Epilog: Überlebt - Die Leiden des Priesters



Karl Schusters "Erlebnis-Bericht"

Zu den wenigen Wolfratshausern, die es im Dritten Reich wagten,
auch in aller Öffentlichkeit eine andere Meinung zu vertreten als die nationalsozialistischen Machthaber, gehörte der katholische Priester
Karl Schuster. Er kam mit 28 Jahren im Dezember 1933
nach Wolfratshausen als Kooperator an die von Pfarrer Mathias Kern geleitete Pfarrei.

Fünf Jahre später wurde er wegen seiner systemkritischen Äußerungen
nach München-Ramersdorf versetzt. Aber auch hier hielt Schuster
nicht den Mund. Im August 1939 wurde er verhaftet
und landete im Gefängnis. Die Erlebnisse aus sechs Jahren Haft
und beim abschließenden "Elendsmarsch" hat der 1930 geweihte Priester
im September 1946 in einem Bericht niedergeschrieben, der nachfolgend  (leicht gekürzt) veröffentlicht wird.

Schuster starb im Dezember 1978.




"Jetzt kommt der Schwarze"

1933 kam ich nach Wolfratshausen als Hilfsgeistlicher.
In dieser Pfarrei war seit 1922 der aufrechte und eifrige Pfarrer
Mathias Kern
tätig. Es war bezeichnend, dass kurz nach meiner Ankunft, einige Tage vor Weihnachten und am Todestag seiner Mutter,
Pfarrer Kern ein Schreiben überbracht wurde,
in dem ihn der nazistische Gemeinderat mit den Unterschriften
aller Gemeinderäte "ablehnte".

In dem mich treffenden Bereich der Seelsorge, zu dem auch die Leitung
der männlichen Jugend und ihrer Organisationen gehörte,
mehrten sich von Jahr zu Jahr die Angriffe, erst versteckt, später offen.
Sie richteten sich gegen alle Gebiete der Seelsorge, in Schule und Predigt, besonders gegen jede katholische Jugendarbeit.
und sie machten nicht einmal vor den offenen Gräbern der Toten halt.

Ein Lehrer bereitete die Einstimmung für den Religionsunterricht
in einer 7. und 8. Knabenklasse mit den Worten:
"So Buben, jetzt könnt ihr tun was ihr wollt, jetzt kommt der Schwarze." -
Eine Glaubensstunde in der Fortbildungsschule leitete ich
mit den Worten ein: "Wir wollen heute etwas über den Papst
und die Regierung der Kirche hören". Der Satz wurde mir
von einem "Hitler-Jungen" abgeschnitten:
"Geh, lass uns doch von dem römischen Pfarrer unser Ruah."

Der Schulleiter, bei dem ich mich nach zahlreichen ähnlichen
Vorkommnissen einmal beschwerte verwies mich an den "HJ-Führer".
Ein Schüler in Uniform verließ während des Unterrichts seinen Platz,
spazierte durch das Klasszimmer und rief mir zu:
"Ja, do konnst gor nix macha, mir san bei der HJ."




Nur dumme Spielereien?

Im unweit von Wolfratshausen gelegenen Linden verbrannte
ein mit den üblichen "Parteiwürden" ausgestatteter Lehrer den Schülern
mit einer glühenden Zigarre die Hände. Wiederholt ließ er auf dem Boden liegend Fortbildungsschülerinnen über sich hinweggehen,
um sich anzugeilen.

Auf anhaltendes Drängen der Eltern hin wurde er vom Ortsgeistlichen angezeigt und vom Gericht in München "wegen dummer Spielereien"
zu einer unerheblichen Gefängnisstrafe verurteilt.
Man konnte aber nie so recht erfahren, ob er die Strafe verbüßt habe,
wohl aber, dass er nach seiner Versetzung aus Linden zum Hauptlehrer befördert wurde und nach Nürnberg kam.

In Münsing fiel einem Arzt eines Tages auf, dass sein Bub ("HJ-Pimpf")
nicht mehr recht sitzen konnte. Auf die Fragen des Vaters,
was denn fehle, verweigerte der Sohn hartnäckig jede Auskunft.
Die erzwungene Untersuchung ergab eine Erkrankung,
die von unsittlichen Handlungen herrührte. Es stellte sich heraus,
dass der "HJ-Fähnleinführer", ein Homosexueller,
die ihm anvertraute Jugend in übelster Weise missbrauchte
und ihnen unter Bedrohung mit Erschießen Schweigen
gegenüber ihren Eltern gebot. Auch dies nur einiges aus vielem. (...)

Einmal hielt mir ein Polizeibeamter vor: Ich hätte auf der Kanzel gesagt,
dass der "BDM" die Jugend verderbe. Nach einigem Besinnen fiel mir ein, dass ich einige Zeit vorher in einer Predigt davon sprach,
dass ein Mädchen nur dann eine gute Frau und Mutter werden könne,
wenn es tief religiös erzogen und im Haushalt geschult wird.
Sport und Spiel und Vereine sind Nebensache.

Diese Anzeige wurde von einem Chorsänger erstattet,
der früher Wert darauf legte, als guter Katholik zu gelten.
Er fiel kurz danach beim Frühstück vom Schlag gerührt
tot vom Stuhl herab, so dass die Sache einschlief.




Beichtgeheimnis ist staatsfeindlich

Als ich einmal in einer Predigt davon sprach, dass nun die kirchenfeindliche Einstellung der Zeit hinreichend damit bloßgelegt sei,
dass in einer offiziellen Wochenzeitung das Beichtgeheimnis
als "staatsfeindliche" kirchenpolitische Maßnahme verhöhnt werde,
wurde ich zum Landrat gerufen.

Er hielt mir vor, es sei unerhört, es stifte Unruhe,
solche Dinge auf der Kanzel zu besprechen,
überdies sei es ganz unmöglich, dass derlei in einer offiziellen Zeitung gestanden habe. Ich wies auf den Untertitel des "Schwarzen Korps" hin: Offizielles Organ der deutschen Polizei.

Darauf erwiderte der Landrat, wenn dem auch so sei,
so sei es trotzdem Aufwiegelung, auf dem Land,
wo kein Mensch dieses Blatt kenne, davon zu sprechen.
Ich bemerkte weiterhin, dieses Blatt sei überall in Wolfratshausen käuflich
und sogar öffentlich angeschlagen. Die Antwort des Landrates:
Ich sei überhaupt in allem staatsfeindlich tätig,
und die Kreisleitung bestehe darauf, dass man im Wiederholungsfall schärfstens gegen mich vorgehen werde.

Wenn ich am Grab eines "PG" von seiner Bekehrung
und vom Empfang der Sterbesakramente sprach, hieß es,
der Pfaffe habe den Kranken durch seine Quälereien höchstwahrscheinlich gezwungen, oder aber es sei wahrscheinlich gar nicht wahr;
der Tote könne ja nichts mehr sagen.
Vor der Beerdigung eines "PG" erklärte ein "SA-Führer" seiner Horde:
"Wenn der Kooperator nur ein Wörtchen sagen sollte,
dann werfen wir ihn ins Grab hinein."(...)

Am schlimmsten erging es dem Gesellenverein.
Seine Stärke von ca. 50 Mitgliedern in den Jahren 33/34
war den nur langsam Fuß fassenen NS-Organisationen,
"SA" und "Arbeitsfront", ein Dorn im Auge. Wie alle Versammlungen,
so mussten wir auch die Hauptversammlung Anfang des Jahres 1935
beim Bürgermeister zur Genehmigung anmelden.
Es kam bis zum Zeitpunkt des Beginnes weder eine Genehmigung
noch eine Ablehnung. Beim Betreten des Lokals
(Nebenzimmer des Löwenbräu) sah ich außer den Gesellen
noch eine Gruppe von uniformierten SS-Leuten.
Sie waren aus München herbeigeholt worden.

