Lebende Geister



Holzschuhe schlurfen ohne Ende

Es ist dieses furchtbare Geräusch, das sich in das Gedächtnis
der Leute eingebrannt hat. Mitten in der Nacht ist ein seltsames,
sehr monotones Klappern zu hören. Man vermutet das Schlagen
von Pferdehufen auf dem Asphalt - berittene Wehrmacht-Soldaten
auf dem Rückzug. Ein anderer Augenzeuge spricht von einem
"ganz eigentümlichen Schlürfen und Schlerfen von der Straße her".

Was tatsächlich passiert, ist unglaublich: Hunderte, ja Tausende
von Dachauer KZ-Häftlingen ziehen, nur bekleidet mit Holzschuhen,
in der Nacht zum Samstag, 28. April 1945, ab 3 Uhr,
und am folgenden Tag durch den Markt Wolfratshausen.

Ein Zeuge: "Wir trauten unseren Augen nicht - ein endloser Zug
unheimlicher Gestalten, fast geisterhaft, alle nur dürftig gekleidet."
Die KZ-Häftlinge im gestreiften Drillich marschieren in Vierer-Reihen
in Richtung Süden.

Vier Tage sollen sie Zeit haben für den 135 Kilometer
langen "Todesmarsch" nach Tirol. Neben den Häftlingen geht
alle 50 Meter ein schwerbewaffneter SS-Soldat -
insgesamt sind es an die 600 - und mancher einer führt
einen abgerichteten Bluthund an der Leine.

Der Augenzeuge: "Die Leute riefen: ,Wir sind von Dachau. Hunger! Hunger! Gebt uns Brot! Wasser ...' Uns kamen die Tränen beim Anblick
dieser Tragödie. Meine Tochter holte einen Kübel Wasser,
stellte ihn auf einen Hocker und fing an, auszuteilen.
Aber da kamen schon die Wachleute und drängten weiter.

Am Morgen liefen wir zum Bäcker Berger nebenan und holten Brot.
Es waren an die 30 Wecken, die wir austeilten. Immer wieder
wurden die Leute von den Posten weggeprügelt. Dann und wann
traf einen Gefangenen der wuchtige Schlag mit einem Stock
oder dem Gewehrkolben."

Unter strenger Bewachung marschieren die KZ-Häftlinge durchs Oberland.


     

Benno Gantner aus Percha hat seine Erinnerungen an das
Grauen des Todesmarsches in solchen Bildern festgehalten.



KZ Dachau seit 1933

Nur zwei Monate nach der Machtergreifung, im März 1933,
eröffnet Hitler in Dachau das erste Konzentrationslager.
Die Zeitungsleser, auch in Wolfratshausen, erfahren davon durch seitenlange Bildberichte. Insgesamt sind in deutschen KZs 18 Millionen Menschen inhaftiert, 11 Millionen sterben dort, rund die Hälfte davon sind Juden.

Einige Tage vor Kriegsende werden überall in Deutschland von der SS
die Konzentrationslager geräumt. Vermutlich etwa 14.000 Häftlinge
(so eine mittlere Schätzung) werden ab dem 26. April 1945
aus dem KZ Dachau fortgeführt.

Sie marschieren in Richtung Tirol - angeblich, um dort,
in Hitlers "Alpenfestung" (deren Existenz war eine bloße Legende,
die die alliierten Streitkräfte allerdings stark verwirrt, der Autor)
als Arbeitssklaven zu dienen. Vom Ostufer des Sees aus
kommen mehrere Häftlingszüge durch Wolfratshausen und Eurasburg.




Käse, Brot und Margarine

Die aus dem weitgehend geräumten KZ Dachau kommenden Menschen
sind halbverhungert. Heinrich Pakullis: "Ich wog 48 Kilo,
mein normales Gewicht bei einer Größe von 1,76 Meter ist 76 Kilo."
Beim Abmarsch am 26. April erhalten sie eine Decke
und Marschverpflegung für drei Tage, "eine Dose Konserven,
zwei Drittel Brot (etwa ein Kilo), etwas Käse und Margarine",
wie der Todesmarsch-Teilnehmer Franz Scherz berichtet.

Viele essen alles sofort auf. Der Weg geht nach Süden,
um München herum über Allach durch das Würmtal, nach Starnberg
und weiter über Höhenrain und Dorfen nach Wolfratshausen.

