Das Grauen in Camp No. 6



Anton S., SS-Unterscharführer

Aus heutiger Sicht ist es schwer zu verstehen,
warum jemand schon vor der Machtübernahme Hitlers
freiwillig einer Partei wie der NSDAP beigetreten ist -
um damit natürlich auch deren unmenschliche Ziele wie Judenvernichtung, Euthanasie und Kriegstreiberei mitzutragen.
Schwer nachvollziehbar ist 50, 60 Jahre später allerdings auch,
welche beruflichen und persönlichen Nachteile jene hatten,
die sich aus Prinzip weigerten, in die Partei zu gehen.

Einer der vielen Wolfratshauser, die um ihres Geschäfts willen
den leichten Weg, den innerhalb der Partei, gegangen sind, war Anton S. (Name ist auf Wunsch der Nachkommen geändert).
Er musste für seine Stellung als SS-Offizier schwer büßen:
30 Monate saß er ab Mai 1945 unter schwierigsten Bedingungen
in verschiedenen Internierungslagern ein.

Die Geschichte von Anton S. soll hier anhand
von dessen Aufzeichnungen und von Briefen erzählt werden.
Es ist die Geschichte einer persönlichen Tragödie,
die Geschichte eines Mannes, der sich als Funktionär
eines menschenverachtenen Regimes schuldig gemacht hat -
ohne tatsächlich selber Verbrechen begangen zu haben.



Geschäfte mit der Partei?

Bereits am 1. August 1932 tritt S. in die Partei ein,
"aus rein ideelen Gründen", wie er später schreibt. Er glaubt,
dass nur "eine große Arbeiterpartei die wirtschaftliche Notlage beheben
und die große Arbeitslosigkeit beseitigen" kann.
Zudem hat der Ladeninhaber hohe Schulden,
die er durch Geschäfte mit der Partei schneller tilgen zu können glaubt.

Nach der Machtübernahme Hitlers tritt S. im März 1933
der Reserve der SA bei: "Wie bekannt, war in der SA-R wenig Dienst,
bei Geschäftsverhinderung konnte man auch wegbleiben."
Anton S. wird zum Gemeinderat ernannt. Er findet heraus,
dass sein SA- und Gemeinderats-Kollege T. sich bestechen ließ.

Er zeigt T. an, verlangt dessen Entlassung. Ein schmutziges Spiel beginnt. Der SA-Sturmführer verlangt von S., dass er sich bei T. entschuldigt.
S. weigert sich, deshalb wird er von der SA ausgeschlossen.
Auch den Gemeinderat muss er verlassen -
der vorgeschobene Grund lautet "Judenfreundlichkeit".

Tatsache ist: Er wurde denunziert, weil er den Juden Hermann Spatz, einen alten Freund, im Fasching 1934 im Gastzimmer des Humplbräu umarmt hatte (siehe auch Seite 22). Der Ausschluss aus der Partei droht -
S. fürchtet, wirtschaftlich ruiniert zu sein. Er tritt der SS bei.




Mitglied von SS und Gesellenverein

Da der Sitz des SS-Sturms erst in Penzberg, dann in Starnberg ist,
spielt die "Schutzstaffel" in Wolfratshausen nie eine große Rolle.
S. verlässt auch nicht, wie SS-Leuten vorgeschrieben ist,
die katholische Kirche. Er bleibt sogar Mitglied des katholischen Gesellenvereins, selbst nachdem dieser in Wolfratshausen
von der NSDAP verboten wird.

Als der Krieg ausbricht, wird S. Kurierfahrer für das Landratsamt.
Später wird er als Reserve-Polizist dienstverpflichtet. Bis 1944 steigt er
in dieser Funktion zum Bezirks-Oberwachtmeister auf -
das ist gleichbedeutend mit dem Rang eines SS-Unterscharführers.
Im katholischen Wolfratshausen bleibt S. weiter ein geachteter Mann.

Aus mehreren Gründen: Am 4. November 1933 wird Franziska K. verhaftet, weil sie "schwerbeleidigende Ausdrücke über die SA gebraucht hatte".
S. paukt sie wieder frei.

