Etwas Neues: Demokratie



Winibald muss wieder ran

Wie erzieht man ein Volk nach zwölfjähriger Diktatur zur Demokratie?
Eine schwierige Aufgabe auch für die amerikanische Militärregierung
in Wolfratshausen: Sie überlässt den Übergang
zu demokratischen Verhältnissen weitgehend bewährten Kräften.

Schon einen Tag nach dem Einmarsch am 30. April 1945
wird Hans Winibald zum Bürgermeister ernannt.
Er hatte dieses Amt bereits zwischen 1924 und 1933 -
und behält es bis 1958.

Ihm zur Seite steht Franz Geiger, aufrechter Sozialdemokrat
und ebenfalls anerkannter Nazi-Gegner. Auch die weiteren Mitglieder
des provisorischen Gemeinderats sind nie in der Partei gewesen: Löwenbräu-Wirt Josef Schwaiger, Fuhrunternehmer Quirin Preiß,
Lokführer Rudolf Assmann, Postschaffner Thomas Hartl,
Landwirt Georg März und Kaufmann Anton Geiger.

Bald werden die Parteien gegründet. Aus einem Herren-Zirkel,
der "Löwenbräu-Regierung", geht die CSU hervor -
die Nachfolgerin der Bayerischen Volkspartei der Weimarer Republik.

Und "Arbeiter, Bauern, Angestellte, Landwirte, Schaffende aller Stände" werden in Anzeigen aufgerufen, der SPD beizutreten.
Den Kreisvorsitz führen Fritz Bauereis, der als Altgenosse
1933 von den Nazis verhaftet worden war, und Josef Kolbinger.




Gedrückte Stimmung, Unzufriedenheit

Sehr aufschlußreich über die Situation im Nachkriegs-Wolfratshausen
sind die Stimmungsberichte, die der Wolfratshauser Landrat Hans Thiemo einmal im Monat an den Regierungspräsidenten in München schickte. Nachfolgend einige Auszüge:

12. September 1945: "Gedrückte Stimmung der Bevölkerung,
wachsende Unzufriedenheit, völlige Verkennung der Lage bei der breiten Masse. Die erwarteten Wahlen werfen bereits ihre Schatten voraus, wobei vor allem die Tätigkeit der Kommunisten kampfeslustig und rege ist. (...)

Das in seiner Bequemlichkeit eingeengte Spießbürgertum äußert
lebhafte Unzufriedenheit. Es ist eben unbelehrbar.
Auffällig ist die große Arbeitsunlust, besonders der jüngeren Generation."

24. Oktober 1945: "Die Stimmung der Bevölkerung ist vom Nullpunkt
nicht mehr weit entfernt. Sie ist enttäuscht und verbittert
und von einem tiefen Pessimismus durchdrungen.

Eine feindselige Stimmung gegen die Amerikaner besteht nicht,
denn die Vorgänge in der russischen Zone sind allzu bekannt
und der Großteil der Bevölkerung weiss, dass sich unsere Lage
unter der fremden Besatzung noch viel mehr verschlimmern könnte,
ohne dass man daran etwas zu ändern in der Lage wäre,
aber man ist über die Gleichgültigkeit der Amerikaner befremdet.

Diese sind eben andere Menschen wie wir und haben zuweilen
oft den unsrigen vollständig entgegengesetzte Lebensgewohnheiten. Ungeheuer ist der Mangel an Waschmitteln,
an Seife und an den kleinen Dingen des täglichen Gebrauchs,
Schuhbänder und ähnliches."




"Stimmung gleicht tiefem Hinbrüten"

19. November 1945: "Die Stimmung in der Bevölkerung gleicht
einem trüben Hinbrüten. Man weiß allgemein,
dass uns Schlimmes bevorsteht, hofft aber persönlich
mit einigen Hautabschürfungen davonzukommen.
Höhere Gesichtspunkte spielen im Denken des Volkes keine Rolle.

