Lauter Lügen



Ein nazifreies Wolfratshausen

Wolfratshausen soll "nazifrei" werden, die ehemaligen Nationalsozialisten
für ihre Unrechtstaten, für ihren Irrglauben bestraft werden.
Dies ist eines der vorrangigen Ziele, das die amerikanische Militärregierung auch in Wolfratshausen verfolgt.

Und es wird mit großer Härte durchgegriffen: All jene,
die Führungspositionen in der NSDAP oder ihren Untergliederungen
wie SA und SS hatten, werden ohne weitere Verfahren, ohne Prüfung
von Schuld oder Unschuld in "automatischen Arrest" genommen.
Sie schmoren teilweise zwei Jahre und länger in Internierungslagern.

Jene 17 Wolfratshauser, die noch 1947 in Haft sitzen,
sind der ehemalige Bürgermeister und Ortsgruppenführer Heinrich Jost; dessen Stellvertreter, der Molkereibesitzer Hans M.;
der HJ-Stammführer und Postler Rudolf B.;
der SS-Unterscharführer Hans G.;
der Kreisamtsleiter und Finanzbeamte Georg H.;
der SA-Standarten-Arzt Dr. Hermann P.;
der Sparkassen-Chef Georg S.;
der Schriftleiter des "Wolfratshauser Tagblatts" Ferdinand S.;
der Ortsgruppen-Organisationsleiter und Lehrer Josef N.
(er begeht in der Haft Selbstmord);
die früheren Ortsgruppenleiter Franz Hille (bis 1933)
und Kaspar Obermeier. (bis 1935);
der SA-Obersturmführer und Gemeindeangestellte Sebastian P.;
der SS-Hauptsturmführer Robert K.
sowie Hans E., Johann E. und Rudolf R.

Dass vielen dieser Männer außer ihrer Arbeit für die NSDAP keine persönliche Schuld nachzuweisen ist, stellt sich erst nach
etlichen Monaten Haft in der Spruchkammer-Verhandlung heraus.



In Haft: Hermann Jost.

In Haft: Kaspar Obermaier.



Nazis aus Behörden entfernt

Aber auch den Nazi-Mitläufern, den Parteigenossen (PGs),
soll es an den Kragen gehen, soll ... Landrat Hans Thiemo am 5. Juni 1945: "Wer der Nazipartei angehörte, scheidet aus allen öffentlichen Ämtern.
Die Bürgermeister melden diese Leute,
für ihre Entfernung sorgt der Landrat."

Diese Anordnung vergrößert das durch den Zusammenbruch
des Dritten Reichs entstandene Chaos noch:
Auch in Wolfratshausen gibt es kaum einen Beamten,
kaum einen gemeindlichen Angestellten, kaum einen Lehrer,
der nicht Parteigenosse war.

Ohne Mitgliedschaft in der NSDAP war niemand befördert worden,
im Gegenteil, manche wie der einstige Gemeindeschreiber,
der Sozialdemokrat Franz Geiger, wurden sogar zwangspensioniert.
Und deshalb gibt es im Mai 1945 nach der "Säuberung"
in den Behörden auch fast keine Mitarbeiter mehr.

Auch die Wolfratshauser Firmenchefs, die oft besserer Geschäfte wegen, der Partei beigetreten waren, werden bestraft. Ihre Unternehmen
sind Treuhändern unterstellt. In nicht wenigen Fällen nutzen diese
ihre Stellung zur persönlichen Bereicherung.
Eine Geschäftsfrau erinnert sich: "Als wir unseren Laden wieder zurückbekamen, war alles weg, sämtliche Ware und sämtliche Möbel."




Wohnungsfrage auf Kosten der Nazis

Der von den Amerikanern eingesetzte Tölzer Landrat Anton Wiedemann,
ein Seifenfabrikant, schreibt in seiner Chronik "Bewegte Jahre":
"(...) mussten sämtliche im Landkreis vorhandenen Betriebe
und die Angehörigen der freien Berufe registriert werden,
da ohne die Genehmigung der Militärregierung
keine Tätigkeit ausgeübt werden durfte.