Unter ihnen befand sich eines der übelsten Elemente der Nazis
in Wolfratshausen. Nach einiger Zeit erschien der Bürgermeister selbst.
Ich wollte die Versammlung unter diesen Umständen ohne schriftliche Genehmigung nicht abhalten und teilte dies meinen Gesellen mit.
Daraufhin erklärte mir der Bürgermeister, er bestehe auf der Abhaltung.

So nahm die Versammlung kurz und offiziell ihren Ablauf.
Hernach riet ich meinen Leuten, möglichst bald nach Hause zu gehen
und verließ mit dem größten Teil der Leute selbst den Saal.
Drei Leute blieben noch länger.

Nachdem auch sie gegangen waren, folgten ihnen die SS-Leute,
zwangen sie, zu ihnen in Autos zu steigen, fuhren sie über die Isar
in Richtung Großdingharting und schlugen sie im Wald.
Am ärgsten misshandelten sie einen evangelischen Jungmann,
der sich dem Gesellenverein nur gastweise angeschlossen hatte.
Das Ergebnis der Anzeige beim Landratsamt war ein generelles Versammlungsverbot für den Gesellenverein Wolfratshausen,
weil dieser die Ruhe und Sicherheit gefährde. (...)

Einige Tage hernach jedoch, am 1. April 35 wurde der Senior des Vereins, Adolf Reiser, einer von den aufrechten Christen,
wie sie einem selten begegnen, von der Arbeitsstelle zurückgekehrt, verhaftet, mit der Begründung, er habe mit der Einladung der Mitglieder
zu einer Familienwoche das Versammlungsverbot umgangen.
Durch eine sofort veranlasste Unterredung der Oberhirtlichen Stelle
mit der Gestapo gelang es, Reiser nach dreitägiger Haft freizubekommen.




Schläge auf offener Straße

Aber die Verfolgung ging weiter. Am 15. August 35 wurde ich
am hellen Tag auf offener Straße von einem
erneut herbeigeholten Rollkommando der SS gestellt.
Es waren etwa 10 Leute mit Pistolen und Gummiknütteln bewaffnet.
Sie fragten mich: "Sind sie der Präses?" Ich sagte: "Welcher?"
Die Antwort waren Schläge auf Kopf und Schläfen. Da sagte einer:
"Sie sind verhaftet, gehen sie mit in diesen Hausgang."
Ich weigerte mich energisch und bat Reiser, der neben mir stand,
die gegenüberliegende Gendarmeriestation um Hilfe zu ersuchen.

Inzwischen drang ich bei den SS-Leuten darauf,
mir den Haftbefehl zu zeigen. Sie antworteten mir, das sei nicht nötig,
sie seien selber Polizei. Reiser kam mit dem Bescheid
von der Polizeiwache zurück: "Da kann man nichts machen."

Da Feiertag war, sammelten sich in kurzer Zeit
ziemlich viele Straßenpassanten an, die ihre Erregung
zum Teil nur schwer verbergen konnten.
Dadurch anscheinend eingeschüchtert zogen sich die SS-Banditen zurück
mit den Worten: "Wir kriegen dich schon noch."
Eine Anzeige wäre ebenso zwecklos gewesen wie im ersten Fall,
darum unterließ ich sie.

Ein Jahr später, im August 36 wurde ich durch einen Polizeibeamten
in das Amtsgericht Wolfratshausen zu einer Vernehmung geladen.
Ein Herr, der sich als Staatsanwalt ausgab, erklärte mir,
ich könnte ruhig meine Erlebnisse vom 15. August 35 zu Protokoll geben,
ja, dies sei sogar meine Pflicht. Die Leute, die mich überfallen hätten,
seien sämtlich hinter Schloss und Riegel, sie seien Provokateure gewesen, die das Ansehen der Polizei schädigen wollten.
Im neuen Deutschland gebe es so etwas nicht mehr.
Dann wurde ich zwei Stunden vernommen.

In Wirklichkeit ist von den SS-Leuten niemand verhaftet
oder bestraft worden. Ich konnte später sogar in Erfahrung bringen,
dass sich einer dieser Helden in einem Kaffeehaus
in München ("Brennessel") damit brüstete,
dass ihm der damalige Gauleiter Adolf Wagner bei einem Empfang
auf die Schulter klopfte und ihn für "sein schneidiges Vorgehen
gegen die Schwarzen in Wolfratshausen" belobigte.



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Dämonischer Häuptling Adolf

Meine persönlichen Erlebnisse zusammen mit den heute
allen bekannten Äußerungen und Wirkungen des Hitler-Systems
auf kulturell-religiösem und staatlich politischem Gebiet (...)
führten mich früh auf eine klare Linie der totalen Ablehnung des Nazitums.
Ein Consortium von Verbrechern und Abenteurern hatte sich
unter der Führung eines dämonischen Häuptlings unter Ausnützung
der Notlage des deutschen Volkes durch Lüge, Mord und brutale Gewalt
an die Macht gedrängt.

Nach Erreichung dieses Ziels steigerte diese Bande
mit raffinierten Organisationsmethoden und Zwangsmitteln
ihre verbrecherische Tätigkeit ins Unermessliche.
Der Begriff "rechtmäßige Regierung" konnte auf den Hitlerismus
darum keine Anwendung finden. Ihn zu bekämpfen
oder zu seinem Sturz beizutragen, hielt ich vor meinem Gewissen
nie für Hochverrat sondern für meine Pflicht als Katholik, Priester
und Staatsbürger.

Wohl konnte dieses Unterfangen unklug, aussichtslos
und gefährlich erscheinen, umso mehr für jemand,
der beruflich exponiert war und die Aufmerksamkeit der Gestapo
durch die besonderen Umstände besonders auf sich gelenkt sah.
Doch verlieren solche Einwände in einer so wichtigen Sache
vor dem Gewissensurteil des christlichen Menschen ihre Bedeutung. (...)

Diese Erwägungen bewogen mich im Jahr 1935 einem Mitglied
der damals im Entstehen begriffenen bayerischen Widerstandsbewegung
die Zusage meines Interesses zu geben. Der Mann war durch meine Erlebnisse und meine Einstellung auf mich aufmerksam geworden.

Der Bund hatte sich die Bewahrung des bayerischen Gedankens
zum Ziel gesetzt. Es fanden sich in ihm monarchistisch gesinnte,
aber auch viele demokratisch orientierte Leute aus dem
früher christlich eingestellten Lager. Ihre Zahl stieg auf 5000.

Ich habe vor und besonders während meiner Gefangenschaft
viele von ihnen kennengelernt. Es waren durchwegs ideale Menschen,
keiner vorbestraft, aus allen Schichten und Richtungen der Bevölkerung.

Es konnte nicht anders sein, denn Aussichten auf Reichtum
und Ehrenstellungen gab es nicht, nur Wagnis und Gefahr.
Geldmittel konnten nur in bescheidenem Maße aus kleinen Spenden
der Mitglieder selbst aufgebracht werden.
Von verschwindenen Ausnahmen abgesehen waren
Leute aus vermögenden Kreisen für solche Aufgaben nicht zu finden.

