Der deutsche Amerikaner



Dramatische Kindertage

Norman F. Weber ist stolz darauf, ein Deutscher zu sein.
Und er ist stolz darauf, Amerikaner zu sein. Inzwischen ist er beides,
in seiner Kindheit konnte er weder das eine noch das andere sein.
Der Methodisten-Pfarrer, der heute in Tennessee lebt,
verbrachte das Kriegsende in Buchberg und in Wolfratshausen.
Seine Familie musste ihre amerikanische Herkunft verbergen,
um sich nicht in Gefahr zu bringen.

Der 71-jährige Norman F. Weber ist ein Zeitzeuge,
wie ihn sich Historiker wünschen.
Seine Erinnerungen an die Kriegsjahre im späteren Geretsried
hören sich so lebendig an, als spielten sie gestern.
Und sie klingen äußerst plausibel.
Ein paar Wochen ist es her, dass Weber beim Googeln im Internet
auf diese Website gestoßen ist.
Die Darstellung der NS-Geschichte Wolfratshausens
und des Umlands wühlte in ihm viele Erinnerungen auf.
Er trug sich ins Gästebuch ein, der Kontakt war hergestellt.

Neun Jahre ist Norman F. Weber alt, als der Zweite Weltkrieg endet:
Er erlebt innerhalb weniger Wochen den amerikanischen Bombenangriff
auf die Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst (9. April 1945),
den Todesmarsch der Dachauer KZ-Häftlinge (30. April)
und den Einmarsch der amerikanischen Truppen (1. Mai).
Sieben Tage dauert es im Chaos des Zusammenbruchs,
bis Mutter Änny sich mit ihren drei Kindern von Buchberg
nach Wolfratshausen durchgeschlagen hat
und dort Wohnung und Arbeit findet.

Die Geschichte Norman Webers hat viele Windungen,
aber von Anfang an:

Zu Beginn der 30er-Jahre lernen sich Normans Eltern
Änny Bauer und Frank Weber in New York kennen.
Beide waren kurz zuvor eingewandert.
Der Vater stammt aus einem kleinen Ort südwestlich von Berlin,
die Mutter aus Penzberg.
Im Sommer 1939, das Einbürgerungsverfahren läuft noch,
kommt traurige Post aus Deutschland: Ännys Vater liegt im Sterben.
Er wolle seine Familie noch einmal sehen, schreibt er,
die Schiffspassage sei bezahlt.
Die New Yorker gehen zurück in die Heimat –
ohne eine Ahnung zu haben, dass sich dadurch alles für sie verändern wird.




Amerikaner Weber muss zur Wehrmacht

Eine Rückkehr nach Amerika ist nicht mehr möglich,

denn am 1. September 1939 überfällt Deutschland Polen,
der Zweite Weltkrieg bricht aus. Die USA sind nun,
obwohl offiziell noch nicht im Krieg, ein Feindstaat.
Frank Weber wird eingezogen und an die Ostfront geschickt –
die amerikanische Staatsbürgerschaft, die er zwischenzeitig
bekommen hatte, ist damit für ihn erledigt, zeitlebens.

Normans Mutter muss sich mit ihren beiden Kindern Norman und Lisa
in Berlin allein durchschlagen. Als die Lage dort durch die
fortgesetzten Bombenangriffe der Alliierten unerträglich wird,
folgt sie 1943 ihrem Mann nach Przemysl in Polen.
Aber auch dort wird es bald zu heiß:
Die Rote Armee ist im Anmarsch, an den Geschützdonner
kann sich Norman heute noch erinnern.

Die Webers flüchten erneut, diesmal nach Bayern,
wo Ännys Schwester Elly mit ihrer Familie lebt.
Genauer gesagt nach Buchberg, auf das Gelände der Rüstungsbetriebe.
Normans Onkel Josef Lindner arbeitet dort als Direktor der IG Farben. Niemand außerhalb der Familie weiß, dass die Webers bis 1939
in New York gelebt hatten.
Niemand weiß, dass die dort geborenen Norman und Lisa
die amerikanische Staatsbürgerschaft haben.
Sicherheitshalber hatte die Mutter alle verdächtigen Dokumente
vernichtet. Nur die Geburtsurkunden ihrer Kinder behält sie
und verwahrt sie an einem geheimen Ort.

