Plötzlich Frieden


Winibald wieder Bürgermeister

Am 1. Mai hält die amerikanische Besatzungsmacht Einzug im Markt:
Nach den Kampftruppen kommen die Bürokraten. Plötzlich ist Frieden -
es gibt keine Bomber mehr, die Angst und Schrecken erzeugend
über Wolfratshausen hinweg donnern.

Die Sirenen heulen nicht mehr und treiben die Menschen
in die Luftschutzkeller und auch die Nazis sind weg -
untergetaucht oder verhaftet, in jedem Fall aus dem Öffentlichen Dienst entlassen und aus dem öffentlichen Leben verschwunden.

Zwar ist man in diesen ersten Nachkriegswochen
von demokratischen Verhältnissen weit entfernt, aber die neuen Herren
in Wolfratshausen setzen auf bewährte Kräfte:
Als Bürgermeister wird Hans Winibald eingesetzt,
der dieses Amt schon bis 1933 innehatte.

Zur Seite steht ihm in der Verwaltung
der frühere Gemeindesekretär Franz Geiger.
Der einstige SPD-Gemeinderat, der von den Nazis 1933
für zwei Wochen in "Schutzhaft" genommen worden war
und anschließend zwangsweise in Pension ging,
ist politisch völlig unverdächtig.

Die Aufgabe der beiden, das Gemeinwesen Wolfratshausen
wieder in Schwung zu bringen, erscheint indes unlösbar -
angesichts von Hunger und Not. Und das durch die Vertreibung
der Funktionsträger in den Behörden ausgelöste Chaos
macht die Situation noch schlimmer.



Wieder Bürgermeister:
Hans Winibald.



Wieder Gemeindesekretär:
Franz Geiger.



Häuser werden konfisziert

Das "Military Governement of America" versucht
nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung neue Strukturen aufzubauen - mit allen Mitteln. Eine nächtliche Ausgangssperre
zwischen 19 und 6 Uhr wird verhängt, lediglich Bauern dürfen früher
aufs Feld - mit Sondergenehmigung.

Die Militärregierung braucht Platz: Für die Soldaten werden
zahlreiche Häuser beschlagnahmt, die Bewohner müssen schauen,
wo sie unterkommen - und zwar "as soon as possible",
so schnell wie möglich. Manchmal bleibt ganzen Familien
in ihren eigenen Häusern lediglich ein Raum, der Rest ist "off limits",
Betreten ist verboten.

Der Dorfener Anton Kierein erinnert sich an die Besatzer im Elternhaus:
"Da es in den ersten Maitagen außerordentlich kühl und unfreundlich war, feuerten die Amerikaner ein Scheit nach dem anderen ein - wie verrückt."

Captain Carl H. Bischoff trägt mit sechs weiteren amerikanischen Offizieren und einer ganzen Reihe "amerikanischer Büromädel"
(so erinnert sich Anton Geiger) die Verantwortung.
Sie beziehen Quartier im Amtsgericht (heute: Heimatmuseum).

Auch Bürgermeister Winibald ist den Militärs unterstellt.
Er kommt gut aus mit den Amerikanern. Nochmals Anton Geiger:
"Eigentlich waren unsere Besatzer recht großzügig.
Mit der Zeit hat man sich sogar angefreundet.
Der erste Bürgermeister Hans Winibald fand bei den Amerikanern
immer ein offenes Ohr."


Ihr Hauptquartier schlug die Besatzungsmacht
im ehemaligen Schulhaus am Obermarkt auf.



Amis wissen genau Bescheid

Und noch dazu kennen sich die Militärs in Wolfratshausen gut aus.
Ludwig Scheitthauer, nach der Flucht aus Deutschland
in die US-Army eingetreten und mit ihr in sein Vaterland zurückgekehrt:

"Wir haben seit 1944, seit einer Schulung in London,
über Wolfratshausen genau Bescheid gewusst. Wir kannten die Straßennamen, die Namen der Parteigenossen und waren auch
über alle anderen Dinge gut informiert."

Trotzdem ist das Misstrauen der Besatzungsmacht groß:
Wer war Nazi, wer war keiner? Diese Frage zu klären
ist indes nicht einfach. Die braunen Machthaber hatten
ihre Niederlage ebenfalls gründlich vorbereitet:

Am 25. April 1945, um 15 Uhr erging per Funk ein Befehl
des oberbayerischen Regierungspräsidenten Dr. Schenpel
an alle Gemeinden, sofort mit der Aktenverbrennung zu beginnen:
"Alles, was dem Feind nützlich sein könnte, ist zu vernichten" -
und zwar Blatt für Blatt.