Soweit der Geschäftsinhaber aktiv in der Partei tätig war,
wurden unbelastete Angestellte zur Fortführung des Betriebes,
in vielen Fällen auch Treuhänder bestellt, die sich aber häufig
als ungeeignet erwiesen und ihre eigenen Wirtschaftsinteressen
in den Vordergrund stellten."

Die ehemaligen Parteigenossen bekommen in jeder Weise
den Zorn der neuen Machthaber zu spüren.
Flüchtlinge, Evakuierte und andere Obdachlose,
sie werden vorrangig in Häusern ehemaliger Nazis einquartiert.

Landrat Thiemo am 3. November 1945:
"Der kommenden Winternot steuere man jetzt schon
durch vorbeugende Maßnahmen entgegen.
Unhaltbare Wohnverhältnisse sind schleunigst zu regeln.
Die Wohnungsfrage muss überall auf Kosten der Nazi geregelt werden.
Diese sind in ihrem Wohnraum weitgehend zu beschränken
und zur Aufnahme besonders norddeutscher Flüchtlinge zu zwingen."


Heimkehr:Toni Hölzl (Mi.) kehrte im Herbst 1945
aus der Kriegsgefangenschaft heim - zur Freude
seines Bruder Josef und seiner Mutter Anna.



"Wenn ich mit ihm ginge..."

Den Eigentümern bleibt meist für die ganze Familie nur ein Raum.
Und manchmal nicht mal der. Die Geschäftsfrau:
"Irgendwann kam eine junge Frau zu uns. Sie war schwanger -
von einem Amerikaner - und sagte, sie müsse nun hier wohnen.
Aber wir hatten nur einen Raum, meine Mutter, meine Schwester und ich.
Da warf sie ein Nachbar kurzerhand wieder raus. Sie kam nie wieder."

Die damals 17jährige schüttelt sich noch heute,
wenn sie an einen anderen Vorfall denkt:
"Wir müssen sofort das Haus verlassen, sagte uns
der Leiter des Wohnungsamts, ein Mann namens Kraft.
Dann schaute er mich an und sagte, aber wenn ich mit ihm ginge,
dann ließe sich vielleicht noch einmal über die Zwangsräumung reden."
Die junge Frau ging nicht mit.

Die Strafen der amerikanischen Militärregierung aber reichen noch weiter: Ehemaligen Parteimitgliedern wird die Arbeit verboten.
Lediglich zu Hilfsdiensten dürfen sie noch eingesetzt werden -
zugeteilt werden ihnen diese Stellen vom Arbeitsamt.

Und auch die ohnehin kargen Lebensmittelrationen sollen gekürzt werden. Ein Loch kennzeichnet die Zuteilungskarte eines Nazis,
damit gibt's nur halbe Mengen.
"Diese Regelung kam aber nicht zum Tragen", erinnert sich eine heute 70jährige Wolfratshauserin und einstige PG:
"Als die Männer in den Internierungslagern nur halbe Rationen bekamen, sahen sie nach kurzer Zeit aus wie KZ-Häftlinge. Daraufhin wurde
die Lochung der Lebensmittelkarten wieder fallen gelassen."





Nazis wieder frech?

Am Zorn auf die ehemaligen Parteigenossen ändert sich dadurch nichts. Landrat Hans Thiemo am 9. August 1945: "Es ist darauf zu schauen,
dass die Nazi, die wieder anfangen, frech zu werden,
keinen Schwung bekommen, damit uns keine Unannehmlichkeiten
mit den Amerikanern entstehen. Kein Bürgermeister darf,
wie die Dinge zur Zeit liegen, einen Nazi einem Nichtnazi vorziehen."

