Organisieren hilft



Die Suche nach Essen

Die Rollen sind vertauscht. Während die einen, die früher nichts hatten,
nun erheblich besser versorgt werden, geht es den anderen,
die zu Kriegszeiten nie am Hungertuch nagten, nun schlecht.

Die einen, das sind die ehemaligen, jüdischen KZ-Häftlinge,
die nun im Lager Föhrenwald wohnen und von der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, der UNRRA, versorgt werden.

Die anderen, das sind die Menschen in Wolfratshausen,
die in den Jahren 1945 und 1946 nur mit viel Mühe und großem Aufwand genug Essen zum Überleben organisieren können.

Organisieren, das ist jeden Tag aufs Neue eine Notwendigkeit.
Eine heute 70-jährige Wolfratshauserin erinnert sich:
"Wir haben von morgens bis abends nur organisiert -
geschaut, wo wir etwas zum Essen herbekamen."

Das System der Lebensmittelmarken, von den Nazis im Krieg eingeführt,
wird von den amerikanischen Besatzern übernommen.
Allerdings ist Nahrung nun noch knapper,
die Rationen für den Einzelnen werden ständig heruntergesetzt.



Bis zum Skelett abgemagert

Andreas Stumpf berichtet: "Die zugeteilten Lebensmittel reichten
bei weitem nicht aus. Manche Leute sind bis zum Skelett abgemagert;
andere bekamen wegen ungenügender Ernährung geschwollene Füße.
Es war zu beobachten, wie die Leute warteten, bis die Abfalltonnen
aus den von den Amerikanern besetzten Häusern zum Abtransport
auf die Straße gestellt wurde. Die Leute sind darüber hergefallen
und haben aus dem Unrat alles noch einigermaßen Eßbare herausgesucht. Die Sterblichkeit war nach dem Krieg sehr groß."

Der absolute Tiefststand wird in der 103. Zuteilungsperiode 1946 erreicht. Jedem Erwachsenen stehen täglich noch 200 Gramm Brot,
13 Gramm Fleisch, 5 Gramm Fett, 28 Gramm Nährmittel, 4 Gramm Käse,
17 Gramm Zucker und 333 Gramm Kartoffeln zu.

Bei solchen Rationen wird Überleben zum Problem. Kein Wunder,
dass schon einige Monate ein mit Galgenhumor gesegneter Zeitgenosse
über dem Portal des Nantweiner Friedhofs ein Schild anbrachte:
"Eingang zur 100. Kartenperiode".


Dank der Hilfslieferungen jüdischer Organisationen in den USA
gibt es beim "Judenmarkt" in Föhrenwald fast alles zu kaufen.


Judenmarkt im Föhrenwald

Wohl dem, der da Tauschware oder auch noch Geld hat,
um sich auf dem Schwarzmarkt zu versorgen.
Allwöchentlich sonntags pilgern die Wolfratshauser zu Fuß
zum so genannten "Judenmarkt" auf der Wiese am Eingang
zum Lager Föhrenwald (dort, wo heute das Umspannwerk der Isar-Amperwerke in Waldram steht).

Hier gilt die Regel: Ware gegen Lebensmittel, Ware gegen Geld.
Die Rede ist von "Kompensationsgeschäften".
Die begehrten Ami-Zigaretten, "Lucky Strike", "Marlboro"
und wie sie alle heißen, sind so gut wie Geld.

Allerdings kostet eine Schachtel Zigaretten auf dem "Judenmarkt"
80 Reichsmark, für eine Tafel Schokolade sind 30 Mark zu bezahlen,
ein Pfund Kakao kostet 180 Mark, die gleiche Menge Bohnenkaffee
sogar 300 Mark. Und selbst ein halbes Kilo Zucker
(er bleibt noch bis März 1950 rationiert) ist für nicht weniger
als 100 Reichsmark zu haben.

Daß es den Bewohnern des für heimatlose Ausländer
(Displaced Persons oder DPs) reservierten Lagers Föhrenwald
besser geht als der Bevölkerung rundherum, hat seinen Grund.
Die Militärregierung und natürlich die Öffentlichkeit im fernen Amerika,
steht unter dem Schock des Holocaust,
der nur langsam in allen seinen Ausmaßen bekannt wird.

Die DP-Lager - Föhrenwald ist das größte in der amerikanischen Besatzungszone - werden daher vorrangig versorgt.
Die oben bereits zitierte 70-Jährige:
"Die Leute haben waggonweise Kleidung bekommen -
direkt aus Amerika. Nur, vielen Juden, die nun schon wohlgenährt waren, passten die eleganten, eng geschnittenen Sachen nicht mehr.
Wir hingegen waren alle dürr, halb verhungert."