Auch der Parteigenosse Mathias T. wird am 14. Mai 1936 in Schutzhaft genommen, "weil er Missstände, die örtliche Parteiführer herbeiführten
und duldeten, mit offenen Worten bekämpfte". Nach vier Tagen erwirkt S. beim Gauamtsleiter in München dessen Freilassung.

"Heil Moskau" sagt Maria J. am 18. August 1936 zu einem SA-Truppführer. Sie wird umgehend verhaftet. S. fährt dreimal mit dem Ehemann von J.
nach München in die Parteizentrale,
endlich bekommt er auch Maria J. wieder frei.

Alle drei von S. dargestellten Hilfeleistungen werden von den Betroffenen
im Entnazifizierungsverfahren 1947 bestätigt. S. wird als "großer Witzbold" gelobt, der "überhaupt nicht vom Nationalsozialismus überzeugt war" (Spruchkammer-Vorsitzender Hesselbarth). Er soll
"im Gegenteil die neuesten Witze" über die Partei erzählt haben.

Käthe Jäger: "Ein Großteil der Bevölkerung, der nicht mit den Machenschaften der Partei einverstanden war,
hat gerade wegen seiner anständigen und korrekten Haltung,
zu S. Sympathie und Vertrauen gehabt."

Und Karl Fuchs, später ein hochangesehener CSU-Stadtrat,
schreibt über ihn: "Ich kann zusammenfassend erklären, daß S. meine Gesinnung jederzeit achtete und als Mann der Partei
mir als Andersdenkendem immer loyal begegnete."


Heinrich Pflanz, ehemaliger Häftling in Lager Moosburg,
hat die Verhältnisse dort dokumentiert, auch in Zeichnungen.


10000 PGs in automatischem Arrest

So wie Anton S. schicken die Amerikaner 17 Würdenträger der NSDAP
aus Wolfratshausen für Monate oder gar Jahre
in den "automatischen Arrest". Die US-Armee übernimmt
vorhandene "Einrichtungen", wie etwa Camp No. 6 -
so wird das Internierungslager Moosburg genannt. In dem Barackenlager,
das von den Nazis für Kriegsgefangene eingerichtet worden war,
befinden sich zwischen 1945 und 1948
etwa 10.000 ehemalige Parteigenossen in Haft.

Die Häftlinge leben dort unter unmenschlichen Bedingungen,
viele verhungern. Die Angehörigen wissen meist nicht, wo sie sind.
Die Tochter von Anton S.: "Wir haben von unserem Vater nur dann gehört, wenn irgend jemand einen Brief nach draußen geschmuggelt hat."

Ähnliche Lager wie Moosburg, wo die meisten Wolfratshauser Nazis hingeschafft werden, gibt es in der amerikanischen Zone einige Dutzend. Über sie ist auch heute noch recht wenig bekannt.

Berichte von ehemaligen Landsberger Häftlingen hat Heinrich Pflanz gesammelt. Seinem Buch "Das Internierungslager Moosburg"
(1992, Selbstverlag) entstammen folgende Zeitzeugen-Berichte:

Georg Miller, Landwirt und unter den Nazis Bürgermeister eines kleinen Ortes: "In den ersten drei Tagen (im Lager) waren wir ohne jedes Essen. Viele sind verhungert. Einige aßen aus Hunger Papier
und sind daran gestorben. Auch ein Kamerad aus unserer Baracke
ist infolgedessen an Verstopfung gestorben. Ich sah ihn selbst
in der Latrine liegen.

Als mir Frau B. am Zaun, der das Frauenlager vom Männerlager trennte,
eine Suppe herüberreichen wollte, hat ein Posten auf mich geschossen.
Da es in der Dämmerung war, konnte ich mich in eine Mulde retten. Monatelang mussten wir auf dem blanken Boden schlafen.
Als Kopfunterlage hatte ich einen Ziegelstein, den ich mit Gras
etwas auspolsterte. Das Gras wurde mir aber von der Lageraufsicht
wieder weggenommen. Erst im Spätherbst 1945 bekamen wir Bretter,
womit wir uns notdürftig eine Schlafstelle bauen konnten.