Nach meiner Versetzung nach München im Jahre 1938 kam ich
erstmals bei einigen Besuchen der mir bekannten Familie Pflüger
mit einem kleineren Kreis unserer Leute zusammen.
Unter ihnen befand sich zu dieser Zeit schon ein gerissener Verräter,
der Gestapo-Spitzel Fischer.

Dieser ältere Herr mit biederem Aussehen gab sich
als ehemaliger Mitarbeiter Dr. Gerlichs aus, warb sogar selbst Mitglieder
für die Widerstandsgruppe und gewann so rasch das Vertrauen.
Wie wir später erfuhren, hat Fischer zu gleicher Zeit wöchentlich
einen handschriftlichen Bericht über alles ihm Erreichbare
einschließlich harmlose Witze an die Gestapo gegeben. (...)




Festnahme und Gefängnis

Kurz vor Beginn des Krieges, in den ersten Augusttagen des Jahres 1939, erfuhr ich von den ersten Verhaftungen der Leute unseres Kreises.
Eine Flucht ins Ausland, deren Gelingen von Tag zu Tag
fragwürdiger wurde, da ich mich schon von der Gestapo "unauffällig" beobachtet wusste, hätte meinen Vater und meine Schwester
in größte Gefahr gebracht.

Als ich von einem kurzen Landaufenthalt am 12. August 1939
nach München zurückkam, erfuhr ich im Hotel Europäischer Hof
am Fernsprecher durch das Pfarramt,
dass bereits am Morgen "Besuch" bei mir gewesen sei.

Es war ein Samstag und am folgenden Sonntag war
in St. Maria Ramersdorf die kirchliche Feier
des 25jährigen Priesterjubiläums des HH. Stadtpfarrers Kifinger angesetzt. Gegen 5 Uhr abends ging ich nach einem kurzen Besuch
in unserer Gnadenkirche zunächst nicht in meine Wohnung,
sondern ins Pfarrhaus.

Hier hatte ich mich kaum zu einer kleinen Lagebesprechung niedergesetzt, als zwei Gestapo-Beamte in Zivilkleidung das Zimmer betraten
und mich nach Vorzeigung einer Marke festnahmen.

Auf dem kurzen Weg in meine Wohnung begann einer dieser Beamten bereits mich zu verhören: "Wer ist Ludwig?" Ich konnte keine Antwort geben auf eine so aus jedem Zusammenhang gerissene Frage.
Der Beamte sagte zynisch: "Na, Sie werden es schon noch lernen,
sich zu besinnen."




Wäsche, Kamm und Seife

Nun nahm ich von meiner Schwester Abschied
und trat mit einem Köfferchen, in dem nur die notwendigsten Habseligkeiten, wie Wäsche, Kamm und Seife, und das Brevier
(Gesang- und Gebetsbuch des Priesters, d. Autor)
und das Neue Testament Platz finden durften,
den Weg in das Dunkel einer fast sechsjährigen Gefangenschaft an. (...)

Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich dann
in das Gefängnis Stadelheim gebracht. (...) Am kommenden Sonntag
brachte mir der Gefängnispfarrer ein Buch. (...)
Der Inhalt dieses Buches wie die erschrockene Miene des Geistlichen bestätigten mir die Ahnungen, ich müsse nun nicht nur mit meiner Freiheit, sondern auch mit dem Leben abschließen. Am darauffolgenden Montag wurde ich wieder in das kleine Gefängnis der Gestapo
im Wittelsbacher Palais gefahren. Vor der Fahrt sagte mir der Beamte:
"So, jetzt werden wir dich wie eine reife Zitrone auspressen."

In den kommenden Monaten bewohnte ich eine kleine Zelle
im Kellergeschoß des Gestapogefängnisses
zusammen mit einem älteren jüdischen Geschäftsmann aus München.
Aus einem Gesuch, bei dessen Abfassung ich ihm half, ersah ich,
dass er auf die Anzeige eines Geschäftskonkurrenten hin
wegen Verdachts auf "Rassenschande" in Haft gekommen war.

Die Verpflegung während dieser Zeit war gut und ausreichend.
Die Behandlung richtete sich nach Veranlagung, Laune,
dem jeweiligen Grad der Besoffenheit und der Einstellung der SS-Aufseher. Während der vier Monate kam ich nur zweimal
je ca. 45 Minuten lang ins Freie.

Was mir diese erste Zeit zur Hölle machte,
waren die Verhöre in der Gestapo selbst.
Vier Wochen hindurch wurde ich nahezu täglich vom Morgen bis zum Abend, einige Male bis 10 Uhr vernommen. Drei Kommissare besorgten diese Arbeit, hin und wieder schaltete sich auch einer der "Regierungsräte" ein.




Gewalt lähmt die Stimmung

Zunächst erschrak ich über die eingehenden Informationen der Gestapo.
Der Beamte las mir aus handgeschriebenen Blättern seitenweise Berichte über meine persönlichen Beziehungen und meine Tätigkeit vor.
Freilich eignete sich nur wenig daraus zu einer mühseligen Konstruktion
einer Belastung im Sinne des Gesetzes.
Daran änderte auch die mitunter theatralische Aufbauschung nichts. (...)

In den Zeiten zwischen den Verhören war das Leben im Gestapo-Gefängnis schwer und eintönig. Die vollständige Hilflosigkeit und Unsicherheit gegenüber der Gewalt und dem Unrecht legte sich lähmend
auf die Stimmung. Unbeschwerte Unterhaltung gab es nicht.
Doch geschahen zuweilen Abenteuer.

Einem unserer Leute gelang es einmal, einen Brief über die Küche hinauszuschmuggeln. Da sich der Adressat in seiner Antwort,
die über den Amtsweg hinein kam, darauf bezog, kam die Sache auf.
Vier Wochen strenger Arrest bei Wasser und Brot und hartem Lager
waren die Strafe dafür. Täglich sahen wir am Morgen
den "Dachauer Wagen" vollbesetzt durchs Tor hinausfahren.

Nach dem Attentat am 9. November 1939 (im Münchner Bürgerbräukeller,
d. Autor) zeigte mir ein Aufseher mit bestürzter Miene die Zeitung:
"Das wird auch für euren Verein unangenehme Folgen haben."
Drei Tage hernach wurde ich mit noch dreien unserer Leute
wegen Überfüllung des Gestapo-Gefängnisses mit sämtlichen Angestellten des Bürgerbräu-Kellers in die Strafanstalt München-Stadelheim
in sogenannte Schutzhaft verbracht. (...)
Von diesem 12. November 39 ab war ich in ständiger strenger Einzelhaft
bis Ende Juni 1944, fast 5 Jahre. (...)




Elf Stunden täglich Tütenkleben

Die Gefangenenarbeit bestand elf Stunden täglich
in der Anfertigung von Papiertüten. Sie bedeutete besonders
für Leute von Bildung und geistiger Regsamkeit keine Verkürzung der Zeit, sondern eine indirekte, furchtbare Folter. Wir politischen Schutzhäftlinge waren vom Besuch des Gottesdienstes ausgeschlossen,
durften keine zusätzlichen Lebensmittel empfangen und nicht rauchen.

Die Kost war in dieser Anstalt zu dieser Zeit schon sehr wenig,
schlecht und von geringem Nährwert. Ich erfuhr, was Hunger ist.
Besuche von Angehörigen waren sehr selten,
durften nur fünf Minuten dauern und wurden streng überwacht.
Als meine Schwester bei der Gestapo einmal eine Sprechkarte beantragte, erkundigte sie sich bei den Beamten danach, wie es mit mir stehe.
Sie erhielt die Antwort: "Da brauchen sie sich gar nichts mehr zu denken,
ihr Bruder wird geköpft, der wollte ja die Regierung stürzen."

