Der Opfer Rache



24 Stunden Plünderung

Am 1. Mai und am 2. Mai 1945 geht kein Wolfratshauser freiwillig
vor die Haustür. Nein, es ist nicht die Angst
vor den amerikanischen Besatzern, die die Leute zurückhält.
Es ist die Angst vor Plünderern, es ist die Angst,
nach dem eigentlichen Ende des Krieges noch Hab und Gut,
ja sogar das Leben zu verlieren.

Franz Bäumler aus Wolfratshausen erinnert sich:
"Im Markt durfte mit Billigung der Militärregierung
24 Stunden lang geplündert werden.
Jeder hat sich deshalb in seinem Haus verriegelt."

Tausende von Zwangsarbeitern, die
in den Rüstungsfabriken gearbeitet hatten, Kriegsgefangene,
die bei Bauern im Dienst standen, und die KZ-Häftlinge,
die auf ihrem "Todesmarsch" südlich von Wolfratshausen befreit wurden -
sie sind nun an der Macht.
Es herrscht Gesetzlosigkeit, Anarchie, Chaos, Gewalt.




Fleisch ließen sie liegen

Andreas Stumpf, Chef der "Wolfra"-Mosterei, schreibt:
"In Wolfratshausen wurde eine Anzahl Kaufläden geplündert.
Die Plünderer schlugen erst die Rolläden kaputt und dann die Scheiben ein, hernach stiegen sie in die Läden und nahmen die Waren heraus.
Was sie nicht mitnehmen konnten, zertraten sie am Boden
oder vernichteten es auf andere Weise."

Die Opfer zwölfjähriger Nazi-Diktatur nehmen Rache an ihren Peinigern,
den Deutschen. Allerdings erwischen sie die Falschen,
die einfachen Leute in Wolfratshausen.

Noch einmal Stumpf: "In der Molkerei nahmen sie
aus den Kühlanlagen Butter, dabei sind sie auf der Butter herum getreten. Andere brachten in der Nähe von Bolzwang das Vieh
auf der Weide qualvoll um. Sie schnitten sich Stücke von Fleisch heraus,
den größten Teil ließen sie liegen. Die Schäden,
welche durch die Plünderer hervorgerufen wurden und die Gefahr,
in welcher sich die Einheimischen befanden, war furchtbar."

Allerdings, und auch darüber schreibt Stumpf:
"An der Plünderung haben sich nicht nur die Ausländer beteiligt,
sondern vereinzelt auch Einheimische."

Nach der Erinnerung einer heute 84jährigen Wolfratshauserin,
die zu Kriegsende auf dem elterlichen Bauernhof in der Berggasse lebte, haben sich die Verstöße im Markt gleichwohl in Grenzen gehalten:
"Und der Spuk war auch bald vorbei."

Auch Franz Bäumler, der damals wie heute im Untermarkt wohnte,
hat als 16jähriger nicht viel mitbekommen. Aber: "Als die Amerikaner
die Regierung in die Hand genommen haben, ging's wieder."




"Wohlgenährter KZler"

In etlichen Häusern werden von den neuen Herren
die befreiten KZ-Häftlinge einquartiert. Für die Bewohner bedeutet dies zwar oft eine Bedrohung, nicht selten aber auch Schutz. Franz Bäumler:
"Zu uns kam ein sehr wohlgenährter KZler. Er hat andere,
die plündern wollten, daran gehindert."

Dieser Mann, nach Bäumlers Einschätzung "ein Kapo oder so"
wird allerdings selbst gesucht. Als die amerikanische Militärpolizei zwei Tage später bei Bäumlers anrückt, um den Mann festzunehmen, i
st er verschwunden. Er läßt zwei große, abgerichtete Hunde zurück,
die ehedem im Besitz der SS waren. Die Bäumlers verkaufen sie
an Bauern weiter. Anfragen gibt es viele.
Die Landwirte wollen sich mit den scharfen Tieren vor Plünderern schützen.

Die amerikanischen Besatzer verhalten sich indes weitgehend korrekt.
Der erste Panzer, der am 30. April einrückt, stoppt am Untermarkt
vor dem Haus des Fotografen Guggenberger. Ein Soldat steigt aus,
betritt den Laden und verlangt Filmmaterial. Guggenbergers Tochter Elisabeth Fagner: "Die Sachen hat er dann auch bezahlt, mit Lebensmitteln."

