Dorf im Krieg


Keine Bomben, genug zu essen

Erst als der große Weltenbrand in den letzten Zügen liegt,
wird er auch in den Dörfern hautnah erlebt.
Was bis dahin nur durch wenige Volksempfänger, Zeitungen oder Andeutungen von Fronturlaubern an die Stammtische gelangt,
steht in den letzten Kriegsmonaten leibhaftig vor den Haustüren.

Der Schrecken des Zweiten Weltkriegs nimmt Gestalt an.
Fremde Soldaten, die Furcht vor Rachegelüsten der Sieger,
blanke Angst. Und doch, die Daheimgebliebenen können
das wahre Ausmaß des Terrors in diesem fünfeinhalbjährigen Völkermorden nur erahnen. Lange ist der Krieg weit weg gewesen.
Keine Bomben, kaum Wochenschau, genug zu essen - Alltag, eben.

Baiernrain ist so ein Dorf: Ein halbes Dutzend Bauernhöfe und eine Trockenmilchfabrik. In der Wirtschaft spielt sich das Dorfgeschehen ab,
die Wirtin heißt Liesl Manhart, damals 40 Jahre alt.
Seit Mitte der 30er Jahre, erzählt sie, werden in der Gaststätte verstärkt politische Reden geschwungen. Zentrumsleute, wenige Sozialdemokraten, aber immer mehr Nazis gehen aus und ein.

Unbehaglich ist der Wirtin zumute, als Vertreter der lokalen NS-Hochburgen ("Das war die Ecke Dietramszell, Reuth, Humbach, Harmating -
jeder hat des gewusst") ein Schild mit der Aufschrift
"Offizielles Parteilokal der NSDAP" neben den Eingang nageln -
doch sie und ihr Mann Paul lassen es zu.
Später tritt er sogar in die Partei ein.
"Sie haben gesagt, ,unser Wirt, der muss."

Als Ortsgruppenleiter fungiert der Hauptlehrer,
der in der Schule auf der anderen Straßenseite schon die Kinder
mit braunem Gedankengut infiltriert. Seine Frau macht er
zur Frauenscharführerin. Als sie auf Lehrgang fort muss,
soll die Wirtin die Buchführung übernehmen.
Doch die Liesl verweigert die Unterschrift, offiziell will sie sauber bleiben. "Wenn ich jetzt unterschreibe, das habe ich gewusst,
dann haben sie mich später am Schlawittl."



       

Das Gasthaus Baiernrain in den 1930er Jahren.     


Baiernrainer ziehen in den Krieg

Der Krieg beginnt, die Wehrmacht überfällt Polen, Benelux und Frankreich.
In den Städten herrscht Siegesstimmung, in Baiernrain Alltag.
Erst als Hitlers Größenwahn deutsche Soldaten nach Russland treibt,
braucht der Führer verstärkt Baiernrainer Soldaten.
Auch Wirtssohn Paul jun. muss einrücken.

Nachbardörfer melden erste Gefallene, der Krieg kommt langsam näher.
Die Industrie in den Städten konzentriert alle Kräfte auf die Rüstung;
die Bauern bekommen immer schlechteren Kunstdünger,
den das Vieh schließlich gar nicht mehr verträgt.

"Auf der Weide hat's einer Kuh nach der anderen den Bauch aufgetrieben", erzählt die Wirtin. Als gelernter Metzger muss ihr Mann
mehr und mehr verendende Tiere notschlachten.

Den Bombenterror über München erlebt man in Baiernrain
als fernes Schauspiel. Kinder zählen die Flieger,
bewundern die Formationen und das Leuchten der "Christbäume",
der Markierungslichter der angreifenden Bombengeschwader.

Doch die Angriffe werden heftiger, selbst in Baiernrain lassen die Detonationen von München die Scheiben erzittern. Bei Arget
schlägt ein Notabwurf ein. "In den Krater würde ein Haus hineinpassen", erzählen die Leute. Was die Bomber wirklich können, berichten im Dorf
36 Frauen aus Düsseldorf, die nach Baiernrain "landverschickt" wurden.

Als ein "Halifax-Bomber" der britischen Royal Airforce brennend
in ein Waldstück bei Otterfing stürzt, überwiegt an den Stammtischen dennoch das Mitleid mit der gefallenen Besatzung.
Der Schrecken aus der Luft wirkt halb so groß.




Paul geht in Deckung

Selbst Berichte der Frontsoldaten auf Urlaub lassen in Baiernrain
keine größere Unruhe aufkommen. Im Sommer 1944 rauscht
abermals ein angeschossener Bomber über das Dorf.
Wirtssohn Paul darf gerade einige Tage von der Front in der Heimat verschnaufen, er steht in einer Gruppe am Feuerwehrhaus.
Als er das Brummen hört, wirft er sich als einziger instinktiv in Deckung -
und erntet Lachen und Spott von den Daheimgebliebenen.

Doch der Krieg rückt näher. Erste Wehrmachts-Verbände fluten
im Rückzug durch den Ort, einige biwakieren auf den (heute bebauten) Kastenmüller-Wiesen. Eine Gruppe von Luftwaffenoffizieren
hat im Wirtshaus Quartier genommen, an ihrem Funkgerät
warten sie auf die Kapitulationserklärung.
Ende April setzen sie sich ins Chiemgau ab.

Als die Wehrmacht verschwunden ist, sehen die Zwangsarbeiter
auf den Baiernrainer Bauernhöfen -
sie kommen aus Serbien, Polen und Frankreich - ihre Chance gekommen. "Amerika ist Sieger - Alles gehört jetzt uns", verkünden sie der Wirtin
und plündern deren Bestände.

Alle zwei Tage holen sie eine Kuh aus Baiernrainer Ställen,
der Wirt muss sie schlachten, er darf nur die Innereien behalten -
"aber warte, wenn erst die amerikanischen Neger kommen", drohen sie.
Die Baiernrainer haben Angst, vielleicht zum ersten Mal in diesem Krieg.


Geselliges Miteinander in Kriegszeiten: Die Baiernrainer Wirtsleute Liesl
(3. v. re.) und Paul Mangart (2. v. re.) mit Mitarbeiterinnen und Soldaten.


Ostersonntag kommt die Army

Die US-Army kommt am Ostersonntag aus Linden.
Farbige Soldaten freilich sind keine dabei. Man treibt die Bauern
aus ihren Höfen hinauf zur Trockenmilchfabrik, nur zur
Stallarbeit dürfen sie heim. Die Häuser werden gründlich durchsucht,
beim Kramer wird eine Feldküche aufgebaut.

Kiloweise schleppen die GIs Geräuchertes aus den Kellern,
wagen aber nicht, es zu essen - aus Angst, vergiftet zu werden.
Langsam beginnt die Wirtin, die Besatzer als Befreier zu sehen -
und als Menschen. Oben in Humbach, erzählt man sich,
sollen einige GIs in tiefer Andacht am Totenbett
eines an TBC gestorbenen Buben gebetet haben.

Schließlich kommen Heimatvertriebene, meist Oberschlesier,
nach Baiernrain. Knapp hundert Personen schlafen im Saal,
es wimmelt von Läusen und Flöhen. "Alle zwei Wochen", erzählt die Wirtin, "haben wir uns Spiritus auf den Kopf geschüttet."

Auch das Essen wird knapp. Wenn gar nichts mehr da ist,
geht die Wirtin selbst in die umliegenden Wälder und sammelt Schwammerl. "Da hatte es früher viel gegeben. Aber es sind dann so viele Hamsterer
aus München gekommen, heute wächst da kaum mehr was."



Autor: Andreas Höger



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