An die Monate in Buchberg hat Weber schöne Erinnerungen.
Die Familie wohnt in einem komfortablen Haus direkt an der Reichsstraße 11.
Der Güterzug, mit dem Munition abtransportiert wird,
bringt die Buben zur Schule nach Wolfratshausen.
Mit seinem ein Jahr älteren Cousin Ekkehard genießt Norman
unbeschwerte und freie Tage. Mit ein paar Einschnitten,
die zeigen, dass der Krieg auch hier näherkommt:

Im Februar 1945 sollen die beiden Vettern für eine Woche
in das Hochlandlager der Hitlerjugend, zur „Wehrertüchtigung“.
Kurz darauf bekommt Normans Mutter die Aufforderung,
ihren Sohn in die „Führerleitungsschule“ zu schicken.
Vermutlich ist dies die Junkerschule in Bad Tölz, das heutige FlintCenter.

Norman geht nicht. Mutter und Tante haben Angst,
dass man ihn dort behält. 62 Jahre danach erinnert sich Weber,
dass seine Mutter damals sagte,
dass ihn diese Schule „verschluckt“ hätte.


          
         
         

In diesem Haus in Buchberg an der Reichsstraße 11                       
lebte Norman bis zum 30. April 1945.                        


Am 9. April beobachten Norman und Vetter Ekkehard
aus der Tür des Bunkers (an der Straße nach Schweigwall)
heraus den amerikanischen Luftangriff auf die Rüstungswerke.
Er scheitert, treffen die über 5000 Bomben doch in die Schneise
zwischen den Werken Geretsried und Gartenberg.
Lediglich ein Arbeiter aus Königsdorf wird tödlich verletzt.




Lagerkommandant wird erschlagen

Dann kommt der 30. April 1945. Die Wachsoldaten flüchten,
die in Lager Buchberg lebenden Zwangsarbeiter sind plötzlich frei.

Und die Amerikaner erlauben ihnen zu plündern
und Rache zu nehmen
. Ein oder auch zwei Tage herrschen Gesetzlosigkeit.
Der Lagerkommandant, „ein einarmiger Mann“, so erinnert sich Norman,
wird von befreiten Zwangsarbeitern erschlagen.

Steine fliegen in die Fenster. Die Familien Lindner und Weber
müssen alle ihre Vorräte hergeben. Sie fürchten um ihr Leben.
Ein paar Habseligkeiten laden sie in den Kinderwagen
von Normans zwei Monate alter Schwester Helga
und versuchen sich nach Wolfratshausen durchzuschlagen.

Norman F. Weber erinnert sich an die dramatischen Erlebnisse
Anfang Mai 1945:

„Wir sind erst durch den Wald hinter unserem Haus,
aber man hat auf uns geschossen. Wir laufen so schnell
wie möglich auf die Straße, um Amerikaner zu finden.
Man beschimpft uns: ,Ihr deutschen Schweine.‘ Und noch Böseres.
Plötzlich umkreisten uns eine Menge Männer und verlangten das,
was im Babywagen ist. Erst weigerte sich Mutter.
Dann griff ein Mann mich und hielt ein langes Messer unter mein Kinn,
mit der Drohung, er werde zustechen, wenn meine Mutter
die Sachen nicht hergibt.“

Eine Woche brauchen die beiden Familien für die fünf Kilometer
zum Lager Föhrenwald. Ein US-Soldat steht am Tor.
Normans Mutter läuft ihm entgegen, hält ihm die Geburtsurkunden
der Kinder hin, spricht ihn auf englisch an. Gerettet!

Zwei Tage lang kommen die beiden Familien im Lager Föhrenwald unter:
Die Zwangsarbeiter der Rüstungswerke sind schon weg,
die später bis zu 6000 heimatlosen Juden
(offiziell: DPs, Displaces Persons) noch nicht da.
Mutter Weber ist bei der Militärregierung äußerst willkommen.
Sie spricht perfekt englisch, sie kennt die amerikanische Mentalität.

Das „Military Gouvernement of America“ versucht aus dem Chaos heraus neue Strukturen aufzubauen. Zwischen 19 und 6 Uhr gilt eine
Ausgangssperre. Und für die Soldaten werden zahlreiche Häuser beschlagnahmt, die Bewohner müssen schauen, wo sie unterkommen –
und zwar „as soon as possible“, so schnell wie möglich.

