Sinnloses Inferno



Immer wieder Kämpfe

Das Dröhnen der Panzerketten ist meilenweit zu hören. Dorf für Dorf,
Meter für Meter tastet sich die 7. US-Armee in Richtung Süden.
Nach der Besetzung Münchens erwartet die vorrückenden Soldaten
kaum Widerstand. Am 30. April 1945 erreichen die ersten Truppen Wolfratshausen, das westliche Isar-Ufer wird besetzt.

Als die US-Armee über Dietramszell nach Bad Tölz vorstoßen will,
flammen überraschend vereinzelte Kämpfe auf. Panzer werden
von SS-Truppen angegriffen, es kommt zu Gefechten.

Die eigentliche Tragödie steht aber steht noch bevor -
die Schlacht um Thankirchen. Weil die SS das Dorf um jeden Preis verteidigen möchte, beginnt am 1. Mai ein Feuersturm.
In stundenlangem Beschuss wird der Ort fast vollständig zerstört.

Dienstag, 1. Mai 1945, 4 Uhr morgens:
Im Haus des Thankirchner Architekten Fritz Baer poltern Landser-Stiefel
über die Treppe, hektisch werden Schreibstube und Nachrichtenzentrale geräumt. Der Stab einer Nachrichtenkompanie, die erst am Vortag
in dem Haus Quartier bezogen hatte, bricht in großer Eile auf.




7. US-Armee rückt an

Eben hatte ein Melder die Nachricht gebracht,
französische Truppen hätten Bichl und Weilheim erreicht,
von Wolfratshausen nähere sich die 7. US-Armee.
In der Morgendämmerung rückt die Kompanie ab,
mischt sich in den endlosen Zug deutscher Soldaten,
die auf der Humbacher Straße über Dietramszell in Richtung Süden ziehen. Es herrscht starkes Schneetreiben, dichter Nebel verhängt die Sicht.

Fritz Baer war im Winter zum Volkssturmführer ausgebildet worden.
Während die Alliierten immer näher rücken, rüstet sich Baer
mit einem kleinen Aufgebot von Volkssturm-Männern für den Widerstand. Panzersperren werden angelegt, in Einöd, an der Weihermühle
und südlich der Tattenkofener Brücke.

Ein sinnloses Unterfangen - dessen ist sich jeder bewusst.
"Es geht der Witz um, die Amerikaner bräuchten eine Stunde
und eine Minute zum Durchfahren der Sperren", erinnert sich Baer.
"Eine Stunde zum Lachen und eine Minute zum Durchfahren."



Thankirchen wurde bei dem sinnlosen
               Rückzugsgefecht der SS weitgehend zerstört.
               


Guderian in Dietramszell?

Am Morgen des 1. Mai, eine Nachhut der Nachrichtenkompanie hatte Thankirchen eben verlassen, erreicht erneut eine Gruppe Uniformierter
das Dorf - wieder sind es nicht Amerikaner oder Franzosen, sondern die SS. Die Nachricht ihres Eintreffens verbreitet Angst und Schrecken,
lassen die Gesichter der Soldaten die bevorstehende Katastrophe
auch kaum erahnen.

"Das waren junge Kerle von 18 Jahren, abgerissen, übermüdet,
zerlumpt und halb verhungert", erinnert sich Fritz Baer.
Das SS-Kommando gehört zu einem Bataillon, das im nahen Leismühl Quartier bezogen hat. Sein Auftrag ist es, den Vormarsch der Alliierten
zu verzögern, um dem flüchtenden deutschen Heer den Rücken freizuhalten.

Gleichzeitig macht das Gerücht die Runde, Vertreter des Führerhauptquartiers und ein hoher Stab des von Hitler beurlaubten Generalstabschefs Guderian würden in Dietramszell erwartet.




Baumsperren bei Thankirchen

Volkssturmführer Baer erhält den Befehl, in den nördlichen Wäldern
vor Thankirchen Baumsperren anlegen zu lassen. Stämme an der Straße sollten mit Äxten eingekerbt und später umgelegt werden.
Für die Arbeiten finden sich kaum Freiwillige.

Als Baer dies einem SS-Untersturmführer meldet, wird er angebrüllt: "In fünf Minuten sind die Leute beisammen oder Sie hängen!" Sofort machen sich acht Männer an die Arbeit.

Die Bevölkerung hat für die Kampfpläne der SS kein Verständnis,
duldet sie jedoch stillschweigend. Denn: Wer widerspricht, wird erschossen.
Die 90 Bürger ziehen sich noch am Vormittag des 1. Mai
in einen nahen Stollen zurück, der als Luftschutzkeller dient.

