Fahne versteckt: "Franzl, heb Sie gut auf"


Rote Nazitöter, Weidacher Wilderer

Das Wolfratshausen der 20er Jahre ist bayerisch, katholisch, erzkonservativ, ein großes Dorf mit nicht einmal 2000 Einwohnern. "Kohlrabenschwarze Finsternis brütete über dem düsteren Ort", schreibt Franz Buchner
in seiner 1938 erschienenen Geschichte der Nationalsozialisten
im Landkreis Starnberg: "Kamerad! Halt aus!"

Im Nachbarkreis nimmt die Nazi-Bewegung des Oberlands auch ihren
Anfang: Im März 1925, wenige Tage nachdem der aus der Landsberger Festungshaft entlassene Adolf Hitler die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) wieder gegründet hat, treffen sich die Braunen in Starnberg. "Hitler treu ergeben, treu bis in den Tod, Hitler wird uns führen einst aus dieser Not", singen Franz Buchner und seine Freunde. Und: "So wenig ein Gelehrtenhirn an dem Naturgesetz der Schwerkraft zweifelt,
(...) so wenig zweifeln wir an der Mission Hitlers, am Sieg seiner Idee."

Franz Buchner muss sich indes noch gedulden. In Wolfratshausen
hat die NSDAP vorerst keine Chance. Das bekommt der staatliche Vermessungsbeamte selbst zu spüren, als er im Frühjahr 1927 wegen
seiner politischen Tätigkeit nach Wolfratshausen strafversetzt wird:
"Zur Geschäftsaushilfe (...) auf ein Vierteljahr zunächst". Buchners erster Eindruck von Wolfratshausen: "Das Kreisstädtchen beherbergte
neben einer Judenschule auch eine Auslese von Angehörigen
des erwählten Volkes in seinen Mauern. (...)."

Die braunen Parteigänger wagen sich in diesen Tagen das erste Mal
an die Öffentlichkeit. Buchner: "Eine öffentliche Versammlung der
NSDAP im Bernrieder Hof (der heutigen Musikschule, der Autor) mit Parteigenossen Hans Dauser war die Antwort auf den Druck Israels.
Es blitzte zum ersten Mal in dem dusterroten Viertel. Eine Handvoll roter Nazitöter mit einigen Weidacher Wilderern und ein paar Dutzend Spießer wagten sich in das unsichere Wetter einer Hitlerversammlung.

Daneben blühte, wie überall in Deutschland, auch in Wolfratshausen
ein Sträußlein Hitleranhänger im Verborgenen. Karl P., der sich manche Naziversammlung vorzubereiten traute, unterstützt von seiner ebenso fanatischen wie tapferen kleinen Frau Emilie und ihrem Bruder Ludwig B., Lorenz K., der Schuhmacher Sch. und der Uhrmacher M. brachen die
ersten dünnen Lanzen für Hitler in Wolfratshausen. Oberleutnant B., Hille (später Gründer der Ortsgruppe, der Autor) und L. von Weidach streuten Körnchen in den schwarzen Winkel."

Am Sonntag, 18. November 1928, starten Buchner und Genossen einen neuerlichen Versuch, die Partei in Wolfratshausen zu etablieren:
"Im Bernrieder Hof sollte die Versammlung steigen. Aber die Sache war schlecht vorbereitet. Plakate waren erst am Vorabend geklebt worden,
und die Eintrittskarten hatte der Gau zu spät geliefert, so dass sie nicht
mehr ausgegeben werden konnten. Das Inserat in der Lokalpresse fiel ebenso aus. Der Verlag hatte Barzahlung gefordert. Schien uns bereits
zu kennen. Bilanz: Nicht gesprochen! Prestige, Geld und Zeitverlust!"



              Wolfratshausen in den 30er Jahren: "Schlapp und wurstig".




Kein Mensch bei den Hakenkreuzlern

Eine Woche später halten die Nazis in Münsing eine Kundgebung ab.
Das "Wolfratshauser Tagblatt" berichtet darüber, "nimmt zum ersten Mal
Notiz von uns unbekannten Hansln", wie Buchner schreibt. Zufrieden
kann er mit der Berichterstattung nicht sein.