Das betrifft auch Spendenzahlungen für Notleidende. Am 28. Juni 1945 schreibt das Amtsblatt der Militärregierung, der Loisach-Isar-Bote:
"Durch eine Geldsammlung des Landrats bei einigen alten
oder stärker hervorgetretenen ehemaligen Mitgliedern der Nazi-Partei stehen nunmehr zur Unterstützung völlig mittellos gewordener Flüchtlinge (...)
Mittel zur Verfügung, die es erlauben, drückende und entwürdigende Not
zu beheben. (...) Der Maßstab der Gerechtigkeit ist dabei anzuwenden und alles zu unterlassen, was als persönliche Rache ausgelegt werden könnte. Die neuen Männer sind keine Nazi, sie verschmähen es,
an Wehrlosen Rache zu üben."




Betten für Lager Föhrenwald

"Nazifamilien, auch Einzelpersonen" werden von der amerikanischen Militärregierung im Dezember 1945 herangezogen,
um Inventar für das DP-Lager Föhrenwald  zu beschlagnahmen.
Benötigt werden 1000 Federbetten, 500 Stühle und Bänke,
350 Bettstellen, 30 Kinderbadewannen, 30 Wiegen oder Kinderwagen,
3 Uhren und eine Schulglocke.

Jede Gemeinde im Landkreis hat ein bestimmtes Kontingent zu erfüllen, Wolfratshausen muss unter anderem 66 Bettstellen und 159 Federbetten abliefern. Herangezogen werden neben ehemaligen Parteigenossen
auch "Personen, die sich gegenüber Opfern und Gegnern des Nationalsozialismus gehässig verhalten haben, insbesondere Denunzianten", und "alle Personen, die sich an der Auflösung des Wolfratshauser Judenheims (das ehemalige Mädchenpensionat, d. Autor) beteiligt haben".

Streng ist die Militärregierung auch mit all jenen,
die sich negativ über sie äußern. So wird Alfred B. aus Baierbrunn
im Februar 1946 zu sechs Monaten Gefängnis
"wegen unfreundlichem und respektlosem Verhaltens gegenüber Angehörigen der Vereinten Nationen" verurteilt.


Im alten Schulhaus wird 1947 eine Synagoge eröffnet (v. li.):
Pfarrer Otto Schneller, Dr. Spanier, Dr. Auerbach,
US-Leutnant Gennen und Herr Nadelski.


Entnazifizierung: 400 PGs.

"Ja,Wolfratshausen, das waren doch fast alles Nazis",
so erinnert sich ein heute fast 80jähriger Stadtbürger.
"Fast alles Nazis", das mag übertrieben sein, ganz falsch ist es nicht:
Über 400 der knapp 3000 Einwohner der Marktgemeinde sind
am 1. Mai 1945 als Parteimitglieder eingetragen,
fast jede Familie ist in der NSDAP vertreten. Und es gibt genug,
die auch zu Kriegsende noch Feuer und Flamme für Hitler sind
und den Einmarsch der Amerikaner nicht als Befreiung,
sondern als Niederlage empfinden.

Der Entnazifizierung entgeht kein Parteigenosse -
allerdings trifft sie nicht alle gleich hart. Der Nachbar will auch in Zukunft
mit dem Nachbarn noch Tür an Tür leben können,
also schützt man sich gegenseitig. Und dennoch wird das Mittel der
(in der Regel anonymen) Denunzierung, im Hitler-Staat stets gefördert,
auch nach dem Krieg gerne genutzt, um missliebigen Nachbarn
der Bekannten zu schaden.

Der Tölzer Landrat Anton Wiedemann blickt 1955 auf die Verhältnisse
in seinem Landkreis zurück: "Minderwertige Elemente gingen täglich
bei der Militärregierung ein und aus, meist in dem Bestreben,
anständige Leute zu denunzieren und in der Absicht,
sich selbst Vorteile zu verschaffen. (...)

