Die Amis kommen



Göring auf der Durchfahrt

Der Zusammenbruch kommt nicht plötzlich
und schon gar nicht kommt er über Nacht.
Die Wolfratshauser müssen keine "Feindsender" hören, um zu wissen,
dass der Krieg bald zu Ende ist.
Nein, Ende April 1945 hilft keine Nazi-Propaganda mehr.

Vor dem Einmarsch der US-Armee fluten Wehrmachts- und SS-Verbände tagelang durch den Markt in Richtung Süden.
Sie haben die Waffen in der Hand,
aber die wenigsten wollen sie nochmal benutzen.

Und als in der Nacht zum 28. April die Dachauer KZ-Häftlinge durchmarschieren - da ist dies das letzte mörderische Aufbäumen
eines Regimes, das keine Menschenwürde kennt.

Rotes Kreuz fährt durch den Markt, ein weißer Sanka nach dem anderen.
Die Wolfratshauser sind misstrauisch: Sind das die "Goldfasane",
die Bonzen von Partei und SS auf der Flucht?
Andreas Spindler aus Weidach kontrolliert die Lkw.
Und tatsächlich, in einem von ihnen sitzt Reichsmarschall Hermann Göring. Zeitzeuge Spindler ist sich ganz sicher.
(Am 9. Mai 1945 wird Göring übrigens in Kitzbühel gefaßt).


In den letzten Kriegstagen strömten erschöpfte Wehrmachtssoldaten, medizinisches Personal, aber auch "Goidfasane",
also Nazi-Bonzen, in Richtung Süden.


Ein Tag Volkssturm

Die Wolfratshauser Bürger bereiten sich auf die
kampflose Übergabe des Marktes vor. Immer wieder rasen
tieffliegende amerikanische Jagdbomber (Jabos) über den Ort,
in der Verfolgung der Reißaus nehmenden Wehrmacht.
Nur Sebastian Gschwendner gibt nicht auf:
Der 47-jährige Volkssturmmann will Weidach
gegen die Amerikaner verteidigen - allein, mit der Panzerfaust
"für Volk und Vaterland". Glücklicherweise gibt er seinen Plan wieder auf.

Apropos Volkssturm: Drei Kompanien wurden 1944 in Wolfratshausen gegründet - ausgerüstet mit Panzerfäusten und Maschinengewehren.
Am 28. April 1945 löst sich der Volkssturm wieder auf - zum Glück.
Hans Winibald hatte den alten Männern gesagt, dass er eigenhändig
deren Waffen in die Loisach werfen werde, wenn sie nicht heim gingen.




SS-Streit in Dorfen

Kapitulation oder Widerstand bis zum Untergang?
An dieser Frage entzündet sich am 28. April 1945
im Dorfener Gasthaus Märkl ein heftiger Streit
zwischen einem halben Dutzend dort logierenden SS-Offizieren.
Einer der Männer fragt die Wirtin nach Zivilkleidern.
Sie gibt ihm einen Anzug ihres gefallenen Mannes.

Als der SS-Offizier in die Gaststube zurückkehrt,
herrscht ihn ein älterer Dienstgrad empört an: "
Jetzt, wo es darauf ankommt, wo uns der Führer braucht,
da möchtest du feig machen. Die jungen Kerle sind ja nichts wert ..."
Er droht und schimpft. Da steht ein dritter aus der Runde auf,
zieht seine Pistole und schießt aus kurzer Distanz auf den älteren Offizier. Dieser bricht tödlich getroffen zusammen.

Die zwischen "Pflichterfüllung", "Führertreue" und nüchterner Einsicht gespaltene Runde hat es plötzlich eilig. Der Tote wird auf einen Lastwagen geworfen, die SS-Leute fahren in Richtung Wolfratshausen davon.
Zurück bleiben in der Gaststube lediglich ein Sack Kartoffeln
und einige leere Cognac-Flaschen.




Laster fliegt in die Luft

In der Nacht vor dem Einmarsch kommt noch eine Flakeinheit
auf einem Hohlweg den Dorfener Berg hinunter: Sie bleibt stecken.
Die Soldaten können zu Fuß flüchten. Nicht so viel Glück hat
hingegen der Fahrer eines mit Sprengstoff beladenen Lastwagen
bei Schlederloh.

Als der amerikanische Jabo (Jagdbomber) naht, sucht er noch Deckung unten den Bäumen. Aber er ist längst entdeckt. Der Lkw bekommt
einen Volltreffer, die Detonation ist kilometerweit zu hören,
Bäume knicken reihenweise um, in der Straße nach Dorfen
ist ein großer Krater, der den Anmarsch der Amerikaner
später noch verzögert.

In Wolfratshausen läuten nach dem Knall die Sirenen:
"Die Panzer kommen." Vizemesner Ignaz Leeb und
die Mesnerswitwe Karolina Engelhardt eilen auf den Kirchturm
und hängen eine weiße Fahne raus. Aber noch ist SS im Markt.
Sie holt die Fahne wieder ein und sucht die "Verräter" -
um sie zu erschießen.