Die Zeitung am 30. November 1928: "Einen bösen Reinfall erlebten die Hakenkreuzler  mit ihrer angekündigten Versammlung am vergangenen Sonntag in Münsing, beim Alten Wirt. Kein Mensch hat der Einladung
Folge geleistet, so dass der Saal bis auf den Einberufer, Herrn Max Ederer, Starnberg, und den Referenten, Herrn Vermessungsassistenten Franz Buchner, Starnberg, leer war. Was blieb anderes übrig, als dass man sich nach geduldigen Zuhörern umsah.

Man zog nun um in die Gaststube, und dort entledigte sich der Redner
in der Schlagwortpolitik seiner Partei des Vortrages. Zur Deckung der Unkosten versuchten sie nun eine Sammlung zu veranstalten, die ihnen
aber von gewisser Seite (Polizei) nicht erlaubt wurde, so dass es
lediglich bei einer freiwilligen Spende von ganz wenigen blieb.
Im ganzen waren aber nur zirka zehn Personen anwesend, die möglichst wenig oder gar keine Notiz vom Vortrag genommen haben. Auch die im Nebenzimmer tagende Versammlung (Kath. Burschenverein!) nahm
keine Notiz von den Hakenkreuzlern."

Die damalige Pleite muss den späteren NSDAP-Kreisleiter Buchner
sehr verärgert haben. Noch zehn Jahre danach hadert er mit dem Zeitungsredakteur: "Aus! Lieber Schreiberling! Vielleicht kannst du dich
noch an deinen Artikel erinnern. insgeheim, meine ich. Ich weiß, du
schämst dich heute, damals so blöd gewesen zu sein. Denn erstens
war dein 'Bericht' erlogen, das weißt du besser als wir. Zweitens war er
dumm aufgezogen. Das hast du freilich nicht gemerkt. Durch ihn erfuhren nämlich erst viele hundert Volksgenossen in den kleinen Dörfern um Wolfratshausen, dass es überhaupt Nationalsozialisten, Hakenkreuzler, Hitlerleute gab. Ohne Deinen Bericht hätten sie diese Tatsache wahrscheinlich erst viel später erfahren."

Der Bericht des Tagblatts - ob richtig oder falsch, wer weiß das 57 Jahre später - schlägt Wellen. Ludwig B zum Beispiel., Finanzangestellter
und einer der ersten Wolfratshauser Nazis, behauptet in einem
Leserbrief an das Wolfratshauser "Käseblatt" (Buchner), dass die "Ausführungen des Referenten von zirka vierzig Personen
mit reichem Beifall aufgenommen wurden".


Wolfratshauser "schlapp und wurstig"

Bis zum 1. Mai 1929, so ordnet es der mächtige Gauleiter in München an,
soll auch in Wolfratshausen endlich eine Ortsgruppe der NSDAP
gegründet werden. Ein  nächste Anlauf Buchners, er schlägt allerdings
wieder fehl: "Parteigenosse Hans Dauser wird predigen. Er kam auch, zuverlässig wie immer, haute aber umgehend wieder ab. Denn im
oberen Saal des 'Humplbräu' harrten ganze 4, mit Worten vier, Versammlungsbesucher auf die Offenbarungen über 'Weltfreimaurerei -
ihr geheimes und verbrecherisches Wirken'. Die vier Geduldigen waren:
zwei Kollegen vom Vermessungsamt, der Finanzler B. und der Apotheker H. Fünf Interessenten hatten zur Türe reingeschaut, waren aber wieder fortgegangen, weil nicht mehr da waren. Schlapp und wurstig dösten die Wolfratshauser durch die Zeit."

Sonntag, 12. Januar 1930: Noch ein Versuch. Buchner berichtet: "Mittags 1.30 Uhr mit Postauto nach Wolfratshausen. Zu Fuß nach Kirchdorf Gelting. (...) Sibirische Kälte. Wadenhoher Schnee. In der Dorfschenke mümmeln
drei Bauern hinterm Kachelofen. Nach einer Stunde sind es zwölf. (...)
Der Wolfratshauser Anzeiger warnt vor dem Naziapostel."



