Die Vertriebenen



Es wimmelt von Fremden

Im Landkreis wimmelt es von Fremden. Schon zu Kriegszeiten
sind es die 4000 vorwiegend ausländischen Fremdarbeiter
der Munitionsfabriken in Geretsried, die aufgrund ihres anderen Aussehens und ihrer anderen Sitten für Aufsehen in Wolfratshausen sorgen.

Nach Kriegsende dann ändert sich die Struktur
des vormals bäuerlichen Landkreises völlig -
aufgrund der Vereinbarungen der Siegermächte in der Konferenz von Jalta (4. bis 12. Februar 1945) und im Potsdamer Abkommen (2. August 1945).

Die Bewohner der ehemals deutschen Gebiete im Sudetenland,
in Schlesien und in Ostpreußen werden vertrieben.
In der Regel dürfen sie nur das mitnehmen, was in einen Koffer passt. Zwei Millionen von ihnen kommen allein nach Bayern.


Einen Koffer voll Hab und Gut
durften die Vertriebenen mitnehmen.



An der Spitze in Oberbayern

Bis 1960 siedeln sich 13.564 Vertriebene im Landkreis Wolfratshausen an - bei einer ursprünglichen Bevölkerung von gerade 25.000 Menschen.
Mit einem Flüchtlingsanteil von einem Drittel der Bevölkerung
steht Wolfratshausen an der Spitze in Oberbayern.

Das Gesicht des Landkreises ändert sich dadurch ganz entscheidend. Beispiel Dorfen: Bei 195 Einheimischen werden im Oktober 1946
exakt 211 Evakuierte und Flüchtlinge einquartiert.
Die Dorfener sind in Dorfen eine Minderheit.

Besonders groß sind die Probleme aber unmittelbar nach dem Krieg.
Laut einem Bericht von Landrat Hans Thiemo leben
bereits am 29. August 1945, als die Not am größten ist,
2800 Heimatvertriebene im Landkreis.
Dazu kommen fast 10.000 Evakuierte, vorwiegend Menschen,
die aus ihren ausgebombten Häusern in den Großstädten
aufs Land gezogen sind.

Selbst aus München müssen 100.000 Leute evakuiert werden,
weil "die meisten Wohnungen überbelegt und größtenteils beschädigt (sind). Sie können vor Einbruch der kalten Jahreszeit mangels Baumaterialien
nicht repariert, die Fenster nicht verglast werden".

Die meisten Menschen werden aber ab Herbst 1945 wieder in ihre Heimat "planmäßig zurückgeführt" (Thiemo). Mitnehmen dürfen sie nichts:
"Kein Bürgermeister darf einen Evakuierten einen Herd oder Eisenofen mitnehmen lassen, wenn dieser zurückwandert,
auch nicht gegen höchste Bezahlung." Am 25. Januar 1946 halten sich
nur noch knapp 5000 Evakuierte im Landkreis auf.


    

Aus ihren jahrhundertealten Siedlungsgebieten in Böhmen   
und Mähren wurden ab 1945 die Deutschstämmigen vertrieben.  



Alle müssen zusammenrücken

Aber die Flüchtlinge aus dem Osten brauchen Wohnungen -
das größte Problem. Im Herbst 1945 schreibt Landrat Thiemo
an die Bürgermeister: "Dabei muss angesichts der ungewöhnlichen
uns erwartenden Winternot jeder Familie zugemutet werden,
in einem einzigen Raum zu wohnen, nach Möglichkeit sogar in der Küche."
Als Thiemo dies schreibt, leben bereits 4200 Heimatvertriebene
im Landkreis. Ende 1946 sind es schon mehr als doppelt so viele.

Für die Organisation der Flüchtlingstransporte wird
eine eigene Behörde gegründet. Jedem Landratsamt wird
ein Flüchtlingskommissar zugeordnet,
in Wolfratshausen ist dies Hanns Severing,
sein Büro ist im dritten Stock des Landratsamts.

Severings Aufgabe ist "die Betreuung der Flüchtlinge von ihrem Eintreffen
im Kreis bis zu ihrer endgültigen Unterbringung in Wohnung und Arbeit". Dafür erhält der Flüchtlingskommissar, später ist es ein Herr Kraft,
"das Recht zur Beschlagnahme von Wohnräumen aller Art".

Es wird eng in Wolfratshausen: "Alle Flüchtlingsfamilien haben
vorläufig nur Anspruch auf Unterkunft. Familien mit Kindern unter 14 Jahren sind möglichst in heizbaren Räumen unterzubringen.
Einzelstehende Männer müssen mindestens zu je zwei Personen
ein Zimmer beziehen, ebenso Frauen."