Plünderungen sind den Besatzern streng untersagt.
In einer Bekanntmachung der Militärregierung heißt es,
dass Beschlagnahmungen "nur mit schriftlichem Auftrag"
durchgeführt werden dürfen - und gegen Quittung.
Trotzdem sind die Amerikaner erstmal überfordert damit,
die Ordnung wiederherzustellen.


Erst Soldat, dann Hilfspolizist:
Ludwig Kollmeier


Deutsche Hilfspolizei

Der Gendarmerieposten ist seit dem Einmarsch aufgelöst, zu ihrer eigenen Entlastung setzen die Amerikaner eine deutsche Hilfspolizei ein.
Sie wird geführt von einem Pensionär namens Hartl.
Die "Ordnungshüter" sind unbewaffnet und gekennzeichnet
mit einer weißen Armbinde.

US-Oberleutnant Arthur Foley, zuständig für die öffentliche Ordnung,
sieht sich aber sehr bald veranlasst, die "Hipos" (Hilfspolizisten)
besser auszustatten. Ludwig Kollmeier wird zum Chef ernannt,
er war bis Kriegsende stellvertretender Batallions-Kommandeur
der Wolfratshauser Landesschützen und an der kampflosen Übergabe
des Markts maßgeblich beteiligt.

Die ehemaligen KZ-Häftlinge sind nur für wenige Tage ein Problem.
Die meisten werden - sofern sie jüdischen Glaubens sind -
im Lager Föhrenwald einquartiert und dort
von der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, UNRRA, versorgt.

Übergriffe gibt es viel mehr von den ehemaligen Zwangsarbeitern
aus Russland, Polen und Frankreich. Wohl dem,
der diese Leute vor dem Zusammenbruch gut behandelt hatte.
Vielfach ist überliefert, dass in solchen Fällen von ehemaligen Gefangenen Gewalttaten und Plünderungen verhindert werden.




Bauchschuß - tot

Auch Jakob Mittermeier, 56 Jahre alt, Hausmeister in einem Anwesen
in Schlederloh, Gemeinde Dorfen, hatte sich einer russischen Fremdarbeiterin "stets hilfsbereit und entgegenkommend gezeigt",
wie in einem Bericht steht. Es hilft ihm nichts.

Als die Frau mit Landsleuten zum Plündern kommt
und Jakob Mittermeier ihnen ohne Argwohn entgegentritt, fallen Schüsse:
Der Hausmeister wird in Bauch und Lunge getroffen.
Er stirbt tags darauf im Wolfratshauser Krankenhaus.

Die ersten Plünderungen finden übrigens schon Stunden
vor dem amerikanischen Einmarsch statt. Es ist der 30. April nachmittags.
Die Wehrmacht ist längst abgerückt, die SS versucht noch,
den Vormarsch des Gegners mit Brückensprengungen aufzuhalten,
da geht durch Wolfratshausen das Gerücht -
und es spricht sich in Windeseile herum - in einem Lagerraum
der Kunstmühle Eichele in Weidach befinde sich
ein großes, unbewachtes Schuhlager.

Schuhe sind zu dieser Zeit absolute Mangelware,
darum machen sich viele Leute auf den Weg.
Die heute in Duisburg lebende Christine Förster,
damals Nachrichtenhelferin in Dorfen, ist auch dabei:

"Zusammen mit den größeren Buben aus dem Dorf ging ich
mit einem Leiterwagen runter nach Weidach. Die Schuhe kosteten nichts - nicht einmal Bezugsmarken. Und die Buben probierten
und luden das Wagerl voll. Weil es den Buben so Freude machte,
liefen sie alle nochmals runter zur Mühle und luden nochmals ein."

Als die Amerikaner, die Stunden später den Markt besetzen,
von der Plünderung erfahren, schreiten sie sofort ein:
Die Bevölkerung wird per schriftlichem Erlass aufgefordert,
die Schuhe unverzüglich wieder zurückzugeben.
Aber kaum einer folgt dieser Anordnung.




Gefahr für die Bürger

Den wohl eindruckvollsten Bericht vom Chaos der ersten Tage
nach dem Zusammenbruch liefert "Wolfra"-Chef Andreas Stumpf,
als Unternehmer begehrte Zielscheibe von Plünderern. Er schreibt:

"Das Schlimmste aber stand noch bevor. Tausende ehemaliger KZ-Häftlinge waren außerhalb Wolfratshausens sich selbst überlassen.
Sie kamen in die umliegenden Ortschaften, schlachteten das Vieh
und nahmen alles, was sie an Lebensmitteln erwischen konnten, mit.
Die ausländischen Häftlinge hatten eine furchtbare Wut auf alles Deutsche (...) Die Deutschen hatten nicht den geringsten Schutz.
Die losgelassenen KZler wurden eine immer größere Gefahr
für die deutsche Bevölkerung."