                    Der "Deutsche Tag"  war eine erste Machtprobe der Nazis



"Kommt in Massen, Fahnen heraus"

Ein Jahr später beugt sich auch Wolfratshausen dem Geist der Zeit.
Mit einer Handvoll Freunde gründet Franz Hille, ein junger Bankangestellter aus Dorfen, in Wolfratshausen eine Ortsgruppe der NSDAP.
Im selben Jahr findet eine Großkundgebung statt: Der "Deutsche Tag in Wolfratshausen" am 19. April 1931. In der Zeitungsanzeige dazu heißt es: "Kommt in Massen" und "Fahnen heraus". Dem Geist der Oberlander Bevölkerung entsprechen wollend, hängt sich die Partei ein religiöses Mäntelchen um: Für 10 Uhr wird bei der "großen Volksversammlung mit SA-Musik" zu einem gemeinsamen Kirchgang eingeladen.

Es bleibt bei einer Einladung. Der streitbare Pfarrer Matthias Kern, ein entschiedener Gegner der Nationalsozialisten, veröffentlicht einen Tag
vor der NSDAP-Kundgebung im Wolfratshauser Tagblatt eine Erklärung,
in der es unter anderem heißt: "Ich begrüße von Herzen jeden Besucher
der Pfarrkirche beim Gottesdienste, mag er in der Pfarrei wohnen oder
von auswärts kommen. Doch mache ich darauf aufmerksam, dass gemäß
den Weisungen der Bischöfe Bayerns die Teilnahme von Nationalsozialisten an gottesdienstlichen Veranstaltungen in geschlossenen Kolonnen mit Uniform verboten ist und verboten bleibt. (...) Es wäre Missbrauch des Kirchganges, wenn er Demonstrationscharakter tragen sollte."

Der Einspruch des Priesters hat Erfolg. Der angekündigte Kirchgang unterbleibt, gleichwohl aber kommen viele Besucher des "Deutschen Tags"
in Parteiuniform in den Sonntags-Gottesdienst. Pfarrer Kern versucht die Situation zu retten. Er lädt die Nationalsozialisten ein, weiter nach vorn zu kommen, "was die Teilnehmer auch größtenteils befolgten".


Des Kooperators wirres Zeug

Die Kirche bleibt indes der Hauptkonkurrent der Nazis im streng gläubigen Wolfratshausen. An Heiligabend 1931 veröffentlicht "Die Front", das vom Münchner Gauleiter Adolf Wagner herausgegebene Kampfblatt der
NSDAP, einen Hetzartikel über den Religionsunterricht von Kerns
Mitarbeiter, Kooperator Josef Wolf.

In seiner Erwiderung im "Wochenblatt" schreibt Pfarrer Kern unter anderen: "Ich möchte glauben, dass es in der ganzen Erzdiözese keinen Katecheten gibt, der so zusammenhangloses, wirres Zeug im Unterricht vorbringt,
wie da Herrn Cooperator in Mund gelegt wird. Wer Herrn Cooperator
kennt, kann darüber nur lachen. Aber nicht zum Lachen ist es, wenn
zwei hiesige Herren der genannten Partei an einen Schulbuben sich
wenden, um ihn auszufragen. Und nicht zum Lachen ist, wenn jemand
für Tatsache hält, was er in einen allzu phantasievollen Jungen hinein
gefragt hat."

Ein Jahr vor der Machtübernahme reagiert die Partei auf die Erklärung des Pfarrers noch sehr zögerlich - und auch nur mit einem anonymen Brief im  "Wochenblatt". Dort steht am 8. Januar 1932, dass "keineswegs ein
Werturteil über die Katechese des Herr Cooperators Wolf" gefällt werden sollte, dass aber "die Forderung nach Entpolitisierung der Schuljugend (...) gewissen Kreisen nur zur Verschleierung einer sehr eindeutigen, sogar parteipolitischen Verhetzung der Schuljugend dient".