Manche dieser Besucher gefielen sich in der Rolle eines politisch Verfolgten und eine nicht geringe Zahl, die noch vor kurzer Zeit
der Parole des Dritten Reichs gefolgt war,
suchte sich nun bei den Amerikanern lieb Kind zu machen."




Urteile der Spruchkammer

Gleiches gilt für Wolfratshausen. Der hier stationierte amerikanische Untersuchungs-Offizier Ludwig Scheithauer:
"Gelogen wurde eine ganze Menge. Es hat bloß keinem genutzt.
Wir hatten sogar die Parteinummern und Eintrittsdaten der Genossen."

Im März 1946 wird es ernst: Das "Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus", die Grundlage für die Entnazifizierung, wird erlassen, in Wolfratshausen von der Militärregierung
eine Spruchkammer gebildet.

Der Vorsitzende ist Friedrich Hesselbarth aus Wolfratshausen,
zweiter Mann im Amtsgericht, nie Parteigenosse, ein gläubiger Protestant. Sein Stellvertreter ist Hans Rudolf Rothmüller.
Der Ankläger heißt Alois Schuster. Er stammt aus Freilassing
und ist einer der Mitbegründer der SPD Wolfratshausen,
Stellvertreter ist Andreas Paul Schmidt.

Die erste Verhandlung findet am Sonntag, 19. Mai 1946 im Rathaus statt.
Die Sitzungen sind öffentlich und anfangs noch
eine willkommene Abwechslung für die Bürger.
Aber sehr bald verliert sich das Interesse der Leute,
außer den Angehörigen der Betroffenen besucht kaum noch jemand
die Verhandlungen. Die Menschen haben andere Sorgen.




Ist der Ankläger korrupt?

Der Aufwand für die Entnazifizierung ist indes enorm.
Jeder Parteigenosse hat einen umfangreichen Fragebogen auszufüllen,
in Wolfratshausen spricht man vom "Handtuch".
Die Parteigenossen suchen sich Entlastungszeugen, die für sie eintreten. Dies dürfen allerdings nur Mitbürger sein, die nie Mitglied der NSDAP waren.

Über die Ernsthaftigkeit der Spruchkammer-Arbeit lässt sich noch heute,
50 Jahre später, trefflich streiten. Eine 70-jährige Wolfratshauserin empört, wenn sie über Ankläger Schuster spricht: "Der war doch korrupt.
Wer vermögend war und etwas anzubieten hatte,
der bekam einen 'Persilschein', der wurde freigesprochen."
Angeblich muss Schuster später unfreiwillig Wolfratshausen verlassen.

Fünf Stufen der "Schuld" sieht das Entnazifizierungs-Gesetz vor:
Aktivist (solche sitzen bereits im Internierungslager), Nutznießer, Bewährungsgruppe, Mitläufer und Entlasteter (Parteimitglied,
aber im Widerstand).

In die Gruppe der Mitläufer fallen die meisten -
sie bekommen eine Geldstrafe aufgebrummt,
in der Regel ein paar hundert Mark,
die als Wiedergutmachung zu zahlen sind.
Die Minderbelasteten, die sich bewähren sollen,
müssen erheblich mehr bezahlen. Sie werden außerdem
in der Ausübung ihres Berufs erheblich eingeschränkt.

Nochmal Anton Wiedemann: "Durch die Entnazifizierung
wurde in die Bevölkerung eine große Kluft hinein getragen,
da sich die Maßnahmen nicht auf die Bestrafung
von wirklich Schuldigen beschränkte, sondern auch
viele einwandfreie Persönlichkeiten, die wirklich nur in guter Absicht
und nur dem Namen nach der Partei beigetreten waren,
mit härtesten Maßnahmen belegt wurden."
Diese Kluft ist übrigens noch heute, nach 50 Jahren,
spürbar bei Gesprächen mit älteren Wolfratshauser Bürgern.