Major Dr. Karl Luber rettete
Wolfratshausen vor der
Zerstörungslust der SS.


Kirche von SS umstellt

Die Kirche wird umstellt, aber niemand traut sich hinein.
Ignaz Leeb hält ganz still, versteckt in einem Sakristeischrank.
Aber da ist ja auch noch Major Dr. Karl Luber, der Kommandeur
der örtlichen Landesschützen. Auf Bitten von Bürgermeister Jost
rettet er die Gesuchten, in dem er sie im alten Schulhaus
(heute: Isarkaufhaus) in Schutzhaft nimmt. Luber zur SS, die nun die Reichskriegsflagge hissen will: "Ich bin hier der Kampfkommandant."

Inzwischen ist es Nachmittag. Ein Verband Jabos taucht auf,
jagt hinter den fliehenden Wehrmacht-Verbänden her.
Beim Zistl in der Äußeren Sauerlacher Straße bekommt
ein Munitionslaster einen Volltreffer. Auch das Haus gerät in Brand,
mehrere Menschen sterben.

Als die Amerikaner nach Dorfen vorstoßen, machen dort
6- und 17jährige Soldaten Brotzeit. Sie werden blitzartig verhaftet.
Die Buben weinen und rufen nach der Mutter.




Versuch der "verbrannten Erde"

Die SS indes, fanatisch in ihrem Glauben an Führer und Vaterland,
gibt nicht auf. Sie will "verbrannte Erde": Die Brücken über die Loisach werden zur Sprengung vorbereitet. Der Geltinger Bauer Josef Hack
wird gezwungen, mit seinem Traktor 70 Zentner, also 3,5 Tonnen, Nitropenta-Sprengstoff aus der Geretsrieder Rüstungsfabrik zu holen.
Wieder donnern Jabos heran. Hack wird nicht entdeckt.

Zehn Kisten Sprengstoff werden auf der Reichsstraße 11
an der Brücke über den Loisach-Kanal vor Föhrenwald deponiert,
die selbe Menge an der Johannisbrücke, ein weiterer Sprengsatz
soll die Andreasbrücke in die Luft jagen. Mit Maschinengewehren
sichert die SS die Aktion ab.

Und trotzdem gelingt es einigen mutigen Wolfratshausern,
das für die Andreasbrücke bestimmten Nitropenta in die Loisach zu werfen.
In Gelting, am Loisachübergang zum Bruckmaier, steht auch die
unter der Brücke verlegte Wasserleitung auf dem Spiel:
Entschlossene Bürger überreden das Sprengkommando,abzuziehen.




Der Trick von Major Luber

Aber auch für Major Luber wird's nun gefährlich: Die SS verlangt
die sofortige Erschießung der beiden "Verräter" -
des Mesners Leeb und der Mesnerswitwe Engelhardt. Luber antwortet,
er habe andere Sorgen und ohne Standgericht gehe sowieso nichts. Daraufhin erklärt der SS-Führer Luber und dessen Adjudanten Kollmeier -
er hatte inzwischen die Reichskriegsfahne verbrannt - für verhaftet:
wegen Befehlsverweigerung und Wehrkraftzersetzung.

Jetzt gehen wieder die Sirenen los, ein Dauerton, Panzeralarm.
Die SS türmt. Aber erneut rückt eine 60 Mann starke Einheit
in den Markt ein, ihr Auftrag: die Hinrichtung Lubers und Kollmeiers.
Luber reagiert geistesgegenwärtig: "Ich bin der neue Kommandant hier.
Der alte ist verhaftet und wartet auf seine Aburteilung."
Die SS lässt sich erneut täuschen.

Im Rathaus trifft telefonisch die Meldung ein, auch die Andreasbrücke
sei nun zur Sprengung vorbereitet, mit 300 Kilogramm Nitropenta.
Zweiter Bürgermeister Ettenhuber eilt zur Brücke.
Gemeinsam mit Kollmeier schneidet er die Zündkabel durch -
unter Lebensgefahr: Das SS-Sprengkommando wird
mit der Pistole in Schach gehalten. Mehrere Explosionen erschüttern
den Ort: Johannisbrücke und Kanalbrücke sind in die Luft geflogen.

Da kommen schon die Amerikaner: Voran ein Jeep mit einem Captain
und zwei Leutnants, dahinter schwere Panzer.
Major Luber geht ihnen entgegen, die weiße Fahne in der Hand:
"Hier wird nicht gekämpft. Ich übergebe Ihnen hiermit
den Markt Wolfratshausen."

Bürgermeister Jost wird von den Siegern verhaftet. Es ist 17 Uhr.
Sechs Jahre Krieg gehen zu Ende. In der Weidach-Mühle trinkt
der Hausherr Kaffee mit einem amerikanischen Offizier.
Stunden vorher war auf demselben Stuhl noch
ein Wehrmachts-Offizier gesessen, ebenfalls zu einer Tasse Kaffee.

Eine neue Zeit beginnt, hat begonnen.




Erst 1952 wird die Johannisbrücke wieder aufgebaut.



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