Unterdessen bereitet sich die SS in Thankirchen mit einem großen Waffen-Arsenal auf den Kampf vor: Schützenlöcher werden ausgehoben, Granatwerfer und Panzerabwehr-Kanonen in Stellung gebracht.
Spähwagen erkunden die Umgebung,
ein "Panzervernichtungstrupp" setzt sich in Marsch.

Während sich Fritz Baer mittags am Herd Kartoffeln kocht,
setzt im Nordwesten Thankirchens starkes Gewehrfeuer ein,
auch Artillerie ist zu hören. Die SS hatte den sinnlosen Widerstand eröffnet, als amerikanische Truppen Humbach erreichten,
vor dem Gasthaus stoppten und einige GIs Feuer für Zigaretten erbaten.
Sie erhielten Feuer - aus den Gewehren der SS.

Ein Soldat bricht tödlich getroffen zusammen. Die Panzer nehmen
das Dorf mit Brandgranaten unter Beschuss, vier Gebäude brennen ab.
Um nicht über die Feuerwehrschläuche zu fahren,
warten die Amerikaner das Ende der Löscharbeiten ab.
Die US-Truppen sind irritiert. "Nach 40 Kilometer Vormarsch war dies
der erste Widerstand, auf den wir stießen", erinnert sich später ein Major.




SS feuert aus allen Rohren

Als die US-Panzer nach Thankirchen rollen, wird der feindliche Beschuss immer heftiger. Die SS feuert aus allen Rohren, Panzerfäuste krachen, Granatwerfer orgeln. Ein Tank wird getroffen, wieder stirbt ein US-Soldat.
Die amerikanische Vorhut zieht sich in den Wald zurück.

Während sich die SS-Offiziere schon über den Sieg freuen,
wird der Ort unbemerkt umzingelt. Eine halbe Stunde herrscht
Ruhe vor dem Sturm, dann setzt ein verheerendes Stahlgewitter ein.

Über eine Stunde lang feuern amerikanische Panzer aus allen Richtungen
in den Ortskern, im Sekundentakt detonieren Granaten und Mörser. Ununterbrochen knattern MG-Salven, die Einschläge schwerer Artillerie lassen den Boden erzittern.

Als die SS während des Infernos bemerkt, dass Thankirchen irrtümlich
auch von eigenen Stellungen unter Beschuss genommen wird,
entschließen sich die Offiziere zum Rückzug. "Wir kommen wieder,
sobald das eigene Feuer aufhört", sagt ein Unteroffizier
und verabschiedet sich von Volkssturmführer Fritz Baer,
der während des Beschusses im Keller seines Hauses
vor den kalten Mittags-Kartoffeln sitzt.

Als der Granathagel nachlässt, sieht Baer das Ausmaß der Zerstörung. Thankirchen ist nahezu dem Erdboden gleich gemacht worden,
Höfe und Nebengebäude stehen in Flammen,
brennende Dachstühle krachen nieder. Ein Wagen der SS hat
Feuer gefangen, Munition explodiert. Das Vieh ist verbrannt
oder irrt apathisch durch die Trümmer.
Alle Bürger aber haben die Schlacht überlebt,
auf deutscher Seite gibt es keine Toten und Verwundeten.

Fassungslos steht Baer mit einem Landwirt vor den flackernden Ruinen,
als ein Soldat um die Ecke kommt. "Da sind sie ja schon, die Sauhammel", sagt der Bauer und meint die SS.

Doch der Mann ist Amerikaner. Die SS hatte in Panik ihren Bataillonsstab aufgelöst und war geflüchtet, unter anderem auf zwei Traktoren,
die aus Thankirchner Höfen gestohlen und später mit leeren Tanks
am Tegernsee gefunden wurden.


     Dieses Fresko von Fritz Baer erinnert an die Zerstörung von Thankirchen.


Völlig zerstörte Bauernhöfe

Erst am Abend, als die letzten Waffen verstummen,
kommt die Bevölkerung aus dem Luftschutzkeller,
darunter auch der damals achtjährige Paul Kranz.
Weinend steht die Familie vor ihrem zerstörten Hof.

"Dieses Bild werde ich nie vergessen", sagt Kranz,
"wir hatten alles verloren." Nur eine Madonnen-Statue war
unversehrt geblieben, und mit ihr das Bildnis eines weinenden Engels.
Das lächelnde Gegenstück verbrannte.

Die Amerikaner quartieren die obdachlos gewordenen Bürger
in der Wohnstube des Raßhofer-Anwesens ein, das im Schutz
der ebenfalls getroffenen Kirche nahezu unbeschädigt geblieben war.
Über die Männer, Frauen und Kinder, die sich bei Kerzenschein
in der Stube drängen, wird eine eintägige Ausgangssperre verhängt.
Die Thankirchner empfinden diese Anordnung als Demütigung,
zu retten aber wäre ohnehin nichts mehr gewesen.


Autor: Holger Eichele




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