Einst wurde hier an der Wolfratshauser Zukunft geplant:
In der gleichnamigen Gastwirtschaft am Obermarkt
traf sich die "Löwenbräu-Regierung".



Die "Löwenbräu-Regierung"

Eine zwielichtige Rolle spielt die sogenannte "Löwenbräu-Regierung".
In der Wirtschaft von Josef Schwaiger,
beziehungsweise in dessen Wohnzimmer, treffen sich schon
während des Krieges prominente Wolfratshauser in aller Heimlichkeit -
um "Feindsender" zu hören.

Nach der Befreiung wollen diese Männer -
aus der Runde geht später auch die CSU hervor -
ihren Teil zur zukünftigen Demokratie beitragen.
Das hat zum Teil kuriose Folgen: So werden arbeitslose Akademiker aufgefordert, sich in drei Tagen zum Lehrer ausbilden zu lassen.
Es gibt auch hier einen Mangel: Die meisten Pädagogen wurden gefeuert, weil sie Parteimitglied waren. Nach dem dreitägigen Crash-Kurs
ist allerdings kaum einer der frischgebackenen Lehrer in der Lage,
eine Klasse zu führen. "Da ist's zugegangen wie bei den Wahnsinnigen", erinnert sich eine Wolfratshauserin.

Das Wort von der "Löwenbräu-Regierung" macht im Ort die Runde -
manche Leute fühlen sich diskriminiert. "Das waren Geschäftsleute,
Männer vom Kirchenchor und die haben auch darüber beraten,
wer nun als Nazi verfolgt werden soll und wer nicht."

Eine andere Zeitzeugin kann sich an solche Debatten nicht erinnern:
"Die haben sich über die Zukunft Wolfratshausens unterhalten. Entnazifizierung war gewiss nicht ihr Thema."

Noch bis 1948 dauert die Arbeit der Spruchkammern.
Friedrich Hesselbarth ist nicht bis zum Ende der Vorsitzende.
Er wird von einem Unbekannten bei den Amerikanern angezeigt:
Er habe Urkunden gefälscht. Liselotte Kaufmann,
die Tochter des 1962 verstorbenen, im Mai 1995:

"Mein Vater war Amtsanwalt am Amtsgericht Wolfratshausen
und nie Mitglied der NSDAP. Die amerikanische Militärregierung berief ihn 1946 gegen seinen Willen zum Vorsitzenden der Spruchkammer.
Als solcher wurde er von einer mir bekannten Person denunziert,
mit der Behauptung, er habe seine eigenen Papiere gefälscht.

Die Amerikaner verhafteten ihn. Er saß monatelang im Gefängnis.
Gegen eine Kaution von 10000 Mark wurde er freigelassen,
nachdem sich auch einige Prominente für ihn eingesetzt hatten.
Bei der späteren Gerichtsverhandlung hat man ihn als Ehrenmann
voll rehabilitiert. Das Unrecht, eingesperrt worden zu sein,
hat er allerdings nie verwunden."

Eine andere Zeitzeugin: "Das war ein feiner Denunziantenverein."



34 Zeugen wegen eines "Mitläufers"

Leise Andeutungen genügen schon, um auch unbescholtene Bürger
in die Fänge der amerikanischen Militärjustiz geraten zu lassen.
Eines der Opfer solcher Denunziationen ist Andreas Stumpf,
Gründer und Chef des Wolfratshauser Fruchtsaftproduzenten "Wolfra".

Ein ehemaliger Vorarbeiter von ihm zeigt ihn bei der Militärregierung
und verschiedenen bayerischen Ministerien an,
Stumpf habe die Fremdarbeiter während des Kriegs schlecht behandelt,
ein kroatischer Arbeiter sei auf Veranlassung des Unternehmers hin
von der Gestapo verhaftet und ermordet worden. Stumpf widerspricht:
"Wir waren überall dafür bekannt, dass wir die Leute gut behandelt haben."