"Am Straßenrand ein Bauernhaus an dessen Fenster seit Morgengrauen
die wankenden Gestalten voll Hunger und Verzweiflung klopfen",
so berichtet der Häftling und Jesuitenpater Otto Pies über die Ankunft
in Dorfen. "Immer wieder öffnet die alleinstehende Bäuerin
(Frau Kierein, d. Autor) die Fenster und nach einem scheuen Blick gibt sie, was sie an Stärkung hat."

Auch andere Bürger reichen Lebensmittel - bis nichts mehr da ist. Nachmittags betritt ein SS-Mann das Kierein-Anwesen und verlangt,
etwas zu essen. Die Bäuerin, verbittert von den Greueltaten der SS,
zögert, reagiert reserviert. Da fährt sie der Soldat barsch an:
"Muss ich Dich gleich umlegen. Ich habe schon so viele umgelegt."

Viele KZ-Häftlinge versuchen zu fliehen, etliche werden dabei erschossen.
Bei den "Armen Schulschwestern" versteckt sich ein einer von ihnen,
drei weitere werden von einem Feldwebel der in Wolfratshausen
stationierten Landesschützen vorgeführt. Der jüngste, ein Priester,
bekommt die Erlaubnis zu einem kurzen Gebet in der Stadtpfarrkirche.


           

Der Weg der Dachauer KZ-Häftlinge durch den Landkreis.     

   


Brot für die Marschierer

"Wenn Sie nicht sofort damit aufhören, werde ich Sie erschießen",
brüllt der SS-Mann Georgine März und deren Mutter Maria an.
An dem Haus, an der heutigen Königsdorfer Straße,
in dem die 16jährige Georgine mit ihrer Familie lebt, zieht ein
von SS-Soldaten bewachter Zug mit etwa 40 KZ-Häftlingen vorbei.

"Sie schleppten sich nur und die meisten waren barfuß",
erinnert sich die heutige Frau Ebnet. Als sie und ihre Mutter
vors Haus gehen, um den Häftlingen selbst gebackenes Brot zu geben, stürzen sich die ausgemergelten, ausgehungerten Gestalten darauf.
Der SS-Wachsoldat schreit die Frauen nochmals an. Beide wissen,
dies ist keine leere Drohung und weichen zurück ins Haus.

Tags darauf, gegen 16 Uhr, kommt am Elternhaus von Georgine März
wieder eine Kolonne mit KZ-Häftlingen vorbei. "Die SS-Leute hatten
auf einen großen Karren ihre Koffer verladen.
Den mussten einige der Häftlinge ziehen", erinnert sie sich.

Da aber ein Rad des Wagens defekt ist, entschließen sich die SS-Leute
über Nacht auf dem März-Hof zu kampieren und das Rad
reparieren zu lassen. Am nächsten Morgen steht Georgine gegen 5 Uhr auf, um ihre Arbeiten im Stall zu erledigen. Da bemerkt sie,
dass sich ein Häftling vom Heuboden herablässt. Noch drei folgen ihm.




KZ-Kleidung im Misthaufen

"Sie sagten nur, daß sie abhauen wollen und fragten mich,
wie sie am besten zu den Amerikanern kommen können."
Natürlich müssen die Männer ihre gestreifte Häftlingskleidung loswerden.
"Ich erklärte ihnen den Weg nach Starnberg, denn da standen schon
die Amerikaner. Außerdem gab ich ihnen alte Kleider meines Vaters.
Die gestreifte Häftlingskleidung versteckte ich im Misthaufen."

Einer der Männer verspricht dem jungen Mädchen,
dass er sie besuchen werde, wenn die Flucht gelingt.
Und er kommt tatsächlich noch einmal zurück.
"Was aus den anderen geworden ist, weiß ich leider nicht",
sagt die 66jährige Wolfratshauserin.


            

       Elendsgestalten, ausgemergelt und ausgehungert,                   
ziehen in den letzten Apriltagen 1945 durch die Städte            
und Dörfer im Oberland (im Bild Bad Tölz).           


Die Hölle von Bolzwang

Von Wolfratshausen aus geht der Elendszug nach Bolzwang.
Dort gibt es eine Schießerei: 39 Menschen werden von der SS ermordet. Aber in der Hölle von Bolzwang sterben noch mehr Menschen.

