Der Rest der Geretteten



Prolog

"Die Juden sahen sich an.
Wo sind wir? Wohin sollen wir?
Für sie war alles unklar.
Nach Polen zurückkehren? Nach Ungarn?
In die von Juden verlassenen Straßen,
umherzuirren in diesen Ländern,
einsam ohne Heimat, immer die Tragödie vor Augen (...),
um dann einem ehemaligen freundlichen Nachbarn zu begegnen,
der dann mit großen Augen und einem Lächeln zweideutig fragen würde: ,Was, Du Jankel! Lebst Du auch noch?"

Ein Überlebender des Holocaust



Zuflucht im Föhrenwald

Hitlers Angriffskrieg hinterlässt 6,5 Millionen heimatlose Ausländer
in Deutschland. Die Besatzungsmächte sprechen von DPs,
von displaced persons. Die meisten sind verschleppte Zwangsarbeiter
aus ehemals besetzten Gebieten. Bis Ende Juli 1945 sind
zwei Drittel wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt.

Unter den DPs sind allerdings auch etwa 50.000 Juden,
die den Holocaust überlebt haben. Wohin mit ihnen?
Ihre Heimat ist Deutschland, ihre Heimat gibt es nicht mehr.
Für sie werden eigene Lager geschaffen:
Eines der größten und vor allem das, das am längsten besteht (bis 1955),
ist das Lager Föhrenwald.

In den ehemaligen Häusern der Zwangsarbeiter der Munitionsfabrik
in Gartenberg werden bis zu 6000 Juden einquartiert.
Die meisten von ihnen wollen Deutschland verlassen -
in Richtung USA, Kanada, auch Australien, aber vor allem in Richtung Israel. Die Überlebenden der Judenvernichtung nennen sich Scherit-Hapleita,
der "Rest der Geretteten".


Die Begriffe Juden oder Displaced Persons (DP)
wurden von den deutschen Behörden vermieden.


Die Einrichtung des DP-Lagers wird von der 3. US-Armee organisiert.
Ihr Hauptquartier ist die Flint-Kaserne in Bad Tölz, die vormalige SS-Junkerschule (gebaut 1938, jetzt Landratsamt, d. Autor 2007), .
Die Soldaten sind mit ihrer Aufgabe überfordert. Major Irving Heymont:
"Die US Army war nach Europa gekommen, um die Nazis zu bekämpfen
und nicht, um deren Opfer zu bewachen."

Lager Föhrenwald wird militärisch streng geführt, selbst der
in den Wirren zu Kriegsende teilweise zerstörte
2,5 Meter hohe Stacheldrahtzaun wird repariert -
Föhrenwald ein Konzentrationslager? Earl Harrison,
von US-Präsident Truman auf Inspektionsreise geschickt,
besucht das Lager.

Sein Bericht wird in Washington mit Entsetzen aufgenommen:
"Es scheint, als behandeln wir die Juden wie zuvor die Nazis,
mit dem Unterschied, dass wir sie nicht vernichten."
Truman reagiert sofort, die Juden bekommen einen Sonderstatus.
Ohne weitere Prüfung werden sie als DP anerkannt,
das Lagerleben wird völlig neu und nun auch demokratisch organisiert.


             

Lager Föhrenwald aus der Luft.         



Durch die UNRRA geht's aufwärts

Im Herbst 1945 übernimmt die UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA
(später IRO) das Lager. Auch die größte amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation "Joint" nimmt in Föhrenwald die Arbeit auf -
erfolgreich: Sechs Wochen später gibt es Schulen
und Ausbildungsstätten, ein Lager-Krankenhaus.

In Föhrenwald leben 600 Kinder und Jugendliche ohne Eltern.
Die Zusammensetzung der Lagerbewohner ändert sich
ganz entscheidend im Sommer 1946: In Polen finden Juden-Progrome statt und erneut flüchten Juden aus Angst vor Vernichtung aus ihrer Heimat. Etliche von ihnen kommen nach Föhrenwald.

Das Lager ist exterritorial, es untersteht den Vereinten Nationen
und nicht deutschen Behörden. Auch die deutsche Polizei darf Föhrenwald nicht betreten. Das schafft Probleme. Lebensmittel-Diebstahl
ist an der Tagesordnung: Wenn Bauern Vieh von der Weide gestohlen wird, führen die Spuren immer wieder nach Föhrenwald.

