Brennende Höfe



Ich will Maier heißen...

"Ich will Maier heißen, wenn auch nur ein einziges feindliches Flugzeug
das Ruhrgebiet überfliegt", hat Göring zu Beginn des Krieges gesagt.
Nun, dass jemand Herrn Göring mit Herr Maier angesprochen hat,
ist kaum anzunehmen. Tatsache ist indes, dass Hitlers "Totaler Krieg"
ab 1943 auch die Menschen in Wolfratshausen
und in den umliegenden Dörfern in Atem hält.

Ab Frühjahr 1944 bombardiert die allierte Luftwaffe regelmäßig München,
die "Hauptstadt der Bewegung". Und auch auf den Landkreis fallen Bomben, zumeist sind es "Notabwürfe" von beschädigten Flugzeugen.
Gezielt ist lediglich der Bomberangriff am 9. April 1945
auf die Rüstungsfabriken im Wolfratshauser Forst.

Bürgermeister Hans Winibald spricht in einem Bericht von 1948
von einem "schaurig-schönen Bild" der Luftangriffe auf München. Aber: "Während des Krieges blieb Wolfratshausen von Fliegerangriffen verschont. Die schlechte Sicht durch den Berghang und der oft lagernde Nebel
dürfte viel dazu beigetragen haben."

Nach dem Abfall Italiens aus der Kriegsgemeinschaft
mit dem Deutschen Reich im Herbst 1943 starten
von der Flugbasis Foggia (150 Kilometer nördlich von Bari) aus
die Bomberverbände der alliierten Streitkräfte.
800, 1000 und sogar noch mehr Maschinen überqueren die Alpen
und laden ihre tödliche Fracht über den deutschen Städten ab.



Bomben in schöner Mondnacht

14 Mal müssen die Wolfratshauser 1943 in die Luftschutzbunker,
im darauf folgenden Jahr heult die Sirene bereits 94 Mal.
Und 1945 müssen die Menschen im Oberland fast ununterbrochen
in die Schutzräume, um dort stundenlang auszuharren,
bis die Bomber wieder zu ihren Flugbasen zurückkehren.

Die ersten Fliegerbomben im Landkreis Wolfratshausen
treffen bereits am 20. September 1942 in einer, wie's heißt,
"schönen, sternenklaren Mondnacht" Aufkirchen.
Der "Notabwurf", drei Bomben, explodiert nahe der Kirche
und legt das Mesnerhaus sowie die beiden gegenüberliegenden Anwesen
in Trümmer.

Auch die Kirche und das Kloster werden am Dach schwer beschädigt.
Zudem gehen sämtliche Fenster zu Bruch. Sechs Menschen sterben, darunter zwei Frauen. Von ihnen bleiben, so die Chronik,
"keinerlei Überreste".




Sechs Tote und drei zerstörte Häuser waren die Folge
dieses "Notabwurfs" 1942 auf Aufkirchen.



Kirchenfenster gehen zu Bruch

Wolfratshausen erlebt eine Schreckensnacht am 7. September 1943,
als München-Sendling angegriffen wird.
Ein angeschossenes englisches Flugzeug wirft eine Bombe in den Buchsee, ein Geschoss explodiert am Dorfener Burgberg,
eine dritte landet in der Isar
und noch weitere auf dem Riedhof bei Ergertshausen
sowie auf dem Eglinger Fischhaber-Hof.
Die Bauernhöfe werden schwer beschädigt. Die siebenköpfige Besatzung
des abgestürzten Flugzeugs wird in Neufahrn beerdigt.

In derselben Nacht, um 22 Uhr, detoniert am Wolfratshauser Schlossberg eine 40-Zentner-Luftmine: Durch den Luftdruck werden
an der Süd- und Ostseite der Wolfratshauser Pfarrkirche
die größtenteils farbigen Fenster zerschmettert.
Beschädigt werden auch Häuser an der Münchner Straße in Weidach
und das Dach der Kastenmühle.

Eine weitere Bombe, die in der Loisach landete,
explodiert erst am nächsten Nachmittag.
Eine ganze Serie von Brandbomben geht zwischen dem "Wolfra"-Keller (hinter dem Haderbräu) und der Weidacher Schule nieder.
Mehrere Häuser brennen ab.