In Wolfratshausen wird diese Anordnung gründlich befolgt.
Im Hof des Rathauses errichten die Nazis einen "Scheiterhaufen"
und verbrennen alle wichtigen Unterlagen aus zwölf Jahren NS-Regime -
zum Leidwesen nicht nur der heutigen Archivare und Zeitgeschichtler, sondern auch der amerikanischen Besatzer. Die mussten nämlich
den Aufbau der Nazi-Organisationen mühselig rekonstruieren.




Explosion mit Todesfolge

Drakonische Strafen erwarten all jene, die sich nicht a
n die Anordnungen der Amerikaner halten. Eine der ersten ist der Befehl, sämtliche Waffen, auch solche, die sich nur zur Jagd eignen, abzuliefern.
Wer nicht gehorcht und erwischt wird, muss mit der Todesstrafe rechnen.

Die Waffen werden auf der Straße ausgebreitet.
Anschließend überrollt sie ein Panzer - die neue Macht
statutiert ein Exempel. Wehrmachtsgut wird vor dem Abtransport
oder der sofortigen Vernichtung in Weidach gesammelt.

Dort passiert am 23. Juni 1945 ein schreckliches Unglück.
Drei Buben schleichen sich auf den bewachten Sammelplatz.
Beim Versuch, eine Flugabwehr-Granate zu öffnen,
um an das Pulver zu kommen, gibt es eine Explosion.
Ein 14jähriger erleidet einen Lungenriss und einen Schädelbruch.
Er verblutet noch am Unfallort. Seine beiden Freunde kommen
mit leichten Blesuren und mit dem Schrecken davon.

Etliche Waffen werden auch einfach in die Loisach geworfen.
Noch Jahre später machen sich abenteuerlustige Jugendliche
einen Spaß und tauchen das Kriegszeug aus dem Fluss - zum Spielen.


Wer seine Waffen nicht abliefert,
muss mit der Todesstrafe rechnen.


Ohne "Päss" geht nix

An allen Ortseingängen stehen amerikanische Soldaten
und kontrollieren die Passanten, ebenso auf Brücken,
an Straßenkreuzungen und wichtigen Plätzen.
"Päss", dieses Kommando kennt jeder.
Wer seinen Ausweis nicht dabei hat, wird sofort abgeführt.

So mancher Amerikaner übertreibt's dabei:
Eine Kindergärtnerin in Dorfen wird an ihrem eigenen Gartenzaun verhaftet, weil sie ihren Passierschein nicht zeigen kann.

Zwei Frauen in Icking passiert dasselbe, nur wenige Schritte von ihrer Wohnung entfernt. Obwohl sie darum bitten, ihre Ausweise holen zu dürfen, müssen sie in den Militärjeep einsteigen. Erst einige Stunden später
werden die Frauen wieder freigelassen, mit der Auflage,
sich am nächsten Tag in der Kommandatur zu melden.
Kontrolliert werden sogar Kirchgänger.




Kaugummi, Zigarre und Kinderliebe

Und doch hinterlassen die Besatzer in Wolfratshausen
einen überwiegend freundlichen Eindruck. Die Soldaten entsprechen
so gar nicht den deutschen Vorstellungen von Zucht, Ordnung,
Drill und Moral. Kaugummi kauend, eine Zigarre im Mund und stets lässig,
so stehen sie Posten. Und kinderfreundlich sind sie.

Franz Bäumler, damals 16 Jahre alt, erinnert sich:
"Die Soldaten hatten abgepackte Essensrationen für Frühstück,
Mittag- und Abendessen. Was übrig geblieben ist, haben wir
Kinder und Jugendliche bekommen."

Besonders begehrt sind Weißbrot, Pfannkuchenteig und der Kaffeesatz.
"Den Bohnenkaffee - das war ja eine Kostbarkeit -
haben wir noch zwei, drei Mal aufgebrüht."

Auch für kleine Handlangerdienste bekommen die Buben und Mädchen Geschenke. Franz Bäumler bügelt einem in der Volksschule
stationierten deutsch-amerikanischen Offizier Hemden und Hosen.
Dafür gibt es Kaugummi, Schokolade, manchmal auch Zigaretten und Tabak.

Einmal findet der kleine Franz auf der Straße auch eine Banane.
Ein Amerikaner hatte sie weggeworfen, weil sie noch grün war.
Bäumler heute: "Es war die erste Banane meines Lebens.
Ich wusste gar nicht, dass sie gelb sein sollen. Als ich sie aß,
war ich deshalb fürchterlich enttäuscht."




Deutsche-amerikanische Annäherung

Auch wenn in der Anfangszeit der Besatzung nähere Kontakte
zwischen Amerikanern und Deutschen wegen des "Fraternisierungsverbots" untersagt sind, entwickeln sich viele Beziehungen.