Von Sympathien gegenüber den Amerikanern kann, von wenigen Schmarotzern abgesehen, nicht die Rede sein. Man ist (...) unzufrieden,
weil man sieht, dass vieles viel besser laufen würde,
wenn die Amerikaner weniger willkürlich vorgehen.

Gerade die Selbstherrlichkeit der Amerikaner und ihre Verachtung,
die sie uns gegenüber immer deutlicher zur Schau tragen,
verletzt den Teil der Bevölkerung, der für den Wiederaufbau
des Staates in erster Linie in Frage käme.

In sittlicher Beziehung ist es in der letzten Zeit nicht schlechter,
aber leider auch nicht besser geworden. Es ist nur ein kleiner
und nicht sehr geachteter Kreis vorwiegend nicht bayerischer Elemente,
der sich dem Sinnentaumel hemmungslos hingibt.

Die amerikanischen Soldaten wildern allnächtlich in den Wäldern
mit Scheinwerfern und schießen ab, was ihnen vor die Flinte kommt.

Die Amerikaner sind misstrauischer denn je und Beeinflussungen
von dritter Seite sehr zugänglich. Die Einstellung der
hiesigen Militärregierung ist ausgesprochen bayernfeindlich.

Man verübelt es der Bevölkerung,
dass sie nicht mehr vom Krieg verspürt hat, als das tatsächlich der Fall war, mit anderen Worten, dass unsere Häuser noch stehen
und unser Privatbesitz noch einigermaßen unangetastet geblieben ist.

Einseitige Parteinahme zugunsten der Evakuierten und Flüchtlinge, insbesondere der Preußen, ist feststellbar. Diese haben es verstanden,
das bayerische Nazitum als den Quell allen Übels hinzustellen.

Der Dichter Ernst Wiechert und seine Familie spielen die erste Geige.
Er ist der verwöhnte Liebling der Amerikaner.
Im Vergleich zu seinem Einfluss ist der des Landrats gleich null."




"Grauen vor Flüchtlingsstrom"

21. Dezember 1945: "Die Stimmung in der Bevölkerung
ist nach wie vor ernst und gedrückt. Alle Welt lebt in Angst und Furcht
vor der Zukunft. Die nazistischen und militaristischen Kreise
benehmen sich zurückhaltend. Staatsfeindliche Regungen waren
nirgends festzustellen."

22. Januar 1946: "Müde Stimmung in der Bevölkerung
wegen der überschnellen und überstrengen Entnazifizierung,
wegen der ausbleibenden Wirtschaftsbelebung,
wegen des allgemein verbreiteten Denunziantentums
und wegen der deutlich fühlbaren Ablehnung durch die Amerikaner.

Die Besitzenden, auch die allerkleinsten, die technischen
und kaufmännischen Angestellten der Privatindustrie, die Kunstgewerbler
und ein großer Teil der Künstlerschaft fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. Dem erwarteten Flüchtlingsstrom wird mit allseitiger Besorgnis,
um nicht zu sagen mit Grauen, entgegengesehen."




Bäuerliche, katholische Wähler

Die ersten Gemeinderatswahlen sind für den 27. Januar 1946 angesetzt. Landrat Hans Thiemo schreibt am 24. Oktober 1945
an die Bezirksregierung in München: "Die Bildung der Parteien
hat sich im Stillen vollzogen und zwar steht der Großteil der Bevölkerung,
wie bei dem bäuerlichen, katholischen Landkreis nicht anders zu erwarten, hinter der Christlich-Sozialen Union.

Nach dieser Partei dürfte die Sozialdemokratische Partei
die meisten Stimmen (...) erhalten. Die Kommunistische Partei ist
weitaus die regste, sie wird von aus München zu Besuch
kommenden Funktionären geleitet, von denen anzunehmen ist,
dass sie ihre Informationen unmittelbar aus Moskau beziehen."

Das Treiben der Radikalen beunruhigt Thiemo sehr.
Am 19. November schreibt er nach München: "In Gemeinden mit armer,
nicht in Landwirtschaft stehender Bevölkerung, zum Beispiel Höhenrain, Weidach, Baierbrunn sind
eine Reihe kommunistischer Stimmen zu erwarten."