Kurz vor Weihnachten 39 ging ein Gerücht um, es würden zum Fest
Leute aus unserem Kreis entlassen. Als meine Schwester um diese Zeit
um eine Besuchserlaubnis ersuchte, wurde ihr nun gesagt, es sei
nicht mehr nötig, denn ich würde dieser Tage frei. Da ich am Hl. Abend
noch nicht nach Hause kam, versuchte sie es nochmals mit einem Besuch
im Gefängnis. Sie wurde brutal abgewiesen.
Meine Schwester erlitt damals einen Nervenzusammenbruch (...).

Die Hausordnung der Gefängnisse sah auch für das trauteste aller Feste keine Ausnahme vor. Wie sonst an Sonnabenden und Sonntagen entfiel
am Abend die warme Suppe. Das Abendessen bestand an solchen Tagen aus einem Stück Brot und etwas Leberpressack, und wurde am Mittag
schon ausgegeben und dann auch meist gleich gegessen.


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"Stille Nacht" - wie in der Kirche

Wie sonst brannte auch am Hl. Abend kein Licht in der Zelle.
Diese Maßnahme wurde mit dem Luftschutz begründet.
Nur eines konnte man uns nicht nehmen, die Nähe zu Gott.
Von irgendwoher hatte ich ein Kerzlein und ein Zündholz erhalten;
kaum hatte ich es angezündet, da halte aus irgendeiner Zelle
eine Stimme durch die Gänge: "Stille Nacht ..." Andere klangen dazu, vierstimmig, es hätte in der Kirche nicht schöner sein können (...).

Am 7. Januar 1940 wurde ich in das Untersuchungsgefängnis Neudeck überstellt. Die Gestapo hatte inzwischen die Protokolle
an den "Volksgerichtshof" in Berlin weitergegeben.
Dieser veranstaltete im Lauf des Januar und Februar 1940
noch einmal Vernehmungen. (...)

Die Art der Verhöre war ruhiger und sachlicher, freilich auch hinterlistiger
als in der Gestapo. Vom Abschluss dieser Vernehmungen
war ich viereinhalb Jahre "Untersuchungsgefangener",
es fanden jedoch keine Verhöre mehr statt.

Die Haft in der kleineren Untersuchungsanstalt Neudeck
war in manchem erträglicher als in der großen überfüllten Strafanstalt Stadelheim. Die Zelle war sauber und enthielt außer Bett, Tisch und Stuhl auch einen kleinen Spind, einen Spiegel und ein Wandbild,
was ihr einen Hauch von Wohnlichkeit verlieh. Von Ausnahmen abgesehen war das Benehmen der Aufseher nicht mehr grob und verächtlich,
sondern ruhig; manche Beamte zeigten Teilnahme
und grüßten freundlich. (...)

Nach dem endgültigen Abschluss der Vernehmungen übergab
der "Volksgerichtshof" die Briefzensur und die Besuchskontrolle
an einen Ermittlungsrichter des Münchner Amtsgerichts.
Dieser war etwas großzügiger, ließ zu, dass ich eigene Bücher lesen konnte und nach einigen Jahren meine Angehörigen außerhalb
der Gittervorrichtung sprechen konnte, freilich unter ständiger Aufsicht. (...)




Treue Pfarrgemeinde

Der Wahrheit zuliebe und aus der Verpflichtung tiefer Dankbarkeit
denke ich an die Überraschung zurück, als ich inne wurde,
wie sich die Liebe der Pfarrangehörigen von St. Maria Ramersdorf
durch die unerbittlichen Bestimmungen des Hasses
und die eisernen Gittertüren einen Weg schlug, um mir zu helfen.

Einem Mitglied der Pfarrjugend, das zugleich als Sekretärin
im Münchner Amtsgericht arbeitete, gelang es,
die Erlaubnis zu gelegentlichen Besuchen bei ihrem Chef zu erhalten.
Über diesen Weg erhielt ich bis zum Jahr 1944 laufend Nachrichten
aus dem pfarrlichen Bereich und in der sehr bald einsetzenden Hungerzeit sehr willkommene zusätzliche Lebensmittel, zu deren Beschaffung
sich eigens ein Kreis von Frauen bereitgefunden hatte. (...)

Es gab aber doch von Seiten des Gerichts, der Anstaltsbehörden,
ja selbst der Gestapo einen Unterschied in der Behandlung der Gefangenen. Da hatten einige die Erlaubnis, sich selbst mit eigenem Apparat zu rasieren. Die meisten wurden einmal in der Woche von einem Gefangenen
mit einer Haarschneidemaschine rasiert.

Gelegentlich erfuhr ich nun während dieser Prozedur,
dass die besagte Maschine auch bei geschlechtskranken Gefangenen
an besonderen Körperteilen verwendet wurde. Freilich wurde sie in diesen Fällen "hernach abgewischt und mit einem anderen Einsatz versehen". Daraufhin habe ich wegen meiner empfindlichen Haut um
Rasiererlaubnis nachgesucht. Die eigentliche Begründung zu bringen,
wäre nicht ratsam gewesen. Mein Gesuch wurde abgelehnt. (...)




Keine Verhandlung - keine Entlassung

Nach geraumer Zeit haben mir gut gesinnte Menschen nahegelegt,
ich möge einen angesehenen Rechtsanwalt ersuchen,
sich beim "Volksgerichtshof" in Berlin für mich zu verwenden.
Nach dem Urteil der Vernunft erschien so etwas zwecklos,
ja vielleicht gefährlich, weil es die Aufmerksamkeit der Feinde erregte.

Jedoch Wunsch und Hoffnung waren noch nicht gestorben. Ich habe dem Anwalt eine Menge Material zur Entkräftung der vom Gericht gegen mich erhobenen Vorwürfe vorgelegt (...). Nach etwa zwei Monaten besuchte mich der Herr wieder und erklärte mir, man habe ihm in Berlin gesagt, mein Fall werde demnächst gerichtlich geregelt, und ich könnte auf baldige Befreiung hoffen, da man ein Strafausmaß von drei Jahren annehme. Auch dies entsprach nicht den Tatsachen.

Drei Jahre meiner Haftzeit waren längst um, und ich hörte nichts
von einer Verhandlung. So habe ich selbst ein ausführlich
begründetes Gesuch an den "Volksgerichtshof" um Haftentlassung
oder eine baldige gerichtliche Entscheidung gesandt.
Nach zwei Monaten erhielt ich von dort ein Schreiben folgenden Inhalts:
"Die ihnen von ihrem Anwalt gemachten Mitteilungen (...) entbehren jeder tatsächlichen Grundlage. Da die Gründe, die zum Haftbefehl geführt haben, fortbestehen, findet eine Haftentlassung nicht statt."

Diese Erlebnisse brachten mir die vollständige Hilflosigkeit
gegenüber der Verlogenheit und brutalen Gewalt im Mantel des Rechts
erst ganz zum Bewusstsein. Sie führten in Verbindung mit der
immer schwerer drückenden Einzelhaft zu einer ständigen latenten Angst
und im vierten Jahr der Haft zu einer sich steigernden schweren Nervenkrise.

Die Zelle war dunkel, der Aufenthalt in der "frischen Luft"
des Gefängnishofes viel zu kurz. Sonne gab es für uns überhaupt nicht.
Im Winter 1942 erwärmte sich der Heizkörper vormittags und nachmittags
für je zwei Stunden so, dass man in seiner unmittelbaren Nähe merkte,
dass geheizt war.