Feuerwehr voll im Einsatz

In der Chronik der Wolfratshauser Feuerwehr ist diese Schreckensnacht genau beschrieben: "In Weidach machte zuerst die in der Kastenmühle stationierte HJ-Feuerwehrgruppe unter Leitung von Gruppenführer Winibald die im Bereich dieser Mühle gefallenen Brandbomben unschädlich.
Sodann bekämpfte sie im Verein mit der Ortsfeuerwehr
den Brand des Anwesens Wammetsberger sowie kleinere Brände
in Holzhütten und Heuschobern.

Zum Brand im Gut Riedhof war die Fladerspritze mit Zugführer Fagner abgerückt, konnte aber dort wegen Wassermangels nicht in Tätigkeit treten. Diese Gruppe kehrte nach Weidach zurück und trug wesentlich
zur Niederkämpfung des Feuers beim Bauern Frech bei ..."




Bomber in der Luft zerplatzt

Der Wolfratshauser Max R. schreibt über die Bombennacht
an seinen Bruder Hans, der die Luftwaffenschule in Kassel besucht:
"Es ist alles gut gelaufen, obwohl die Flugzeuge ganz nahe
über die Häuser wegbrummten. Einen von den Bombern habe ich i
n der Luft zerplatzen sehen. Es gab eine riesige Benzinstichflamme,
und dann fielen brennende Stücke herunter. Das ist mir eine große Genugtuung gewesen, dass wenigstens einer hat dran glauben müssen."

Betroffen von dem Fliegerangriff sind auch
der Bereich Schäftlarn-Baierbrunn und das Mühltal-Kraftwerk.
Schwere Treffer bekommt die Baierbrunner Kirche ab,
ein Wohnhaus wird zertrümmert, der Bewohner stirbt,
im Mühltal-Kraftwerk ist ebenfalls ein Toter zu beklagen.
In Straßlach brennen vier Häuser nieder,
entzündet durch Phosphor-Brandbomben.



        

Heimlich aufgenommen hat Haderbräu-Wirt Josef Jäger am 13. Juni 1944 dieses Foto eines amerikanischen Bomberpiloten, dessen Flugzeug
in der Pupplinger Au abgestürzt war. Der GI wird von den Landesschützen
ins Kriegsgefangenenlager nach Nubiberg gebracht.



KZ-Häftlinge entschärfen Blindgänger

Ein halbes Jahr später treffen erneut Bomben das Wolfratshauser Umland. Beim ersten großen Tages-Angriff auf München am 19. März 1944
lässt ein angeschossenes alliiertes Flugzeug seine Fracht ab.
180 Sprengbomben ziehen eine Kraterlinie von Walchstadt bis Dorfen.

Etliche Bomben fallen ins Moor, eine ins Müller-Anwesen:
Sie bleibt als Blindgänger im Gebälk des Hauses hängen.
Das Haus wird für drei Wochen evakuiert.
Dachauer KZ-Häftlinge müssen die gefährliche Ladung entfernen.

Mitte Juni im selben Jahr gehen Bomben auf das Kloster Schäftlarn nieder. Ein Stadel wird in Brand gesetzt, im Innenhof detonieren vier Brandbomben und hinterlassen gewaltige Trichter.

Weitere Bomben landen im Bereich zwischen Aumühle und Bruckenfischer. Auch in Ebenhausen gehen gut ein Dutzend Sprengkörper nieder,
das Wirtschaftsgebäude des Gasthofs zur Post wird getroffen,
und bei Irschenhausen werden am anderen Morgen auf freiem Feld
35 Bombentrichter gezählt.

Allerdings richten die Bomben nicht nur Schaden an:
Nach einem Notabwurf holen die Ammerlander Fischer 15 Zentner Fisch
aus dem See, eine willkommene Bereicherung des kargen Speisezettels.




Bomber explodiert über Degerndorf

Ruhig und friedlich verläuft das Leben in Degerndorf während des Krieges - bis zum 17. Dezember 1944. In dieser Nacht entgeht der Ort
um Haaresbreite einem Inferno. Die Erinnerung an die Schrecken
ist bei vielen Degerndorfern noch heute gewahr.
Die Geschichte des Schreckens beginnt am 22. November 1944.

Mehr als 20 Sprengbomben schlagen an jenem Tag unvermittelt
hinter einem Hügel, östlich des Dorfes ein, "mit ungeheuren Detonationen. Niemand hat damit gerechnet", erinnert sich Johann Steigenberger
50 Jahre danach.