Zehn verschiedene Behörden laden den "Wolfra"-Chef zu Vernehmungen vor, darunter sogar die Oberste Entnazifizierungsstelle in München.
Deren Leiter Dr. Hartmann zu Stumpf:
"Sind Sie froh, dass keine Anzeige von Ausländern gegen Sie vorliegt,
die Anzeigen Deutscher werden nicht bewertet."

Trotzdem muss Stumpf auch vor dem amerikanischen CIC,
einer Untersuchungsbehörde, aussagen:
"Von dieser wurde man in der Regel festgenommen
und nicht mehr freigelassen." Erst nach vier Verhören kann Stumpf
die CIC-Leute davon überzeugen, dass die Vorwürfe falsch sind.
Der Vorsitzende: "Was seid Ihr Deutsche nur für Leute,
dass Ihr Euch gegenseitig umzubringen versucht?"

Mehrere hochrangige Unternehmer machen sich für Stumpf stark.
In einem Schreiben an die Militärregierung heißt es:
"Ich versichere Ihnen, dass sowohl die Herren des Caritas-Verbandes
wie ich selbst (...) Herrn Stumpf als durch und durch anständigen, ehrlichen, einfachen Menschen (...) kennen und schätzen gelernt haben. (...)
Dieser Vorgang zeigt deutlich die ganze Hinterhältigkeit der Denunziation."




Der Bischof setzt sich ein

Der Bischof von Ermland/Ostpreußen schickt ein Entlastungsschreiben
und auch die Wolfratshauserin Katharina Manhart:
"Herr Stumpf wurde wegen seiner Einstellung zur NSDAP wiederholt bedroht. (...) Seine gegnerische Einstellung kam auch durch Unterstützung
jüdischer Familien zum Ausdruck. Die Familie Spatz aus Wolfratshausen wurde bis zum Jahre 1940, das war zu einer Zeit, in der die Waren beschlagnahmt waren, noch durch Lieferungen unterstützt."

Erst das Polizeipräsidium stellt dann fest, dass an den Vorwürfen
des ehemaligen Vorarbeiters nichts dran ist. Der Denunziant wird verhaftet.

Stumpfs Probleme sind allerdings mit der Rehabilitierung noch nicht beendet. Sein Betrieb wird von einem "Treuhänder" verwaltet.
Stumpf darf die "Wolfra" nicht betreten. Er setzt Himmel und Hölle
in Bewegung, um seine Firma wieder zurückzubekommen. Es dauert aber wiederum Monate, bis Stumpf im Chefsessel Platz nehmen darf.




Kriegsgewinnler - Nadelskis

Das Treuhänder-Unwesen, das auch Andeas Stumpf zu spüren bekommt,
hat auch viele andere Wolfratshauser Geschäftsleute im Griff.
Zu den besonderen Günstlingen gehören die Gebrüder Nadelski.
Woher die beiden angeblich jüdischen Geschäftsleute gekommen sind,
liegt genauso im Dunkeln, wie ihr plötzliches Verschwinden.

Die Militärregierung setzt die Nadelskis in mehreren Betrieben
als Treuhänder ein. Als die Inhaber ihre Firmen wieder übernehmen dürfen, stehen sie im Chaos. Bei einem Wolfratshauser Eisenwarenhändler
räumt einer der Nadelskis das gesamte Lager aus
und schafft die Sachen zu seiner Geliebten.

Nachgesagt wird den beiden auch die Denunzierung
prominenter Wolfratshauser Bürger, unter anderem des Spruchkammer-Vorsitzenden Friedrich Hesselbarth.

Einen anderen Wolfratshauser, den ehemaligen NS-Funktionär Max B., haben sie allerdings vor dem Internierungslager bewahrt.
Sie benötigten den ehemaligen Finanzbeamten, so erzählt seine Witwe,
in einem der von ihnen treuhänderisch verwalteten Betriebe als Buchhalter.


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