Der Tölzer Landrat Anton Wiedemann: "Die Maßnahme verlangte
von den Ortsansässigen große Opfer und Einschränkungen. (...)
Es muss zu Ehren der Bevölkerung gesagt werden,
dass sich die Durchführung der Maßnahmen
ohne große Reibereien abwickeln ließ."

Ab Mai 1946 haben die Flüchtlinge auch rechtlich einen Sonderstatus.
Sie bekommen eigene Ausweise, versehen mit einem Fingerabdruck.
Sie werden in einer Kartei registriert und erhalten gegen Vorlage
ihres Flüchtlingsausweises Lebensmittel- und sonstige Bezugsscheine.



Die Neuankömmlinge aus dem Sudetenland
mussten unter erbarmungswürdigen Umständen
im Barackenlager auf der Böhmwiese neu anfangen.



Plünderer zerstören die Fabriken

In den Tagen und Wochen nach dem Kriegsende toben in den geschlossenen Munitionsfabriken der Dynamit AG (Gartenberg)
und der Deutschen Sprengchemie (Geretsried) die Plünderer.
Noch bevor die amerikanischen Besatzer die Ordnung wieder herstellen, rauben die bisherigen Zwangsarbeiter alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Installationen, Glas, Türen und Heizkörper werden zerschlagen
und es bleiben "fast überall nur die nackten Mauern,
deren Beton dem Zugriff trotzt", berichtet Dr. Friedhelm Funke -
und es bleibt der 2,50 Meter hohe Zaun um das Gelände.

Der sorgt ab Herbst 1945 dafür, daß die Demontage und Zerstörung
der ehemaligen Rüstungswerke ordnungsgemäß ablaufen kann.
Wie schon zu Kriegszeiten ist das Betreten des Geländes streng verboten.

Der Loisach-Isar-Bote veröffentlicht folgende "Warnung" der Werksleitung: "Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß das Betreten des Geländes der Fabrik Wolfratshausen (DAG und DSC) nur solchen Personen gestattet ist, die mit Sonderausweisen und besonderen Kennzeichen ausgestattet sind. Wer von den Wachen im Fabrikgelände angetroffen wird (...), läuft Gefahr, erschossen zu werden."




Alliierte nehmen Maschinen mit

Die Militärregierung setzt deutsche Treuhänder ein, die die Demontage
zu überwachen haben. Schon ab 1945 wird die DSC im Süden abgebrochen: Wichtige Bunker werden gesprengt, der größte Teil der Maschinen
und des Inventars wird von den Alliierten beschlagnahmt.

Allein für den Abtransport der Nitropenta-Anlage nach England
sind nach Erinnerung einer Zeitzeugin 40 Lastzüge notwendig.
500 Arbeiter der Firma Joseph Best, München,
führen die Demontage durch, während sich schon
die ersten Industriebetriebe des neuen Geretsrieds ansiedeln.
In Gartenberg beginnt die Demontage erst Ende 1947.
122 von 391 Bunkern werden auf Anordnung der Amerikaner gesprengt, sämtliche funktionsfähigen Maschinen abtransportiert.

Der Wert der in ganz Geretsried verbleibenden Anlagen wird
auf 20 Millionen Mark geschätzt. Ab August 1947 steht das Gelände
unter deutscher Verwaltung.




Geretsried: 30 Menschen pro Waggon

"Am 5. April 1946 wurden wir, fein säuberlich sortiert
zu je 30 Personen pro Viehwaggon, verladen. 40 Wagen à 30 Menschen ergaben ca. 1200 Personen. Beim Einladen hielt man zum Glück
die richtige Reihenfolge ein: Zuunterst die Kisten, darauf die Menschen,
und wir Kinder fanden, da meist unterernährt und schmalbrüstig,
in kleinen Stauräumen unter dem Waggondach Platz.

Nachdem man uns noch mit etwas Reiseproviant versorgt hatte,
wurden die Wagen verschlossen, und ab ging die Post respektive Bahn Richtung Westen. Über Eger, auf dessen Bahnhof nach meiner Erinnerung Hunderte zerstörter Lokomotiven standen,
verließ der 3. Graslitzer Transport die Tschecheslowakei.

Am Samstag abend trafen wir in München-Allach ein,
wo die Wagenkolonne in zwei Teile zu je 20 Wagen aufgeteilt wurde.
Die erste Hälfte fuhr am Sonntag morgen weiter in Richtung Wolfratshausen und landete schließlich am frühen Vormittag vor dem Lager Buchberg (...).