Allerdings ist die Versorgung der Lagerbewohner mit Lebensmitteln gut.
Ihnen stehen täglich 2500 Kalorien zu, die Wolfratshauser haben nur Anspruch auf die Hälfte. In einer großen Lagerküche wird zentral gekocht.
Die Bewohner des Lagers erhalten, so sie im KZ gewesen waren,
auch finanzielle Wiedergutmachung.

Trotzdem ist das Leben in Föhrenwald sehr schwierig.
Oft müssen mehrere Familien in einem Raum leben.
Es gibt nicht genügend Möbel, in den Häusern wimmelt es von Ungeziefer. "Kaum war der Kammerjäger weg, waren die Wanzen wieder da",
berichtet eine ehemalige Bewohnerin.


In schlechtem baulichen Zustand war Lager Föhrenwald.


Paramilitärische Ausbildung

Stark ausgeprägt ist das politische Leben in Föhrenwald.
Eine ganze Reihe von Parteien - meist sind sie zionistisch,
fordern also einen unabhängigen israelischen Staat -
schickt Kandidaten in den Wahlkampf zum Lagerkomitee.

Auch die Haganah, eine Organisation, die in Palästina
gegen die britische Kolonialmacht für die Befreiung des Landes kämpft, unterhält in Föhrenwald eine kleine Abteilung.
Im ehemaligen Hochlandlager der Hitlerjugend bei Königsdorf
führt die Haganah ein geheimes paramilitärisches
Ausbildungsprogramm durch.

Selbst ein eigenes Lagergericht existiert in Föhrenwald.
Als ein Lagerbewohner bei einem Fußballspiel einen Mitspieler beleidigt
und schlägt, wird er zu drei Tagen Gefängnis verurteilt.
In Wolfratshausen erfährt man von solchen Aktivitäten indes gar nichts.

Auch wenn das Verhältnis der Wolfratshauser zu den Bewohnern
des DP-Lagers "ein eher herzliches ist"
(die ehemalige Bewohnerin Margreth Weisenfisz-Rudel),
die Behörden des Landkreises Wolfratshausen haben viel Ärger
mit dem Lager, das erst ab 1951 der deutschen Polizeigewalt untersteht.

So schreibt Landrat Thiemo am 25. November 1945 an den Regierungspräsidenten, dass der Landkreis "schwer leidet"
durch die Föhrenwalder, "die mit den von der UNRRA
überreich erhaltenen Waren Tauschhandel aller Art betreiben".

Von Neid geprägt ist auch das (nach wie man heute weiß falsche) Gerücht, dass der Geldbesitz der Lagerbewohner "bei dem Einzelnen
in die Zehntausende (geht), von manchen wird sogar behauptet,
dass ihr Barbestand 50.000 RM überschreite".


Im DP-Lager Föhrenwald ab es natürlich auch einen Kindergarten.



Gesetzlose Zone

Und am 22. Januar 1946 schreibt Thiemo: "Nur die DP-Juden
im Lager Föhrenwald übertreten die deutschen Gesetze nach Herzenslust. Aber wir sind dagegen machtlos,
und die Razzien der Amerikaner bedeuten nicht viel."

Am 28. Mai 1952, als das Lager schon unter deutscher Verwaltung steht,
soll eine Großrazzia mit 115 Zoll- und Steuerfahndern
und 33 Polizisten stattfinden. Die geballte Ordnungsmacht trifft allerdings
auf Widerstand bei den Lagerbewohnern,
die sich an die Nazizeit erinnert fühlen - nicht ganz zu Unrecht übrigens.

Steine fliegen, die Polizisten schreien antisemtische Sätze wie
"Die Gaskammern warten auf Euch".
Aber bevor es zum offenen Konflikt kommt, wird die Aktion abgebrochen.
Der Vorfall löst allerdings auf beiden Seiten anhaltende Verbitterung aus.