Der Landrat hat Unrecht: In keiner Gemeinde im Landkreis Wolfratshausen setzen sich kommunistische Kandidaten durch. Meist sind es
partei-reie Bewerber, die in die Gemeinderäte einziehen.

In Wolfratshausen, wo die Wahlbeteiligung 83 Prozent beträgt,
kommt die CSU auf fünf Sitze (Franz Finsterwalder, Georg März, Johann Reiser, Josef Bauer, Bartholomäus Graf), die SPD auf vier (Franz Geiger, Rudolf Ansmann, Thomas Hartl, Alois Schuster).




"Wir sind besser als unser Ruf"

Die moralische Verantwortung dieses ersten Gemeinderats ist groß.
Aus einem Appell von Landrat Hans Thiemo vom 12. Juni 1945:
"Es liegt im Interesse unser aller, vor den Amerikanern sauber dazustehen, denn von der Meinung, die sie sich von uns bilden,
hängt vielleicht unser Wohl und Wehe ab.

Lassen wir uns durch nichts entmutigen! Zeigen wir, dass wir besser sind
als unser Ruf! Verbergen wir unseren Schmerz und unsere Enttäuschung! Vergessen wir nicht die Ursache des gegen uns wütenden Hasses!
Ein Sieger lässt nicht mit sich rechten.

Hoffen wir trotz allem auf den Gerechtigkeitssinn
und die Großmut des weltgebietenden amerikanischen Volkes,
das in kaum 170 Jahren einen unerhörten, einzig dastehenden Aufstieg genommen und auf seinem triumphalen Weg nie einen Rückschlag erfahren hat. Ein Volk wie dieses wird seinen Ruhm nicht beflecken. Habt Vertrauen!"

Gut ein halbes Jahr später, am 18. Februar 1946, wird der frühere Oberstudienrat Thiemo von den Amerikanern seines Amtes enthoben.
Bei einer Bauernversammlung in Beuerberg hat er sich über die Lebensmittel-Lieferungen aus USA beschwert haben. Grundtenor:
Der Mais sei Hühnerfutter. Ähnlich hatte sich auch der Bundes-Ernährungsminister geäußert, der danach ebenfalls gefeuert wurde.




Thiemo geht, Thieme kommt

Zwei Monate lang führt der Landratsamts-Jurist Anton Furch die Geschäfte des Landkreises, bevor das Bayerische Innenministerium Willy Thieme
aus dem Ärmel zaubert. Der in Zürich geborene und in München aufgewachsene SPD-Politiker soll erstmal aufräumen.
Thieme macht Karriere, als Landtags- und Bundestagsabgeordneter
und von 1966 bis 78 als Wolfratshauser Bürgermeister.

"Ich weise die Herren Bürgermeister an, mit ihren Gemeinderäten zu prüfen, ob in ihrem Bereich Nationalsozialisten und Militaristen ansässig sind,
die sich Naziverbrechen zuschulde kommen ließen. Zur besseren Erklärung, welche Kategorie von Personen gemeint ist, weise ich darauf hin,
dass die bekannten Nazis Dr. P. (der Bezirksarzt, d. Autor),
Dr. V. (der Notar, d. Autor) und Bürgermeister Jost
als hier anzeigenswert erscheinen."

Thieme, ein strenger Katholik, schafft sich damit Feinde:
Schon bei den ersten freien Landratswahlen am 25. April 1948
muss er seinem CSU-Kontrahenten Dr. Reichhold (Icking) Platz machen.

Die CSU hat aber auch bei den Kreistagswahlen am 28. April 1946
die Nase vorn: Sie erhält im ersten freigewählten Kreistag
zwei Drittel der Stimmen (17 Sitze). Die SPD kommt auf sechs Mandate,
die Wiederaufbauvereinigung auf eins.



       
Ende gut: 1950 bekam die Pfarrkirche St. Andreas neue Glocken.
Die alten waren 1942 eingeschmolzen worden.





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