Rund 900 Patienten werden zwischen 1946 und 1950
im Tölzer Krankenhaus wegen Geschlechtskrankheiten behandelt.
Es sind fast ausschließlich einheimische Mädchen.
Die genannte Statistik weist auch 175 uneheliche Kinder aus.

Tanzveranstaltungen, in denen Deutsche und Amerikaner
gemeinsam feiern, gibt es schon sehr bald nach dem Zusammenbruch -
im Haderbräu spielt die Kapelle Joe Hampl aus Karlsbad:
"Wenn die da waren, war der halbe Markt auf den Beinen",
erinnert sich eine heute 84jährige Wolfratshauserin.

Ein Mitglied der Joe-Hampl-Kapelle, Toni Siegert, wird später
ein angesehener Kapellmeister in Geretsried.
Besondere Förderung erfährt die Band trotz
ihres etwas fragwürdigen Kürzels (HJ = Hitler-Jugend)
von Bürgermeister Hans Winibald, der als Vorsitzender des Sängerkreises und Mitglied des Kirchenchors ein ausgewiesener Musikfreund ist.
Entlohnt werden die Musiker übrigens nicht mit (wertloser Reichsmark) sondern mit Bier und Whisky.


Man darf wieder fröhlich sein: Die Joe-Hampl-Kapelle.


Alle Nazis kommen weg

"Alle Regierungsgewalt ist auf die Oberbefehlshaber der Vereinten Nationen übergegangen. Höchste Instanz in unserem Bezirk ist
das American Military Governement mit Sitz in Wolfratshausen (Amtsgerichtsgebäude). Seine Befehle und Weisungen sind
bindend für jedermann."

Mit dieser Mitteilung werden die Wolfratshauser - etwas verspätet -
am 29. September, nach fünf Monaten also, über die neuen Verhältnisse informiert. Der Loisach-Isar-Bote erscheint wieder, herausgegeben als "Amtliches Mitteilungsblatt" vom Landrat des Landkreises Wolfratshausen.

Sechs Offiziere bilden in Wolfratshausen die Militärregierung.
In die Zuständigkeit des Bezirkskommandeurs Captain Carl H. Bischoff
fallen die Politik, das Unterrichtswesen und die allgemeine Verwaltung. Oberleutnant John F. Kizer obliegt die Justiz, Oberleutnant Reynold J. Kosek und Oberleutnant Jay H. Kelley betreuen das wichtigste Ressort,
die Ernährung und das Versorgungswesen. Die Polizeigewalt liegt
in den Händen von Oberleutnant Arthur D. Foley.
Oberleutnant Jesse L. Ott hat Fragen der Arbeit und des Verkehrs zu regeln.




Lehrer begeht Selbstmord

Die Militärregierung des Bezirks ernennt auch einen Landrat,
zwölf Bezirksräte und 37 Bürgermeister. Landrat ist Hans Thiemo,
ein Professor aus München. Er wurde nicht mit diesem Namen geboren, ursprünglich hieß er Teufelhart oder auch Selos.

Thiemo hat eine wichtige Funktion, als Mittler zwischen Militärregierung
und Landkreis. Zu Bürgermeistern ernennen die Amerikaner
vorzugsweise Männer, die während der Nazi-Herrschaft verfolgt waren.

In Weidach ist es zum Beispiel der Sozialdemokrat Fritz Bauereis,
ein Parteifreund des Wolfratshauser Gemeindesekretärs Franz Geiger,
der wie dieser 1933 inhaftiert worden war.

Alle führenden Mitarbeiter von Behörden, also auch von Vermessungsamt, Notariat und Zollstelle, werden "aus politischen Gründen" entlassen.
Selbst die Führung der Sparkasse, die dortigen Kassierer,
zwei Postschaffner und ein Beamtenanwärter bei der Bahn
müssen den Dienst quittieren.

Aber die amerikanische Säuberung geht noch weiter.
Auch 38 Volksschullehrer aus dem Bezirk sind des Dienstes enthoben.
Sie müssen bis 1. Oktober 1945 auch ihre Dienstwohnungen räumen. Landrat Thiemo im Amtsblatt: "Die Bürgermeister werden
für die Unterbringung der entlassenen Volksschullehrer
verantwortlich gemacht."

Der Lehrer Josef N., der in Wolfratshausen einst Organisationsleiter
der NSDAP war und deshalb interniert wird, begeht später Selbstmord.

Und doch geht es wieder aufwärts: Am 31. Mai, einen Monat nach Kriegsende, heiraten in Dietramszell Barbara Strauß und Heinrich Horcher.




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