Die Falschgeld-Bande

Fast wie eine Legende klingt eine Geschichte vom Lager Föhrenwald,
die heute noch in Wolfratshausen erzählt wird,
für die es aber in den Archiven keine schriftlichen Belege gibt.
So sollen im Lager auch ehemalige KZ-Häftlinge aus Dachau gelebt haben, die während des Krieges falsche Pfund-Banknoten zu drucken hatten.
Adolf Hitler hatte diese über England abwerfen lassen wollen,
um die Währung aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Nach der Befreiung nahm ein kleiner Kreis Dachauer Häftlinge
die Druckmaschinen nach Föhrenwald mit und produzierte damit
in einem Koffer deutsches Falschgeld. Der Betrug fiel erst auf,
als sie auf dem Weg zum Münchner Oktoberfest mit ihrem Auto
am Dorfener Berg einen Unfall hatten. Dabei sprangen die Koffer
mit den nachgedruckten Reichsmark auf und das Geld fiel raus.



Der Traum vom Gelobten Land

18 Jahre jung ist Margreth Weisenfisz-Rudel, als sie 1948
mit ihrem Ehemann, dem in Polen aufgewachsenen
Konfektionsschneider Chaim Weisenfisz (28), ins Lager Föhrenwald kommt.
Margreth hat einen Traum: Sie möchte ins "Gelobte Land",
nach Palästina, auswandern.

"Die Zustände im Lager waren unbeschreiblich", erinnert sich
die heute 65jährige Jüdin. "Die Häuser waren alle völlig verwanzt.
Wir mussten uns ein Zimmer mit einer Familie teilen. Dazu spannten wir
eine Schnur durch den Raum, an die wir Decken hängten."

Ein Bad gab es auch nicht, lediglich Gemeinschaftsduschen
in einem Haus am Lager-Eingang. Und trotzdem hat sie gute Erinnerungen
an die acht Jahre Föhrenwald: "Wir waren jung und wir waren frei.
Das war ein enorm schönes Gefühl."




Der Ortsplan von Lager Föhrenwald:
Die Straßen tragen amerikanische Bezeichnungen.



Guter Draht nach Wolfratshausen

Beide nehmen eine Arbeit an, sie als Köchin in einem Koscher-Restaurant,
er als Schneider. "Wohnen und Strom waren umsonst,
von dem bisschen Geld, das wir verdienten, konnten wir uns dann
nach und nach auch Möbel kaufen."

1950 kommt Tochter Esther zur Welt, im Lager-Krankenhaus.
Die zweite Tochter Sonja wird dann schon
in der Kreisklinik Wolfratshausen geboren.

Apropos Wolfratshausen, Margreth Weisenfisz geht gerne in den Ort,
besucht dort Sportveranstaltungen ("Box-Kämpfe habe ich geliebt")
oder geht bummeln. "Die Leute in Wolfratshausen waren sehr nett,
sehr freundlich und zuvorkommend. Da gab es keine Diskriminierung."
Nur Freundinnen hat sie nie dort gefunden.
"Im Lager lebten wir doch sehr isoliert."

Ausgewandert ist die Familie Weisenfisz übrigens nie.
1956 zog sie nach München, dort lebt Margreth Weisenfisz nun als Witwe. Eine Tochter ging indes in Haifa/Israel.




Wiedersehen im Lager

Schwester Ruth arbeitet im Krankenhaus des Lagers Föhrenwald.
Ihre Geschichte ist auch heute noch, 50 Jahre danach, anrührend:
Während des Kriegs wurde die im polnischen Ghetto in Lodz
lebende Jüdin in einen Zug gesteckt, ein Zug ins KZ.

Irgendwo in Polen warf sie ihr Kind aus dem Zug -
sie wusste ja, der Zug sollte in den Tod führen.
Das elfjährige Kind überlebte den Aufprall und wurde von einem Partisanen mit halberfrorenen Beinen gefunden und aufgenommen.
Erst kurz vor Kriegsende wurden der Partisan und das Kind gefangen
und in ein KZ verschleppt. Die Befreier kamen,
bevor beide in die Gaskammer geschickt wurden.

Auch Ruth überlebte das KZ. Vom Schicksal ihres Kindes wusste sie nichts,
als sie nach Föhrenwald kam - bis eines Tages ein Fremder
an die Tür ihres Nachbarn klopft - und erzählt: Nein, er habe keine eigenen Kinder, er habe ein fremdes Kind aufgenommen.
Als Ruth das Foto anschaut, erkennt sie ihr Kind.

