Tote Helden



"Mit unerhörter Tapferkeit"

"Tief in meinem Innersten bewegt, erfülle ich heute die traurige Pflicht
der Verkündigung des Heldentodes Ihres Sohnes Josef. Mit der Kompanie
am 31. März 1944 an der großen russischen Einbruchstelle südlich Flockau eingesetzt, traf ihn bei der Abwehr und beim Gegenstoß
gegen die in Massen anrennenden Russen das tödliche Geschoss.

Es war in den Nachmittagsstunden, als er mit wenigen getreuen Kameraden aus seinem Kampfgraben heraus sprang und gegen die das Regiment
zu umfassen drohenden Russen mit unerhörter Tapferkeit
und fabelhaftem Schneid hinein stieß.

An der Spitze seiner Männer schlug er dem Gegner blutige Wunden.
Da plötzlich traf ihn eine Granate eines russischen Panzerkampfwagens. Josef war sofort tot und hat in keiner Weise gelitten ..."



182 Mal Heldentod

Schreiben wie dieses an die Familie Bromberger erreichen im Krieg
fast wöchentlich die Angehörigen gefallener Soldaten in Wolfratshausen. Keine Familie bleibt davon verschont. Auf den Schlachtfeldern im Osten, Westen und Süden stirbt der männliche Nachwuchs dahin.

182 gefallene Pfarrangehörige listet das 1951 aufgestellte Kriegerdenkmal
in der Stadtpfarrkirche auf. Welches Leid jeder einzelne "Heldentod"
über die Angehörigen gebracht hat, ist unermesslich.
Allein 1944 sterben 55 Wolfratshauser an der Front, 1943 sind es 39,
1942 werden 33 tote Soldaten in der Heimat registriert.

Die Gefallenenmeldungen werden von der Front an das Wolfratshauser Rathaus geschickt. Ein Zeitzeuge erinnert sich: "Immer wenn
Bürgermeister Jost mit ernstem Gesicht durch den Markt gegangen ist,
dann wussten wir, er hat wieder einer Familie den Tod eines Angehörigen
zu melden. Und wir hofften immer, dass es nicht uns trifft."

Wie leidvoll dieser Krieg auch für die in der Heimat zurückgebliebenen Angehörigen ist, zeigt das Schicksal der Familie Singer in Dorfen.





182 Mal Tod: Das 1951 aufgestellte
Ehrenmal in der St.-Andreas-Kirche.



Erst Johann, dann Jakob

Im Dezember 1943 erreicht die Singers ein Brief von Leutnant Stechert
aus Tjapieka am Dnjepr in Russland: "Als derzeitiger Kompanieführer
habe ich die Pflicht, Ihnen die traurige Nachricht zu übersenden,
dass Ihr Sohn Johann am 11. November 1943 sein Leben
für Großdeutschland gelassen hat. Er war uns ein guter Kamerad, pflichtbewusst und tapfer."

Johann Singer (23) gehörte einem Stoßtrupp an,
der zu Erkundungszwecken  den 500 Meter breiten Fluss Dnjepr
überqueren sollte. Aber das Boot kenterte:
Von sechs Mann Besatzung überlebte nur einer. Johann Singer war es nicht.

Stechert schreibt: "Ich möchte davon keine großen Worte machen,
ich würde vielleicht die Wunde nur noch tiefer reißen.
Nehmen Sie meine Zeilen als ein Zeichen tiefster Anteilnahme."

Drei Monate später bekommen die Singers erneut Post von der Ostfront.
Der Tod ihres zweiten Sohnes Jakob (19) wird ihnen mitgeteilt.
Er war am 20. Februar 1944 gefallen.
Sein Kompanieführer Miller schreibt routiniert:

"Die Gewissheit, dass ihr Sohn Jakob für die Größe und Zukunft
unseres deutschen Volkes sein Leben hingab, möge Ihnen,
sehr geehrter Herr Singer, in dem schweren Leid, das Sie betroffen hat,
Kraft geben und ein Trost sein."

Auch Jakob starb nicht im Kampf, wie aus einem zweiten Brief
von Unteroffizier Ludwig Kesrehuch hervorgeht: "Er erfror still und friedlich, ohne dass wir es gemerkt hätten, wenn es uns der Arzt nicht gesagt hätte."



Soldaten werden immer jünger

Die dauernden Todesmeldungen von der Front lassen auch in der Heimat
die Stimmung in den Keller sinken. Immer jünger werden die Soldaten,
die nach kurzer militärischer Schulung von Wolfratshausen aus
in den Krieg nach Russland oder Frankreich geschickt werden.

Und ab dem Winter 1941 müssen vermehrt auch Frauen in der Heimat
im Arbeitsdienst kriegswichtige Tätigkeiten verrichten.
Das "Wolfratshauser Tagblatt", das voll ist von Todesanzeigen und Gefallenenberichten und noch Jubelmeldungen von der Front bringt,
als es längst nichts mehr zum Jubel gibt, veröffentlicht
zur Stärkung der Moral auch nette Berichte aus dem Krieg,
wie jenen über eine "Freudige Überraschung aus dem Kampfgebiet"
(4. Dezember 1942):




Da leuchtete ein Glück

"Dass ein Krieg neben allen Gefahren, Mühseligkeiten und Schrecken
auch seine heiteren und freudigen Seiten besitzt,
wird jeder Feldzugsteilnehmer bestätigen müssen.
Eine Reihe von humorvollen Anekdoten oder freudigen Ereignissen
sind in dieser Hinsicht schon bekannt geworden.

Manchmal trägt aber auch der Zufall dazu bei,
freudige und heitere Momente auszulösen.
Dies war vor kurzem wieder im Osten der Fall, wo sich zwei Geschwister,
ein Bruder und eine Schwester, unvermutet begegneten.

Der Bruder Otto Kaiser, Obergefreiter bei den Fliegern,
nahm Marschverpflegung zu sich, die ihm von DRK-Helferinnen
verabreicht wurde. Er deutete hierbei an, dass seine Schwester
im gleichen Abschnitt auch RK-Helferin wäre
und ob sie nicht etwas von ihr wüssten.

Und wirklich, die Schwester Zenta Kaiser befand sich nicht weit
von dem Platz und konnte alsbald herbeigeholt werden.
Das war eine seltene Überraschung, dieses Zusammentreffen
von Bruder und Schwester im Feindesland. Die Schwester fiel dem Bruder
um den Hals, und aus dem Angesicht der beiden leuchtete ein Glück,
dass auch die Umstehenden ihre helle Freude daran hatten.
Dann forderte der strenge Dienst des Krieges wieder sein Recht,
aber ein heller Schein hatte sich über das ernste Geschehen bereitet."




Auch Magdalena Pickl starb für Führer und Vaterland.





Mit Dampfer untergegangen

Selbst Frauen fallen dem Kriegsgeschehen fernab der Heimat zum Opfer.
In Wolfratshausen ist der Fall der 34-jährigen Stewardess Magdalena Pickl überliefert, die mit dem Dampfer "Boltenhagen" im Herbst 1942 untergeht:
"Es handelt sich bei diesem Dampfer nicht um ein Kriegsschiff,
sondern um ein Handelsschiff, das in der freien Fahrt,
aber natürlich für Deutschland eingesetzt war", schreibt Reeder
August Bolten an Magdalenas Schwester Thekla Stahl in Nantwein:

"Ihre Schwester hat durch Feineinwirkung ihr Leben lassen müssen."
In der Todesanzeige der Tochter eines Mineralwasser-Fabrikanten
heißt es dazu: "Ich starb den schönsten Tod - Den Tod fürs Vaterland."




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