So standen wir nun auf freier Strecke und sahen entsetzt
auf ein völlig verkommenes, von doppeltem Stacheldraht umgebenes
und mit Wachttürmen bewehrtes Barackenlager,
das unsere neue Heimat sein sollte."

Werner Sebb, Geretsried





      

Eng und primitiv ist das Lager Buchberg.    
Aber die Vertriebenen sind froh,    
ein neues Zuhause zu haben.    




Keimzelle Lager Buchberg

Die Geschichte der Vertriebenen im Landkreis Wolfratshausen
ist die Geschichte der Stadt Geretsried. Weil 1946 sämtliche in Betracht kommenden Unterkünfte im Landkreis mit Flüchtlingen belegt sind,
öffnen die Behörden das leerstehende Lager Buchberg
auf der (heute so genannten) Böhmwiese. Im Krieg lebten dort
vorwiegend russische Fremdarbeiter der Munitionsfabriken,
später 300 deutsche Kriegsgefangene.

Lager Buchberg, die Keimzelle Geretsrieds, der heute größten Stadt
im Landkreis, umfaßt gerade einmal 20 hölzerne Baracken.
Der erste Flüchtlingstransport aus dem egerländischen Graslitz
zählt 556 Menschen, darunter auch Werner Sebb.

Ein Vierteljahr später kommt ein weiterer Flüchtlings-Zug mit 137 Menschen aus dem westböhmischen Tachau, und am 11. Oktober 1946 folgen
100 ehemalige Karlsbader. Auch Vertriebene aus Schlesien werden
nach Geretsried eingewiesen.




Keine Türen, keine Betten, kein Strom

Der Zustand des Lager Buchbergs im April 1946 ist erbärmlich.
Die Türen und Fenster sind zerstört, die Stromkabel hängen herunter,
Öfen und Möbel sind weg. Werner Sebb:
"Soweit Bettgestelle vorhanden waren, fehlten Matratzen und Strohsäcke,
und Wasseranschlüsse sowie Toiletten waren ohnehin
nie vorhanden gewesen. (...)

In der ehemaligen Lagerküche (später Gaststätte Böhm) standen
große Kochkessel, zum Teil enthielten sie noch verschimmelte Reste v
on Möhreneintopf. Vom früheren Kantinenbau,
seitlich an die Küche angebaut, waren nur noch verkohlte Balken
auf einem riesigen Betonfundament übrig."

Die Neubürger packen an: Eine Lagerwerkstatt wird eröffnet.
Ein Klempner und ein Elektriker arbeiten dort.
Eine Verkaufsstelle für Milch und Brot wird eingerichtet.
Aber es dauert einige Zeit, bis sich die ehemaligen Graslitzer
selbst versorgen können. Bis dahin wird gemeinschaftlich gekocht.

Nur geringfügig leichter ist der Neuanfang der früheren Tachauer.
Sie sind im ehemaligen DAG-Verwaltungsgebäude einquartiert,
dem heutigen Rathaus. Der Rauchabzug der schwer zu beschaffenden Öfen wird einfach aus den Fenster hinausgeleitet.

Besonders schwierig ist es, die Flüchtlinge aus Karlsbad unterzubringen - denn das Lager ist im Oktober 1946 schon voll.
Die meisten von ihnen leben für Wochen
in einem 150 Quadratmeter großen Gemeinschaftsraum
und schlafen auf dem blanken Zementfußböden, da erst viel später Holzgestelle für Strohsäcke und Matratzen bereitgestellt werden.




Das Leben normalisiert sich

Aber das Leben normalisiert sich immer mehr. Geschäfte werden eröffnet,
die Menschen finden Arbeit, zum Teil bei der Demontage
der Rüstungswerke, manche in der Tölzer Flintkaserne,
wieder andere im DP-Lager Föhrenwald. Und nicht zuletzt werden
auch die ersten Industriebetriebe eröffnet.

Schon am 8. Mai 1946 hatte Ernst Schumann die Erlaubnis bekommen,
im Geretsrieder Süden die Chemische Fabrik Rudolf & Co. wiederzugründen. Weitere Unternehmen folgen, Golde, Filler & Fiebig und Empe.

Auch der Wohnungsbau beginnt: Zu den ersten Anlagen die entstehen, gehören die Häuser an der Kolbenheyerstraße.
Am 24. Juni 1950 wird die Gründung der Gemeinde Geretsried
festlich begangen. Ein neues Kapitel beginnt.





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