Davon profitieren die Webers. Ihnen werden ein paar Zimmer
im Spatz-Haus an der Ludwig-Thoma-Straße zugewiesen,
dem Anwesen einer jüdischen Viehhändler-Familie,
die von den Nazis zum größten Teil deportiert und umgebracht wurde.


              

Erstkommunion feierte Norman (li.)              
1946 in Wolfratshausen.               



Captain Bischoff, Änny Weber und die Büromädels

Captain Carl H. Bischoff trägt mit sechs weiteren amerikanischen

Offizieren und einer ganzen Reihe „amerikanischer Büromädel“
(so erinnerte sich später Gemeindesekretär Anton Geiger)
die Verantwortung. Sie beziehen Quartier im Amtsgericht,
dem heutigen Heimatmuseum.

Bürgermeister Hans Winibald, 1933 von den Nazis des Amtes enthoben,
wird wieder eingesetzt. Nochmals Anton Geiger:
„Eigentlich waren unsere Besatzer recht großzügig.
Mit der Zeit hat man sich sogar angefreundet. Der erste Bürgermeister
Hans Winibald fand bei den Amerikanern immer ein offenes Ohr.“

Daran hat das Ehepaar Weber auch seinen Anteil.
Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im September 1945 bekommt auch Frank Weber eine Stelle als Dolmetscher.
Dank der engen Beziehungen zur US-Army bekommen die Webers
in diesen Notzeiten mehr und bessere Lebensmittel als die
einheimische Bevölkerung.

Mit 15 Jahren darf Norman den Führerschein machen. Er wird gebraucht:
Für den Vater fährt er immer wieder als Bote ins amerikanische Hauptquartier, die Flint-Kaserne nach Bad Tölz. Eine Stadt,
zu der er auch enge familiäre Bindungen hat, wie er Jahrzehnte
später erfährt: Sein Großvater gehörte zu den Erbauern
der evangelischen Kirche in der Schützenstraße und des Café am Wald.

Als die Amerikaner die Macht in zivile (deutsche) Hände übergeben,
ziehen die Webers nach Chieming und ein Jahr später nach München.
Norman, inzwischen 18, besinnt sich 1954 seiner amerikanischen Wurzeln,
tritt der US-Army bei und kommt nach Kentucky, in sein Heimatland. Heimatland? Nur zwei Jahre später lässt er sich nach Deutschland
versetzen, bis 1959 ist er in Augsburg stationiert.

Der Vater muss bleiben. Er ist staatenlos und
bekommt einen Ausweis als Flüchtlinge (DP-Pass).
Beide Schwestern von Norman Weber wandern ebenfalls in die USA aus.
Nach dem Tod ihres Mannes 1972 zieht Mutter Änny zu ihrer Tochter Helga.



             

Norman F. Weber (im Bild mit Ehefrau Sandy) lebt heute                 
als Ruhestands-Pfarrer in Mount Juliett in Tennessee.               



Weber besucht Deutschland jedes Jahr

Norman Weber, der noch in seiner Militärzeit geheiratet hat,

geht 1959 nach seinem Abschied aus der Armee
zum Studium nach Tennessee.
Er bekommt einen gut dotierten Posten bei einer Kraftfutterfirma
(die ihn für drei Jahre nach Krefeld schickt).
Die Webers haben zwei Kinder (heute 42 und 40).
Er macht sich selbstständig,
und mit 48 Jahren sattelt er noch einmal um
und wird Pfarrer in der methodistischen Kirche.

Die Verbindungen zu Deutschland sind bis heute intensiv,
nicht nur wegen der zahlreichen Verwandten seiner Eltern
und nicht nur weil die Webers
(nach dem Tod seiner Frau hat er wieder geheiratet)
fast jedes Jahr über den großen Teich kommen.

2002 war er zuletzt in Wolfratshausen, 2004 in Bad Tölz,
2010 will er wiederkommen.
Dieses Jahr war er auf den Spuren der Reformation
in Norddeutschland und der Schweiz.
Bis heute hält Norman Weber immer wieder Vorträge über Deutschland,
in Schulen und vor Veteranenverbänden.
„Ihr habt auf mich geschossen“, sagt er dann und erzählt,
wie das damals war – in Buchberg und in Wolfratshausen,
als die Amerikaner kamen.


Dieser Artikel erschien am 10. August 2007 im Tölzer Kurier


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