Die zitierten Schulbuben hätten "aus freien Stücken über die Vorgänge
in der Religionsstunde" berichtet. Und: "Angesichts solcher Bestätigung christlicher Nächstenliebe könnte einem gut katholischen und anständigem Nationalsozialisten das Lachen allerdings vergehen." - Gut katholisch und nationalsozialistisch, ein Scherz?


Das Rathaus wird besetzt

Ihr wahres Gesicht zeigen die Nazis im Oberland gut ein Jahr später.
Auf die Nachricht von Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933
reagieren die Wolfratshauser indes noch gelassen und ruhig. Bei einer Versammlung des Katholischen Gesellenvereins (heute: Kolpingsfamilie,
der Autor), herrscht die Meinung vor, Hitler sei ebenso wie seine Vorgänger als Reichskanzler bald abgesägt.

Dabei ist die NSDAP auch in Wolfratshausen der politische Hoffnungsträger. Bei den Reichstagswahlen am 6. November 1932 beträgt ihr Stimmenanteil rund 25 Prozent, bei den letzten freien Wahlen am 30. März 1933 holt die Partei 42 Prozent der Stimmen (539). Die erzkonservative Bayerische Volkspartei kommt nur auf 512, die SPD auf 244, die Kommunisten auf 61 ebenso wie die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot. Und 11 Stimmen erhält der Bayerische Bauernbund.

Zwar wird Bürgermeister Hans Winibald (Volkspartei) damit im Amt bestätigt - aber das kann die Entwicklung nicht aufhalten. 1948, 15 Jahre später, erinnert sich Winibald an jene Nacht (10. März), als sich die "braune Finsternis" über Wolfratshausen senkte: "In einer Nacht im März 1933 besetzten die Nazis (unter Anführung eines gewissen Hille) das Rathaus
und das Landratsamt, hissten die Hakenkreuzflagge und stellten bewaffnete Posten auf. Der bestehende Gemeinderat (...) erhob dagegen Protest,
doch Macht ging vor Recht."



                                     Bürgermeister Hans Winibald


Ein Demonstrationszug aus SA und SS formiert sich gegen Mitternacht.
Erst werden am Bezirksamt die Hakenkreuzfahne und das schwarz-weiß-rote Reichsbanner aufgezogen, dann auch am Rathaus. Der Kreisleiter der
Partei, Lederer, hält eine Propagandarede. Nach einem dreifachen
"Sieg heil" ist das SA-Lied "Die Fahne hoch" zu hören - das erste aber wahrlich nicht das letzte Mal auf dem Wolfratshauser Marienplatz.
Der Putsch wirkt gespenstisch. Die einheimische Bevölkerung beteiligt
sich kaum an dem Marsch, dafür aber viele auswärtige Parteimitglieder
und die SA-Kapelle aus Dietramszell.

"Da Franzl, heb sie gut auf, vielleicht brauchen wir sie ja noch einmal", mit diesen Worten übergibt Bürgermeister Hans Winibald die Wolfratshauser Fahne an den langjährigen Gemeindesekretär und SPD-Gemeinderat
Franz Geiger.



                                            Franz Geiger (SPD)




Schrott verliert - und gewinnt

Hans Winibald ist entmachtet. Er darf im April zu den Gemeinderatswahlen nicht einmal mehr antreten. Dafür aber Alois Hugo, ebenfalls Bayerische Volkspartei. Er setzt sich von den Stimmen her gegen seinen nationalsozialistischen Mitbewerber Edmund Schrott, einen pensionierten Eisenbahnbeamten, durch - aber das zählt jetzt nicht mehr.

