,
sämtliche Führerscheine müssen umgeschrieben werden.
Im Landkreis Wolfratshausen gilt dies für
3000 Pkw, Lastwagen und Motorräder.
3300 Bürger sind im Besitz einer Fahrerlaubnis.
Aber noch mehr fahren Auto.

Schwibbacher: „Hunderte von Fahrzeughaltern stellten
keinen Antrag auf Umschreibung auf eine By-Nummer,
hauptsächlich weil sie keine Steuer bezahlen wollen
und weil sie keine Fahrerlaubnis besitzen."

Die Kfz-Steuer wird 1946 ebenfalls bayernweit neu geregelt:
Für stillgelegte Fahrzeuge muss nichts mehr bezahlt werden.
Zum Nachweis dafür müssen die Eigentümer eine Bestätigung
der „Betankungsstelle" beibringen, auf der verzeichnet ist,
wie lange für den Wagen kein Benzin mehr bezogen wurde.

In Schwibbachers Behörde gibt es allerdings keine genauen Zahlen
über den Fahrzeugbestand, da die zentrale „Sammelstelle für Nachrichten über Kraftfahrzeuge" in Berlin (vergleichbar mit dem heutigen Kraftfahrt-Bundesamt) 1946 nicht mehr existiert.
Viele Wagen haben den Besitzer gewechselt, andere wurden zerstört und wieder andere von den amerikanischen Besatzern als Beutegut konfisziert.

Laut Schwibbacher sind „viele Fahrzeuge nicht in einem
verkehrssicheren Zustand". Über die Unterlagen der Betankungsstelle
sollen alle Halter aufgefordert werden, ihre Wagen von der
„Technischen Prüfstelle"  in München (heute TÜV) auf
Verkehrssicherheit überprüfen zu lassen.

Angesichts der geringen Zahl an Privatwagen kommt der Fahrbereitschaft, später umbenannt in Straßenverkehrsamt, eine besondere Bedeutung zu. Diese Behörde, Chef ist Karl Fuchs, organisiert den öffentlichen Güter- und Personenverkehr. Laut Jahresbericht werden 1946 monatlich
3200 Tonnen Nahrungsmittel, 1200 Tonnen Brennstoffe,
4000 Tonnen Baumaterial. 740 Tonnen Getreide
und 400 Tonnen andere Güter transportiert.

Außerdem unterhält die Fahrbereitschaft Omnibusse auf den Linien Dietramszell-München, Arget-Schönegg-Wolfratshausen,
Ascholding-München und Wolfratshausen-Königsdorf.
Darüber, welche Privatleute Bezugsscheine für Benzin erhalten,
entscheidet ein Ausschuss des Kreistags.
Ehemalige Parteimitglieder erhalten in der Regel nur dann Bezugsscheine, wenn die Spruchkammer sie als „Mitläufer" eingestuft hat.




Brennholz für München


Was gehört eigentlich wem? Wer hat sich was unrechtmäßig angeeignet? Wer muss was abgeben, zugunsten jener, die nichts haben?
Ordnung ins Chaos zu bringen, das war die Aufgabe des Wolfratshauser Landratsamts in den ersten beiden Jahren nach Kriegsende.
Ein beredtes Zeugnis davon legt der Bericht ab,
den Ludwig Kollmeier vom Straßenverkehrsamt
am 24. Januar 1947 vor dem Kreistag abgibt.

Eine der wichtigsten Aufgaben Kollmeiers ist der Verkauf
ehemaligen Wehrmachtsguts. Waffen waren sofort nach Kriegsende
von den Amerikanern beschlagnahmt und vernichtet worden,
aber es existiert noch jede Menge herrenloses Kriegsmaterial.

Allein durch den Weiterverkauf von Kraftfahrzeugen, Ersatzteilen
und Schrott erlöst Kollmeier 858 000 Reichsmark
- eine Summe so hoch wie ein Drittel des gesamten Kreis-Haushalts.
Über 90 Prozent davon gehen jedoch auf ein Regierungs-Sperrkonto.

Durch den Rückzug der Wehrmacht in Richtung Tirol und die Kapitulation
der Soldaten blieb nicht nur Kriegsgerät im Landkreis zurück,
sondern auch  Wehrmachtspferde.
939 Tiere macht Kollmeier zu Geld und kassiert dafür 457 000 Reichsmark.