Etwa 9000 Häftlinge lagern am 28. April 1945 im Wald
zwischen Achmühle und Eurasburg. Der Bauer Moritz Sappl
erinnerte sich 1985 in einem Gespräch mit Friedrich Hitzer:
"Wenn man in das Lager hineingefahren ist, war das,
als würde man in eine Hölle hineinfahren. (...)
Es waren im ganzen 68 Leichen auf unserer Flur. (...)
Auf den Heuwagen haben wir sie raufgeschmissen,
wie die verreckten Kälber; die sind ja vier, fünf Tage in der Kiesgrube dringelegen. Das war nicht angenehm, die Leichen aufzuladen. (...)

Menage hab ich gebracht, abgekochte Milch, Brot, Kartoffel, Fleisch.
Die sind hergestürmt, so hungrig waren die. Die Gruppenführer dazwischen, das waren ja so grobe Hund. Die haben mit den Prügeln reingehauen."




Die Falle in der Teufelsschlucht

Zwischen Eurasburg und Herrnhausen überquert der Zug die Loisach.
Die Brücke wird gesprengt, noch bevor alle sie überquert haben.
Über Herrnhausen geht es nach Königsdorf.
Die Häftlinge werden am späten Abend des 30. April bei Wolfsöd
in eine Schlucht getrieben.

Hermann Riemer: "Wir waren in jedem Augenblick gefasst darauf,
dass man jetzt mit Handgranaten ein fürchterliches Blutbad
unter uns anrichten würde, und hielten uns bereit,
durch einen Sprung in das nächtliche schwarze Dickicht
dem Massaker zu entrinnen. (...)

Von dieser Schlucht, von uns die Teufelsschlucht genannt,
wäre keiner wieder herausgekommen,
wenn es der SS nach gegangen wäre."

Das tatsächlich geplante Gemetzel hat offenbar
ein Wehrmachtsoffizier mit Namen Longin verhindert,
der der SS drohte, seine Einheit werde gegen sie vorgehen,
sollte den Dachauern etwas passieren.




Otto Moll, der Schlächter

Bei dem Teil des Zugs, der in Richtung Geretsried abzweigt,
fehlt ein solcher mutiger Wehrmachtsoffizier.
Ein SS-Offizier richtet dort Stunden vor der Befreiung ein Gemetzel an.

Einige hundert vorwiegend jüdische KZ-Häftlinge erreichen
am Sonntag, 29. April 1945, das Lager Buchberg
auf der heutigen Böhmwiese in Geretsried. Dort leben russische
und ukrainische Zwangsarbeiter, die in der Munitionsfabrik eingesetzt sind.

Augenzeugenberichten zufolge hat ein General der Wehrmacht
den SS-Bewachern befohlen, die geschwächten Häftlinge dorthin zu führen, um auf die Amerikaner zu warten.

Der Häftling Dr. Franz Hahn erinnert sich später:
"Am nächsten Tag erschien in einem Mercedes
anscheinend der General persönlich und stellte den (SS-)Hauptsturmführer vor versammelter Mannschaft zur Rede: Ich habe Ihnen gestern
durch meinen Adjudanten sagen lassen, Sie sollen mit Ihren Leuten
von der Straße verschwinden. Trotzdem schleppen Sie
die armen Menschen weiter in meinem Aufmarschgebiet herum (...)

Zu uns gewandt: Hier in der Nähe ist ein Russenlager.
Der Hauptsturmführer habe hiermit den Befehl, uns dorthin zu bringen
und dem amerikanischen Roten Kreuz zu übergeben (...).
So rückten wir also in das Russenlager ein,
und die SS begann sich zu verdrücken."
Einem anderen Zeugen zufolge soll jener angebliche Wehrmachtsgeneral
ein verkleideter Russe gewesen sein.

Die Häftlinge sind voller Hoffnung: Die Amerikaner, die Befreier,
sind nicht mehr weit entfernt. Doch das Unheil naht erneut,
in Gestalt des SS-Hauptscharführers Otto Moll. Dieser fanatische Nazi
hatte in den KZs Auschwitz und Birkenau Hunderte von Menschen,
darunter auch viele Kinder, eigenhändig umgebracht.
Auch in Buchberg will er die Juden "vernichten", wie es im Befehl heißt.

