Die Fahne heraus



Entwarnung bei Kerzenschein

Drei Dinge sind es, die sich dem Deininger Peter Bauer -
zum Kriegsende ein Bub von sechs Jahren - in den letzten Apriltagen 1945 eingeprägt haben: "Zuerst war es der Tage dauernde Rückzug
der Wehrmacht, dann der Elendszug der KZ-Häftlinge aus Dachau,
und anschließend kamen die amerikanischen Panzer."

Peter Bauers Elternhaus liegt an der Einmündung der Ergertshauser Straße in die Staatsstraße 2072, südlich von Deining.
"Aufgrund unserer Einzellage bekam ich wenig Dorf-
und noch weniger vom Weltgeschehen mit.
Aber zum Kriegsende spielte sich vieles vor unserem Haus
an der Durchgangsstraße nach Süden ab."

Peter Bauer erlebt den Krieg als "Halbwaise".
14 Tage nach seiner Geburt im April 1939 muss der Vater
zum Wehrdienst einrücken.
In Erinnerung bleibt Bauer vor allem der "Luftkrieg":
"Abends mussten wir die Fenster verdunkeln und bei Fliegeralarm
in einen Bunker beim Nachbarn flüchten und dort
beim Schein einer Kerze auf die Entwarnung warten."

Als Peter Bauer vier Jahre alt ist, kommt doch wieder ein Mann auf den Hof: Max, ein französischer Kriegsgefangener. Er wird für den Buben
eine Art Ersatzvater. Gemeinsam sammeln sie in der Notzeit Schnecken
und kochen sie - und der Franzose passt gut auf den kleinen Peter auf:

"Ich war mit Max auf dem Feld hinter unserem Hof. Wir hörten
von weitem ein Flugzeug. Erst als es im Tiefflug direkt auf uns zukam,
wurde Max die Gefahr bewusst. Er klemmte mich unter den Arm
und rannte, so schnell er konnte, zu einer schützenden Feldhecke."

Wie gut das Verhältnis mit dem Franzosen ist, zeigt sich später,
als Max nach der Befreiung nicht gleich nach Hause fährt,
weil er noch die Heimkehr von Vater Bauer abwarten will.
Aber der kommt erst viel später, im November 1946,
aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück.


Peter Bauer, 1995.


Kriegsgefangene neben Schülern

Auch auf anderen Deininger Höfen leben Kriegsgefangene.
Der Gemeinde ist ein Arbeitskommando von 20 Franzosen zugewiesen.
Sie wohnen mehr schlecht als recht in der ehemaligen Lehrerwohnung
im Schulhaus. Im Obergeschoss werden weiterhin Kinder unterrichtet.

Vom ehemaligen, inzwischen verstorbenen Schulleiter Ludwig Laber weiß Bauer, dass der Schulbetrieb dadurch nicht gestört wurde.
Die Deininger kommen mit "ihren" Franzosen gut aus -
ebenso wie umgekehrt: Als die Amerikaner in den Ort einziehen,
gibt es keine Klagen von den früheren Gefangenen.




Pfeilkreuzler in Deining

Im Herbst 1944 taucht ein Trupp Ungarn auf, dem Vernehmen nach sogenannte "Pfeilkreuzler" - ungarische Faschisten,
die nach der russischen Besetzung des Landes mit ihren Familien
geflüchtet waren. Es handelt sich dabei um Direktoren und Ärzte
aus der besseren Budapester Gesellschaft.

Auf Anordnung der NSDAP muss der Bürgermeister für sie
den Schulsaal räumen. Der Unterricht wird ins Nebenzimmer des Gasthofs Post verlegt. Ein Teil der Ungarn lebt auch in der Ortschaft Aumühle.

Die Amerikaner wissen beim Einmarsch über sie Bescheid:
Sie bekommen (wie zuvor unter den Nazis) Sonderbehandlung.
Einige der ungarischen Ärzte dürfen sogar
im Krankenhaus Wolfratshausen arbeiten.




Erinnerung an den Todesmarsch

Tief eingeprägt hat sich bei dem damals sechsjährigen Peter
der Todesmarsch der KZ-Häftlinge aus Dachau. "So lange ich lebe,
bleibt mir der Elendszug im Gedächtnis. Ich sah viele Häftlinge,
die auf der Wiese neben der Straße auf Händen und Füßen
daher krochen und Gras aßen, um ihren Hunger zu stillen.