Ja, auch solche Geschichten passieren im DP-Lager Föhrenwald,
in dem bis zu 6000 Juden leben - in der Hoffnung auf ein neues Leben
in Israel. Der "Rest der Geretteten" macht Föhrenwald zu einer Enklave
der untergegangenen europäisch-jüdischen Kultur.


         

Der "Rest der Geretteten" machte aus Föhrenwald         
eine Enklave europäisch-jüdischen Lebens. 

    


Die Hochschule des Rabbi Halberstam

Die jiddische Sprache wird dort gepflegt, in den Schulen lernen
die Kinder und Jugendlichen - Schulpflicht besteht bis 18 Jahre -
Hebräisch, Englisch, Rechnen, Bibelkunde, Zeichnen, Musik und Sport. Bereits Anfang November 1945 werden von 27 Lehrern
350 Kinder unterrichtet.

Regen Zulaufs erfreut sich auch eine "Bet-Jakow"-Schule
für die religiöse Erziehung der Mädchen.
Für größere Kinder werden "Tarbut"-Gymnasialkurse eingerichtet.

Selbst eine religiöse Hochschule ("Talmud-Hochschule")
gibt es im Lager Föhrenwald. Den Unterricht leitet Rabbi Yeshuskiel Yehuda Halberstam, der einzige bedeutende chassidische Lehrer
(eine konservative Glaubensrichtung), der den Holocaust überlebt hat.
Sechs Synagogen gibt es in Föhrenwald,
die wichtigste ist in der heutigen Pfarrkirche untergebracht.

Jeden Sonntag ist Markt, weil am Samstag, dem Sabbat,
nicht gearbeitet werden darf. Der Markt, der vor den Toren des Lagers stattfindet, ist bei den Wolfratshausern äußerst beliebt.

Eine Vielzahl von Geschäften entsteht im Lager:
Lebensmittel- und Tante-Emma-Läden, Friseure, eine Schreinerwerkstatt. Hühner werden in Wolfratshausen und Umgebung donnerstags gekauft
und von den Rabbinern koscher geschlachtet:
Vor dem Zerlegen müssen die Tiere ausbluten.

Auch kulturell ist einiges geboten. Es gibt mehrere Theatergruppen,
es gibt eine Bibliothek, ein Kino, einen Sportclub,
und es erscheint eine Lagerzeitung.




Ausbildung für die Freiheit

So idyllisch wie es klingen mag, ist das Lagerleben indes nicht.
Zwar werden schon ab November 1945 Ausbildungsstätten errichtet,
für Krankenschwestern, Schneider, Schlosser, Schuhmacher,
Zimmerer und anderes mehr - es fällt den Verantwortlichen des Lagers
aber schwer, die Bewohner zum Arbeiten zu motivieren.

Manche sind nach den erlittenen Qualen dauerhaft zu schwach,
andere wiederum empfinden es nach dem KZ als unzumutbar,
für Deutsche tätig zu sein. Außerdem sind die Lebensmittelrationen
im Lager höher als außerhalb, was den Zwang, Geld zu verdienen,
für viele Juden gering erscheinen lässt.

Eigentlich soll das Lager am 18. Juli 1949 geschlossen werden.
Aber es stellt sich bald heraus, dass nicht alle Juden in der Lage sind,
nach Israel oder USA auszuwandern - Föhrenwald entwickelt sich
zum Sammellager für die bis dahin 64 jüdischen Lager in Deutschland.

Am 1. Dezember 1951 geht das Lager in deutsche Verwaltung über.
Die Schwierigkeiten sind groß. Nicht nur dass in Föhrenwald
vorwiegend Alte, Kranke und Schwache leben, immer häufiger kehren enttäuschte Auswanderer aus Israel wieder dorthin zurück -
zwar illegal, aber geduldet.




Mit 31 zu alt, um zu lernen?