Da ich mit zunehmender Haftzeit viel an Schlaflosigkeit litt,
ging ich täglich bis 11 Uhr nachts auf und ab, im Winter 7 Stunden lang,
5 Schritt auf, 5 Schritt ab. Während der ersten Jahre war mir
diese Zeit sehr kostbar. Da baute ich mir meine eigene innere Welt,
da lernte ich auch den Wert des Gebetes kennen.
Vom vierten Jahr ab verlor ich die Freude am Lesen
und die Gedanken kreisten mehr und mehr um dieselben Dinge.
Es entstand ein Kampf mit dem kommenden Wahnsinn (...).




Ohne Schutz vor Fliegerangriffen

Eine weitere Belastung bildete das besondere Erlebnis der Fliegerangriffe
im Gefängnis. Es gab für Gefangene keine Schutzräume.
Und zwar aus Prinzip nicht, was aus einer Anordnung
des damaligen Generalstaatsanwalts hervorgeht.
Danach waren nach dem Einsetzen der schweren Angriffe
die leicht kriminellen Gefangenen in den unteren,
die schweren kriminellen in den mittleren
und die politischen in den oberen Stockwerken unterzubringen.

Eine Hilfeleistung durch Beamte und Löschkommandos war für die
politischen Gefangenen in der gleichen Anordnung ausdrücklich untersagt, mit der Begründung: An der Rettung dieser Leute haben wir kein Interesse.

Damals wurde ein Hauptmann in eine mir benachbarte Zelle gesperrt,
der auf mehreren Kriegsschauplätzen vieles erlebt hatte.
Beim ersten Fliegerangriff brüllte er wie ein Stier. Hernach sagte er mir:
Unter all dem Scheußlichen, was er gesehen habe,
sei diese Wehrlosigkeit im versperrten Raum das Schrecklichste.




"Verbrecherkonsortium"

Aus menschlichem Mitempfinden mit meinem damaligen Zustand
wagte es seinerzeit der uns gut gesinnte Verwalter der Anstalt Neudeck,
mir die Arbeit in der Gefängnisbücherei zu übertragen.
Damit wäre ich wenigstens für einige Stunden des Tages
aus der Enge der Zelle herausgekommen.
Doch nach einigen Wochen schon wurde mir diese Vergünstigung
von dem Vorgesetzten Firmkäs wieder entzogen.

Außer der Lust an der Schikane gegen den Geistlichen in mir
erschien mir als einer der wesentlichen Gründe
für diese vollständige Absperrung die Absicht, mir ja jeden Einblick
in die Vorgänge und in die Schicksale der Mitgefangenen vorzuenthalten. Dies gelang auch in dieser Zeit, wenn auch nicht ausnahmslos.

Geraume Zeit nach meiner Einlieferung kamen zwei Geistliche
(wegen krimineller Delikte, Sittlichkeit) dorthin. Von einem davon, anscheinend dem Anstifter, hatte jeder Beamte und jeder Gefangene,
der ihm begegnete, den bestimmten Eindruck, dass er geistesgestört war.

Er bestand zum Beispiel im Gefängnis noch hartnäckig auf der Ansicht,
er habe nichts Schlechtes getan, sondern in göttlichem Auftrag gehandelt.
Er suchte uns bei jeder Gelegenheit davon zu überzeugen,
dass am 8. Dezember 42 eine große dreitägige Finsternis käme,
als Gericht über den Nazismus und die Gottlosigkeit.

Schließlich schrieb er einen langen Brief an die Generalstaatsanwaltschaft,
in dem er dieser den Auftrag erteilte, das "Verbrecherkonsortium",
das sich derzeit Regierung nennt, zu verklagen und zum Tod zu verurteilen.

Daraufhin wurde er auf Veranlassung dieser Behörde zu vier Wochen strengem Arrest verurteilt. Als er unter dieser Strafe schwer abmagerte, brachte ihm ein gut gesinnter Beamter etwas Brot in die Zelle.
Dies wies er zurück und zeigte obendrein den Beamten
bei seinen Vorgesetzten deswegen auf dem Dienstweg an.
Den erwähnten Brief hatte er unterschrieben:
"Karl Dürr, der große Monarch des kommenden Reiches".

Dieser Mann wurde wohl auf die Veranlassung seines Verteidigers
vor der Verhandlung zur Untersuchung in die Münchner Nervenklinik gebracht. Der andere Geistliche auch. Ob die in dieser Klinik
an den beiden Patienten vorgenommenen schweren Misshandlungen (wechselndes Übergießen des Körpers mit heißem und eiskaltem Wasser, Püffe und Tritte auf den Leib) und die Verhöhnungen der beiden
vor dem ganzen Auditorium vom medizinischen Standpunkt aus
notwendig war, kann ich nicht beurteilen.

Die Untersuchung ergab jedenfalls, dass beide, auch Dürr, normal
und für ihre Handlungen voll verantwortlich seien.
Es folgte eine Verhandlung vor einem der Münchner "Sondergerichte".
Das Urteil lautete für Dürr auf 14 Jahre
und für den anderen Geistlichen auf 7 Jahre Zuchthaus.

Es erschien einem der Gerichtsbeamten als zu milde,
und er beantragte Wiederaufnahme des Verfahrens
vor einem "Sondergericht" in Nürnberg. Dort wurde dann Dürr
zum Tode verurteilt und nach einem Vierteljahr enthauptet. (...)



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Wieder in strenger Einzelhaft

Im Oktober des Jahres 1942 wurde ich ins Gefängnis
an der Corneliusstraße verlegt. Dort war ich, wieder in strenger Einzelhaft, eineinhalb Jahre untergebracht. Als Vorwand für diese Übersiedlung
wurde Raummangel angegeben. Der wirkliche Grund war ein anderer. Firmkäs war es im Laufe der Zeit wohl zu Ohren gekommen,
dass ein paar gut gesinnte Beamte mich gelegentlich
auf einen Sprung aufsuchten, um mir etwas Trost,
auch manchmal einige Zigaretten zu bringen.

Dies konnte er am besten damit unterbinden, dass er mich ins Corneliusgefängnis brachte, das unter seiner ganz persönlichen Leitung
ein Musterbetrieb nazistischen Strafvollzugs war (er wohnte selbst im Haus) und dessen Aufseher ihm restlos und ängstlich ergeben waren. (...)

Doch nach einigen Wochen lernte ich in einigen Aufsehern
sehr liebe Menschen kennen. (...) Freilich konnte das die Schwere der Haft nur unwesentlich mildern, denn die Hausordnung war sehr streng,
der Ton der nazistischen Aufseher unpersönlich, kalt zuweilen brutal,
der Haftraum war viel kleiner, die Fenster nur schmale Schlitze
und die Luft wegen des Klosettkübels sehr schlecht. (...)

Bei einem der damaligen Luftangriffe gerieten die Häuser
rund um die Anstalt und diese selbst in Brand. Am bedrohlichsten
waren die Stichflammen aus der wenige Meter entfernten,
mit Explosivstoffen gefüllten alten Kaserne. Es wurden die Zelltüren
für wenige Minuten geöffnet und die Gefangenen angewiesen,
an der Türe stehen zu bleiben.

In solchen Nächten war an eine Minute Schlaf überhaupt nicht zu denken.
Bis zur Mitternacht ließen mich in diesen Monaten der Hunger
und die Nervenüberreizung nicht zur Ruhe kommen.
Die eingeschlagenen Fensterscheiben konnten nur durch Papier ersetzt werden, so dass nun die Zelle auch wochenlang ausgekühlt war. (...)