Bei meiner Verhaftung wie auch im Lager wurde ich
wie die anderen Gefangenen unzählige Male geschlagen. (...)
Im Herbst 1945 stand ich mit Stanislaus Schmid ca. 10 Meter
vom Sicherheitszaun entfernt. Als sich Schmid nach einem Löwenzahn bückte, wurde er von einem Posten mit einem Schuss
durch die Halsschlagader niedergeschossen.
Die Angehörigen waren lange ohne Benachrichtigung."



Angehörige nicht benachrichtigt

"Der Fischermeister Peter Ernst aus Dießen/Ammersee wird von den Amerikanern in seiner Wohnung verhaftet und ins Lager gebracht.
Der Familie wird nur gesagt, dass Ernst verhaftet werde, weil er Ortsbauernführer war. Wohin er gebracht wird, erfahren sie nicht. (...)

Ernst kann nach einigen Monaten aus dem Internierungslager Moosburg einen in einem Leichenwagen versteckten Zettel herausschmuggeln,
auf dem er mitteilt, wo er ist. Ernst ist ca. eineinhalb Jahre in Haft.
Es ist nicht bekannt, dass ihm irgend etwas zur Last gelegt werden konnte."



Schauspieler Eichheim verhungert

Josef Eichheim, Jahrgang 1888, Münchner, ist in den 30er und 40er Jahren einer der beliebtesten deutschen Filmschaupieler. Zu den bekanntesten Streifen des Komödianten gehören "Der verkaufte Großvater" (1942), "Kohlhiesls Töchter" (1943) oder auch "Narren im Schnee" (1938).

Auch Eichheim war wohl Mitglied der NSDAP. Er kommt im Mai '45
in den "automatischen Arrest" nach Lager Moosburg.
Dort organisiert er ein Theater: "Kabale und Liebe" von Schiller
wird aufgeführt. Im November 1945 verhungert Eichheim im Lager.



Auch Jost in Ludwigsburg

Der Zorn der Siegermächte auf die Nazis und die, die sie dafür halten,
ist groß. Allein in der amerikanischen Zone sind Mitte Juli 1945
70.000 Menschen in Haft. In den Internierungslagern müssen sie
in den ersten Monaten auf den Boden schlafen,
später dann in drei Etagen übereinander - den "Kaninchenställen".

Sie bekommen wenig zu essen, Krankheiten gehen um,
die Hygiene ist mangelhaft. Der rumänische Gesandte in Berlin,
General Gheorge, der in Ludwigsburg inhaftiert war,
wie übrigens auch Wolfratshausens Bürgermeister Jost, schreibt:
"Am Tag gingen die meisten dieser Höhlenbewohner dem Lichte zu,
das heißt, sie setzten sich am Rande der Lagerstätten auf
und baumelten mit den Füßen über dem Kopf ihres Nachbarn von unten."




Die meisten Tbc-Fälle aus Moosburg

In einem Leserbrief an den Isar-Loisachboten schildert Eva Barthel
aus Hohenschäftlarn im Mai 1995 ihre Erinnerungen:

"Am 1. Februar 1946 wurde ich im amerikanischen Kriegsgefangenen-Lazarett Hospital 2057 (Artillerie-Kaserne) Garmisch-Partenkirchen als Zivilangestellte (Röntgenassistentin) angestellt. Bei einer Patientenbe- legschaft von 3000 bis 4000 waren
zehn bis zwölf Prozent tuberkulös, zum Teil sehr schwer, es gab viele Tote. Die meisten Tbc-Fälle kamen aus Moosburg.

Dort gab es schlechte Ernährung, Kälte und schlimme Behandlung. Im Hospital taten die deutschen Ärzte, die ja selbst Gefangene waren, was sie konnten, um den armen Jungens zu helfen und wir Zivilen schrieben Briefe oder schmuggelten welche durch die Wache, dazu noch etwas freundlicher Zuspruch, mehr war nicht drin, da die notwendigen Medikamente fehlten. Das Herz tut mir jetzt noch weh, wenn ich daran denke, wie viele damals noch unnötig sterben mussten."




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