Das "Gesetz zur Gleichschaltung der Gemeinden und Gemeindeverbände
mit Land und Reich" manifestiert die Alleinherrschaft der NSDAP - auch in Wolfratshausen. Schrott wird Bürgermeister. Er ist 60 Jahre alt, wohnt
in der heutigen Littig-Villa und ist in Wolfratshausen bis dahin öffentlich
nicht in Erscheinung getreten. Später kauft Schrott das Haus Obermarkt 8,
in dem er bis zu seinem Lebensende im Mai 1947 wohnt. Der entmachtete Winibald nennt Schrott nach dem Zusammenbruch "einen eifrigen Parteigänger".

Parteigegner bekämpfen die neuen Wolfratshauser Machthaber rigoros.
Den langen Arm der Diktatur bekommt vor allem die örtliche SPD zu spüren. Mehrere Genossen werden in "Schutzhaft" genommen, darunter der Weidacher Fritz Bauereis und auch Franz Geiger - den Ortsgruppenführer Hille am 14. April für 13 Tage verhaften lässt.

Der 1884 geborene Wolfratshauser ist  gelernter Schreiner. Bei einem Betriebsunfall verlor er als 20-Jähriger den linken Arm und sattelte um:
Er wurde Gemeindeschreiber und saß jahrzehntelang für die SPD im Gemeinderat. Als Grund für seine Verhaftung geben die Nazis
eine Störung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung an.


Von der Schande zur Ehre

Die Verhaftung kann den unbeugsamen Franz Geiger (Foto) indes nicht von
seiner Überzeugung abbringen. Er sitzt als einer von zwei SPD-Vertretern weiterhin im Gemeinderat. Auf dem Papier haben die Nationalsozialisten
(vier Räte) nicht einmal die Mehrheit gegen die Volkspartei (vier Räte), faktisch aber regieren nur noch die Braunhemden.

Die erste Amtshandlung: Reichspräsident Hindenburg, Reichskanzler Hitler und Gauleiter Adolf Wagner werden zu Wolfratshauser Ehrenbürgern ernannt. Franz Geiger tanzt wieder einmal (gefährlich weit) aus der Reihe.
Er stimmt nicht nur gegen die Verleihungen der Ehrenbürgerwürde,
er beschwert sich auch vehement über einen Passus in der vorgefertigten Laudatio auf Adolf Hitler: "Von der Schande zur Ehre", dieser Satz ist
Geiger ein Gräuel.

Am 4. Juli wird der Sozialdemokrat seines Gemeinderats-Amts enthoben.
Drei Wochen vorher hatte ihn Bürgermeister Schrott mit Zustimmung des Gemeinderats aus dem Gemeindedienst gefeuert. Geigers Pension wird
vom Gemeinderat auf 124,40 Reichsmark festgesetzt. Der Sozialdemokrat und spätere Ehrenbürger Wolfratshausens (Ernennung 1965) ist nicht
der einzige Demokrat, der aus dem öffentlichen Leben entfernt wird.

Bald sitzt die NSDAP allein im Gemeinderat: Mitglieder anderer Parteien haben den Rat entweder verlassen oder sind zur NSDAP gewechselt. Der erste "Wendehals" ist Geigers SPD-Kollege Josef Weigl. Die Nazis heißen den von rot nach braun missionierten Volksvertreter herzlich willkommen. Schrott hinterlässt im Gemeinderatsprotokoll ein Lob über Weigls
"mannhaften Entschluss".

Aber Weigl spielt das Spiel nicht lange mit. Am 10. August 1933 verlässt
er den Gemeinderat. Alois Hugo, Anton Geiger (beide 30. Mai), Josef Schweiger und Bartholomäos Graf (beide 4. Juli) gingen diesen Schritt
schon vor ihm. Auf sieben Mitglieder hat sich der Gemeinderat bis Herbst 1933 dezimiert.


"Ein Krimineller war er nicht"

Die politische Macht hat die NSDAP nun, aber zur gesellschaftlichen
Führung fehlt es am Personal. Mit neuen Kräften soll der Ort in Schwung gebracht werden. Und dafür muss nun Kaspar Obermaier sein Amt abgeben. Der Wolfratshauser Geschäftsmann war Hilles Nachfolger als Ortsgruppenleiter der NSDAP von der Machtübernahme bis zum Juni 1935.