In den ersten Apriltagen des Jahres 44 wurde ich überraschenderweise wieder ins Untersuchungsgefängnis Neudeck zurückgebracht.
Der öde Gleichlauf des Strafvollzugs hatte hier, wie mir auffiel,
inzwischen eine Wendung zum Schlechteren genommen. Einige Aufseher hatten es sich angewöhnt, Gefangene aus geringen Anlässen zu schlagen.

In der Langeweile eines Festtages schaute ein Grieche
zum Zellenfenster hinaus. Er wurde darob verprügelt wie ein Hund.
Einem anderen wurde eine Frage an den Beamten mit einem Schlag
mit dem Schlüsselbund ins Gesicht beantwortet. (...)




Nach fünf Jahren ein Prozess

Auf den 13. Juni, nahezu fünf Jahre nach der Festnahme,
wurde die gerichtliche Verhandlung anberaumt.
Die aufgebauschte Anklageschrift beschuldigte in sehr scharfem Ton
neun Leute aus unserer Gruppe staatsfeindlicher Bestätigung,
darunter drei, Pflüger Heinrich, Fahrner und mich,
der Vorbereitung zum Hochverrat.

Leider kann ich den mich betreffenden Abschnitt nicht wörtlich anführen,
weil meine Aufzeichnungen bei einem Fliegerangriff verloren gegangen sind. Wie schwach die Unterlagen waren, beweist die Anführung des
so genannten Annahmeparagraphen § 89, nach welchem der Richter
befugt war, in Ermangelung stichhaltiger Beweise,
Strafen nach eigenem Ermessen zu verhängen.

Die Verhandlung selbst wurde am Dienstag nachmittag, 13. Juni 1944, eröffnet. In blutroten Roben mit aufgesticktem "goldenen Hoheitszeichen" betraten die Richter den Schwurgerichtssaal des Münchner Justizpalastes. Über dem Gericht hing ein überlebensgroßes Bild
des "obersten Gerichtsherrn", das die brutalen Züge
dieses Massenmörders sehr unmissverständlich hervorhob. (...)

Der Vorsitzende Richter war ein Preuße, der Oberreichsanwalt ein Sachse
mit einem Höcker, der Schriftführer ein kleiner verschlagener Österreicher. Die zwei Beisitzer, ein General der Flieger und ein Führer
des Arbeitsdienstes, in ihren militärischen Uniformen milderten
durch ihre menschlicheren zuweilen auch schläfrigen Mienen
das abschreckende Bild. (...)

Den zweiten Tag füllten die Plädoyers der Anwälte. (...) In den späten Nachmittagsstunden entspann sich eine fast erheiternd wirkende Szene. Unter den wenigen Zeugen war an diesem Tag unser Verräter
und Spitzel Fischer anwesend. Seinem niederen Verrat
in den Jahren 38 und 39 hatte er mit einer seltenen Gemeinheit
die Krone damit aufgesetzt, dass er nach der Gefangennahme
seiner Opfer zu deren Angehörigen hinging und versprach,
er könne durch seine Verbindungen in Berlin
die Befreiung der Gefangenen erreichen.

Es mangle ihm nur an dem nötigen Geld zur Fahrt dahin.
Bei meinen Angehörigen versuchte er diesen Betrug zweimal.
Sie waren auf meine vorherige Warnung hin nicht darauf hereingefallen.
Nun hatte ich während meiner Haftzeit einmal in einem Schreiben
an den "Volksgerichtshof" unter anderen Gründen zu meiner Entlastung
auch angeführt, ich könne es nicht glauben, dass ein deutsches Gericht einen Menschen auf das Zeugnis eines so minderen Betrügers hin
ins Unglück stoße.

Dazu musste Fischer nun in der Verhandlung Stellung nehmen.
Er leugnete alles, sogar dass er meinen Vater kenne;
mich irgendwann einmal gesehen zu haben, daran konnte er sich
gerade noch erinnern. Für das Gericht wurde die Sache schwierig
und zur gänzlichen Blamage, als vier Anwälte mit schlüssigen Beweisen
über den Hauptzeugen Fischer herfielen
und ihn fünfmal des Betruges überführten.

Statt nun den Schein zu wahren und entrüstet von Fischer abzurücken,
setzte der Vorsitzende die Einvernahme fort. Und Fischer leugnete weiter,
er leugnete alles, was er früher schriftlich an die Gestapo
weitergegeben hatte. Er konnte dies, denn das Aktenmaterial gegen uns
war längst den Bombenangriffen auf Berlin zum Opfer gefallen.
Er soll an diesem Abend noch von der Gestapo verhaftet worden sein.
So verlockend es war, auf diese Vorgänge eine leise Hoffnung zu gründen,
so drohend stieg die Befürchtung auf, sie könnten die Mordwut
unserer Richter erst richtig geweckt haben.




Todesstrafe beantragt

Der nächste Morgen zeigte es. Die Sitzung begann mit der Beantragung
der Strafen durch den Oberreichsanwalt. (...) Er beantragte
gegen einige unserer Leute Gefängnis von einem bis zu drei Jahren
(einer dieser Angeklagten war fünf Jahre in Untersuchungshaft) und dann,
ich hoffte schon im Stillen, nun könne es nicht mehr allzu schlimm werden, beantragte er gegen Pflüger, Fahrner und mich die Todesstrafe,
weil solche Leute in der Volksgemeinschaft keinen Platz mehr hätten.

Der Ton dieser Anträge erinnerte an die Art, wie ein Kellner seinem Gast
die Speisenfolge vorleiert. Es war 9 Uhr am Vormittag.
Mittags besuchte mich meine Schwester. Sie wusste nicht um die Lage.
Ich musste mich verstellen und ihr vorsagen, dass alles gut stünde.
In Wirklichkeit war nicht mehr viel zu hoffen, vor allem, weil ich wusste,
dass von Berlin aus die Todesurteile als fertig betrachtet wurden.
So drückte das drohende Urteil schwer auf die kleine Schar
in dem käfigartigen Raum, in dem wir Stunden warten mussten,
da sich die Richter zur Beratung zurückgezogen hatten. (...)

Dann wurden wir in den Saal gerufen. Die beantragten Haftstrafen blieben, gegen Fahrner wurden 9, gegen Pflüger 5 und gegen mich 7 Jahre Zuchthaus verhängt (...) Ein schriftliches Urteil habe ich nicht erhalten.
Die mündliche Urteilsbegründung lautete nicht mehr auf Vorbereitung
zum Hochverrat, sondern auf Mitwisserschaft des geplanten Führermords,
da in meiner Gegenwart jemand gesagt haben soll, der Hitler gehöre weg.
Da ich dies nicht zur Anzeige gebracht hatte,
sei meine staatsfeindliche Einstellung erwiesen.
Kurz darauf wurden wir ins Gefängnis zurückgebracht.




Schon wieder Stadelheim

Schon am Tag nach der Gerichtsverhandlung wurde ich im überfüllten Gefangenenwagen nach Stadelheim gebracht.
Hier bekam ich sofort Sträflingskleider, wenn man
die ausgedienten Drillichfetzen des Militärs so nennen will. (...)
Weil das Gefängnis Stadelheim nicht so unter dem unmittelbaren Einfluss
des Inspektors Firmkäs stand, wie die anderen Münchner Anstalten,
hatte man dort seit Jahren die Leute unserer Widerstandsgruppe
an bevorzugten Posten außerhalb der Zelle verwendet. (...)
So wurde ich zunächst als Schreiber im Büro verwendet.