Meine Mutter eilte ins Haus und verteilte Milch und Brot.
Das Begleitpersonal drohte meiner Mutter mit Erschießen,
wenn sie sich nochmals blicken ließe. Mit Schrecken denke ich heute noch
an die Brutalität der Bewacher. Als einige der Erschöpften nicht reagierten, sprangen sie mit ihren schweren Stiefeln auf die Hilflosen."

Peter Bauer weiß auch Beispiele von Zivilcourage der Deininger:
"Zwei KZ-Häftlinge hatten sich vom Zug abgesetzt und Zuflucht
in einem Einödhof südlich von Deining gesucht. Sie wurden im Stadel versteckt und der Bauer ließ ihnen Essen zukommen.

Die im Anwesen stationierten SS-Offiziere schöpften Verdacht und wollten nachschauen. Der Bauer wusste, dass es um Leben und Tod ging. Er holte seine Pistole, stürmte in die Wohnstube, verlangte von den überraschten Offizieren ihre Waffen und forderte sie auf, sofort zu verschwinden.
Das taten sie dann auch."

Eine andere Deiningerin stellt den vorbeiziehenden KZ-Häftlingen Essen hin. Soldaten beobachten sie dabei und fragen, ob sie Hitler-Gegnerin sei.
Darauf stehe die Todesstrafe.

Kurz darauf findet die Frau in einem Stadel einen erschöpften Häftling liegen. Er bleibt noch drei Wochen unerkannt auf dem Hof - verpflegt und
neu eingekleidet. Als die Frau nach dem amerikanischen Einmarsch
von einem Plünderer bedroht wird, verhindert der ehemalige Häftling Schlimmeres.




Ein Panzer unter Daxen in Deining, aber der
amerikanischen Luftaufklärung entging nichts.


Panzer unter Daxen

Die im Ort stationierten Soldaten, es sind Feldjäger, haben die Aufgabe, Fahnenflüchtige zu suchen. Dabei wird der 34jährige Josef W.
festgenommen und verurteilt. Am 26. April 1945,
vier Tage vor dem Ende des Krieges, führen ihn sechs Feldjäger
zum Feicht-Holz westlich von Deining. Gegen 18.30 Uhr fallen Schüsse.
Erst 1946 wird der Tote in seinen Heimatort
im Kreis Schrobenhausen überführt.

Neben den Feldjägern ist in Deining auch eine SS-Einheit
mit fünf Panzern stationiert. Die Tanks sind beim Schmie-Anwesen untergestellt und mit Daxen getarnt. Ein weiterer Panzer steht am Straßer-Anwesen unter einem Ahornbaum.

Amerikanische Tiefflieger entdecken ihn und schießen ihn in Brand.
Die Deininger haben während des Krieges immer wieder Angst,
bombardiert zu werden, weil sich am westlichen Ortsrand auch eine Flak-Stellung befindet. Mit drei Suchscheinwerfern werden dort
die feindlichen Bomber angepeilt.

Auch in Deining wird zum Ende des Krieges ein Volkssturm aufgestellt -
die Bewaffnung ist lausig: "Geübt wurde mit holz gedrechselten Granaten.
Die Männer des Volkssturmes muss
ten Gräben neben der Staatsstraße ausheben und Material für Straßensperren organisieren. Es wurde mit wenig Begeisterung gehandelt, denn fast niemand glaubte noch, damit die Panzer der Amerikaner
aufhalten zu können."




Schüsse auf den Kirchturm

Feldjäger und SS flüchten am 30. April. Als aber der Mesner Johann Disl
mit Ministranten am 1. Mai auf dem Kirchturm die weiße Fahne hissen will, wird noch einmal in Richtung Turm geschossen.
Der Postwirt Josef Hörmann indes fährt am Vormittag des 1. Mai
auf dem Fahrrad mit der weißen Fahne in der Hand
den Amerikanern entgegen.

Dann kommen die Sieger. Peter Bauer: "Schon von weitem hörten wir
das Brummen und Rauschen der schweren Kettenfahrzeuge.
Max eilte zum Balkon hinauf, um die weiße Fahne hinauszuhängen.
Da wurde auf unser Haus und ebenso auf fliehende deutsche Soldaten geschossen. Unser Franzose kam zitternd mit der Fahne
wieder in den Flur zurück.

Wir bekamen es mit der Angst zu tun und zogen uns in die hinteren Zimmer zurück. Erst als die amerikanischen Panzer an unserem Haus vorbei fuhren, traute sich Max wieder hinaus und hängte die Fahne an den Balkon.
Als sich alles beruhigt hatte, traute ich mich ins Freie. '
Als gerade Sechsjähriger hatte ich das Gefühl,
dass etwas sehr Bedeutendes passiert war."

Mitarbeit: Hans Rieger




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