Kollmeier ist auch verantwortlich für die Brennholzaktion.
Zugunsten der ausgebombten Landeshauptstadt München
wird im Landkreis Wolfratshausen ebenso wie in den Nachbarregionen
Brennholz geschlagen und gesammelt.

Im Winter 1946 geht dies aber nicht ohne Probleme vonstatten.
Kollmeier: „Die Haltung einzelner Waidbesitzer kann als unfreundlich bezeichnet werden,da harte Eingriffe in die Waldbestände
gemacht werden müssen." Auch fehlt es an Arbeitskräften
und der nötigen Bekleidung für größere Fällaktionen.




PG-Autos beschlagnahmt


Mangelware sind auch funktionierende Autos.
Zwar sind zu Jahresanfang 1947 rund 3000 Kraftfahrzeuge zugelassen,
viele davon sind nicht verkehrstüchtig, teilweise wurden sie auch bewusst beschädigt. Bis Jahresende 1946 führen die amerikanischen Besatzer nämlich noch Beschlagnahmungsaktionen durch. Kollmeier spricht von 91 Fahrzeugen. Betroffen sind davon vornehmlich frühere Parteigenossen. Versteht sich von selbst, daß sich die Amerikaner nur die
besten und schönsten Autos unter den Nagel reißen.

Außerdem müssen nach Kollmeiers Darstellung weitere 32 Autos
nach München für die Militärregierung, für Ministerien, Behörden
und die UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA abgegeben werden.

Der Referatsleiter klagt darüber: „Durch diesen Abzug von Kraftfahrzeugen aus dem Landkreis, der auf höhere Anweisung unbedingt befolgt werden musste, sind die Bestände an Fahrzeugen sehr reduziert worden.
Eine Reserve an brauchbaren Fahrzeugen ist nicht mehr vorhanden.
Darum ist der Landkreis nicht mehr imstande, der zur Auflage gemachten Ablieferung weiterer Pkw nachzukommen."

Bei den meisten der verbliebenen Autos wurden
wesentliche Teile abmontiert, meist die kompletten Räder,
um sie für Beschlagnahmungen wertlos zu machen.
Zu leiden haben darunter aber jene Firmen und Fuhrunternehmer,
die für Lebensmitteltransporte zuständig sind,
denen aber Fahrzeuge fehlen.

Sehr kritisch ist der Mangel an Reifen.
Kollmeier nennt die Lage „angespannt".
Monatlich vier oder fünf Reifen bekommt das Straßenverkehrsamt
zur Verteilung für den gesamten Landkreis geliefert,
allerdings lediglich Motorrad-und Lkw-Reifen.

Anfangs wurde dieser Mangel ausgeglichen, in dem die Bauern
Reifen von Gummiwagen hergeben mussten.
Landrat Willy Thieme unterband die Beschlagnahmungen allerdings,
weil sie für die Bauern große Härten mit sich brachten.
Kollmeier resigniert: „Eine vorgesehene Entreifungsaktion
sämtlicher stillgelegter Fahrzeuge dürfte keine wesentliche Besserung herbeiführen, da bereits während des Krieges
ein großer Teil beschlagnahmt und entreift wurde."





Lohnkosten für Flüchtlinge


Die Niederlage im Krieg müssen selbst die unteren Behörden 1945/46
teuer bezahlen. Die Rede ist hier nicht von Lebensmittel- und Wohnraum-Knappheit. Nein, es geht um direkte Zahlungen.
Allein 1946 hatte der Landkreis Wolfratshausen 1,8 Millionen Reichsmark Besatzungskosten zu tragen, berichtet der Leiter des Referats V,
Köppl am 24. Januar 1947 dem Wolfratshauser Kreistag
- der eigentliche Kreishaushalt war mit rund 2,5 Millionen Reichsmark
nicht wesentlich höher.

Im Oktober 1946 erlässt das bayerische Arbeitsministerium die Anordnung, dass zehn Prozent der in den Lagern der UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA untergebrachten Personen vom Landratsamt entlohnt werden müssen.