Jetzt kam ich in eine größere sogenannte Gemeinschaftszelle,
erhielt etwas bessere Sträflingskleider, statt Holzschuhen solche aus Leder und annähernd genügend zu essen. (...)
Aber nun merkte ich erst wieder, wie die Last der fünfjährigen Einzelhaft
alle Kräfte verzehrt hatte. (...)

Ich kam in Berührung mit der Mordjustiz des "Dritten Reiches".
Im Krankenrevier stand ein Register für alle Sterbefälle dieses Jahres,
eines für die Hinrichtung mit einem Ordner und ein Verzeichnis
aller Gefangenen von Stadelheim mit Ausnahme der weiblichen (...).
Diese Bücher hatte ich auf dem Laufenden zu halten.
Hinter den Namen der Todeskandidaten hatte ich ein rotes T,
hinter den der Hingerichteten ein rotes Kreuz zu setzen. (...)

Wurde ein zum Tod Verurteilter eingeliefert,
so musste sofort ein Leichenschauschein für ihn ausgefüllt werden, ungeachtet dessen, dass von da ab bis zur Hinrichtung
im allgemeinen noch ein Abstand von drei Monaten bestand. (...)
Die Hinrichtungen fanden in diesen Monaten
jeden Dienstag nachmittag um 5 Uhr statt. Der kleine Bau,
in dem die Leute umgebracht wurden, befand sich
in nächster Nachbarschaft zu unserem Trakt, so dass man die Schläge
des Fallbeils herüberhörte. Es wurden jedesmal 15 bis 20 Leute geköpft.

Die Leichen der Hingerichteten wurden unmittelbar nach der Enthauptung aus der Anstalt gebracht. In der sogenannten Spülzelle stieß ich einmal auf ein größeres Bündel Bettwäsche, das unmittelbar neben der Öffnung lag,
in die der Unrat aus den Klosettkübeln geschüttet wurde.
Als ich es aufschlug, sah ich, dass es eine Leiche barg.
An ihr habe ich die armseligste Aussegnung meines Lebens vorgenommen.

Dem Sadisten Firmkäs war die Präsenz bei Hinrichtungen Vergnügen.
Zeugen haben mir berichtet, dass er eine Stunde vorher
schon ungeduldig auf und ab ging und es nicht erwarten konnte,
bis es 5 Uhr wurde. Ich selbst habe festgestellt, dass dieser
sonst so griesgrämige, kalte Mensch am Dienstag seine heitere Laume
kaum verbergen konnte. Seine ausgesprochen sadistische Veranlagung beweist auch die Tatsache, dass er aus Paketen für Gefangene
verbotene Lebensmittel, Wurst, Butter und so weiter herausriss,
auf den Boden warf und mit den Stiefeln zertrampelte.
Und da soll es Leute geben, die es gerne sähen,
wenn dieser Herr nach geschehener Entnazifizierung wieder i
n den Dienst der Justiz zurückkäme. (...)




Oktober 44, Zuchthaus Straubing

Über die Transportzellen des Gefängnisses im Polizeipräsidium München
und des Gefängnisses Regensburg, in denen man wegen
des vielen Ungeziefers und der großen Unruhe nicht schlafen konnte,
kam ich gerädert und hungrig in Straubing an. Auf dem Weg
vom Polizeiauto zum Münchner Bahnsteig wurde ich das erste Mal gefesselt.

Das Zuchthaus war und wurde von Woche zu Woche mehr eine Hölle.
Zur Zeit meines Eintritts barg die Anstalt 1000 politische
und 300 kriminelle Häftlinge. Sie waren gemischt, ein Unterschied
wurde selten, meist zu ungunsten der Politischen, gemacht.

Das ganze Haus, Beamte, einschließlich des eigentlichen Leiters (ein Jurist), und Gefangene wurden von dem berüchtigten "Polizeiinspektor" Todt tyrannisiert. Es wurde von ihm erzählt, er sei einer der Aufseher Hitlers
in Landsberg gewesen und sei von diesem aus Dankbarkeit
für die gute Behandlung mit dem Posten in Straubing belohnt worden.

Schon an einem der ersten Tage nach meiner Ankunft ließ er mich rufen.
Er hatte mein Brevier, um das ich gleich nachgesucht hatte,
aufgeschlagen vor sich liegen. Er hatte meine Bleistiftnotizen darin entdeckt, die ich, wie manche andere Geistliche auch, seit mehreren Jahren
darin gemacht hatte. Sie waren rein privater Natur.

Mit lauter Eindringlichkeit belehrte er mich, dass so etwas
nach seiner Meinung eines Priesters höchst unwürdig sei.
Vier Wochen später kam es anders. Ich hatte nach Vorschrift
um die Erlaubnis gebeten, eine Karte an meine Angehörigen
schreiben zu dürfen, dass sie mir die übrigen Teile des Breviers
schicken möchten. Daraufhin zitierte mich Todt vor meinen Mitgefangenen und fragte zynisch, was ich denn eigentlich wolle.

Ich wiederholte meine Bitte strammstehend mit den Händen
an der Hosennaht. Er fragte, "wozu brauchen Sie denn das eigentlich?"
Ich machte geltend, dass ich katholischer Geistlicher sei
und zum Breviergebet verpflichtet. Daraufhin gab er mir zur Antwort:
"Sie sind doch kein Priester, Sie sind Zuchthäusler." (...)




Zwangsarbeit im Zuchthaus

Als die Flugzeugwerke in Regensburg zerstört waren, hat man innerhalb
der Zuchthausmauern einen Teil dieses Betriebes in Baracken gelegt.
In einer solchen hatte ich zu arbeiten, 12 Stunden täglich,
sonntags 10 Stunden lang; Gefangene aller Schichten und Bildungsgrade, verschiedener Nationen, Politische, Berufseinbrecher und Zuhälter
standen am Schraubstock auf kaltem Betonboden und bogen Röhrchen, feilten und hämmerten. Schweigende, abgemagerte Gesichter.

Ein fetter Aufseher nörgelte den ganzen Tag an den Leuten herum. In der ca. 50 Meter langen und etwa 15 Meter breiten Baracke, in der ich arbeitete, war ein kleiner, eiserner Ofen, der nur geheizt wurde, wenn Holzabfälle, altes, unbrauchbares Schuhwerk da war, oder wenn wir bei reiner Luft einer Kiste habhaft werden konnten.

Einmal freilich hatte letzteres für einen tschechischen Lehrer
schlimme Folgen. Er hatte sich schon früher einmal
sieben Tage Arrest zugezogen, weil er sich aus Abfällen Sockenhalter
aus Draht angefertigt hatte. Nun wurde er bei der Zerkleinerung
einer kleinen Kiste ertappt, und zwar von einem der schlimmsten Aufseher, der in solchen Fällen mit der Anzeige
wegen Entwendung von Wehrmachtseigentum drohte.

Der arme Kerl bekam wieder eine Woche Arrest. Dieser bestand
im Aufenthalt in einer ungeheizten Kellerzelle mit dünner Sommerkleidung
und einer Decke auf bloßer Holzpritsche; Ernährung: Wasser und Brot.
Da sich dieser Gefangene an seinem Arbeitsplatz dicht unterm Fenster
in einer größeren Entfernung vom Ofen und im ständigen Gegenzug
längst den Rheumatismus zugezogen hatte,
musste er als Schwerkranker aus der Arrestzelle wiederkommen.

Er kam ins Krankenrevier. Was aus ihm wurde,
konnte ich nicht mehr verfolgen. Aber es ging keiner gern in dieses Revier, dessen Arzt einmal zu kranken Gefangenen gesagt hatte:
Ihr sollt ja verrecken. (...)