Stumpfs Betrieb ist das Ziel einer ganzen Zahl von Plünderern,
sowohl Fremdarbeiter als auch Einheimische. Nicht ohne Grund übrigens: Allein im Humplbräu-Keller lagern über 1000 Hektoliter Apfelsaft
und 2500 Liter Obstbranntwein.

Schon am 1. Mai wird Stumpf von seinem Vorarbeiter Tränkl
zu dem Lager gerufen. 15, später sogar mehr als 100 Leute schleppen Schnaps aus dem Keller. Stumpf wird geschlagen.
Er flüchtet und bittet die Amerikaner um Schutz.
Ein bewaffneter US-Soldat vertreibt die Plünderer.

Am nächsten Tag bedroht ein anderer Plünderer mit einer Pistole
die Familie Stumpf in deren Wohnung.
Er stiehlt Lohngelder (13.400 Mark), Kleidung und Papiere.

Wieder sind ehemalige Häftlinge auf Raubzug im Haderbräu-Keller.
Sie nehmen Betten, Schuhe und säckeweise Zucker mit.


Beliebtes Ziel von Plünderern:
Im Wolfra-Keller lagern Saft und Schnaps.



Er schrie: "Dein Blut"

Emma Stumpf wird am selben Abend in ihrer Wohnung
von einem bewaffneten Mann bedroht: "Er schrie: 'Dein Blut'".
Andreas Stumpf bittet die Besatzungsmacht erneut um Hilfe.

Der Einbrecher wird vorgeführt "und der (amerikanische) Soldat
sagte zu ihm in gebrochenem Deutsch:
'Ich weiß, dass du die Deutschen nicht magst. Ich mag sie auch nicht,
aber deshalb darfst du sie nicht umbringen."

Emma ist im übrigen nichts passiert. Sie war vor dem Einbrecher geflüchtet und dann in Ohnmacht gefallen. Das Ehepaar Stumpf traut sich aber nicht mehr nach Hause zurück, zumal es weitere Plünderungen
des Haderbräu-Kellers gibt.

Stumpf: "Zu der Zeit sind mehrere Zivilisten erschossen worden,
kein Mensch hätte sich damals was gedacht, wenn man auch mich
in der Nacht erschossen hätte." Erst als fünf amerikanische Soldaten
im Wechsel Wache halten vor den Kellern der "Wolfra"
beruhigt sich die Lage wieder.




Keine Kuh mehr auf der Weide

5000, 6000 ehemalige KZ-Häftlinge kampieren nach der Befreiung
durch die Amerikaner in den Wäldern zwischen Eurasburg und Achmühle.
Sie haben nichts - nichts zu essen, nichts zu trinken, nichts anzuziehen.
Was sollen sie anderes tun, als sich das Lebensnotwendige
bei den Einheimischen zu holen, als zu rauben und zu plündern?

Angst ist das vorherrschende Gefühl: Die einstigen Hälftlinge haben Angst vor der Bevölkerung, die Bürger wiederum vor den Häftlingen.
Eurasburgs Bürgermeister Hans Fischhaber, damals neun Jahre alt,
erinnert sich: Fast in jedem Haus waren die KZler. Sie haben sich das,
was sie brauchten, organisiert. Plündern möchte ich es nicht nennen."
Eier, Kartoffeln, Schnaps, ja ganze Rinder - alles wurde weggeschleppt
oder an Ort und Stelle verzehrt. Am ärgsten dran waren die Einödhöfe außerhalb der Ortschaften, außerhalb des Schutzes der Polizei. Fischhaber: "Da stand keine Kuh mehr auf der Weide. Alles wurde weggesperrt."




Rechtsanwalt ermordet

Erst nach ein paar Tagen gelingt es den Amerikanern, das Chaos zu beseitigen oder einzudämmen. Die deutsche Hilfspolizei patrouilliert nachts, wenn die Zivilbevölkerung Ausgangssperre hat. "Vor der haben die Leute Respekt gehabt", erinnert sich Fischhaber. Trotzdem kommt es
zu einem tödlichen Zwischenfall. Der In Zwitzenlehen lebende Rechtsanwalt Dr. Prechtl wird von Plünderern erschossen.




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