Für Wolfratshausen eine hohe Last:
Gibt es doch im Landkreis gleich zwei große Lager,
das so genannte "Balten-Lager" in Stein mit 120 Lohnempfängern
und das jüdische DP-Lager Föhrenwald mit 350 Lohnempfängern
sowie 120 deutschen Angestellten.

Weitere Besatzungs-Organisationen, die vom Landratsamt mitfinanziert werden müssen, sind die Militärregierung Wolfratshausen,
das CIC Wolfratshausen und dessen Hauptquartier im Schloß Weidenkam. das DP-Control-Office, das Hochlandlager Königsdorf und Schloß Seeburg.

Zu Köppls Arbeitsbereich gehört auch die Baupolizei,
gleichbedeutend mit dem heutigen Kreisbauamt.
Im Jahr 1946 liegt die Bauwirtschaft im Landkreis allerdings am Boden,
aus einem einfachen Grund: Es gibt keine Baumaterialien.

Trotz enormer Wohnungsnot werden nur 405 Bauanträge eingereicht,
in erster Linie geht es um Instandsetzungen. Reparaturen und Anbauten.
45 Prozent davon betreffen den landwirtschaftlichen Bereich,
ein Fünftel Gewerbe und Industrie und nur 35 Prozent den Wohnungsbau.

Ein großes Problem bereiten 1946 allerdings die Schwarzbauten.
In Zusammenarbeit mit der Landpolizei verhängen die Beamten
Geldstrafen. Die Gebühren für Baugenehmigungen richten sich übrigens nicht nur nach den Baukosten, sondern auch nach den wirtschaftlichen Verhältnissen des Bauwerbers.




Kein Papier für die Zeitung


Der heutige Überfluss macht die Not nach Kriegsende unvorstellbar,
für all jene, die sie nicht erlebt haben. Mangelware sind alle Dinge
des täglichen Bedarfs, selbst Schnürsenkel sind kaum erhältlich.
Und auch das Papier ist knapp, weshalb es ab 1. Juni 1946
keinen „Loisach- und Isarboten" mehr gab, wie Helmut Johanni,
Referatsleiter im Landratsamt, am 24. Januar 1947 dem Kreistag berichtete.

1945 ist der „Loisach- und Isarbote" das Amtsblatt der Militärregierung.
Er erscheint zweimal in der Woche in einer Auflage von 6000 Stück: Gemeinderats¬und Kreistagswahlen werden hier verkündet,
die Entnazifizierungsgesetze veröffentlicht und die Namen von früheren Parteigenossen, die ihre Stelle verloren.

Unter dem Zwang der Papierknappheit ordnet das Innenministerium
im Mai 1946 die Einstellung der Zeitung an. Das neue Amtsblatt,
das an die Stelle der offiziellen Zeitung tritt, erscheint nur noch
im DIN-A 4-Format. Die Schrift wird verkleinert, die Auflage beträgt
nur noch 3500 Stück. Johanni: „Nicht weniger als 12 000 Bogen Papier werden dadurch monatlich eingespart.''

Die dadurch entstandene Informationslücke füllt teilweise der Hörfunk.
Radio München sendet immer wieder Berichte aus dem Landkreis,
etwa über die Eurasburger Wollreißerei Jahn & Co.,
über die Fabrik Wolfratshausen,
die Torfgewinnung der Loisachgemeinden
und kulturelle Veranstaltungen.

Nicht zuletzt wird eine Ansprache von Landrat Willy Thieme
am 10. November 1946 ausgestrahlt, „die weit über die Grenzen
des Landkreises hinaus stärkste Beachtung und lebhafte Zustimmung gefunden hat" (Johanni).




Vereine brauchen Genehmigung


Nach dem Krieg gründen sich auch viele Vereine neu.
Bis Juli 1946 benötigen sie dafür eine Lizenz der Militärregierung,
danach ist das Landratsamt für Genehmigungen zuständig,
insbesondere für eine „politische Überprüfung".

Im Januar 1946 sind 26 Vereine wieder zugelassen:
elf Trachtenvereine, fünf Bienenzuchtvereine,
sechs Turn- und Sportvereine
und vier - wie es heißt - allgemein-gesellige Vereine.
Jedes Treffen bedarf ebenfalls einer behördlichen Genehmigung.
Doch das Vereinsleben ist rege,
wie durchschnittlich 35 Veranstaltungen im Monat belegen.




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