Beim Blindgängerkommando

Etwa 30 Zuchthausgefangene, meist Politische, viel Intelligenz
und Ausländer, wurden in der näheren Umgebung Regensburg
zur Ausgrabung und Entschärfung von Blindgängern verwendet.
Obwohl ich in den ersten Tagen schon erfuhr, dass vor kurzem
vier Leute aus diesem Kommando samt dem Aufseher bei einer Explosion ums Leben gekommen waren, und es so ein unbehagliches Gefühl war,
an die Arbeitsstätte zu gehen, die mit der Tafel gekennzeichnet war:
Vorsicht, Blindgänger, Lebensgefahr, (...) hätte ich nicht mehr
mit dem Leben in Straubing getauscht. Die Arbeit in der frischen Luft
wirkte belebend auf den abgestandenen Körper
und brachte Entgiftung und Reinigung. (...)

Das Wertvollste aber war gerade in dieser Zeit die tägliche Begegnung
mit dem Leben und dem Tagesgeschehen. Wenn es für uns
noch eine Rettung gab, dann war es die Beschleunigung
der bevorstehenden Katastrophe. Über all das war ich
beim Kommando bestens unterrichtet. (...)

Wenige Wochen vor dem Ende arbeitete ich an der Grube
auf einem Grundstück des Bürgermeisters in Unterriesling bei Regensburg. Gegen Mittag kam der Besitzer an unseren Arbeitsplatz.
Gereizt grüßte er mit "Heil Hitler", was von uns nicht beachtet wurde.
Der Gruß war uns Gefangenen übrigens verboten.

Dann fragte er den Aufseher, welche Leute er denn da bei sich hätte.
Dieser zählte auf: Einen Professor, einen Bauern, einen Hotelbesitzer
und einen Pfarrer. Darauf der Bürgermeister: "So, einen Pfarrer;
das sind die, die uns am Sonntag immer die sauberen Judengeschichterln von der Kanzel herunter erzählen. Herrschaft, wenn ich könnte,
wie ich möcht', selbst tät ich dich da in die Grube werfen und zuschaufeln." Das eisige Schweigen der Gruppe trieb ihn fort. (...)




Die letzten Tage: Tod oder Befreiung?

War die Frage, was mit den Leuten in meiner Lage werden wird,
schon während all der vergangenen Jahre eine ständige,
latente Beunruhigung, so bildete sie jetzt in den letzten entscheidungsvollen Tagen den Mittelpunkt aller Gespräche. Es gab nur eine zweifache Antwort: Tod oder Befreiung. Der Verstand rechnete mit dem Zeitgeschehen
und dem Hass des untergehenden Verbrecherregimes, die Hoffnung
und das Gottvertrauen entschied sich lieber für unvorhergesehene Möglichkeiten zu einer, wenn auch noch so unwahrscheinlichen Rettung.

Um 4 Uhr früh, am Mittwoch, den 25. April, wurden 5000 Gefangene
im Hofe des Zuchthauses Straubing in Sechserreihen aufgestellt. (...)
In Sträflingskleidern, ausgerüstet mit Essschüssel, Löffel und einer Decke, traten wir unter der Aufsicht von 200 Aufsehern, die mit Gewehren
und Maschinenpistolen bewaffnet waren, unseren Elendsmarsch an.

Um 7 Uhr verließen wir den Bereich der düsteren Zwingburg,
in Richtung Passau, hinein in einen strahlenden Frühlingsmorgen.
Bald schwenkte der Zug in Richtung Landshut von der Passauer Straße ab. Zunächst wusste niemand um das Ziel, auch die Aufseher nicht. (...)
Inspektor Todt dirigierte vom Fahrrad aus.

Gegen Mittag kreiste ein amerikanischer Flieger in geringer Höhe über uns, der erste Friedensbote und vielleicht unser Retter.
Im Straßengraben lagen die Leichen von KZ-Häftlingen,
die anscheinend bei einem früheren, ähnlichen Transport zusammengebrochen oder erschossen worden waren. (...)
Gegen Abend hatte es sich herumgesprochen,
dass wir nach Dachau geführt werden sollten.




SS erschießt die Schwachen

Am zweiten Tag brachen schon viele Leute zusammen
und blieben im Graben liegen. Zum Teil wurden sie auf einen Wagen verladen und mitgenommen, zum Teil mit Prügeln
übers Gesicht geschlagen und aufgetrieben. Kurz vor Landshut
nächtigten wir wieder auf einer Wiese. Gegen 8 Uhr ertönte Panzeralarm. Alles geriet in Bewegung. Wir glaubten uns gerettet.
Doch es blieb beim Alarm.

An diesem Tag hatte mir ein Aufseher im Vertrauen gesagt,
dass wir zu einer Massenhinrichtung nach Dachau geführt würden
und dass man dort auch die Aufseher aus dem Weg schaffen wollte,
um keine Zeugen fürchten zu müssen. (...)

Am Freitag erreichten wir Moosburg. Die Schwäche steigerte sich,
viele blieben liegen und wurden nun jetzt schon von SS-Patrouillen niedergeschossen. Der Hunger trieb die Leute dazu, in den Ortschaften, durch die wir zogen, die Hände aufzurecken und nach Brot zu schreien.
Unter den Prügeln der Aufseher fielen sie über Futterrübenhaufen her
und plünderten sie. (...)

Teilnahmslos trotteten wir durch die Straßen Moosburgs,
als uns Straßenpassanten begeistert zuriefen: Der Krieg ist zu Ende.
Die Regierung ist gestürzt. Wir erfuhren von den Vorgängen in München,
von der Freiheitsaktion Bayern. Doch schon auf dem Weg nach Freising wurde unsere Hoffnung wieder jäh zerschlagen. (...)




Die Rettung naht

In Neustift bei Freising sah ich etwa 200 unserer Leute
an den Straßengeländern und am Wegrand kauern,
lauter völlig erschöpfte Menschen. (...) Jetzt war die Frage Flucht oder Tod zur Frage des Augenblicks geworden; für die Flucht stand,
dass bei dieser Gruppe - unser ganzer Zug war ein regelloser Haufen geworden - nur mehr ein Aufseher zurückgeblieben war,
der obendrein keinen sehr furchterregenden Eindruck machte.
Gegen die Flucht, dass wir nach den ersten Schritten von SS-Leuten, Soldaten oder Volksstürmlern, und es gab derer in Freising sehr viele, erschossen werden konnten.

Da kam ein günstiger Augenblick. Der Aufseher war eben in ein Haus getreten und die Straße zur nahe gelegenen Kirche ziemlich leer.
So, gehen wir, nicht umschauen - einer sagte es, und wir gingen gemächlich fort. Keine Verfolgung, kein Schuss.

Auf halbem Weg schaute uns jemand nach, ohne uns zu verfolgen.
Nachher erfuhren wir, dass dieser einer der
meist gefürchteten Fanatiker war. Als wir aus dem grau verhangenen Abend, aus dem Wind gepeitschten Regen in das herrliche Gotteshaus eintraten, vergaßen wir Gefahr und Elend, war es uns wie Kindern
vor dem leuchtenden Christbaum. (...)

Es dauerte nicht lange, da hörten wir fernes Rollen,
dann vereinzelt Schüsse. Wir gingen in den Keller.
Nach dreistündiger Schießerei wurde die Stadt durch Stadtpfarrer Brey
den Amerikanern übergeben.

Wir waren frei und außer Gefahr.



Karl Schuster
München, den 18. September 1946






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