Einen Volltreffer hat die Verbindungsstraße nach Bolzwang abbekommen,
sie ist unpassierbar. Aber der Ort, in dem zu diesem Zeitpunkt
außer sechs Männern nur Frauen und 60 Kinder leben, bleibt verschont. Zurück bleiben von dem Angriff lediglich zehn Meter tiefe Krater in der Erde.

"Fast täglich sind in den letzten Wochen die Sirenen zu hören",
schreibt der Geistliche Betzinger am 17. Dezember 1944 in sein Tagebuch. Gegen 22.15 Uhr ist wieder das Brummen von Flugzeugmotoren auszumachen. Eine Maschine - eine von 180,
die an jenem Abend Münchens Innenstadt in Schuttberge verwandelt -
nähert sich lichterloh brennend Degerndorf.

Die britische Lancaster ist angeschossen. "Über den Hausdächern
unseres Dorfes droht die mit Phosphorbomben voll beladene
Kriegsmaschine abzustürzen." Und tatsächlich: Der Bomber explodiert.




Charles S. Joce kehrt zurück

Glühende Flugzeugteile werden kilometerweit um die Absturzstelle,
wenige hundert Meter westlich des Ortes, geschleudert.
"Der Phosphor regnet brennend vom Himmel, und die Felder stehen
plötzlich in Flammen. Im Dorfteich zischt es, als die glühenden Tropfen
ins Wasser fallen. Der Himmel ist hell erleuchtet."

Aber wie durch ein Wunder passiert den Degerndorfern wieder nichts,
"nicht ein Dachziegel auf dem Stadel, neben dem das Flugzeug aufschlug,
ist beschädigt", erzählt Steigenberger.

Das ist umso unglaublicher angesichts des Bildes,
das sich den Dorfbewohnern am nächsten Tag bietet:
"Hunderte gebündelte Brandbomben, kanisterweise Phosphor liegen
weit verstreut. Die Körper der sechs toten Besatzungsmitglieder
haben tiefe Mulden in den gefrorenen Boden geschlagen."

Unmöglich, in dieser weiten, drückenden Stille auf den Feldern
noch ein Lebenszeichen auszumachen. Und doch, ein Mann,
gezeichnet von starken Verbrennungen, läuft den fassungslosen Degerndorfern in die Arme. Die ganze Nacht ist er herumgeirrt,
auf der Suche nach Hilfe: Charles Samuel Joce.

Der Engländer wird zum Bürgermeister gebracht -
und von Georg Bolzmacher medizinisch versorgt.
Tage nach seinem Absturz wird er am Wolfratshauser Bahnhof
vom deutschen Militär abgeholt. Er ist nun Kriegsgefangener.
Seine sechs Kameraden müssen, so verlangen es die Nazis,
ohne kirchliche Zeremonie verscharrt werden.

Aus Dankbarkeit über seine Rettung kehrt Charles S. Joce
Ende der 50er Jahre noch einmal nach Degerndorf zurück, in den Ort,
in dem er als "Feind" freundlich aufgenommen wurde.

Zumindest von den meisten: Einige "Überängstliche" (Steigenberger)
hatten den Engländer nämlich bei der Polizei Wolfratshausen gemeldet.
Ihre Empfehlung - "Derschlagt's ihn glei,
dann ham mir keine Scherereien mit ihm" - wird zum Glück nicht befolgt.




Schutz der Heimat

Gegen die todbringenden Bomber ist kein Kraut gewachsen.
Den einzigen, bescheidenen Schutz bieten Keller und Luftschutzbunker.
Der Bau dieser Schutzräume wird vor allem nach dem verherrenden Luftangriff auf München am 20. September 1942 vorangetrieben.
Allerdings fehlen einheimische Arbeitskräfte - alle wehrfähigen Männer
sind zum Fronteinsatz eingezogen.

Darum werden ab Februar 1944 zehn serbische Kriegsgefangene,
vier Monate später auch noch 19 britische Gefangene
zum Bau von Deckungsgräben herangezogen.
Sie sind in einem eigenen Lager inhaftiert. Ihre Arbeitszeit beträgt
wöchentlich 56 Stunden. An Lohn erhalten sie 60 Prozent der Bezüge
eines deutschen Arbeiters.