Schon für 10 Reichsmark ist auf dem Markt ein Wintermantel zu haben - vorausgesetzt, man kann geschickt handeln."



Kaninchenzüchterland

Aber wer kann, versorgt sich selber. Fast jeder Wolfratshauser
hat ein kleines Stück Garten - genug Platz vor allem
für die Kaninchenhaltung. "Wolfratshausen ist ein Kaninchenzüchterland", sagt eine Zeitzeugin.

40 Langohren in einem Haushalt sind keine Seltenheit -
alle 14 Tage wird ein Kaninchen geschlachtet. Bevorzugt wird die
an Fleisch reiche Rasse "Belgischer Riese". Alles wird verwertet:
Die Felle werden zu Handschuhen, Pelzwesten und Kniewärmern verarbeitet.

Solche Möglichkeiten haben die Bewohner von München,
der einstigen "Hauptstadt der Bewegung" nicht.
Sie kommen allerdings in Scharen zum Hamstern aufs Land.
Werden sie dabei von der Polizei erwischt, dann haben sie
schlimme Strafen zu befürchten. Landrat Hans Thiemo in einem Aufruf: "Bauern! Weist Hamsterern die Türe!"

Natürlich nutzen die Wolfratshauser auch das,
was die Wälder rundherum hergeben. Die 70-jährige Wolfratshauserin: "
Wir sind Bucheckern sammeln gegangen. Zwei Zentner haben wir zusammenbekommen." Die werden dann am Forstamt eingetauscht -
gegen Fett.

Das nämlich ist wie schon im Krieg absolute Mangelware.
Vor allem die Milcherzeugung wird bei den Bauern streng überwacht,
die Milch muss fast komplett abgeliefert werden.

Landrat Thiemo: "In Anbetracht der Ernährungslage unseres Volkes,
und hier wiederum im besonderen der Stadtbewohner und deren Kinder,
muss jedoch verlangt werden, dass der Milchverbrauch
im Hause eingeschränkt wird. 1 Liter pro Haushaltsangehörigen
in der Hauptarbeitszeit muss ausreichend sein."

Trotz dieser Vorschriften und der Überwachung geht die (offizielle) Milchproduktion im Landkreis im Sommer 1945 drastisch zurück -
um bis zu 38 Prozent im Vergleich zum Kriegsjahr 1944.



Amerikaner verbrennen Essen

Von den amerikanischen Besatzern ist in den ersten Monaten
nicht viel zu erwarten. Natürlich wollen sie niemanden verhungern lassen, aber sie geben auch nicht mehr Lebensmittel her, als unbedingt sein muss.

Eine Frau, deren Wohnung beschlagnahmt wurde, erinnert sich:
"Hinten im Garten haben die Leute ein großes Loch gegraben.
Da haben sie ihre überzähligen Lebensmittel reingeworfen,
Benzin drübergegossen und das Ganze dann angezündet."

Allerdings kann man auch Glück haben - zum Beispiel das,
an einen farbigen Soldaten zu geraten. "Die Neger waren sehr kinderfreundlich. Die haben immer was gegeben."

Oder man hat Glück und stößt zufällig auf ein Lebensmittel-Lager,
wie es der schon genannten Wolfratshauserin passiert:
"Wir waren in der Gegend von Meillenberg beim Schwammerlsuchen,
da stieß ich im Wald plötzlich auf einen großen Haufen Lebensmittel,
Dosen mit Bratenfett, Berge von Keksen, Fleischkonserven.
Ich holte sofort meine Familie, und wir transportierten alles nach Hause.
Zwei Jahre haben wir daran gegessen."

Auch wenn die Bauern alles abliefern müssen, gibt es doch
auf so manchem Hof Arbeit für Hilfskräfte. "Den ganzen Sommer 1946
war ich auf Gut Buchberg im Einsatz. Dort wurden Kartoffeln
und anderes Gemüse angebaut. Für einen halben Tag Arbeit
gab's einen Eimer Kartoffeln, das waren mehr als zehn Kilo.
Magermilch wurde ebenfalls verteilt."

Die Kartoffeln werden zum Tauschgut: Bei Metzgern und Bäckern
gibt's dafür Fleisch und Brot. Doch auch die Fleischer stehen
unter strenger Kontrolle. Wer bei Schwarzschlachtungen erwischt wird, wandert ins Gefängnis. Fünf von ihnen werden erwischt und bestraft.
Sie hatten jenseits der Isar Rinder gekauft,
um sie in Wolfratshausen zu schlachten.