Zum Beispiel Yossel, 31 Jahre alt: Seit er 21 ist, hat er in Lagern gelebt,
erst im KZ, dann im DP-Lager und in Israel
in einem britischen Internierungslager.
Nach der Unabhängigkeit des Landes "versuchte (ich), das zu werden,
was ich immer sein wollte, ein normaler Mensch.
Aber nun war ich 33 Jahre alt. Zu alt, um etwas zu lernen,
und zu jung, um mich zur Ruhe zu setzen."

Den Behörden und den im Lager tätigen Hilfsorganisationen wird bald klar, dass nicht alle Föhrenwalder auswandern können.
Also werden den dort lebenden Juden Wohnungen
in deutschen Großstädten finanziert. Aber nicht alle nehmen
dieses Geschenk widerspruchslos an: Zu groß ist die Angst
vor dem Getrennt werden, von der Übernahme von Verantwortung
in dem für sie fremden und noch immer Misstrauen erzeugenden Land.

Trotzdem finden 789 ehemalige Lagerbewohner in Deutschland
eine neue Heimat. Die letzten Juden verlassen am 28. Februar 1957
das Lager - zwölf Jahre nach dessen Errichtung, nach einer Zeit,
die fast ebenso lang war wie das Dritte Reich gedauert hatte.

Zu diesem Zeitpunkt sind schon deutsche Siedler in die Häuser eingezogen. Sie arbeiten dort für den Neuanfang - und es soll ein totaler Neuanfang sein: Am 7. November 1957 wird Föhrenwald nach einer Bürgerbefragung
und langen Verhandlungen umbenannt:
Fortan ist es der Wolfratshauser Stadtteil Waldram.


        

Die Isartal-Bahn hieß im Volksmund "Jerusalem-Express".  
Heute verkehrt auf der gleichen Trasse die S-Bahn Linie 7. 



Der "Jerusalem-Express"

In miserablem Zustand sind nach dem Kriegsende die Straßen
im Landkreis Wolfratshausen. Vor allem die Panzer der Amerikaner
haben aus wichtigen Verbindungsstraßen Buckelpisten gemacht.
Sie können erst nach dem Abzug der US-Truppen im Sommer 1945
nach und nach instand gesetzt werden.

Autos beschlagnahmt die Militärregierung. Nur auf Antrag
und mit Begründung können die Wolfratshauser
auf die Fahrbereitschaft zurückgreifen, die  über Holzvergaser verfügt,
über Autos also, deren Motor mit sogenanntem "Tankholz" angetrieben wird.

Auch die Isartal-Bahn verkehrt einige Monate überhaupt nicht
und dann nur sporadisch. Ein Wolfratshauser erinnert sich
an seine erste Fahrt mit der Dampfeisenbahn am 15. August 1945:
"Die Fahrt dauerte sechs Stunden von München nach Wolfratshausen.
Oft musste der Zug anhalten zum Nachschüren,
denn anstatt Kohle gab's nur Kohlenstaub zum Heizen."

Erst ab 12. Oktober existiert dann "auf wiederholte
und dringliche Forderungen des Landrats" bei der Reichsbahndirektion wieder ein Fahrplan. Um 6 Uhr und um 16.10 Uhr fährt
von Wolfratshausen ein Zug ab und um 8 Uhr,
und um 18.10 Uhr geht ab Isartal-Bahnhof Thalkirchen der Zug zurück.

Weitere Züge verkehren jeden Samstag um 11.32 Uhr (ab Wolfratshausen) und um 13.25 Uhr (ab München).
Zum 1. Dezember 1945 wird die Zahl der Züge verdoppelt,
die Fahrzeit beträgt eineinviertel Stunden. Das größte Problem ist,
dass es kaum noch funktionierende Lokomotiven gibt:
Sie müssen an Industriebetriebe abgegeben werden.
Außerdem werden sie in München in der Ludwigs- und in der  Nymphenburger Straße als Hilfs-Straßenbahnen eingesetzt.

Ab 1946 fahren die ersten elektrischen Triebwagen auf der Isartal-Linie.
Sie kommen von der Wehrmachts-Bahn Peenemünde-Zinnowitz.
Zu den häufigsten Benutzern gehören die im Lager Föhrenwald
lebenden jüdischen DPs. Daher wird die Bahn im Wolfratshauser Volksmund auch "Jerusalem-Express" genannt.




Seitenanfang



Nächstes Kapitel


Voriges Kapitel