Die Überreste eines solchen Luftschutzstollens am Wolfratshauser Berg oberhalb des "Schererbräu" sind bis in die 80er Jahre noch zu sehen.




Frauen bei der Feuerwehr

Die wenigen daheimgebliebenen Männer, alte und kranke, haben während des Luftkriegs alle Hände voll zu tun - vor allem jene, die bei der Feuerwehr ihren Dienst tun.

Bei einer Besprechung am 30. April 1944 - das Thema lautet
"Sicherstellung der Einsatzfähigkeit der Freiwilligen Feuerwehr Wolfratshausen" - wird Landrat Adolf v. Liederscron eindringlich
darauf hingewiesen, dass es zu wenige Aktive gibt.

Er reagiert prompt: "Der Bürgermeister von Wolfratshausen
wird Ergänzungskräfte zu ermitteln versuchen und zwar Männer
und Frauen und diese dem Landrat zur Notdienstverpflichtung melden."

Am 13. Januar 1945 wird vom Landrat eine Liste mit 22 Namen
von jungen Frauen, Mitgliedern des Bund Deutscher Mädel (BDM), verschickt. Sie werden "im Einvernehmen mit der Hitler-Jugend
zum kurzfristigen Notdienst in der Freiwilligen Feuerwehr Wolfratshausen herangezogen". Wer sich widersetzt, soll laut Liederscron
"nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen bestraft" werden.




Winibald: "Es wird gegessen"

Ausrücken muss die Feuerwehr sogar zu den von Bomben
entfachten Bränden in der "Hauptstadt der Bewegung", in München.
Allein im Januar 1945 sind es kurz hintereinander drei Einsätze.
Gelöscht und gerettet wird bis zur Erschöpfung - und darüber hinaus.

Eine schon fast komisch anmutende Begebenheit vom 19. Dezember 1944 macht dies deutlich. Da schreibt der Wolfratshauser Kommandant
Ferdinand Bartl an den Landrat Liederscron:

"Beim heutigen Fliegeralarm um 11 Uhr 57 Min. kamen
verschiedene Feuerwehrmänner mit Verzögerung.
Dieselben wurden gerügt und auf ihre Pflichten aufmerksam gemacht,
da ein rascheres Antreten unbedingt verlangt wird.

Bei Prüfung, ob die Motorspitzen besetzt sind, stellte ich fest,
dass der Führer der Gruppe bei Eichele (Besitzer des Kastenmühlwehrs,
d. Autor) in Weidach fehlt. Um 12 Uhr 30 ließ ich denselben,
Hans Winibald, holen.

Bei seinem Eintreffen um 12 Uhr 40 stellte ich ihn zur Rede
und erhielt die Antwort: Zuerst wird gegessen,
und dann stelle ich mich der Allgemeinheit zur Verfügung."

Hans Winibald hat zu zivilem Ungehorsam allen Grund:
Er war der letzte demokratisch gewählte Bürgermeister Wolfratshausens, bevor ihn die Nazis 1933 absetzten.




Bei Mehl selbstversorgt

Zu Kriegsende wird der Lebensmittel-Mangel immer schlimmer.
Selbst die Kranken und die Mitarbeiter des Krankenhauses
haben nicht mehr genug zu beißen. Sie greifen zur Selbsthilfe...

In einem Brief an das Landratsamt protestiert Ende November 1944 Verwaltungsleiter S. darüber, dass "der Verbrauch an Brot
außerordentlich zugenommen hat". Küchenschwester Josefine K.
und Oberschwester Bruna K. nennen als Grund:
"Die Kranken müssen auch satt werden und da muss eben
auch geschaut werden, dass durch Hamstern Mehl herkommt."

Laut Rechnung von S. verbraucht das Krankenhaus im Monat
über eine Tonne Mehl. Zugestanden werden über Bezugsscheine
jedoch lediglich 924 Kilogramm. Er sei der "Überzeugung,
dass unser Ostarbeiter-Personal diese Gelegenheit
reichlich wahrgenommen hat und nicht nur für sich selbst,
sondern auch für ihre Kameraden Brot aus der Anstaltsküche
sich widerrechtlich angeeignet hat."

Gemeinsam mit Chefärztin Dr. H. verlangt S. die Ablösung
von Schwester Josefine und von Oberschwester Bruna.
Ob mit Erfolg oder nicht, ist nicht bekannt.




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