Keine Angst vor der Strafe

Die Hemmschwelle vor Gesetzesübertretungen ist gering.
Eine Wolfratshauserin: "Es ging schließlich ums Überleben."
Im Bereich Höhenrain werden im Oktober 1945 neun Bienenvölker gestohlen. Der "Loisach-Isar-Bote": "Es kann leider noch nicht damit gerechnet werden, daß die Kette der Einbrüche abreißt. Im Gegenteil muss den Winter über
mit einer Zunahme solcher Schandtaten gerechnet werden.

Darum empfiehlt es sich, Selbstschutz zu betreiben.
Was von amtlicher Seite geschehen kann (Telefon, Landpolizei),
wird geschehen, aber es kann nicht überall zugleich
wirksam geholfen werden."



Kartoffelkäfer kommt

Nach den Amerikanern kommt der Kartoffelkäfer.
Schon am 26. Mai 1945 schickt der frischernannte Landrat Hans Thiemo
eine erste Brandmeldung an alle Bürgermeister heraus,
dass dem "Kartoffelkäfer, der bereits in Kochel, Dorfen und Baierbrunn einwandfrei festgestellt wurde, besondere Aufmerksamkeit zu widmen" sei.

Die Bürgermeister werden aufgefordert, einen Suchdienst aufzustellen
"und im Falle der Entdeckung von Kartoffelkäfern sofort Gasarol-Stäubung bei der Landwirtschaftsstelle Wolfratshausen zu beantragen."

Vor allem Kinder werden für den Kartoffelkäfer-Suchdienst eingesetzt. Landrat Thiemo: "Wer sich drückt, darf hinfort
keine Lebensmittelkarten mehr erhalten." Einen Monat später, Ende Juni,
wird flächendeckend Gift gegen den Kartoffelkäfer gespritzt.

Wie wichtig die Kartoffel als Grundnahrungsmittel ist,
geht aus einer Reihe von behördlichen Erlassen hervor: So ist es auch "streng verboten, Kartoffeln - selbst in kleinen Mengen -
nach München zu liefern".



Wolfratshauser "Fischköpfe"

"Fischköpfe", so heißen die norddeutschen Küstenbewohner landläufig. Fischköpfe sind in der Notzeit nach Kriegsende auch die Wolfratshauser:
Ein ganzer Waggon voller Schollen wird der Marktgemeinde
einmal wöchentlich zugeteilt - aus Hamburg und aus Bremerhaven.

Allerdings weiß zuerst niemand, wie die Seefische auszunehmen und zuzubereiten sind. Erst nach längerer Suche findet sich ein Ehepaar,
das aus Hamburg stammt, und die Wolfratshauser
in die Kunst des Fischkochens einweist.

Organisiert werden die Transporte vom Ernährungsamt
in der Sauerlacher Straße. Per Lastwagen werden
jeweils zehn bis 15 Tonnen in München in der Arnulfstraße abgeholt.
Schon ab 4 Uhr früh am Verteilungstag warten hungrige Menschen
auf die Delikatesse, obwohl die Ausgabe erst ab 7 Uhr erfolgt.

"Jeder hat was bekommen", erinnert sich Anton Geiger,
der für die Verteilung zuständig war. "Sechs bis sieben Leute waren
den ganzen Tag mit der Ausgabe der Fische beschäftigt.
Eine Kühlung gab es nicht. Man hat halt gerochen, ob die Fische gut sind."



Passierscheine und Fahrradkarten

Strenge Reglementierung erfahren die Wolfratshauser
nicht nur bei der Zuteilung von Lebensmitteln. Auch freies Reisen
ist nicht möglich - nur innerhalb des Landkreises.
Dafür werden Passierkarten von der Militärregierung ausgestellt.

Neben der Unterschrift, der Adresse und einer Nummer enthalten sie
auch einen Fingerabdruck. Sie erlauben aber kein Verlassen
des Landkreises. Selbst für "Reisen nach München" gelten
strenge Vorschriften.

Sie sind nur Leuten erlaubt, die dort ihr Geschäft wiedereröffnen wollen, außerdem Geistlichen, Ärzten, Elektroarbeitern, Lebensmittelhändlern, Bürgermeister, Angehörigen der Polizei und der Feuerwehr sowie Kranken, die zum Arzt müssen - "jedoch nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad".

Passierscheine werden auch für Radl ausgestellt:
Sie sind in der Nachkriegszeit in Wolfratshausen purer Luxus.
Wegen des Mangels an Gummi gibt es Reifen nur auf Bezugsschein
und nur für solche Leute, deren Arbeitsstätte mindestens 3,5 Kilometer entfernt ist. Jugendlichen ist im November 1945 das Radfahren
ganz untersagt. Und wer ohne Registrierkarte erwischt wird,
dessen Fahrrad wird beschlagnahmt.




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