Aber den KZ-Häftlingen ist sein Name bekannt. Leon Klingerman:
"In der Fri is gekomen der bewusster Mamser fon Auschwitz mit Namn Mol. (...) Er hot befoln dem Lagerfirer er sol ibergeben die Jidn. (...)
Mol is gewen mit a Grupe SS-Lait. Jedener von sei is gewen ongelodn
mit Revolvern un mit Maschingewer."


            

Das Denkmal von Hubertus Pilgrim, aufgestellt in den Orten         
entlang des Todesmarschs erinnert an  das Grauen         


Kopfschüsse, einer nach dem anderen

Der Transportführer weist Moll zurück. Stattdessen verschleppt
der Auschwitz-Mörder dann etwa 120 russische Zwangsarbeiter.
Josef Kohs erinnert sich: "Sie wurden in den nahen Wald geführt.
Die bald folgende wilde Schießerei belehrte uns
über das Schicksal dieser Häftlinge."

SS-Mann Wilhelm Metzler gibt 1947 vor Gericht zu Protokoll:
"Ich schaue auf und sehe Moll vor mir allein mitten auf der Straße,
die Hände in die Hüften gestützt. vor ihm etwa 150 Meter der Wachzug marschierend. Da nimmt Moll seine M.P. (Maschinenpistole, d. Autor)
in die Hand, geht links an die Straßenböschung und schießt. (...)
Zu den an der Böschung Liegenden geht Moll und schießt auf jeden Kopf.
Ich habe 26 gezählt."

Am späten Nachmittag des 30. April wird Buchberg von den Amerikanern befreit. Die Häftlinge bekommen am 2. Mai aus einer mobilen Militärküche
zu essen. Otto Moll wird im Dachau-Prozeß zum Tode verurteilt.
Wo die erschossenen Zwangsarbeiter begraben wurden,
ist bis heute nicht geklärt.




Epilog: Erinnerung an 201 Tote

Nach der Befreiung der "lebenden Geister" in Bad Tölz, Greiling
und Waakirchen ziehen sie eine Bilanz des "Dachauer Todesmarsch":
Allein im Landkreis werden 201 verstorbene oder ermordete Häftlinge begraben, 56 von ihnen in Wolfratshausen.

Und heute, 50 Jahre später? Noch immer tun sich die Verantwortlichen
in den Gemeinden schwer mit der Erinnerung an den "Todesmarsch".
Bis noch vor drei, vier Jahren mussten jene Bürger, die die Errichtung
von Mahnmalen forderten, mit üblen Beschimpfungen rechnen.
In diesem Gedenkjahr wurden aber noch in Dorfen und bei Achmühle Gedenksteine aufgestellt. (Inzwischen stehen sie entlang des gesamten Zuges bis Bad Tölz, d. Autor, 2007.)

Bedeutsamer war indes ein anderes Ereignis.
Zum 50. Jahrestag des "Todesmarsches" kamen Ende April 1995
40 ehemalige KZ-Häftlinge aus Israel und USA
an die Orte des Schreckens zurück. Erinnerungen wurden wach,
Gesichter und Straßenzüge, das Bellen der Wachhunde
und das Peitschen der Gewehrsalven.

Bernard Offen ist einer von den Rückkehrern. Er sucht,
schon beinahe verzweifelt, eine kleine Brücke an einem kleinen Fluss.
Diesen hatte er 50 Jahre zuvor zu Fuß durchquert,
um kurz vor der tatsächlichen Befreiung Hilfe zu holen.
Offen, der heute in San Franzisco lebt, findet die Brücke,
es ist jene über den Losachkanal zwischen Farchet und Waldram.

"Wir waren abends von der SS in Baracken getrieben worden",
erinnert sich der jüdische Amerikaner an die Ankunft im Lager Buchberg.
"Am nächsten Morgen sind die Wachen verschwunden,
ich schleppe mich in die nächste Stadt" - nach Wolfratshausen. "Amerikanische Soldaten gaben uns Brot und Wasser.
Damit retteten sie unser Leben."

"Wir sind hier, weil ihr eure Hand ausgestreckt habt", sagt Uri Chanoh
beim Empfang 50 Jahre nach dem "Todesmarsch"
an seine deutschen Gastgeber gewandt. Und: "Wir hoffen,
dass auch die nächsten Generationen Brücken der Verständigung bauen."




Seitenanfang



Nächstes Kapitel


Voriges Kapitel