                                         Ortsgruppenleiter Kaspar
                                       Obermaier in jungen Jahren



Am 13. Juni 1935 feuert Kreisleiter v. Transehe auch Bürgermeister
Schrott. Was wohl für einiges Gerede in Wolfratshausen sorgt, denn Transehe schreibt im (nun schon NSDAP-eigenen) Wolfratshauser Tagblatt: "Die unsinnigen Gerüchte, die im Zusammenhang mit dem Rücktritt des
1. Bürgermeisters der Marktgemeinde Wolfratshausen, Edmund Schrott,
im Umlauf sind, entbehren jeder Grundlage."

Die Suche nach einem neuen Amtsvorsteher dauert peinlich lang.
Erst am 15. Februar 1936 präsentiert die Partei einen Nachfolger
für Schrott. Er stammt aus Waging am See. Es ist der gelernte Automechaniker Heinrich Jost, NSDAP-Mitglied seit 1. Februar 1932, Mitgliedsnummer 916936. Er bezieht mit seiner Ehefrau (sie tritt der Partei 1938 bei) und den beiden Kindern die Bürgermeister-Dienstwohnung
(fünf Zimmer und Küche) im Obergeschoss des Rathauses.

Bis zum Ende des 1000-jährigen Reichs bleibt Jost, Jahrgang 1897,
der mächtigste Mann in Wolfratshausen - als Bürgermeister und Ortsgruppenleiter. Stadtpfarrer Ulrich Wimmer (Jahrgang 1935), der sich
als Kaplan 1965/66 zweimal mit Jost zu Gesprächen über dessen
Wolfratshauser Jahre traf, urteilte damals  über ihn: "Der Jost war sicher
ein überzeugter Nazi, ein Krimineller war er nicht."



Die NS-Bürgermeister im Landkreis Wolfratshausen

Weidach: Maurus Kerschbaumer, Bauunternehmer;
Wolfratshausen: Edmund Schrott, Gutsbesitzer, (ab 1936: Heinrich Jost) ;
Gelting: Nikolaus Negele, Gütler, (Josef Niklas) ;
Icking: Johann Pischeltsrieder, Landwirt;
Egling: Bogmair, Privatier, (Sebastian Lautenbacher);
Herrnhausen: Peter Rumelsberger, Landwirt;
Beuerberg: Franz Zimma, Wagner;
Thankirchen: Suttner;
Dietramszell: Johann Jaud, Landwirt, Kaufmann und Bäcker;
Sauerlach: Georg Taubenberger, Sägewerksbesitzer;
Münsing: Benedikt Streitberger, Schreiner;
Degerndorf: Georg Bolzmacher, Landwirt (Bayerische Volkspartei);
Neufahrn: Jakob Dissinger, Landwirt, (Josef Seitner);
Deining: Dionys Rieger, Landwirt;
Moosham: Johann Huber;
Schäftlarn: Gustav Veith, Kaufmann;
Thanning: Georg Meyr;
Manhartshofen: Joachim Wolf;
Endlhausen: Valentin Gröbmair, Landwirt;
Höhenrain: Josef Hauser, Gastwirt, (Anton Leitner, Bäcker);
Eichenhausen: Franz Beil, Landwirt;
Dingharting: Peter Pettinger, Landwirt;
Straßlach: Johann Kaiser, Landwirt, (Josef Spindler);
Holzhausen: Johann Huber, Landwirt (J. Ertl-Grünwald)
Föggenbeuern: Sebastian Mayr;
Dorfen: Josef Loth, Landwirt;
Linden: Josef Mayr (Anton Gröbmair);
Baiernrain: Valentin Mayr;
Königsdorf: Josef Bernwieser, (Ernst Schreyer);
Osterhofen: Josef Stöger, (Lorenz Poschenrieder);
Ergertshausen: Gottfried Schulz;
Ascholding: Kastenmüller;
Altkirchen: Franz Beil;
Baierbrunn: Johann Oberrieder;
Eurasburg: Johann Holzer;
Oberbiberg: Johann Öckler;




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